Johann Christian Schickhardt

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Johann Christian Schickhardt (*1682 in Braunschweig; † März 1762 in Leiden[1]) war ein deutscher Musiker und Barockkomponist.

Leben[Bearbeiten]

Ausbildung[Bearbeiten]

Johann Christian Schickhardts Vorfahren – vermutlich die Großeltern – verließen Siegen oder Herborn infolge des durch den Dreißigjährigen Krieg bedingten Niedergangs der calvinistischen Universitäten und Hochschulen von Siegen und Umgebung. Johann Christian Schickhart ist also kein Nachkomme von Heinrich Schickhardt dem Älteren. Seine praktische musikalische Ausbildung zum Flötisten und Oboisten erhielt er am herzoglichen Hof zu Braunschweig-Lüneburg.[2] In dieser Zeit wurde er sowohl vom französischen, als auch vom italienischen Musikstil beeinflusst. Vom italienischen Stil, insbesondere von Arcangelo Corelli, fühlte er sich besonders angezogen. Seine Ausbildung führte er vermutlich bei einem Oboisten im Orchester der seinerzeit berühmten Braunschweiger Oper fort.[3]

Berufliche Anfänge[Bearbeiten]

Kurz nach 1700 begann seine berufliche Laufbahn. Er hielt sich damals in den Niederlanden auf und stand in den Diensten des Erbprinzen Friedrich von Hessen-Kassel, der Prinzessin Henriette Amalie von Nassau-Dietz und ihres Sohnes, des Prinzen Johann Willem Friso von Oranien und Nassau-Diez, der aufseiten der englisch-niederländischen Truppen im Spanischen Erbfolgekrieg kämpfte. In dieser Zeit entstanden seine ersten mit Opusangaben (op. 1–3) versehenen Kompositionen. Die Werke op. 1 und 3 wurden wahrscheinlich in dem Renaissance-Schloss in Jever unraufgeführt. Die Originalnoten dieser Werke befanden sich ursprünglich im Besitz des Fürstenhauses Anhalt-Zerbst,[4] dem zu dieser Zeit Ostfriesland gehörte.[5] Nachdem Prinzessin Henriette Amalie die Niederlande im Jahre 1709 verlassen hatte, suchte er offenbar nach einem neuen Gönner und dachte dabei an Dänemark oder Norwegen. 1710 widmete er eine Sonate aus dem Op. 5 der von Trondheim stammenden Herzogin von Braunschweig-Lüneburg, Sophie Amalie, sowie die Sechs Violinsonaten op. 8. dem König von Dänemark, Frederik IV. Er verließ die Niederlande und ungefähr von 1710 bis 1711 war er in Diensten des Landgrafen Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt.[6] Dort kam mit Christoph Graupner in Berührung, der Kapellmeister war.[7]

Hamburg[Bearbeiten]

