Kindheitsevangelium nach Thomas

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Das Kindheitsevangelium nach Thomas (abgekürzt: KThom) gibt vor, „eine Reihe von Episoden aus der Jugend Jesu zu berichten“.[1] Es ist eine apokryphe Schrift, die sich in fast allen Apokryphensammlungen findet. Sie entstand vermutlich Ende des 2. Jahrhunderts. Ihr Autor ist nicht identifizierbar, wird aber in den meisten Handschriften als „Thomas der Israelit“ angegeben.
Das Kindheitsevangelium ist nicht mit dem heutzutage bekannteren Thomasevangelium zu verwechseln.

Inhalt[Bearbeiten]

Berichtet wird von Kindheitstaten Jesu von Nazareth: Nach dem KThom war Jesus nicht erst seit seinem Auszug in die Wüste, sondern schon sehr früh zu wundersamem Wirken fähig. Die Schrift berichtet vor allem von Heilungen durch das Kind Jesus. Sie berichtet aber auch von wertneutralen Wundern und destruktiven Taten des jungen Jesus.

  • So soll Jesus als Fünfjähriger am Schabbat zwölf Spatzen aus Lehm geformt und sie zum Leben erweckt haben.
  • Jesus soll in einem Wutanfall den Sohn des Annas wie einen Baum verdorren haben lassen, weil der Junge ihn beim Spielen störte.
  • Ungehalten über die Taten des kleinen Jesus (1,5) entschließt sich Josef, den Knaben zu dem Gelehrten Zachäus zu geben. Dieser versucht vergeblich, Jesus zu belehren, wird von diesem beschämt (1,6) und resigniert schließlich: „So bitte ich dich denn, Bruder Joseph, bring dieses Kind zurück in dein Haus. Denn dieser ist etwas Großes, ein Gott oder ein Engel, dass ich nicht weiß wie ich's sagen soll.“
  • Als Sechsjähriger soll Jesus am Brunnen unabsichtlich einen Wasserkrug zerbrochen haben. Daraufhin füllte er das Wasser in sein Gewand und trug es, ohne einen Tropfen Wasser zu verlieren, zu seiner Mutter nach Hause.[2]

Insgesamt soll Jesus mit seinen Worten machtvoll gewirkt haben, so dass „jedes Wort, das er redete, ob gut oder böse, eine Tat war und zum Wunder wurde“ (5,2 minimal umgestellt).

Handschriften und Herkunft[Bearbeiten]

Das Evangelium war in griechischen, syrischen, hebräischen, lateinischen, georgischen und altbulgarischen Handschriften weit verbreitet. Uns liegen verschieden lange griechische Versionen vor, die zahlreiche Textabweichungen aufweisen. Die bekannteste Version mit 19 Kapiteln geht auf Tischendorf zurück.[3]
Es ist ungeklärt, in welcher Sprache die Schrift im Original abgefasst war.

Rezeption[Bearbeiten]

Das Kindheitsevangelium nach Thomas wirkte „wie analoge Texte stimulierend auf die darstellende Kunst und Legendenliteratur seit dem Hochmittelalter“.[4]

Literarische Einschätzung[Bearbeiten]

Die Kindheitsevangelien sind insgesamt als „Zeugnisse der Volksfrömmigkeit“ zu würdigen,[5] nicht aber als historisch auswertbare Quellen nutzbar.[6][7] Das KThom „schildert anschaulich, wie das Leben eines Kindes, das schon als Sohn Gottes und mit aller Macht ausgestattet zur Welt kommt, aussehen könnte. […] Ein besonderer Reiz entsteht dadurch, dass in der Antike die Kindheit wesentlich durch Macht- und Rechtlosigkeit bestimmt ist, und genau dies für Jesus nicht gilt“.[8]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Art. Apokryphen II, in: Theologische Realenzyklopädie (TRE), Bd. 1, S. 332.
  2. Otto Weinreich: Das Mirakel vom zerbrochenen und wieder geheilten Gefäß. In: Hessische Blätter für Volkskunde 10 (1911), S. 65–87. Abgedruckt in: ders.: Ausgewählte Schriften, Band 1: 1907-1921. Grüner, Amsterdam 1969, ISBN 90-6032-022-0, S. 107 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. Hans-Josef Klauck: Apocryphical Gospels – An Introduction, London/New York, 2003, S. 73f.
  4. Klaus-Gunther Wesseling: Thomas, Apostel Jesu Christi. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 9, Bautz, Herzberg 1995, ISBN 3-88309-058-1, Sp. 1292-1323.
  5. Thomas Söding: Apokryphe Weihnachten?. Die Bibel und die Volksfrömmigkeit, Münster 2011, S. 1f.
  6. Philipp Vielhauser, in: Hennecke und Schneemelcher: Apokryphen des Neuen Testaments, S. 672ff.
  7. Hans-Josef Klauck: Apocryphical Gospels – An Introduction, London/New York, 2003, S. 64: "One should not expect historically reliable information, even in exceptional cases, from this literature."
  8. Judith Hartenstein: Kindheitsevangelium nach Thomas (KThom). In: Michaela Bauks, Klaus Koenen, Stefan Alkier (Hrsg.): Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), Stuttgart 2006 ff., Zugriffsdatum: 20. Januar 2014.

Literatur[Bearbeiten]

  • Textausgabe (griechisch): De infantia Iesv evangelivm Thomae, cvra et studio Tony Burke, Corpvs Christianorvm: Series Apocryphorum 17, Turnhout 2010. ISBN 978-2-503-53419-0
  • Textausgabe (griechisch-deutsch) in: Evangelia infantiae apocrypha / Apokryphe Kindheitsevangelien, übers. und eingel. von Gerhard Schneider, Fontes Christiani 1. Folge 18, Freiburg 1995, 147–171. ISBN 3-451-22233-7
  • Textausgabe (deutsch) in: Apokryphen zum Alten und Neuen Testament, hrsg., eingel. und erl. von Alfred Schindler, Manesse Verlag, Zürich 1988. ISBN 3-7175-1756-2
  • Sofia Donka Petkanova: Kindheitslegenden Jesu. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 7. de Gruyter, Berlin 1993, ISBN 3-11-013478-0, Sp. 1355–1361 (online in der Google-Buchsuche).
  • Philipp Vielhauer: Geschichte der urchristlichen Literatur: Einleitung in das Neue Testament, die Apokryphen und die apostolischen Väter. de Gruyter, Berlin/New York 1978, ISBN 3-11-007763-9, S. 672–678 (online in der Google-Buchsuche).
  • Robert McLachlan Wilson: Apokryphen II. In: Theologische Realenzyklopädie Band 3. de Gruyter, Berlin 1978, ISBN 3-11-007462-1, S. 316–362; hier: S. 334–336 (Kindheitserzählung des Thomas) (online in der Google-Buchsuche).

Weblinks[Bearbeiten]