Langzeitbelichtung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Langzeitbelichtung eines Zuges (25 Sekunden)
Der Himmel dreht sich scheinbar um den Polarstern (30 Min).

Von Langzeitbelichtung wird in der Fotografie ab einer Belichtungszeit von mehreren Sekunden gesprochen. Langzeitbelichtungen werden eingesetzt, um auch bei geringem Licht noch fotografieren zu können oder um Bewegungsabläufe aufzuzeigen, im technischen und künstlerischen Bereich.

In der Available-Light-Fotografie werden Langzeitbelichtungen durch hochempfindliche Filme oder Bildsensoren und lichtstarke Objektive nach Möglichkeit vermieden, da hier normalerweise kein Stativ verwendet wird. In der Nachtfotografie werden Langzeitbelichtungen häufig eingesetzt, das Anwendungsgebiet ist jedoch universeller.

Bildwirkung[Bearbeiten]

Typische Langzeitbelichtung (30 s) Hesselberg im späten Abendlicht

Langzeitbelichtungen zeigen einen Ausschnitt der Zeit, wie wir ihn normalerweise nicht wahrnehmen können. Im Gegensatz zu „normalen“ Fotografien halten sie nicht einen kurzen Augenblick fest, sie bilden das Motiv in einem längeren Prozess ab. Bewegungen werden dabei verwischt, sie zerfließen in der Zeit.

Die ca. zweijährigen Belichtungszeiten vom Potsdamer Platz durch Michael Wesely (siehe Weblinks) zeigen einen Horizont durch die neuen Gebäude hindurch, der schon vor der Bebauung des Platzes zu sehen war. Auch die Sonnenbahnen treten als helle Streifen sehr stark in den Vordergrund.

Durch die lange Belichtungszeit ergibt sich bei bewegten Objekten eine große Bewegungsunschärfe, die als gestalterisches Mittel genutzt werden kann (siehe Light Painting). Bewegte Objekte oder Personen verschwimmen und können sogar völlig „verschwinden“, was bei z. B. Architekturaufnahmen genutzt wird. Im Dunklen hinterlassen helle Objekte (z. B. Scheinwerfer von Fahrzeugen) Lichtstreifen. Langzeitaufnahmen eines Nachthimmels (ohne Beeinflussung störender Lichtquellen wie beispielsweise Straßenbeleuchtungen) lassen die Sterne durch die Erddrehung wie Striche bzw. Kreissegmente aussehen.

Durchführung[Bearbeiten]

Blende 22 / 30 Sek.
Blende 22 / 15 Sek.

Die meisten Langzeitbelichtungen spielen sich im Rahmen von fünf Sekunden bis hin zu mehreren Minuten ab. Der Belichtungszeit ist nach oben kaum eine Grenze gesetzt. Michael Wesely hat extreme Langzeitbelichtungen von bis zu 26 Monaten durchgeführt.

Eine korrekte Belichtung bei langen Zeiten und nicht zu dunklem Motiv kann durch verschiedene Mittel erreicht werden:

  • kleinere Blende, z. B. auf Blende 16 bis 32 (je nach Objektiv)
  • Verwendung eines Films mit geringer Lichtempfindlichkeit, z. B. 50 ASA
  • Graufilter am Objektiv
  • Verringerung des Umgebungslichtes, Dämmerung und Nacht.

Bei einigen Motiven und Motiveffekten, etwa bei Lichtpendelaufnahmen oder Experimenten im Rahmen einer Lomographie, kann auf die Verwendung der ersten drei Mittel auch verzichtet werden.

Soll nur ein sich bewegendes Objekt, nicht aber der Hintergrund verwackelt und verschwommen wiedergegeben werden, so muss die Kamera gegen Verwackeln gesichert werden z. B. durch ein stabiles Stativ. Bei Verwendung eines Stativs sollten Bildstabilisierungs-Systeme abgeschaltet werden. Sie können sonst durch „Überreaktionen“ wieder zu verwackelten Bildern führen. Bei Kameras mit manueller Belichtungseinstellung oder Zeitvorwahl lassen sich lange Belichtungszeiten direkt einstellen.

Auf den meisten Kameras ist die Funktion für die Langzeitbelichtung mit einem B gekennzeichnet, das in Deutschland für Beliebig[1], in den USA für Bulb[2] (engl. Blasebalg/-Ball) steht. Dies rührt daher, dass ältere Kameras mit einer solchen Blasebalgvorrichtung fernausgelöst wurden. Bei den meisten elektronisch gesteuerten Kameras wird die Belichtungszeit jedoch durch die Kapazität der Batterie begrenzt, da das Offenhalten des Verschlusses Strom benötigt. Kameras mit mechanischem Verschluss erlauben (nahezu) unbegrenzte Belichtungszeiten, für Kameras ohne Verschluss, etwa Lochkameras, gilt dies ebenso. Für die erschütterungsfreie Betätigung des Verschlusses ist ein Drahtauslöser, bei moderneren Kameras ein Auslösekabel oder Funkfernauslöser und – so vorhanden – Spiegelvorauslösung hilfreich, alternativ kann der verzögerte Selbstauslöser benutzt werden.

In den Anfängen der Fotografie war die Langzeitbelichtung kein reines Gestaltungsmittel, sondern eine Notwendigkeit. Gründe dafür waren die geringe Empfindlichkeit des Fotomaterials und die geringe Lichtstärke der verwendeten Objektive. Tagesaufnahmen belebter Straßen zeigen daher oft keine oder schemenartig verwischte Personen, für Porträtaufnahmen waren Hilfsmittel notwendig.

Besonderheiten[Bearbeiten]

Zu beachten ist, dass bei chemischem Filmmaterial durch den Schwarzschildeffekt längere Belichtungszeiten notwendig sind, als der Belichtungsmesser angibt. Diese Abweichung ist abhängig vom Filmmaterial.

Bei digitalen Kameras entfällt diese Korrektur, dafür entsteht ein höheres Rauschen des Bildsensors, das zum Teil durch bestimmte „Entrauschungsverfahren“ ausgeglichen werden kann. Bei modernen Digitalkameras wird im Anschluss an die Langzeitbelichtung ein Bild bei geschlossenem Verschluss als „Rauschmuster“ aufgenommen. Dieses Muster wird benutzt, um das Rauschen des aufgenommenen Bildes zu reduzieren. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass einige Kameras das Rauschmuster genauso lange aufnehmen wie das Bild und die Kamera in dieser Zeit (beispielsweise bei der Blitzfotografie) nicht einsatzbereit ist.

Eine weitere sehr effektive Methode, welche jedoch nicht angewendet werden kann, wenn sich im Bild Bewegungsmuster befinden, ist die Methode der mehrfachen Aufnahmen. Hierbei wird das Bild mit absolut identischen Einstellungen mehrfach aufgenommen. Da sich Störungen bezüglich Bildrauschen zufällig verhalten, können diese in einem Bildbearbeitungsprogramm wie Photoshop über diese Bilder herausgerechnet werden. In der modernen, digitalen Fotografie nennt man diese Methode auch "stacken". Ebenso wird diese Methode bei der Schärfentiefeerweiterung genutzt.

Beispielbilder[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Klaus-Eckard Riess' (Dänemark): Auf und ab mit Compur
  2. T. Rand Collins MD on the Wonderful World of Vintage Camera Photography: Shutters (Englisch)