Mittelhochdeutsch

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Mittelhochdeutsch

Gesprochen in

mittel- und oberdeutscher Sprachraum
Sprecher seit ca. 1350 keine mehr
Linguistische
Klassifikation
Sprachcodes
ISO 639-1:

ISO 639-2:

gmh

ISO 639-3:

gmh

Mittelhochdeutsch (Mhd.) bezeichnet im weiteren Sinn eine ältere Sprachstufe der deutschen Sprache, nämlich sämtliche hochdeutschen Varietäten etwa zwischen 1050 und 1350 (das entspricht ungefähr dem Hochmittelalter). Das Lexem „mittel-“ beschreibt also keine geografischen Sprachregionen, sondern betitelt die von der Neuzeit aus chronologisch mittlere der hochdeutschen Sprachformen.

Im engeren Sinn bezeichnet Mittelhochdeutsch die Sprache der höfischen Literatur zur Zeit der Staufer. Für diese Sprache wurde im 19. Jahrhundert im Nachhinein eine vereinheitlichende Orthografie geschaffen, das normalisierte „Mittelhochdeutsch“, in dem seither viele Neuausgaben der alten Texte geschrieben werden. Wenn von Merkmalen des Mittelhochdeutschen die Rede ist, dann ist normalerweise diese Sprachform gemeint.

Das Mittelhochdeutsche als ältere Sprachstufe des Deutschen[Bearbeiten]

Das Mittelhochdeutsche als ältere Sprachstufe des Deutschen liegt ursprünglich nur in einer Vielzahl regionaler Sprachvarietäten vor.

Dem Mittelhochdeutschen ging das Althochdeutsche (Ahd.) (etwa 750 bis 1050, Frühmittelalter) voraus. Von diesem unterscheidet es sich insbesondere durch die Neben- und Endsilbenabschwächung. Vom Althochdeutschen zum Mittelhochdeutschen gab es keine schriftliche Kontinuität. Da im 10. und 11. Jahrhundert fast ausschließlich Latein geschrieben wurde, setzte die Verschriftlichung des Deutschen mit dem Mittelhochdeutschen erst wieder neu ein. Dadurch erklären sich die besonders in den früheren mittelhochdeutschen Schriften des 12. Jahrhunderts recht unterschiedlichen Schreibungen.

Für die Zeit von etwa 1350 bis 1650 (etwa das Spätmittelalter bis Frühe Neuzeit) spricht man von Frühneuhochdeutsch (Frnhd.). Doch muss diese Abgrenzung in den verschiedenen Sprachregionen unterschiedlich getroffen werden, denn wo die neuhochdeutschen Sprachmerkmale nicht in den Dialekten verankert waren, wurde länger an älteren Sprachformen festgehalten. So hat sich beispielsweise in der Deutschschweiz das Frühneuhochdeutsche erst im späten 15. Jahrhundert durchgesetzt.[1]

Neben der neuhochdeutschen Sprache ging aus dem Mittelhochdeutschen auch die jiddische Sprache hervor.

Zeitliche Einordnung[Bearbeiten]

Als mittelhochdeutsch werden alle Texte in einem hochdeutschen Idiom aus der Zeit von ungefähr 1050 bis 1350 bezeichnet. Der Beginn des Mittelhochdeutschen wird in der historischen Linguistik sehr einheitlich um das Jahr 1050 festgelegt, da ab diesem Zeitpunkt einige sprachliche Veränderungen gegenüber den althochdeutschen Varietäten erkennbar sind, besonders im Phonemsystem, aber auch in der Grammatik.

Das Ende der mittelhochdeutschen Epoche ist umstritten, da die Forscher des 19. Jahrhunderts mit diesem Begriff jegliche Texte bis zur Zeit Martin Luthers bezeichneten. Diese Einteilung geht hauptsächlich auf die Brüder Grimm zurück. Heute verwendet man den Begriff Mittelhochdeutsch nur noch für Texte, die bis um das Jahr 1350 entstanden sind, und spricht danach von Frühneuhochdeutsch.

