Tiergestützte Therapie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Tiergestützte Therapieverfahren sind alternativmedizinische Behandlungsverfahren zur Heilung oder zumindest Linderung der Symptome bei psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen und Behinderungen, bei denen Tiere eingesetzt werden. Je nach Tierart wird tiergestützte Therapie in verschiedenen Einsatzgebieten praktiziert. Es gibt z. B. Angebote mit Delfinen, Hunden, Katzen, Pferden und Lamas.

Hundetherapie

Therapiehund im Einsatz

Grundsätzlich gibt es zwei Arten für den Einsatz von Hunden zur Verbesserung des Wohlbefinden und des Gesundheitszustandes des Patienten:

Die hundgestützte Therapie ist eine Form der tiergestützten Therapie. Sie wird von ausgebildeten Fachkräften aus dem Bereichen Therapie, Pädagogik, Soziales oder Medizin mit einer Fortbildung zum tiergestützten Therapeuten angewandt. Denn die krankheitsheilende Wirkung von Tieren allein ist nicht bewiesen. Tiergestützte Therapeuten, oder Therapiebegleithundeteams arbeiten mit dem ausgebildeten Therapiehund als Medium, um die Therapie/Behandlung der Erkrankung oder Behinderung des Patienten zu erleichtern oder angenehmer zu gestalten. Die hundegestützte Psychodiagnostik ist besonders in den Bereichen, in denen verbale Diagnoseverfahren scheitern, angezeigt. In Bereichen, in denen keine oder nur minimale Verbalkommunikation möglich ist (Sprachstörungen, Sprachbarrieren, Gehörlosigkeit, Autismus) gilt die hundegestützte Psychodiagnostik bei ihren Anwendern als besonders effektiv. Sie versuchen zu belegen, dass verschiedene autistische bzw. psychotische Störungen nur über die hundegestützte Psychodiagnostik unterschieden werden könnten.

Die andere bekannte Form ist die tiergestützte Förderung mit dem Hund, oder hundgestützte Aktivität genannt, z. B. Besuchshundedienste in Pflegen- und Altenheimen oder Kindergärten. Diese ist viel bekannter und verbreiteter und wird häufig mit der tiergestützten Therapie (Therapiebegleithundeteams) verwechselt, jedoch ist für die Hundeführer keine therapeutische, pädagogische, soziale oder medizinische Grundausbildung obligatorisch. Bei der hundgestützten Förderung besucht ein Hundeführer mit seinem Hund (evtl. auch mit Zusatzausbildung) Einrichtungen um mit dem Klienten gezielte Aktivitäten zur Förderung des Allgemeinbefindens und der Lebensqualität zu gestalten. Diese findet ebenso in Einzelsitzungen, wie auch in Kleingruppen statt.

Hunde wirken einerseits beruhigend und als Sicherheitssignal, andererseits funktioniert ihre Kommunikation anders als die zwischenmenschliche Kommunikation. Diese Verschiebung der Kommunikationsweise bewirkt, dass zwischen Hund und Patient verletzungsfreier und offener interagiert wird. Hunde besitzen einen hohen Aufforderungscharakter, was Kontaktaufnahme und Zuwendung betrifft. Darüber hinaus wirken sie integrierend. Die Befindlichkeit aller Beteiligten (Therapeut/ Hundeführer, Klient und etwaige Hospitanten) verbessert sich bei Anwesenheit eines Hundes in der therapeutischen Situation.

Die "Therapiehunde-Rasse" gibt es nicht, ein Hund muss immer in einer Ausbildung gezielt dahingehend trainiert und sozialisiert werden. Die meisten Therapiehunde stammen aus stringenten Gebrauchshundezuchten, vorrangig aus den Rassen: Retriever- und verschiedenen Hütehunderassen. Der Trend geht heute zu gezielter Zucht und Auswahl geeigneter Hunde.

Hippotherapie

Siehe Hauptartikel Hippotherapie und Therapeutisches Reiten

Die Hippotherapie setzt speziell ausgebildete Pferde zur Physiotherapie ein. Bei dieser Form der Physiotherapie wird das Reitpferd als Medium verwendet, um Bewegungsimpulse auf das Becken des Menschen zu übertragen. Dabei sitzt der Patient in der Gangart Schritt auf dem Pferderücken.

