HIV-Impfstoff

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HIV-Impfstoffkandidaten

(Urethritis gonorrhoica posterior)

Der HIV-Impfstoff ist ein hypothetischer Impfstoff gegen das Humane Immundefizienz-Virus (HIV), den Verursacher der Immunschwächekrankheit AIDS. Für die HIV-Infektion gibt es bislang keine Heilungsmöglichkeit, und die Entwicklung einer wirksamen Impfung ist Teil der vielen Versuche, die fortschreitende Verbreitung des Virus einzudämmen. Es gibt zwar inzwischen Therapien wie die Hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART), diese können jedoch lediglich die Viruslast herabsetzen und das Leben des Patienten auf diese Weise verlängern, eine Entfernung des Virus aus dem Körper wird dadurch jedoch nicht erreicht.

Ein HIV-Impfstoff wird daher als das wahrscheinlich wirkungsvollste Mittel gegen die Ausbreitung von HIV angesehen. Zurzeit wird weltweit an ca. 30 HIV-Impfstoffen geforscht.[1]

Geschichte[Bearbeiten]

Die Suche nach einem HIV-Impfstoff begann bereits kurz nach der Entdeckung von HIV im Jahr 1981.

Zunächst war das Ziel der Impfstoffentwicklung, eine sterilisierende Immunität, also eine Impfung, die die Infektion vollständig verhindert, zu entwickeln. Dieses Ziel gilt inzwischen als unerreichbar. Als realistischeres Ziel wird heute die Entwicklung eines Impfstoffs angesehen, der die Viruslast auf einem so niedrigen Level (Höhe) hält, dass der Ausbruch der Krankheit stark verzögert oder ganz verhindert wird und eine Ansteckung weiterer Personen sehr unwahrscheinlich macht.[2] Doch trotz großer, weltweiter Forschungsanstrengungen sind auf dem Weg zu einem effektiven HIV-Impfstoff bislang kaum Erfolge zu verzeichnen: Alle bisherigen HIV-1-Impfstoffprototypen, die zum Ziel hatten humorale oder zelluläre Immunantworten zu erzielen, scheiterten bislang in klinischen Studien, da sie nicht in der Lage waren gegen eine HIV-Infektion zu schützen oder die Viruslast nach einer Infektion zu senken.[2] Die Ursache hierfür ist in der sehr komplexen und trickreichen Biologie des Virus zu suchen. HIV verfügt mithin über viele Eigenschaften, die eine Impfstoffentwicklung erschweren.

Herausforderungen und Schwierigkeiten[Bearbeiten]

Bei der Entwicklung eines prophylaktischen HIV-Impfstoffs sind bislang noch nie da gewesene Herausforderungen zu bewältigen.[2][3] Zu nennen sind hier unter anderem:

  • die extreme genetische Vielfalt der viralen Sequenzen beziehungsweise Virusstämme
  • das Ausweichen des Virus vor der (auch Impfstoff-induzierten) spezifischen humoralen und zellulären Immunreaktion (Immunevasion)
  • frühzeitige Ausbildung (Etablierung) latenter viraler Reservoirs
  • Antikörperantworten sind typischerweise Virustyp-spezifisch
  • es existiert kein Verfahren, um neutralisierende Antikörper mit einem breiten Wirkungsspektrum zu erzeugen
  • attenuierte Viren sind nicht sicher für den Einsatz im Menschen

Die hohe Fehlerrate der reversen Transkriptase ist die Basis für die beiden größten Herausforderungen bei der HIV-Impfstoffentwicklung. Sie ist zum einen Triebfeder für die enorme weltweite genetische Vielfalt von HIV-1 - das wahrscheinlich größte Hindernis auf dem Weg zu einem wirksamen Impfstoff.[4] Zum anderen bietet die hohe Mutationsrate dem Virus die Möglichkeit der Immunevasion, d. h. einem Entkommen vor der Impfstoff-induzierten Immunantwort.

Aktueller Stand der Forschung[Bearbeiten]

Ein Impfstoff, der hundertprozentig vor einer Ansteckung mit HIV schützt, liegt bis heute nicht vor. Im Laufe der letzten 20 Jahre ergaben sich zwar vereinzelt immer wieder erfolgversprechende Forschungsansätze, jedoch haben davon nur weniger als fünf über ausreichendes Erfolgspotential verfügt, um es zumindest bis in die Phase 3 der klinischen Erprobung zu schaffen – also an einer größeren Gruppe von Menschen getestet zu werden. Am Ende bot keines der Mittel einen nachweisbaren Impfschutz vor einer Infektion mit HIV.