Die folgende Gliederung der mittelhochdeutschen Epoche basiert hauptsächlich auf literaturhistorischen, also sprachexternen und auf den Inhalt bezogenen Kriterien. Es gibt jedoch auch eine Abweichung und Entwicklung in der Grammatik, der Wortbedeutung und im Schreibstil, die diese Einteilung rechtfertigen.

  • Frühmittelhochdeutsch (1050–1170)
  • klassisches Mittelhochdeutsch (1170–1250)
  • Spätmittelhochdeutsch (1250–1350)

In den meisten Darstellungen wird vorwiegend das klassische Mittelhochdeutsch behandelt, welches die Sprache von Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg und von Walther von der Vogelweide war.

Räumliche Gliederung[Bearbeiten]

Das Mittelhochdeutsche war in sich keine einheitliche Schriftsprache; vielmehr gab es unterschiedliche Schreibformen und Schreibtraditionen in den verschiedenen hochdeutschen Regionen. Die regionale Gliederung des Mittelhochdeutschen deckt sich oft mit den rezenten dialektalen Großräumen und Aussprache-Isoglossen, jedoch haben sich diese Dialektgrenzen seit dem Mittelalter auch verschoben. Beispielsweise ging die Ausdehnung des Niederdeutschen, dessen schriftliche Relikte nicht als Teil der mittelhochdeutschen Literatur gesehen werden, deutlich weiter in den Süden, als es heute der Fall ist.

Die Entstehungsregion der mittelhochdeutschen Texte ist meist an unterschiedlichen Lautformen und am Vokabular, aber auch durch unterschiedliche grammatikalische Formen erkennbar, und darauf basierend teilt die Germanistik das Mittelhochdeutsche in folgende Varietäten. Diese Gliederung basiert auf der Arbeit von Hermann Paul (1846–1921) und ist bis heute nicht vollständig befriedigend. Vor allem ist nicht endgültig untersucht worden, welcher Text exakt welcher Region zuzuordnen ist, da auch viele Texte von unterschiedlichen Autoren verfasst wurden. (Folgende Tabelle zitiert aus Wilhelm Schmidt, Geschichte der deutschen Sprache, 10. Auflage, 2007, S. 276):

Oberdeutsch

  • Alemannisch
    • Süd- oder Hochalemannisch (heute Schweiz und Südbaden)
    • Niederalemannisch oder Oberrheinisch (Elsass, Süden von Baden-Württemberg, Vorarlberg)
    • Nordalemannisch oder Schwäbisch (in Württemberg und im bayerischen Schwaben)
  • Bairisch
    • Nordbairisch (bis in den Nürnberger Raum, Oberpfalz, südliches Vogtland)
    • Mittelbairisch (Nieder- und Oberbayern, Nieder- und Oberösterreich, Wien und Salzburg)
    • Südbairisch (Tirol, Kärnten, Steiermark)
  • Ostfränkisch (bayerisches Franken, Südthüringen, Südwestsachsen, Teil von Baden-Württemberg)
  • Südrheinfränkisch (Baden, Teile von Nordwürttemberg)

Mitteldeutsch

  • Westmitteldeutsch
    • Mittelfränkisch (Rheinland von Düsseldorf bis Trier, nordwestlicher Teil von Hessen, Nordwesten von Lothringen inklusive Ripuarisch (um Köln) und Moselfränkisch (um Trier)).
    • Rheinfränkisch (südlicher Teil des Rheinlands, Teil von Lothringen, Hessen, Teil des bayerischen Franken, Teil Württembergs und Badens, Rheinpfalz und Nordrand des Elsass)
  • Ostmitteldeutsch
    • Thüringisch
    • Obersächsisch mit Nordböhmisch*
    • Schlesisch mit Lausitzisch*
    • Hochpreußisch (südlicher Teil des Ermlands)*

Die mit (*) markierten letzten drei regionalen Varietäten des Mittelhochdeutschen bildeten sich erst in dieser Zeit in Gegenden, die davor slawischsprachig waren (siehe Kolonialdialekte).

