Essentielle Hypertonie

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Essentieller Bluthochdruck stellt eines der vielfältigen funktionellen Syndrome dar, die dadurch charakterisiert sind, dass trotz umfassender Diagnostik im Sinne der Ausschlussdiagnose hier zunächst kein anatomisch relevanter Organbefund zu erheben ist. Daraus muss gefolgert werden, dass keine durch körperliche Befunde verursachte Primärerkrankung zugrunde liegt.[1] Damit wird auch nach der Ätiologie die erste Gruppe der Arteriellen Hypertonie, die Primäre Hypertonie vorausgesetzt. - Die essentielle Hypertonie zählt medizingeschichtlich zu den 7 klassischen Psychosomatosen (Holy Seven).[2]

Die Diagnose dieser klassischen psychosomatischen Erkrankung nach Franz Alexander ist nur nach Ausschluss nephrogener, endokriner und kardiovaskulärer, d.h. körperlich bedingter Hypertonieformen möglich.[2] Werden körperliche Befunde ohne sichere pathogenetische Verursachung gefunden oder vermutet wie etwa genetische Faktoren, so ist zu verweisen auf → Arterielle Hypertonie, Abschnitt Primäre Hypertonie.

Symptomatik[Bearbeiten]

Zunächst ist das einzige Symptom der erhöhte Blutdruck, der aber meist nicht zum Arztbesuch führt, weil sich die Betroffenen in der Regel wohl fühlen. Eher körperlich empfundene und objektivierbare Symptome sind von eher psychisch bedingten Symptomen zu unterscheiden. Unter den körperlichen Symptomen ist erhöhter Blutdruck heute schon ab Blutdruckwerten von 120 / 80 mm Hg anzunehmen. Werte bis 130 / 85 mm Hg werden bereits als hochnormal angesehen.[3] Nach den Empfehlungen der WHO ist eine Hypertonie anzunehmen, wenn Werte von mindestens systolisch 140 mm Hg und diastolisch 90 mm Hg bei mehrfachen Messungen über längere Zeit erreicht werden.[2] Nur zum Teil treten bei den subjektiv beschwerdefreien Betroffenen auch Kopfschmerzen, Ohrensausen und rote Gesichtsfarbe oder Nasenbluten auf. Dies ist der Grund, warum zwei Drittel aller an hohem Blutdruck leidenden Erwachsenen im deutschsprachigen Raum von ihrer Erkrankung nichts wissen oder nicht ausreichend behandelt werden.[3] Weitere weniger häufige Symptome sind Angina pectoris, verstärktes Herzklopfen, Belastungsdyspnoe, Ruhedyspnoe und Encephalopathie. Jugendliche klagen häufig über funktionelle Beschwerden wie Schwitzen, Frieren, kalte Hände und Füße, Schlafstörungen sowie unbestimmte Druck- und Schmerzgefühle in der Herzgegend. An psychischen Symptomen ist oft eine leichte Erregbarkeit feststellbar, siehe Kap. Psychodynamik.[2]

Epidemiologie und Risikofaktoren[Bearbeiten]

Die Bedeutung der essentiellen Hypertonie kann epidemiologisch daran gemessen werden, dass über 90 %[1] aller Fälle mit Bluthochdruck als essentielle Hypertonien zu bezeichnen sind. In Deutschland gibt es 20 Millionen Menschen, die an Bluthochdruck leiden. Er stellt einen der wichtigsten Risikofaktoren für Arteriosklerose, Herzinfarkt und Schlaganfall dar. Heute sterben in den westlichen Industrienationen mehr Menschen an Herzinfarkt und Schlaganfall als an allen Krebsarten und AIDS zusammen.[3]

Die Ursache für essentielle Hypertonie wird in einer Kombination aus den Faktoren genetische Vorbelastung (in 60 % der Fälle wird eine essentielle Hypertonie vererbt), Kochsalzsensitivität (d.h. bereits bei normalem Kochsalzkonsum wird eine Hypertonie entwickelt), falscher Ernährung (insbesondere Adipositas) und Hyperaktivität des Sympathikus (z.B. bei chronischem Stress) gesehen.[1]

Psychodynamik[Bearbeiten]

Die Psychodynamik der funktionellen Entstehungsbedingungen ist von Franz Alexander untersucht worden, der sich ausführlich mit vegetativen Krankheitsursachen befasst hat und den Begriff der vegetativen Neurose geprägt hat.[4] Nach ihm sind folgende Faktoren bedeutsam:

  • Abwehr von Abhängigkeitswünschen
  • Vermeidung einer inneren aggressiven Handlungsbereitschaft nach außen hin bei leichter Erregbarkeit
  • der innere Konflikt zwischen ambivalenten Beziehungstendenzen (Problem der sogenannten Pseudounabhängigkeit)

Hypertoniker werden in ihrer Persönlichkeit als leistungsbetont, pflichtbewusst und gesellschaftlich überangepasst beschrieben mit hohem Anspruchsniveau an sich selbst. Entwicklungspsychologisch sind Beziehungen zur analen Phase hergestellt worden. Essentielle Hypertonie wird von der Psychosomatik in die Gruppe der Organkrankheiten mit psychosozialer Komponente eingereiht (Bereitstellungskrankheit).[2] Experimentelle Untersuchungen belegen die Bedeutung emotioneller Faktoren bei fixiertem essentiellem Hochdruck.[5]

Nachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Steffel, Jan & Thomas F. Lüscher: Herz-Kreislauf Springer Verlag, 2011, Seite 30 ISBN 978-3-642-16717-1
  2. a b c d e Hoffmann, Sven Olav und Hochapfel, G.:Neurosenlehre, Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin. [1999], CompactLehrbuch, Schattauer, Stuttgart 62003, ISBN 3-7945-1960-4; (a) zu Stw. „Holy Seven“: Seite 304; (b) zu Stw. „Diagnosis per exclusionem“: Seite 311; (c) zu Stw. „Normwert RR nach WHO“: Seite 311; (d) zu Stw.„Weitere Symptome“: Seite 312; (e) zu Stw. „Psychodynamik“: Seiten 40, 218, 312 ff.
  3. a b c Gündling, Peter W.: Brennpunkt Herz. Natürlich vorbeugen und heilen bei Herz-Kreislauf-Problemen. Aurelia-Verlag, Baden-Baden 12004, ISBN 3-936676-14-3; zu Stw. „Bluthochdruck“: Seiten 12, 19, 88-96; zitierter Text: (a) zu Stw. „Normwert RR“: Seite 89; (b) zu Stw. „Häufigkeit unerkannter Fälle“: Seite 88; (c) zu Stw. „Epidemiologie und Risikofaktoren“: Seite 88
  4. Alexander, Franz: Psychosomatic medicine. Its principles and applications. Norton, New York 1950, 300 Seiten DNB-online Dt.: Psychosomatische Medizin. Grundlagen und Anwendungsgebiete. De Gruyter, Berlin 1951
  5. Schunk, J.: Emotionelle Faktoren in der Pathogenese der essentiellen Hypertonie. Zschr. klin. Med. 152, 251 (1953)
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