1711 heiratete Johann Christian Schickhardt in Hamburg. Auf der Wedde-Rechnung vom 11. Juli 1711 wurde er als Fremder eingetragen, was bedeutete, dass er als „Schutzverwandter“ das Wohnrecht in Hamburg besaß. Er wohnte zunächst in der Hamburger Neustadt an der Alster, auf dem Gebiet der Gemeinde St. Michaelis. Seit 1712 gehörte er als hervorragender Flötist und Oboist dem Orchester der Hamburger Oper am Gänsemarkt an. Im gleichen Jahr – Ende März – wurde sein erster Sohn Martin Ulrich geboren. Schickhardt hatte eine gute Verbindung zu dem Amsterdamer Verleger Estienne Roger, bei dem seine Kompositionen erschienen und wirkte in dieser Zeit als dessen Hamburger Agent. 1713 (möglicherweise schon seit 1712) weilte Schickhardt in London, wo er die Sechs Konzerte für vier Flöten und Basso continuo op. 19 schrieb. Diese Konzerte widmete er bereits in den ersten Monaten des Jahres 1713 dem Generalmusikdirektor Christoph Wilhelm von Brand, der Oberhofmeister von Sophie Dorothea von Preußen, der Gattin des seit dem 25. Februar 1713 regierenden Königs Friedrich Wilhelm I., war. Er versprach sich offenbar, auf diese Weise eine Anstellung bei der Hofkapelle des Preußenkönigs zu bekommen. 1714 verbesserte sich merklich seine finanzielle Situation. Er zog in Hamburg ins Gebiet der Gemeinde St. Petri, vermutlich in der Kleinen Breder Straße, um. Am 26. Oktober 1714 bekam er das Hamburger Bürgerrecht, nachdem er eine entsprechende Gebühr entrichtet hatte. In Hamburg sind in den Jahren 1714–1718 seine vier weiteren Kinder geboren. Von den Kindern ist bis jetzt nichts bekannt. Mindestens die zwei ersten Töchter starben kurz nach der Geburt, weil alle drei die gleichen Vornamen Elisabeth Catharina tragen. Zu der gleichen Zeit wohnte in Hamburg Schickhardts Zeitgenosse Georg Philipp Telemann, der Musikdirektor an fünf Hamburger Kirchen war. Es ist davon auszugehen, dass sich die beiden kannten. Um 1717/18 – ohne den Wohnsitz in Hamburg aufzugeben – arbeitete er im Dienst des Grafen Johann Friedrich von Castel-Rüdenhausen, der ihn sehr schätzte. Um 1719/20 war er mit Herzog Ernst August I. von Sachsen in Verbindung.[8]

Skandinavien[Bearbeiten]

Ab 1720 war Johann Christian Schickhardt in Schweden, wo Friedrich von Hessen-Kassel als Frederik I. den schwedischen Thron bestieg. Zu dieser Zeit widmete er sein Konzert für Altblockflöte g-moll der Königin Ulrika Eleonore von Schweden. Ungefähr 1723 arbeitete er im norwegischen Trondheim für Abraham Dreyer, den Direktor der dortigen Kupferminen. Da damals Norwegen zu Dänemark gehörte, hatte er erneut Beziehungen zum dänischen Königshof.[9] Er hielt sich auch eine Zeit lang in Paris auf, aber wann das genau war, ist unbekannt.[10]

Holland[Bearbeiten]

1735 weilte er erneut in London, wo eine Sammlung von 24 Flötensonaten in allen Tonarten op. 30, das sogenannte L'Alphabeth de la musique komponierte. Da damals in London zahlreiche Flötenliebhaber lebten, war diese Stadt der geeignetste Ort, um solche Kompositionen zu verkaufen.[11]

Im gleichen Jahr 1735 kehrte er in die Niederlande zurück. Für den Verlag Estienne Roger, der inzwischen von seinen Nachfolgern Jeanne Roger und Michel-Charles Le Cène geführt wurde und seine Kompositionen veröffentlichte, arbeitete er gelegentlich als Redakteur. In dessen Auftrag arrangierte er das berühmte Concerto grosso g-moll op. 6 für zwei Blockflöten und Basso continuo von Arcangelo Corelli. Seit 1745[12] lehrte er an der Universität Leiden. Nach seinem Tod im März 1762 wandte sich seine Tochter Elisabeth Catharina an die Universität mit der Bitte um Beihilfe für die Begräbniskosten. Es ist anzunehmen, dass diese Bitte positiv entschieden wurde, denn am 26. März wurde ihm posthum der Titel „Magister der musikalischen Künste und Mitglied der Akademie“ verliehen.[13]

Das Aussehen von Schickhart ist nicht überliefert. Es gibt jedoch ein Porträt aus dieser Zeit, das durch Veröffentlichungen im „Recorder and Music Magazine“ als sein Porträt bekannt wurde. Der darauf porträtierte Flötist spielt eine schöne Altblockflöte mit Elfenbeinringen. Es gibt jedoch keine konkreten Anhaltspunkte, dass es sich bei dem Porträtierten um Schickhardt handeln würde.