Das Mittelhochdeutsche als Sprache der staufischen höfischen Literatur[Bearbeiten]

Die Herrschaft der Staufer schuf die Voraussetzung dafür, dass sich etwa von 1150 bis 1250 in der höfischen Literatur eine überregionale Dichter- und Literatursprache herausbildete.[2] Diese Sprache beruhte auf schwäbischen und ostfränkischen Dialekten. Mit dem Niedergang der Staufer verschwand auch diese relativ einheitliche überregionale Sprachform.

Diese Sprache ist normalerweise gemeint, wenn von Merkmalen des Mittelhochdeutschen die Rede ist. Allerdings ist es nicht so, dass sich das Neuhochdeutsche aus diesem Mittelhochdeutschen im engeren Sinn entwickelt hätte. Es ist also höchstens begrenzt eine ältere Sprachstufe des Neuhochdeutschen. So gab es schon zu jener Zeit Dialekte, welche typische Lautmerkmale des Neuhochdeutschen aufwiesen. Bereits aus dem 12. Jahrhundert sind kärntnerische Urkunden überliefert, in denen die neuhochdeutsche Diphthongierung auftritt. Umgekehrt werden noch heute Dialekte mit typischen Lautmerkmalen des Mittelhochdeutschen im engeren Sinn gesprochen. So haben viele alemannische Dialekte die mittelhochdeutschen Monophthonge und Diphthonge bewahrt.

Die Frage einer Hochsprache[Bearbeiten]

Das Mittelhochdeutsche der staufischen höfischen Dichtung war keine Standardsprache im heutigen Sinn, denn es gab keine Standardisierung von Orthografie oder Wortschatz. Es hatte aber eine überregionale Geltung. Das lässt sich daran erkennen, dass es auch von Dichtern verwendet wurde, die aus anderen Dialektgebieten stammten, beispielsweise von Heinrich von Veldeke oder von Albrecht von Halberstadt, dass einzelne Dichter im Laufe ihres Lebens immer mehr Regionalismen aus ihren Werken tilgten und dass sich aufgrund sprachlicher Merkmale die Herkunft der Dichter oft nur sehr ungenau ausmachen lässt, während Dialektmerkmale eine sehr genaue Verortung der sprachlichen Herkunft ermöglichen würden.

Geltungsbereich[Bearbeiten]

Der Geltungsbereich des Mittelhochdeutschen der staufischen höfischen Literatur beschränkte sich auf die höfische Literatur, die während der Zeit der Staufer ihre große Blüte hatte und sich an den Adel richtete. Gebrauchssprachliche Textgattungen, in denen eine überregionale Verständlichkeit weniger wichtig war als eine möglichst breite Verständlichkeit durch alle sozialen Schichten, verwendeten regionale Sprachformen (Rechtstexte, Sachliteratur, Chroniken, religiöse Literatur etc.). Eine breite Überlieferung derartiger Textsorten setzt erst im 13. Jahrhundert ein, da zuvor solche Texte meist in Latein geschrieben wurden.

Die Werke der staufischen höfischen Dichtung gehören zu den bekanntesten mittelhochdeutschen, beispielsweise das Nibelungenlied, der deutsche Lucidarius, der „ParzivalWolframs von Eschenbach, der „TristanGottfrieds von Straßburg, die Gedichte Walthers von der Vogelweide sowie als Gattung Minnesang.

Das normalisierte Mittelhochdeutsch[Bearbeiten]

Für die Textausgaben der wichtigen mittelhochdeutschen Dichtungen, für Wörterbücher und Grammatiken wird heute das im Wesentlichen auf Karl Lachmann zurückgehende normalisierte Mittelhochdeutsch verwendet, das im Grundsatz die Formen der staufischen höfischen Literatur verwendet, aber natürlich die oft vielfältigen Schreibungen der damaligen sprachlichen Realität nicht wiedergibt.