Ein heilender Effekt soll hier vor allem dadurch erreicht werden, dass sich der menschliche Körper auf die Impulse, die durch das sich bewegende Pferd verursacht werden, neu einpendeln muss. So könnten zum Beispiel halbseitig gelähmte Menschen ein Gefühl für ihre Körpermitte entwickeln. Zugleich werde die Muskelspannung positiv beeinflusst; schlaffe Muskeln spannten sich an, spastische, also zu stark gespannte Muskulatur, hingegen gäbe nach. Dadurch würde die gesamte Haltung vor allem des Oberkörpers geschult und das Balancegefühl verbessert.

Nicht angewendet werden soll die Hippotherapie bei Patienten mit Entzündungen der Wirbelsäule oder medikamentös nicht gut eingestellten Anfallsleiden, mit einem aktiven Schub Multipler Sklerose, Gefahr von Thrombosen oder Embolien, Bluterkrankheit oder Pferdehaar-Allergie.

Die Eingruppierung des Begriffes „Hippotherapie“ ist nicht einheitlich. Hippotherapie ist sozusagen Krankengymnastik auf dem Pferd und betrifft vorwiegend die körperliche Komponente. Daneben gibt es noch das Therapeutische Reiten, welches eher die Psyche ansprechen soll. (so das Kuratorium für Therapeutisches Reiten). Letztere Lehrmeinung beruht darauf, dass der Klient auf dem Therapiepferd sitzt, aber nicht reitet, da der Sitz des Klienten ein anderer als der des typischen Reiters ist und der Klient dem Pferd auch keine reiterlichen Hilfen gibt.

Physiotherapeuten, die Hippotherapie anbieten wollen, können hierzu eine Zusatzqualifikation erwerben, die in Deutschland z. B. vom Deutschen Kuratorium für therapeutisches Reiten in Warendorf und der Deutschen Gruppe für Hippotherapie in Kirchheim/Teck angeboten wird.

In der Schweiz wird Hippotherapie von der Krankenkasse bezahlt. Für Deutschland hat das Bundesministerium für Gesundheit am 20. Juni 2006 mitgeteilt, dass ein therapeutischer Nutzen der Hippotherapie nicht nachgewiesen ist und die Therapie daher als nicht verordnungsfähiges Heilmittel zu führen ist (vgl. BAnz. v. 26. September 2006, S. 6499).

Von Hippotherapie abzugrenzen ist der Bereich des „Heilpädagogischen Reitens und Voltigierens“ (HpR/HpV), der ebenfalls zum Therapeutischen Reiten zählt. Hier werden unter pädagogischen und psychologischen Zielsetzungen Kinder und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten und anderen sozialen und psychosozialen Problemen gefördert. Weitere Informationen dazu bietet die Fachhochschule Hildesheim in ihrer Publikation Heilpädagogik und Soziale Arbeit: Zum Einsatz des Pferdes in der Behinderten- und Jugendhilfe (incl. umfassendes Literaturverzeichnis), die dort gemeinsam mit dem ehem. Institut für Therapeutisches Reiten e. V. und zahlreichen Fachleuten entwickelt wurde.[1]

Lamatherapie

Die Lamatherapie ist eine Form der tiergestützten Therapie, bei der Lamas als Begleittiere in einen entwicklungsfördernden, pädagogischen oder therapeutischen Prozess eingebunden werden, um im Vorfeld festgelegte Ziele für den oder die Klienten zu erreichen. Diese Therapie wird von den Kostenträgern aus dem Sozial- und Gesundheitswesen nicht finanziert und muss von den Klienten bezahlt werden.

Die artspezifischen Eigenschaften der Lamas werden bei der Lamatherapie als motivierende Faktoren genutzt. Zu nennen sind hier besonders das zurückhaltende und gleichzeitig freundlich-neugierige Wesen von Lamas, ihre langsamen und gut zu beobachtenden Bewegungen und Körperhaltungen und die Tatsache, dass die meisten Klienten Lamas gegenüber sehr offen und wertfrei sind, da in der Regel noch keine schlechten Erfahrungen mit diesen Tieren gemacht wurden. Die Lamatherapie kann Anwendung finden bei Menschen mit einer Behinderung, bei denen eine psychische Erkrankung vorliegt, bei Suchtkranken, bei einer vorliegenden Traumatisierung oder Verhaltensauffälligkeit.

Es besteht derzeit keine formale Qualifikation für die Anbieter einer Lamatherapie. Eine Anerkennung der Lamatherapie wird angestrebt, ebenso die Festlegung von Qualitätsstandards und ein einheitliches Berufsbild durch die Möglichkeit einer beruflichen Zusatzqualifikation wie im Bereich der Hippotherapie.

Delfintherapie

Die Delfintherapie ist eine umstrittene Therapieform ohne wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis.[2] Sie soll angeblich insbesondere Kindern mit mentalen, körperlichen, vor allem aber mit seelischen Behinderungen helfen.

