John G. Bennett

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John G. Bennett (John Godolphin Bennett; * 8. Juni 1897 in London; † 13. Dezember 1974 in Sherbourne, Gloucestershire) war ein britischer Mathematiker, Philosoph, Autor und spiritueller Lehrer. Er arbeitete zeitweilig als Secretary of State in der britischen Regierung sowie als Leiter der Forschungsanstalt der britischen Kohleindustrie (British Coal Utilisation Research Association; 1938 bis etwa 1941). Sein Leben und sein Werk waren wesentlich mit Georges I. Gurdjieff (1866?-1949) und dessen System des Vierten Weges verbunden.

Leben[Bearbeiten]

Was er selbst als seine „Suche nach der Wahrheit“ bezeichnete, begann durch ein intensives Nahtoderlebnis im Ersten Weltkrieg. 1919 wurde Bennett nach Istanbul geschickt, wo er für den britischen Geheimdienst arbeitete und wo er u.a. auch in Kontakt mit türkischen Derwischen des Mevlevi-Ordens kam.

1920 lernte er den russischen Journalisten P. D. Ouspensky kennen, über den er in Kontakt mit Georges I. Gurdjieff kam, der sich gerade in Istanbul aufhielt. Diese Begegnung beeindruckte Bennett so nachhaltig, dass er Gurdjieff 1923 für 14 Tage in dessen Institut für die Harmonische Entwicklung des Menschen in Fontainebleau, nahe Paris, aufsuchte. Gurdjieff bot Bennett an, für 2 Jahre mit ihm intensiv in Fontainbleau zu arbeiten. Aus beruflichen sowie privaten Gründen beschloss Bennett jedoch, wieder nach England zurückzukehren. Er schloss sich in der Folge für einige Jahre Ouspensky an, welcher sich mittlerweile von Gurdjieff distanziert und in England niedergelassen hatte, um Gurdjieffs Ideen nach seiner eigenen Interpretation zu lehren. Später zerstritt er sich mit Ouspenksy und begann eine eigene Studiengruppe zu gründen. Aufgrund der Wirren des Zweiten Weltkrieges und Ouspenskys Ablehnung Gurdjieffs verlor Bennett den persönlichen Kontakt zu diesem. Nach Ouspenskys Tod 1947 besuchte Bennett Ouspenskys Frau in den USA und hörte von ihr, dass Gurdjieff die deutsche Besetzung Frankreichs entgegen Gerüchten überlebt hatte. Bennett, seine Frau Elizabeth sowie viele Schüler Bennetts erneuerten den Kontakt mit Gurdjieff 1948 und besuchten ihn bis zu seinem Tode im Oktober 1949 regelmäßig. Für eine Zeit von etwa zwei Monaten lebte Bennett während dieser Zeit in Paris und arbeitete in Gruppen u.a. geleitet von Gurdjieffs langjähriger Schülerin Jeanne de Salzmann. Genaue Aufzeichnung dieser Zeit finden sich in den Büchern: Idiots in Paris – Diaries of Elizabeth & JG Bennett, Bennetts Autobiographie Die Durchquerung des großen Wassers sowie Pattersons Struggle of the Magicians, ein Werk, in welchem das Verhältnis von den Gurdjieff Schülern Ouspensky, Orage und Bennett zu Gurdjieff beleuchtet wird.

Schon 1946 gründete Bennett eine eigene Gruppe in Coombe Springs bei London unter dem Namen Institute for the Comparative Study of History, Philosophy and the Sciences. Bennett sah sich nach Gurdjieffs Tod inspiriert, nach dem inneren Muster der Spiritualität und darüber hinaus nach den Quellen des wirklichen Wissens zu suchen. Deshalb forschte er nach der Herkunft von Gurdjieffs Lehren, unternahm Reisen in den Orient auf der Suche nach dessen Lehrern und lernte einige östliche Meister kennen, die ihm bei seiner Suche halfen. Diese Reisen beschreibt er ausführlich in seinem Buch Journeys to Islamic Countries. Später begegnete er vielen weiteren einflussreichen Weisheitslehrern, u.a. Shivapuri Baba, einem bemerkenswerten indischen Rishi, welcher angeblich 136 Jahre alt wurde. Zusätzlich zu diesen Forschungen und Erfahrungen ließ Bennett wesentliche Einflüsse aus verschiedenen traditionellen Lehren, moderne Psychologie und zeitgenössische physikalisch-wissenschaftliche Erkenntnisse in seine Arbeit einfließen. Bennett ging davon aus, dass nach Gurdjieff ein weiterer Lehrer kommen müsse. Diesen glaubte er zuerst in Pak Subuh, dem indonesischen Begründer der Bewegung Subud zu erkennen, weshalb er sich für einige Zeit von Gurdjieffs Lehren distanzierte und von der mitgegründeten Gurdjieff Foundation trennte. Nachdem er von Subud ernüchtert wurde, wandte er sich Idries Shah zu, welcher einen westlichen Sufismus propagierte. Diesem schenkte er das Anwesen Coombe Springs, um u.a. frei von jeglichen Verpflichtungen/Bindungen zu werden.