Aussprache[Bearbeiten]

Die Betonung eines Worts liegt stets auf der ersten Haupttonsilbe. Vokale mit einem Zirkumflex (ˆ) werden lang gesprochen, Vokale ohne Zirkumflex werden kurz gesprochen. Aufeinanderfolgende Vokale werden getrennt betont. Die Ligaturen æ und œ werden wie ä und ö gesprochen.

Das s wird spitz gesprochen, wenn auf s ein Konsonant folgt, außer bei sch und sc; dort wird das s nicht spitz gesprochen. Ein z im Wortanlaut oder nach einem Konsonanten wird wie das neuhochdeutsche z als [ts] ausgesprochen. Ein z oder zz in der Mitte und am Ende des Worts wird ausgesprochen wie ß (zur besseren Unterscheidung oft geschrieben als ȥ oder ʒ). Das v wird am Wortanlaut als [f] gesprochen.

Der Buchstabe <h> wird im Anlaut als [h] gesprochen (Beispiel: hase), in Binnen- und Auslaut dagegen als [x] (hôch, nâhe, naht, fuhs); er dient niemals als Dehnungszeichen.[3]

Vokalismus[Bearbeiten]

Die folgende Übersicht zeigt das Vokalsystem des (Normal-)Mittelhochdeutschen:

Kurzvokale: a, ë, e, i, o, u, ä, ö, ü
Langvokale: â, ê, î, ô, û, æ, œ, iu (langes ü)
Diphthonge: ei, ie, ou, öu, uo, üe

Es ist zu beachten, dass ei als [ɛɪ] zu sprechen ist (also nicht [] wie im Neuhochdeutschen, sondern wie ej oder äi, vgl. ay in englisch day); ie ist nicht ein langes [i], sondern [].

Die wichtigsten Unterschiede zwischen Mittelhochdeutsch und Neuhochdeutsch betreffen den Vokalismus:

  • Die mittelhochdeutschen Langvokale [iː yː uː] entsprechen den neuhochdeutschen Diphthongen [aɪ ɔʏ aʊ] (neuhochdeutsche Diphthongierung). Beispiele: mînmein, liutLeute, hûsHaus
  • Die mittelhochdeutschen öffnenden Diphthonge [iə yə uə] entsprechen den neuhochdeutschen Langvokalen [iː yː uː] (neuhochdeutsche Monophthongierung). Beispiele: lieplieb, müedemüde, bruoderBruder
  • Die mittelhochdeutschen Diphthonge [ɛɪ øu ɔʊ] entsprechen den offeneren neuhochdeutschen Diphthongen [aɪ ɔʏ aʊ] (neuhochdeutscher Diphthongwandel). Beispiele: beinBein, böumeBäume, boumBaum
  • Die meisten mittelhochdeutschen Kurzvokale in offenen Silben entsprechen neuhochdeutschen gedehnten Langvokalen (Dehnung in offener Tonsilbe). Beispiele ligenliegen, sagensagen, nëmennehmen. Diese Dehnung ist im Neuhochdeutschen jedoch in der Regel ausgeblieben vor -t sowie vor -mel und -mer. Beispiele geriten - geritten, site - Sitte, himel - Himmel, hamer - Hammer.

Grammatik[Bearbeiten]

Die Grammatik des Mittelhochdeutschen ist kaum von der des Neuhochdeutschen verschieden. Die wichtigsten Unterschiede sind:

  • Alle mittelhochdeutschen o-Stämme treten im Neuhochdeutschen in andere Klassen über
  • Das Mittelhochdeutsche kannte keine gemischte Deklination
  • Das Mittelhochdeutsche kennt archaische du-Formen in vielen Zeiten

Substantive[Bearbeiten]