Die einzige bedeutende Ausnahme hiervon ist ein Impfstoff, welcher im Rahmen der klinischen Studie RV 144 erforscht wurde[5]: An dieser Studie, die zwischen Oktober 2003 und Juli 2009 in Thailand durchgeführt wurde, nahmen 16.402 Thailänder im Alter zwischen 18 und 30 Jahren teil. Der Wirkstoff wird von Sanofi-Pasteur hergestellt. Die Studie wurde von der US-Army finanziert und vom Gesundheitsministerium Thailands durchgeführt.[6] Die Probanden wurden zufällig verteilt und verblindet mit dem Impfstoff oder Placebo geimpft. Alle Probanden wurden gezielt aufgeklärt, wie sie sich vor einer HIV-Infektion schützen können – wie beispielsweise durch Safer Sex – und es danach dem Zufall überlassen, wer sich in den folgenden Jahren dennoch infizieren wird. Daraufhin wurden bei den Studienteilnehmern drei Jahre lang regelmäßig HIV-Tests durchgeführt. Das Ergebnis dieser Studie ist, dass in der Gruppe der mit dem Wirkstoff Geimpften die Infektionsrate mit HIV um 31,2 % geringer war, als in der mit einem Placebo geimpften Kontrollgruppe. In absoluten Zahlen entspricht das 74 HIV-Infizierten aus der Placebo-Gruppe und 51 in der Impf-Gruppe.

Bei der Interpretation dieser Zahl ist jedoch Vorsicht geboten vor einer überhöhten Erwartungshaltung. Denn aufgrund der hohen Gefahr, die von HIV für die Probanden ausgeht, ist es ethisch nicht vertretbar gewesen, die Probanden nach der Impfung gezielt mit HIV zu infizieren, nur um eine eventuelle Wirksamkeit des Impfstoffes zu erforschen.

Die Tatsache, dass diese Zahlen im Vergleich zur Grundgesamtheit von 16.402 Teilnehmern in beiden Gruppen sehr klein sind und dass das besagte Zufalls-Element bezogen auf die Infektion mit HIV vorhanden war, verhindert, dass der sich daraus ergebende Prozentsatz von 31,2 % aussagekräftig ist. Dennoch lässt sich anhand von statistischen Verfahren eine statistische Signifikanz des Effektes feststellen, d. h. als Ergebnis der Studie lässt sich die folgende Aussage bejahen: „Die Infektionsrate in der Gruppe der Geimpften war geringer, als in der Kontrollgruppe, und dies unterlag mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht dem statistischen Zufall.“ An dem Impfstoff wird weiter geforscht. In der Hoffnung auf einen höheren Wirkungsgrad sollen neue klinische Studien mit einer veränderten Formulierung desselben Impfstoffs 2016 in Südafrika durchgeführt werden.[6]

Angesichts der Tatsache, dass dies das erste Mal in der Geschichte der Forschung nach einem HIV-Impfstoff ist, dass einem Impfstoff eine signifikante Wirkung nachgewiesen werden konnte, sprechen manche Forscher von einem Durchbruch, denn die Ergebnisse hätten eine Signalwirkung der „Wiederaufbruchstimmung“ in der HIV-Forschung ausgelöst und würde viele neue und wichtige Fragen für die Forschung aufbringen. Dennoch ist das Ergebnis nicht als Lösung für den Kampf gegen HIV misszuverstehen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Andrew J. McMichael, Thomas Hanke: HIV vaccines 1983-2003. In: Nature medicine (Nat Med.) Juli 2003, Bd. 9, Nr. 7, S. 874-80, PMID 12835708.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatMariana Santos: Brasilien forscht an Impfstoff gegen Aids. Deutsche Welle, 23. Februar 2014, abgerufen am 3. März 2014.
  2. a b c D. H. Barouch: Challenges in the development of an HIV-1 vaccine. In: Nature. Bd. 455, Nr. 7213, 2008, S. 613-619. PMID 18833271.
  3. G. B. Karlsson Hedestam: The challenges of eliciting neutralizing antibodies to HIV-1 and to influenza virus. In: Nature reviews. Microbiology. Bd. 6, Nr. 2, 2008, S. 143-155. PMID 18197170.
  4. B. Gaschen et al.: Diversity considerations in HIV-1 vaccine selection. In: Science. Bd. 296, Nr. 5577, 2002, S. 2354-2360. PMID 12089434.
  5. S. Rerks-Ngarm, P. Pitisuttithum, S. Nitayaphan et al.: Vaccination with ALVAC and AIDSVAX to prevent HIV-1 infection in Thailand. In: The New England journal of medicine. Bd. 361, Nr. 23, Dezember 2009, S. 2209–20. doi:10.1056/NEJMoa0908492. PMID 19843557.
  6. a b RV144 Trial. U.S. Military HIV Research Program, abgerufen am 3. März 2014 (englisch).

Weblinks[Bearbeiten]