Gefallenes Mädchen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als gefallenes Mädchen wurde in meist bürgerlichen Kreisen bis ins 20. Jahrhundert hinein eine junge Frau bezeichnet, die ihre Jungfräulichkeit ohne verheiratet zu sein verloren hatte und dadurch von den vorherrschenden Moralvorstellungen abwich. Im weitesten Sinne wurden damit auch Frauen bezeichnet, die sich außerhalb der (bürgerlichen) Gesellschaft bewegten.

Anton Birlinger beschreibt Mitte des 19. Jahrhunderts in Sitten und Gebräuche die Hochzeitssitten in Tuttlingen:

„War die Braut eine Jungfrau, so hatte sie eine weiße Schürze und ein weißes Halstuch; das Haar ward auf dem Kopfwirbel zusammengedreht und gepudert, und um dasselbe trug sie einen Kranz. [...] Ein gefallenes Mädchen durfte keinen weißen Schurz und kein weißes Halstuch tragen; die Haare durften nur gezopft und auch nicht gepudert sein. Der Kranz fehlte natürlich auch. Sie mußte bloßen Hauptes einhergehen; [...].“[1] In anderen Gegenden mußte eine schwangere Braut meist in einem schwarzen Brautkleid heiraten.

Karl Friedrich Wilhelm Wander erwähnt Ende des 19. Jahrhunderts im Deutschen Sprichwörter-Lexikon im Zusammenhang mit Rose und „in Bezug auf ein gefallenes Mädchen“ das Sprichwort:

„Die Rose ist zu früh gepflückt.“[2]

In früheren Jahrhunderten und bis über die Mitte des 20. hinaus existierten Heime und Anstalten für „gefallene Mädchen“. Teilweise waren dies quasi Strafanstalten für Frauen, die nicht den Moral- oder Rechtsvorstellungen der Kirchen bzw. ihrer Familien Gesellschaft entsprachen, teilweise aber auch Anlaufstellen für in Not geratene Frauen. So gab es in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts etwa 40 unter Leitung von Diakonissen stehende Magdalenenstifte, Anstalten, in denen „gefallene Mädchen längere Zeit Aufnahme und Vorbereitung für ein neues, geordnetes Leben“ fanden.[3] Derartige Institutionen dienten auch der Verhinderung von Prostitution.[4]

Da für die in diesen Heimen geleistete Arbeit kein oder nur geringer Lohn gezahlt wurde, monierte dies die SPD bereits 1928.[5] Rentenansprüche wurden in der Regel nicht erworben.[6]

Heime für "gefallene Mädchen" entstanden vorzugsweise in "moralischen Notstandsgebieten" wie u.a. Baumholder.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zitat nach Anton Birlinger: Sitten und Gebräuche. Freiburg im Breisgau 1862, S. 378-383, E-Book-Sammlung zeno.org; ISBN 978-3-8430-0098-7 online unter Hochzeitsitten zu Tuttlingen
  2. Zitat nach Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 5. Leipzig 1880, Sp. 1686, online unter http://www.zeno.org/Wander-1867/A/Rose
  3. Zitat und Anzahl nach Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 13. Leipzig 1908, S. 57, Lemma Magdalenenstifter, online unter http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Magdalenenstifter
  4. Eva Gehltomholt, Sabine Hering: Das verwahrloste Mädchen. Diagnostik und Fürsorge in der Jugendhilfe zwischen Kriegsende und Reform (1945 - 1965). Budrich, Opladen 2006, ISBN 978-3-8664-9037-6 (= Frauen- und Genderforschung in der Erziehungswissenschaft, Band 4).
  5. Logis statt Entlohnung
  6. Der Spiegel über Heimzustände

Weblinks[Bearbeiten]