Sein Beruf als Mathematiker (u.a. publizierte er 1949 einen Beitrag zur Einheitlichen Feldtheorie) bildete auch einen prägenden Hintergrund für Bennetts spirituelle Arbeit. Durch sein frühes Nahtoderlebnis versuchte er zu ergründen, was es mit den anderen, unsichtbaren Bereichen der Wirklichkeit auf sich hat und wie diese in unser physikalisch geprägtes Verständnis einer Welt aus drei Raum- und einer Zeitdimension hineinpassen. Er kam zu der Erkenntnis, dass es neben der gewöhnlichen Zeit eine weitere Zeitart als fünfte Dimension geben müsse und entwickelte ein mathematisches Modell dafür. In einfachen Worten: Während die Zeit die Verwirklichung von Potenzialen ermöglicht, sind die Potenziale selbst in dieser fünften Dimension enthalten, die er Ewigkeit nennt. Ewigkeit ist die Fähigkeit zu sein, der gegenwärtige Augenblick des Lebens in seiner Fülle. Bennetts Vision geht darüber aber noch hinaus, indem er die Fähigkeit zu tun, die Welt des kreativen Willens, als eine weitere, die sechste Dimension betrachtet, die jenseits unseres Bewusstseins wirkt. Diese Arbeit fand ihre praktische Umsetzung in „Systematics“, einer Methode, die gleichermaßen für unternehmerische Organisationen wie für das philosophische Verständnis von Qualitäten und Prozessen brauchbar ist, die sich nicht mit quantitativen mathematischen Analysen verstehen lassen. Das Enneagramm ist Teil dieser Methode. Alle diese Erkenntnisse vermittelte Bennett in seinem umfangreichen Hauptwerk The Dramatic Universe.

Neben seiner späteren beruflichen Tätigkeit in der Kohlenstoffchemie-Industrie (wo er maßgebliche Forschungsergebnisse in der Effizienzsteigerung der Energiegewinnung aus Kohle erzielte und u.a. die Rosin-Rammler-Sperling-Bennett-Verteilung mitentwickelte) und seiner zehnjährigen Arbeit an Systematics leitete Bennett Gruppen des Vierten Weges. 1971 gründete er auf einem neuen Anwesen in Sherborne, Gloucestershire, die International Academy for Continuous Education. Dort fanden neun Monate dauernde Intensivkurse statt, welche seine Frau Elizabeth nach Bennetts Tod für kurze Zeit weiterleitete. Diese Kurse basierten wieder auf den Ideen Gurdjieffs, verbunden mit Praktiken aus dem Sufismus und anderen Traditionen. Bennett versuchte mit diesen Kursen seine eigene Idee der „beschleunigten Transformation“ zu verwirklichen. Er nahm Kontakt mit weiteren Lehrern auf, u.a.: Hasan Shushud, einem türkischen Sufi in der Tradition der Meister der Weisheit; Suleiman Dede Loras, einem Mevlevi-Scheich aus Konya; Maharishi Mahesh Yogi, dem Begründer der Transzendentalen Meditation sowie Reshad Feild, einem westlich orientierten Sufi-Lehrer und Atemtherapeuten. In der Würdigung zu seinem Todestag am 13. Dezember 1974 schrieb die englische Times:

  • „Um John Bennetts Leistung zu verstehen, muss man die Einsicht G.I. Gurdjieffs anerkennen, welcher nachdrücklich betonte, dass der Mensch völlig blind geworden sei für das, was wirklich ist. Bennett, der leicht eine brillante Zukunft als Wissenschaftler hätte haben können, wurde ein Lehrer der Ideen Gurdjieffs und Ouspenskys von der Transformation des Menschen. Er glaubte, dass eine Lehre des Lebens verloren geht, wenn nicht ständig neue Einsichten gefunden werden, die ihre Bedeutung erneuern.“

Bennetts Nachfolger und Anhänger sehen seine Bedeutung jedoch nicht so sehr darin, dass er zu einem unabhängigen Exponenten von Gurdjieffs Ideen wurde, sondern dass er es verstand, an dem Gebäude von Gurdjieffs Lehre und seinen Methoden weiterzubauen. Neben seinem Hauptwerk The Dramatic Universe schrieb John G. Bennett weitere wichtige Bücher über die spirituelle Entfaltung des Menschen, wobei viele seiner veröffentlichten Bücher aus seinen unzähligen Vorträgen zusammengestellt sind, die er stets frei hielt.

Werke (in deutscher Übersetzung)[Bearbeiten]

  • Subud. Reichl, Remagen 1958, ISBN 3-87667-003-9
  • Gurdjieff heute. Seine Botschaft für ein neues Zeitalter. Neue Epoche, o.O. ca. 1974; Bruno Martin, Frankfurt am Main 2. A. 1977, ISBN 3-921786-07-X
  • Gurdjieff. Der Aufbau einer neuen Welt. Aurum, Freiburg im Breisgau 1976
  • Sex und spirituelle Transformation. Bruno Martin, Frankfurt am Main 1976; Chalice, Xanten 2012, ISBN 978-3-942914-06-2
  • Arbeit an sich selbst. Psychologie für eine mögliche Entwicklung des Menschen. Bruno Martin, Frankfurt am Main 3. A. 1977
  • Eine spirituelle Psychologie. Die Suche nach der Wirklichkeit. Bruno Martin, Frankfurt am Main 1977; Chalice, Zürich 2007, ISBN 978-3-905272-69-7
  • Ein anderes Bild Gottes. Bruno Martin, Frankfurt am Main 1977
  • Energien – materiell, vital, kosmisch. Bruno Martin, Frankfurt am Main 1977, ISBN 3-921786-05-3
  • Transformation: Die Kunst, sich zu wandeln. Ahorn, München 1978; Chalice, Xanten 2013, ISBN 978-3-942914-10-9
  • Die Meister der Weisheit. Aurum, Freiburg im Breisgau 1979; Chalice, Zürich 2007, ISBN 978-3-905272-66-6
  • Hasard. Risiko als kreative Herausforderung. Bruno Martin, Frankfurt am Main 1979
    • Neuausgabe als: Risiko und Freiheit. Hasard – das Wagnis der Verwirklichung. Chalice, Zürich 2004, ISBN 3-905272-70-9
  • Gurdjieff entschlüsselt. Die innere Bedeutung von Gurdjieffs „Beelzebubs Erzählungen“. Bruno Martin, Frankfurt am Main 1981
  • Harmonische Entwicklung. Bruno Martin, Salzhausen 1982, ISBN 3-921786-29-0
  • Der Sufi-Weg heute. Interviews und Informationen. Bruno Martin, Südergellersen 1983, ISBN 3-921786-31-2
  • Die inneren Welten des Menschen. Bruno Martin, Südergellersen 1984; Chalice, Zürich 2009, ISBN 978-3-905272-68-0
  • Das Durchqueren des großen Wassers. Die Geschichte einer Suche. Ahorn, Oberbrunn 1984; Chalice, Xanten 2011, ISBN 978-3-942914-02-4
  • Eine lange Pilgerreise. Leben und Lehre von Sri Govindananda Bharati, bekannt als der Shivapuri Baba. Bruno Martin, Südergellersen 1985, ISBN 3-921786-43-6
  • Gurdjieff. Ursprung und Hintergrund seiner Lehre. Sphinx, Basel 1989; Heyne, München 1997
  • Der grüne Drache. Das Herz der Sufi-Lehre (engl. Intimations). Bruno Martin, Südergellersen 1993; Chalice, Zürich 2007, ISBN 978-3-905272-65-9
  • Nahrung, Beitrag in: Der Pfad der Kichererbse. Chalice, Xanten 2013, ISBN 978-3-942914-20-8

Weblinks[Bearbeiten]