Sie wurde von dem Psychologen und Verhaltensforscher David E. Nathanson entwickelt. Er leitet die in Amerika durchgeführten Therapieprogramme der "Dolphin-Human-Therapy". Auf seiner Website berichtet er allerdings sogar selber, dass die Behandlung mit einem echten Delphin nicht wirksamer ist als die Behandlung mit einem künstlichen Roboter-Delphin (Therapeutic Animatronic Dolphin). Die Grundlage des von Nathanson entwickelten Therapiekonzeptes ist, dass konservative Therapieformen verstärkt werden, indem die Begegnung mit dem Delfin als Belohnung für die Mitarbeit des Patienten und seiner Eltern ausgelegt ist. Die Patienten dürfen erst mit dem Delfin interagieren, wenn sie ihre (aus konservativen Verfahren stammenden) Therapieaufgaben erfüllt haben. Die Wirksamkeit seines Therapiekonzeptes will Nathanson in eigenen Studien mehrmals belegt haben. Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass keine unabhängigen Studien angefertigt wurden und in den bestehenden Studien die Begegnung mit dem Delfin nicht isoliert betrachtet wurde (Vergleichsgruppe, die am Gesamtkonzept der DHT teilnimmt, nur dass die Delfinbegegnung ersetzt wird).

Sowohl in Amerika als auch in Israel werden auch andere Delfintherapieprogramme angeboten, bei denen die Tiere in abgetrennten Meeresbuchten leben.

Diese Therapie ist mit erheblichen Kosten verbunden und wird in Deutschland innerhalb eines Forschungsprogrammes an der Universität Würzburg angeboten. Die Patienten dürfen dabei zunächst nicht mit ins Becken der Tiere, sondern agieren während der ersten Sitzungen nur vom Beckenrand aus. Am letzten Therapietag dürfen die Kinder, wenn sie wollen, auch in das Becken zu den Delfinen.

In Deutschland bestehen Bedenken seitens des Tierschutzes, da in Aquarien und Delfinarien eine artgerechte Tierhaltung dieser großen Säugetiere nicht gewährleistet werden könne. Ebenso lehnen zahlreiche Biologen[3], die sich mit Meeressäugern befassen, sowie einige der angesehensten ehemaligen Delfintrainer der Welt die Delfintherapie ab, da sie für Menschen eine Gefahr darstellt und ein irreführendes Bild von Delfinen vermittelt. Innerhalb eines Zeitraums von fünf Jahren wurden in den USA etwa 18 Fälle dokumentiert, bei denen Menschen bei der Begegnung mit Delfinen in Gefangenschaft Knochenbrüche, innere Verletzungen oder schwere Wunden davontrugen.

Vollständig auf den Einsatz von Delfinen verzichtet das seit 1997 entwickelte Programm von Dolphin Space. Es basiert auf einer Kombination von unter Wasser abgespielten Echolokationslauten freilebender Tiere unter Einbeziehung der Betreuungspersonen und von komplementären therapeutischen Elementen sowie Kurzzeitschulungen. Dieses anfangs auf verhaltensauffällige, lernbehinderte und autistische Kinder angewandte Programm wird inzwischen auf Altersdemenz, und seit 2005 auch im Hochleistungssport therapeutisch eingesetzt.

Die Wirksamkeit der Delfintherapie wird von einigen Wissenschaftlern bezweifelt.[4][5] Eine Studie der Universität Würzburg kam 2006[6] zwar zu dem Resümee: „Aufgrund der nachgewiesenen Therapieeffekte bei schwerstbehinderten Kindern im Alter von fünf bis zehn Jahren wird künftig im Tiergarten Nürnberg Delfintherapie angeboten, die von den teilnehmenden Familien selbst zu finanzieren ist.“ Tatsächlich ergab diese Studie jedoch, dass durch die Therapeuten keinerlei messbare oder dauerhafte Verbesserungen festgestellt werden konnten und alle vermeintlichen Effekte nur in der subjektiven Wahrnehmung der Eltern stattfanden.[7]

