Märe

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Für den Berg siehe Märe (Berg)

Das Märe (siehe auch die volkstümliche Mär) ist eine deutschsprachige schwankhafte oder belehrende kurze Verserzählung. Die Gattung entstand im 13. Jahrhundert und hatte ihre Blütezeit im Spätmittelalter. Wie einer Fabel geht dem Märe häufig ein Promythion voraus, oder es folgt ein Epimythion, also eine kurze moralisierende Auslegung der Geschichte. Diese hat nicht immer etwas mit dem vorher behandelten Inhalt zu tun: Manchmal enthält sie baren Unsinn.

Das Märe wurde von dem bedeutenden Tübinger Mediävisten Hanns Fischer folgendermaßen definiert:

Das Märe ist eine in paarweise gereimten Viertaktern versifizierte, selbständige und eigenzweckliche Erzählung mittleren (d. h. durch die Verszahlen 150 und 2000 ungefähr umgrenzten) Umfangs, deren Gegenstand fiktive, diesseitig-profane und unter weltlichem Aspekt betrachtete, mit ausschließlich (oder vorwiegend) menschlichem Personal vorgestellte Vorgänge sind.[1]

Fischer unterscheidet aufgrund ihrer Inhalte drei Grundtypen: schwankhafte Mären, höfisch-galante Mären und moralisch-exemplarische Mären.[2] Mischformen können vorkommen.

In der Forschung ist diese genaue Definition des Märes jedoch umstritten. (Vgl. Ziegeler bzw. Heinzle). Kritisiert wird unter anderem, dass die Definition aus einer Negativ-Abgrenzung abgeleitet ist, dass die Mären in Fischers Katalog nicht seiner Definition entsprechen (z. B. im Umfang) und dass die Abgrenzung gegenüber Bispel und Roman ungenau ist. Außerdem zeigte die Praxis, dass die Definition nicht ausreicht, um eine Gattung Märe zu konstituieren. Haug geht sogar davon aus, dass es die Gattung Märe nicht gibt.[3] Er spricht von mittelalterlichen Kurzerzählungen.

Als Themen sind erotische Abenteuer und unerhörte Begebenheiten vorherrschend, in denen eine kritische Situation durch originelles und mutiges Agieren der handelnden Personen gelöst wird. Insofern steht das Märe der Novelle nahe. Bei manchen Mären ist ein direkter Bezug zu Boccaccios Decamerone erkennbar.

Hans Rosenplüt, Der Stricker, Heinrich Kaufringer und Hans Folz gelten als die vier großen Märendichter des Mittelalters. Ein bekannter Märenautor ist auch Konrad von Würzburg ("Herzmäre", "Heinrich von Kempten"). In der Regel sind die Texte jedoch anonym überliefert. Nicht selten gibt es mehrere Varianten derselben Verserzählung („Schneekind A“, „Schneekind B“). Viele Mären erhielten ihren Titel erst durch Hanns Fischer.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hanns Fischer: Studien zur deutschen Märendichtung, Tübingen 1968. Zweite durchgesehene und erweiterte Auflage besorgt von Johannes Janota, Tübingen 1983
  • Novellistik des Mittelalters. Märendichtung, Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Klaus Grubmüller, (= Bibliothek des Mittelalters; Band 23), Frankfurt a.M. 1996
  • Klaus Grubmüller: Die Ordnung, der Witz und das Chaos. Eine Geschichte der europäischen Novellistik im Mittelalter: Fabliau – Märe – Novelle, Tübingen 2006
  • Klaus Grubmüller: Wolgetan an leibes kraft. Zur Fragmentierung des Ritters im Märe, in: Literarische Leben. Rollenentwürfe in der Literatur des Hoch- und Spätmittelalters. Festschrift für Volker Mertens zum 65. Geburtstag. Hg. von M. Meyer und H.-J. Schiewer, Tübingen 2002, Seite 193–207
  • Klaus Grubmüller: Der Tor und der Tod. Anmerkungen zur Gewalt in der Märendichtung, in: Spannungen und Konflikte menschlichen Zusammenlebens in der deutschen Literatur des Mittelalters. Bristoler Colloquium 1993. Hg. von K. Gärtner, I. Kasten und F. Shaw, Tübingen 1996, Seite 340–347
  • Walter Haug: Entwurf zu einer Theorie der mittelalterlichen Kurzerzählung, in: Walter Haug und Burghart Wachinger (Hgg.), Kleinere Erzählformen des 15. und 16. Jahrhunderts, (= Fortuna Vitrea Band 8), Tübingen 1993, Seite 1–36
  • Joachim Heinzle: Märenbegriff und Novellentheorie. Überlegungen zur Gattungsbestimmung der mittelhochdeutschen Kleinepik., in: ZfdA 107 (1978), Seite 121–138
  • Joachim Heinzle: Altes und neues zum Märenbegriff, in: ZfdA 99 (1988), Seite 277–296
  • Jan-Dirk Müller: Noch einmal: Märe und Novelle, in: A. Ebenbauer: Philologische Untersuchungen. FS Elfriede Stutz. Wien 1984, Seite 289–311
  • Karl-Heinz Schirmer (Hg.): Das Märe. Die mittelhochdeutsche Versnovelle des späteren Mittelalters, (= Wege der Forschung; Band 558), Darmstadt 1983
  • Karl-Heinz Schirmer: Liebe und Ehe. Die Dreieckssituation, in: Karl-Heinz Schirmer, Stil- und Motivuntersuchungen zur mittelhochdeutschen Versnovelle, Tübingen 1969, Seite 144–236
  • Wolfgang Spiewok (Hrsg.): "Altdeutsches Decamerone", Rütten/Loening, Berlin 1989 ISBN 3-352-00268-1
  • Ingrid Strasser: Vornovellistisches Erzählen. Mittelhochdeutsche mären bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts und altfranzösische Fabliaux, (= Philologica Germanica; Band 10), Fassbaender, Wien 1989
  • Hans-Joachim Ziegeler: Erzählen im Spätmittelalter. Mären im Kontext von Minnereden, Bispeln und Romanen, (= Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters; Band 87), München 1985
  • Hans-Joachim Ziegeler: Boccaccio, Chaucer, Mären, Novellen. ‚The Tale of Cradle’., in: Kleinere Erzählformen im Mittelalter. Paderborner Colloquium 1987, Hg. von K. Grubmüller, L. P. Jackson und H.-H. Steinhoff, Paderborn u. a. 1988 (Schriften der Universität-Gesamthochschule-Paderborn: Reihe Sprach- und Literaturwissenschaft 10), Seite 9–31

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hanns Fischer: Studien zur deutschen Märendichtung, Tübingen 1968, S. 62–3
  2. Fischer, l.c., S. 101–13.
  3. Walter Haug: Entwurf zu einer Theorie der mittelalterlichen Kurzerzählung (in: Walter Haug und Burghart Wachinger (Hgg.), Kleinere Erzählformen des 15. und 16. Jahrhunderts, (= Fortuna Vitrea Band 8), Tübingen 1993, S. 1–36), 5