Human-Animal Studies

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Human-Animal Studies (auch “Animal Studies” oder “Anthrozoology”) sind ein relativ junges interdisziplinäres Forschungsfeld, das dem englischsprachigen wissenschaftlichen Diskurs entstammt. Im Fokus der Human-Animal Studies (HAS) stehen die komplexen und vielfältigen Beziehungen zwischen Menschen und Tieren. Veröffentlichungen und Lehrveranstaltungen stammen aus unterschiedlichen Forschungsdisziplinen wie der Soziologie, dem Bereich der Psychologie, der Geschichtswissenschaft, der Erziehungswissenschaft, der Philosophie, der Anthropologie oder der Kulturwissenschaft.

Als eigenständige Strömung im wissenschaftlichen Diskurs kann man die Human Animal Studies etwa seit den 1990er Jahren ausmachen.[1]

Forschungsinhalte[Bearbeiten]

Die Forschungsinhalte der Human-Animal Studies sind aufgrund der inter- und transdisziplinären Ausrichtung des Forschungsfelds vielfältig. In den Human-Animal Studies wird unter anderem die Repräsentation von Tieren in Kunst, Medien und Literatur sowie die Frage nach der kulturell-symbolischen Bedeutung von Tieren erforscht. Die Rolle von Tieren und Tierbildern in Denksystemen und der Ideengeschichte westlicher Gesellschaften, Interaktionen zwischen Menschen und Tieren sowie Untersuchungen der tierbezogenen Praktiken bzw. der Behandlung von Tieren in verschiedenen gesellschaftlichen Feldern wie u. a. Wissenschaft, Ökonomie, Landwirtschaft stellen weitere Themen dar, die in den Human-Animal Studies erforscht werden. Auch die Auseinandersetzung mit der Frage nach Tierrechten/Tierbefreiung und der dazugehörigen sozialen Bewegung sind Teil dieser Disziplin. Historische Veränderungen der Umgangs- und Einstellungsweisen gegenüber Tieren werden u. a. in den geschichtlichen, soziologischen und kulturwissenschaftlichen Strömungen der Human-Animal Studies thematisiert.[2] Des Weiteren ist auch die kritische Analyse der Mensch-Tier-Verhältnisse als Gewalt- und Ausbeutungsverhältnisse sowie deren Verknüpfung mit Formen zwischenmenschlicher Herrschaftsverhältnisse eine Thematik aus dem Forschungsfeld der Human-Animal Studies [3].

Geschichte des Forschungsfeldes[Bearbeiten]

Die Human-Animal Studies entstanden ab den 1980er Jahren im angloamerikanischen Sprachraum.[4] Seit dem Jahr 2000 lassen sich auch im deutschsprachigen Raum ein verstärktes Veröffentlichungsvolumen und erste Etablierungsschritte feststellen.[5] Vor allem seit dem Jahr 2009 gründeten sich diverse Gruppierungen, die inhaltlich und organisatorisch im Bereich der Human-Animal Studies arbeiten. Zu diesen zählen u. a. das „Bündnis Mensch und Tier“[6] in München (Gründung 2009), die „Group for Society and Animals Studies (GSA)“[7] am Institut für Soziologie der Universität Hamburg (Gründung 2010) und das Netzwerk „Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal Studies“[8], welches vorrangig in Berlin tätig ist (Gründung 2010). Am „Messerli Forschungsinstitut“[9] an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, welches sich ebenfalls 2010 formierte, wird u. a. ein interdisziplinäres Masterstudium Mensch-Tier-Beziehung angeboten. 2011 und 2012 entstanden weitere Gruppierungen, darunter das „Nachwuchsforschernetzwerk Cultural and Literary Animal Studies (CLAS)“[10] am Lehrstuhl für neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Würzburg, in dem mittlerweile ca. 70 Promovenden und Post-Docs vernetzt sind, das geschichtswissenschaftliche Netzwerk „Animals and History / Tiere und Geschichte“[11] und die Ländergruppe des Minding-Animals-Netzwerks „Minding Animals Germany“[12]. Seit Januar 2014 existiert an der Universität Kassel der interdisziplinäre Forschungsschwerpunkt „Tier - Mensch - Gesellschaft“[13]. Ein verstärktes Interesse an Human-Animal Studies im deutschsprachigen Raum wird auch an der Organisation diverser Konferenzen, Symposien und Tagungen zu Themen der HAS seit 2005 sowie an der Organisation von einer drei Jahre in Folge stattfindenden „Summer School“[14] durch das Nachwuchsforschernetzwerk Cultural and Literary Animal Studies an der Universität Würzburg deutlich.