Literatur

  • Theres Germann-Tillmann, Lily Merklin und Andrea Stamm Näf: Tiergestützte Interventionen: der multiprofessionelle Ansatz. Hans Huber Verlag, Bern 2014, 352 S., ISBN 978-3-456-85416-8.
  • Monika Vernooij, Silke Schneider: Handbuch der tiergestützten Intervention. Grundlagen – Konzepte – Praxisfelder. Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2013, 3. korrigierte und aktualisierte Auflage, 280 S., ISBN 978-3-494-01550-7.
  • Andrea Förster: Tiere als Therapie - Mythos oder Wahrheit? Zur Phänomenologie einer heilenden Beziehung mit dem Schwerpunkt Mensch und Pferd. Ibidem, ISBN 3-89821-421-4.
  • Anke Prothmann: Tiergestützte Kinderpsychotherapie - Theorie und Praxis der tiergestützten Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen. Peter Lang, Frankfurt am Main 2008, 2. ergänzte Auflage, ISBN 978-3-631-57672-4.
  • Anke Prothmann: Verhaltensmuster psychisch auffälliger Kinder und Jugendlicher in der tiergestützten Therapie - eine Interaktionsanalyse. Shaker Verlag, ISBN 3-8322-4084-5.
  • Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen und Institut für Therapeutisches Reiten: Heilpädagogik und Soziale Arbeit. Zum Einsatz des Pferdes in der Behinderten- und Jugendhilfe. Online-Publikation. http://www.hawk-hhg.de/hawk/fk_soziale_arbeit/130635.php Hildesheim 2006
  • Ursula Künzle: Hippotherapie auf den Grundlagen der funktionellen Bewegungslehre Klein-Vogelbach: Hippotherapie-K, Theorie, praktische Anwendung, Wirksamkeitsnachweis. Springer, Berlin 2000, 412 S., ISBN 3-540-65220-5.
  • Ingrid Strauß: Hippotherapie: neurophysiologische Behandlung mit und auf dem Pferd. Beigefügtes Werk: Mit einem Beitr. zur Kinder-Hippotherapie von Emmy Tauffkirchen. 3., überarb. und erw. Aufl. Hippokrates Vlg., Stuttgart 2000, 185 S., ISBN 3-7773-1368-8.
  • Bettina Güntert: Heilpädagogische Aspekte und Wirkung der Hippotherapie bei Kindern. Innsbruck, Pädagogische Akademie, Diplomarbeit 2003. 88 S.
  • Daniela Rasl: Hippotherapie und der Körperabschnitt Becken: der Einfluss von Hippotherapie auf zentral-neurologisch bedingte Blasenfunktionsstörungen. Akad. f. d. physiotherapeutischen Dienst am Kaiser Franz-Josef Spital d. Stadt Wien, Diplomarbeit, Wien 2003, 62 Bl.
  • Inge-Marg Pietrzak: Kinder mit Pferden stark machen – Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren (gebundene Ausgabe). Cadmos-Verlag, Lüneburg 2001, 128 S., ISBN 3-86127-359-4.
  • Friedrich Wilhelm Steinweg, Karin Schutt: Delfine als Therapeuten. Die KEMER-Methode: Behandlung in der Türkei, Nachsorge in Deutschland. Verlag im Kilian, Marburg 2006, 124 S., ISBN 978-3-932091-94-0.
  • Erwin Breitenbach, Lorenzo v. Fersen, Eva Stumpf, Harald Ebert: Delfintherapie für Kinder mit Behinderungen. Analyse und Erklärung der Wirksamkeit. edition bentheim, Würzburg 2006, 142 S., ISBN 3-934471-59-5.
  • Eva Stumpf: Delfintherapie aus wissenschaftlicher Perspektive. Möglichkeiten der Evaluationsforschung im sonderpädagogischen Feld. fwpf, Freiburg 2006, 227 S., ISBN 3-939348-03-1.
  • Angelika Taubert: Reittherapie in Neurologie und Psychotherapie. Peter Lang, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-631-58653-2.

Weblinks

 Commons: Tiergestützte Therapie – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. http://www.hawk-hhg.de/hawk/fk_soziale_arbeit/130635.php
  2. Lori Marino, Scott O. Lilienfeld: Dolphin-Assisted Therapy: More Flawed Data and More Flawed Conclusions. In: Anthrozoos: A Multidisciplinary Journal of The Interactions of People & Animals. 20, 2007, S. 239–249, doi:10.2752/089279307X224782.
  3. Norbert Kochhan, Biologe 2011: Therapie ohne Delfine
  4. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,514445,00.html
  5. DasErste.de: Mythos Tiertherapie (Version vom 5. Januar 2008 im Internet Archive)
  6. E. Breitenbach, L. von Fersen, E. Stumpf, H. Ebert: Delfintherapie für Kinder mit schwerer Behinderung – Analyse und Erklärung der Wirksamkeit. Bentheim Verlag, Würzburg 2006
  7. http://www.wdcs-de.org/docs/Delfintherapie.pdf
Gesundheitshinweis Bitte den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!