Bedeutung[Bearbeiten]

Schickhardts Werk mit der höchsten Opuszahl ist L'Alphabeth de la musique von 1735. Ohne Opusnummer sind die Zwölf Sonaten für Gitarre, die angeblich von dem Gitarrenlehrer am dänischen Hof, Johann Friedrich Fibiger, arrangiert wurden. Es handelt sich um sehr kurze Werke, die eine Länge zwischen ungefähr 3 und 8 Minuten haben. Es scheint sehr unwahrscheinlich, dass Schickhardt in der noch langen Zeit zwischen 1735 und seinem Tod keine Musikstücke mehr komponierte, doch was mit diesen Kompositionen passierte, ist ungeklärt. Unter seinen Werken gibt es zwei sogenannte Spielanleitungen, je eine für Flöte (op. 12, von 1712) und für Oboe (von 1730) – ein einmaliges Werk im deutschsprachigen Raum des 18. Jahrhunderts –, die leider verschollen ist.[13]

Schickhardt wurde in erster Linie durch seine Kammermusik berühmt. Seine in herkömmlicher Sprache geschrieben Sonaten charakterisieren sich durch wohlklingende, harmonische, ausdrucksvolle Töne. „Schickhardt pflegte eine knappe Form, in der sich aber ein reiches Leben entfaltet; seine Kunst ist weniger dramatisch als lyrisch und selbst seine bewegten Sätze verleugnen nicht die Innigkeit der Melodik, von der die langsamen überfließen.“ Schickhardts Sonaten wenden sich an eine breite Schar von Amateurmusikern. Sie sind technisch nicht anspruchsvoll und haben als Ziel musikalische Unterhaltung und keine Zurschaustellung. „Für seine Instrumente schrieb er gut und seine Musik war bei den Liebhabern seiner Zeit zurecht beliebt.“ Von seiner Popularität in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zeugt eine große Anzahl von Veröffentlichungen in Amsterdam, aber auch die Tatsache, dass seine Werke recht bald als Raubdrucke bei den Londoner Verlegern Walsh und Hare erschienen. Neben der Kammermusik schrieb Schickhart auch Werke, die stilistisch zwischen Kammermusik und konzertanter Musik stehen, zum Beispiel die Concerti op.9 für vier Blockflöten und Basso continuo und die Sechs Sonaten für Blockflöte, zwei Oboen und Basso continuo.[14]

Mit der Revitalisierung der Altblockflöte um 1900, für die Schickhardts zahlreiche Werke bestimmt sind, entstand ein großer Bedarf an geeigneter Literatur, so dass etliche seiner Werke im Neudruck vorliegen. Seine Werke werden auch heutzutage aufgeführt und es gibt mehrere Aufnahmen auf CDs – meistens auf Sammel-CDs, die barocke Blockfötenmusik präsentieren.[15] Zum 325. Geburtstag Johann Christian Schickhardts sendete SWR2 am 11. Oktober 2007 eine 55-minutige Sendung mit seinen Werken und Werken seiner Zeitgenossen.[7]

Kinder[Bearbeiten]

  • Martin Ulrich (getauft am 1. April 1712 in Hamburger Gemeinde St. Michaelis)
  • Elisabeth Catharina (I.) (* 1714)
  • Friedrich Paul (* 1716)
  • Elisabeth Catharina (II.) (* 1717)
  • Elisabeth Catharina (III.) (* 1718)

Ausgewählte Werke[Bearbeiten]