Fachzeitschriften[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal Studies (Hg.) (2011): Human-Animal Studies. Über die gesellschaftliche Natur von Mensch-Tier-Verhältnissen, Bielefeld: transcript Verlag.
  • Carola Otterstedt/Michael Rosenberger (Hg.) (2009): Gefährten – Konkurrenten – Verwandte. Die Mensch-Tier-Beziehung im wissenschaftlichen Diskurs, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Bundeszentrale für politische Bildung (2012): Aus Politik und Zeitgeschichte: Mensch und Tier(APuZ 8-9/2012; PDF; 2,3 MB)
  • Margo DeMello (2012): Animals and Society. An Introduction to Human-Animal Studies, New York: Columbia University Press.
  • Birgit Pfau-Effinger/Sonja Buschka (Hg) (2013): Gesellschaft und Tiere. Soziologische Analysen zu einem Ambivalenten Verhältnis, Wiesbaden: Springer VS.
  • Renate Brucker, Melanie Bujok, Birgit Mütherich et al. (Hg.) (2015): Das Mensch-Tier-Verhältnis. Eine sozialwissenschaftliche Einführung, Wiesbaden: Springer VS.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Im Jahr 1989/90 betrug der Anteil erfasster Publikationen 0,7 ‰. Zehn Jahre später wurden 1,7 ‰ festgestellt.
    • Rainer E. Wiedenmann: Die Tiere der Gesellschaft: Studien zur Soziologie und Semantik von Mensch-Tier-Beziehungen. Konstanz 2002 S. 10f.
      Bei einer Auswertung akademischer Facharbeiten konnte ein vergleichbarer Anstieg festgestellt werden.
    • Kathleen C. Gerbasi, David C. Anderson, Alexandra M. Gerbasi, and Debbie Coultis: Doctoral Dissertations in Human-Animal Studies: News and Views (PDF; 91 kB), Society & Animals 10:4, Leiden, 2002
  2. Webseite der Group for Society and Animals Studies (GSA) an der Universität Hamburg
  3. Chimaira Arbeitskreis für Human-Animal Studies-: Human Animal Studies- Über die gesellschaftliche Natur der Mensch-Tier-Verhältnisse Transcript, Bielefeld, 2011.
  4. Margo DeMello: Animals and Society. An Introduction to Human-Animal Studies. New York: Columbia University Press, S. 7.
  5. Chimaira Arbeitskreis: Eine Einführung in Gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse und Human-Animal Studies. In: Chimaira - Arbeitskreis für Human-Animal Studies. Über die gesellschaftliche Natur von Mensch-Tier-Verhältnissen. Bielefeld: transcript Verlag, S. 21ff.
  6. Bündnis Mensch und Tier
  7. Group for Society and Animals Studies (GSA)
  8. Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal Studies
  9. Messerli Forschungsinstitut
  10. Nachwuchsforschernetzwerk Cultural and Literary Animal Studies (CLAS)
  11. Animals and History / Tiere und Geschichte
  12. Minding Animals Germany
  13. Tier - Mensch - Gesellschaft. Ansätze einer interdisziplinären Tierforschung
  14. Würzburg Summer School for Cultural and Literary Animal Studies