Levirat

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Levirat (von lateinisch levirSchwager“), Leviratsehe oder Schwagerehe bezeichnet in der Ethnosoziologie eine unter anderem jüdische Sitte (hebräischייבום‎, Jibbum), die vorschreibt, dass der Bruder eines kinderlos Verstorbenen dessen Witwe heiratete. Sie tritt als Schutzbestimmung für die Erhaltung der erbberechtigten männlichen Nachkommenschaft einer israelitischen Familie in der Tora auf.

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Das Levirat wird in der Bibel erstmals in Genesis 38 LUT erwähnt und als Gesetz in Deuteronomium 25,5–10 LUT. In Mischna und Talmud wird der Jibbum ausführlich im Traktat Jewamot (מַסֶּכֶת יְבָמוֹתSchwägerinnen“, siehe Seder Naschim) behandelt. Voraussetzung war, dass der Bruder ohne männliche Nachkommen verstarb. Damit war der Familienbesitz gefährdet. Um diesen Besitz zu schützen, der nach der Tora von Gott JHWH durch Josua verteilt worden war, und die Stellung der Witwe zu sichern, heiratete der nächste Bruder, sofern er volljährig war, seine Schwägerin. Sollte er nicht in der Lage sein, die Schwägerin zu heiraten, ging die Pflicht auf den folgenden Bruder über. Wenn der betreffende Bruder noch nicht heiratsfähig war, musste die Witwe bis zu dessen Volljährigkeit warten. Ziel war es, einen männlichen Nachkommen zu zeugen, der den „Namen und Rechtsstellung“ des verstorbenen Gatten erhielt und rechtlich als dessen Sohn galt. Die Schwagerehe war nicht gestattet, wenn aus der ersten Ehe Söhne vorhanden waren. Der Vollzug des Levirats war eine religiöse Pflicht, kam aber nur bei Zustimmung beider Parteien zur Ausübung.

Ḥaliẓah- oder Chalitza-Schuh (New York, 20. Jahrhundert)

Wenn einer der beiden Beteiligten nicht einwilligt, wird die Zeremonie der Chalitza (Ḥaliẓah)[1] ausgeführt. Dabei zieht die Witwe dem Levir (Schwager) einen Chalitza-Schuh aus und spuckt vor ihm auf die Erde. Dabei wird ein bestimmter Spruch gesagt. Dies wurde traditionell vor den Ältesten vollführt, später wandelte es sich jedoch zu einer öffentlichen Zeremonie. Seit der Zeit Raschis um 1100 n. Chr. wurde die Chalitza dem Levirat vorgezogen.

„Wenn Brüder beieinander wohnen und einer stirbt ohne Söhne, so sollte seine Witwe nicht die Frau eines Mannes aus einer andern Sippe werden, sondern ihr Schwager soll zu ihr gehen und sie zur Frau nehmen und mit ihr die Schwagerehe schließen. Und der erste Sohn, den sie gebiert, soll gelten als der Sohn seines verstorbenen Bruders, damit dessen Name nicht ausgetilgt werde aus Israel. Gefällt es aber dem Mann nicht, seine Schwägerin zu nehmen, so soll sie, seine Schwägerin, hingehen ins Tor vor die Ältesten und sagen: Mein Schwager weigert sich, seinem Bruder seinen Namen zu erhalten in Israel, und will mich nicht ehelichen. Dann sollen ihn die Ältesten der Stadt zu sich rufen und mit ihm reden. Wenn er aber darauf besteht und spricht: Es gefällt mir nicht, sie zu nehmen –, so soll seine Schwägerin zu ihm treten vor den Ältesten und ihm den Schuh vom Fuß ziehen und ihm ins Gesicht speien und soll antworten und sprechen: So soll man tun einem jeden Mann, der seines Bruders Haus nicht bauen will! Und sein Name soll in Israel heißen des ‚Barfüßers Haus‘.“

5. Buch Mose (Deuteronomium) 25,5–10

Eine ähnliche Einrichtung wie das Levirat war im zweiten persischen Großreich der Sassaniden das Recht der Čagar-Ehe (siehe auch çagar: Dienstverpflichtete bei den Kumyken). Heute ist das Levirat als bevorzugte Heirat des Schwagers teilweise bei mongolischen und turkischen Völkern verbreitet.

Siehe auch[Bearbeiten]

  • Onan (biblische Gestalt: musste seine Schwägerin Tamar heiraten, um Nachkommen für seinen verstorbenen Bruder zu zeugen)
  • Sadduzäerfrage (Wenn eine Frau der Reihe nach mit allen sieben Brüdern einer Familie verheiratet gewesen sei…)
  • Sororat (Schwägerinheirat, wenn die Ehefrau kinderlos stirbt)

Weblinks[Bearbeiten]

  • David Volgger: Levirat / Leviratsehe. In: Michaela Bauks, Klaus Koenen, Stefan Alkier (Hrsg.): Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), Stuttgart 2006 ff. Artikel vom Januar 2008.
  • Gabriele Rasuly-Paleczek: Einführung in die Formen der sozialen Organisation (Teil 3/5). Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien, 2011, S. 108–109, archiviert vom Original am 17. Oktober 2013, abgerufen am 31. Januar 2014 (PDF; 853 kB, 52 Seiten; Unterlagen zu ihrer Vorlesung im Sommersemester 2011).
  • Helmut Lukas, Vera Schindler, Johann Stockinger: Levirat. In: Interaktives Online-Glossar: Ehe, Heirat und Familie. Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien, 1997, abgerufen am 31. Januar 2014 (vertiefende Anmerkungen, mit Quellenangaben).
  • Helmut Lukas, Vera Schindler, Johann Stockinger: Antizipatorisches Levirat. In: Interaktives Online-Glossar: Ehe, Heirat und Familie. Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien, 1997, abgerufen am 31. Januar 2014 (vertiefende Anmerkungen, mit Quellenangaben).
  • Hans-Rudolf Wicker: Leitfaden für die Einführungsvorlesung in Sozialanthropologie. Institut für Sozialanthropologie, Universität Bern, 2005, S. 17, abgerufen am 31. Januar 2014 (PDF; 532 kB).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eintrag: ḤALIẒAH („taking off, untying“). In: JewishEncyclopedia.com. USA, 1906, abgerufen am 31. Januar 2014 (englisch).