  • kurz nach 1700 Sonate für Flöte und Basso continuo op. 1, gewidmet der Prinzessin Henriette Amalie von Nassau-Diez
  • kurz nach 1700 Sonate für Oboe, Violine und Basso continuo op. 2, gewidmet dem Prinzen Johann Willem Friso von Oranien und Nassau-Diez
  • kurz nach 1700 Sechs Sonaten für Flöte und Basso continuo op. 3, gewidmet Herren Swier de Taminga, einem Kommandeur der englisch-niederländischen Armee
  • 1710 Sechs Sonaten für Flöte, zwei Oboen, eine Viola da gamba und Basso continuo op. 5, eine davon gewidmet Sophie Amalie, Herzogin von Braunschweig-Lüneburg
  • 1710 Sechs Sonaten für Violine oder Oboe und Basso continuo op. 8, gewidmet dem König von Dänemark, Frederik IV.
  • 1712 Triosonaten für zwei Blockflöten und Generalbass op. 16
  • 1712 Sonate für Flöte und Basso continuo op. 17
  • 1713 Sechs Konzerte für vier Flöten und Basso continuo op. 19, gewidmet dem Generalmusikdirektor Christoph Wilhelm von Brand
  • 1720 Konzert g-moll für Altblockflöte und Orchester, gewidmet der Königin Ulrike Eleonore von Schweden
  • 1723 Sechs Sonaten für Flöte oder Oboe oder Violine und Basso continuo op. 20/2, gewidmet Abraham Dreyer
  • 1735 Vierundzwanzig Sonaten für Querflöte und Blockflöte oder Violine und Basso continuo op. 30 (L'Alphabeth de la musique, eine Sonatensammlung in allen Tonarten)

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. H. Schmid-Schickhardt: Johann Christian Schickhardt, S. 2 bzw. 11
  2. Ein Hinweis darauf findet sich in der Dedikation zu seinem Opus 14 an den Herzog August Wilhelm.
  3. H. Schmid-Schickhardt: Johann Christian Schickhardt, S. 2
  4. Heutzutage befinden sie sich in der Bibliothek des Mariengymnasiums in Jever.
  5. H. Schmid-Schickhardt: Johann Christian Schickhardt, S. 2–4
  6. H. Schmid-Schickhardt: Johann Christian Schickhardt, S. 4–6
  7. a b Horst Schmid-Schickhardt: Die Siegener Familie Schickhardt im 15. bis 17. Jahrhundert. Versuch einer Teil-Genealogie, Baden-Baden : Schmid-Schickhardt 2008, S. 79
  8. H. Schmid-Schickhardt: Johann Christian Schickhardt, S. 6–7
  9. H. Schmid-Schickhardt: Johann Christian Schickhardt, S. 8
  10. Von dem Musikforscher Johann Nikolaus Forkel wurde er als ein „deutscher Musiker in Paris“ bezeichnet. (H. Schmid-Schickhardt: Johann Christian Schickhardt, S. 13)
  11. H. Schmid-Schickhardt: Johann Christian Schickhardt, S. 8–11
  12. Er wurde in einem Beschäftigtenverzeichnis vom 18. November 1745 erwähnt.
  13. a b H. Schmid-Schickhardt: Johann Christian Schickhardt, S. 11–13
  14. H. Schmid-Schickhardt: Johann Christian Schickhardt, S. 13–14
  15. Nähere Hinweise dazu bei: H. Schmid-Schickhardt: Der Schnitzer von Herrenberg. Heinrich Schickhardt der Ältere aus Siegen (1464–1540) oder 500 Jahre schwäbische Familie Schickhardt 1503/2003, Baden-Baden : Schmid-Schickhardt 2003, S. 66

Literatur[Bearbeiten]

  • Horst Schmid-Schickhardt: Johann Christian Schickhardt. Ergänzung Nr. 1 zu „Bedeutende Verwandte um Heinrich Schickhardt“, Baden-Baden : Schmid-Schickhardt 2002
  • Renate Hübner-Hinderling: Johann Christian Schickhardt in Hamburg. In: „TIBIA. Magazin für Holzbläser”, Celle 1992/93
  • David Lasocki: Johann Christian Schickhardt (ca.1682-1762). A Contribution to His Biography and a Catalogue of His Works. In: „Tijdschrift van de Vereniging voor Nederlandse Muziekgeschiedenis“, 1977, S. 28–55
  • David Lasocki: Johann Christian Schickhardt. In: „TIBIA. Magazin für Holzbläser” 3/1977, S. 337–343
  • Andrew D. McCredie: Schickhardt. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Enzyklopädie, Bd. 11, Kassel 1963

Weblinks[Bearbeiten]