Deklination der starken Substantive
Kasus 1. Klasse mask. 1. Klasse neutr. 2. Klasse feminin 4. Klasse mask. 4. Klasse neutr. 4. Klasse fem.
Nominativ Singular
Akkusativ Singular
tac wort gëbe gast blat kraft
Genitiv Singular tages wortes gëbe gastes blates krefte*
Dativ Singular tage worte gëbe gaste blate krefte*
Nominativ Plural
Akkusativ Plural
tage wort gëbe geste bleter krefte
Genitiv Plural tage worte gëben geste bleter krefte
Dativ Plural tagen worten gëben gesten bletern kreften
* eine Nebenform im Gen./Dat. Singular ist kraft
  • Feminina der dritten Klasse flektieren wie diejenigen der 4. Klasse, jedoch ohne Umlaut und Nebenform:
    zît, zîte, zîte, zît, zîte, zîte, zîten, zîte
Deklination der schwachen Substantive
Kasus Maskulin Feminin Neutrum
Nominativ Singular
Akkusativ Singular
bote
boten
zunge
zungen
hërze
Genitiv Singular
Dativ Singular
Plural
boten zungen hërzen

Verben[Bearbeiten]

Konjugation eines starken Verbs
Person Präsens Ind. Präsens Konj. Präteritum Ind. Präteritum Konj.
ich biuge biege bouc büge
du biugest biegest büge bügest
er/siu/ez biuget biege bouc büge
wir biegen biegen bugen bügen
ir bieget bieget buget büget
sie biegent biegen bugen bügen
Infinitiv: biegen, Imperativ: biuc!
Partizip Präsens: biegende, Partizip Präteritum: gebogen
Konjugation der schwachen Verben
Person Präsens Indikativ Präsens Konjunktiv Präteritum Indikativ/Konjunktiv
ich lëbe lëbe lëb(e)te
du lëbest lëbest lëb(e)test
er/siu/ez lëbet lëbe lëb(e)te
wir lëben lëben lëb(e)ten
ir lëbet lëbet lëb(e)tet
sie lëbent lëben lëb(e)ten
Infinitiv: lëben, Imperativ: lëbe!
Partizip Präsens: lëbende, Partizip Präteritum: gelëb(e)t
Konjugation der Präteritopräsentia
Neuhochdeutsch 1./3. Singular 2. Singular 1./3. Plural & Infinitiv Präteritum
wissen weiz weist wizzen wisse/wësse/wiste/wëste
taugen/nützen touc - tugen* tohte – töhte
gönnen gan ganst gunnen* gunde/gonde – günde
können/kennen kan kanst kunnen* kunde/konde – künde
bedürfen darf darft durfen* dorfte – dörfte
es wagen tar tarst turren* torste – törste
sollen sol/sal solt suln* solde/solte – sölde/solde
vermögen mac maht mugen** mahte/mohte – mähte/möhte
dürfen muoz muost müezen muos(t)e – mües(t)e
* Umgelautete Nebenformen: tügen, günnen, künnen, dürfen, türren, süln
** Nebenformen zu mugen sind: mügen, magen, megen
Die einzigen Partizipien sind: gewist/gewëst zu wizzen und gegunnen/gegunnet zu gunnen.
Konjugation der besonderen Verben
sîn (sein) tuon (tun) wellen (wollen) hân (haben)
Präsens Ind. Singular bin
bist
ist
tuon
tuost
tuot
wil(e)
wil(e)/wilt
wil(e)
hân
hâst
hât
Präsens Ind. Plural birn/sîn/sint
birt/bint/sît/sint
sint
tuon
tuot
tuont
wel(le)n
wel(le)t
wel(le)nt, wellen
hân
hât
hânt
Präsens Konj. Singular
sîst
tuo
tuost
tuo
welle
wellest
welle
habe
habest
habe
Präsens Konj. Plural sîn
sît
sîn
tuon
tuot
tuon
wellen
wellet
wellen
haben
habet
haben
  • Die Formen von gân/gên „gehen“ und stân/stên „stehen“ entsprechen denen von tuon.
  • lân „lassen“ geht wie hân.
  • Im Präteritum stehen was – wâren von sîn,
    wolte/wolde von wellen,
    gie(nc) zu gân/gên,
    hâte / hate / hæte / hête / hete / het / hiete zu hân,
    lie(z) zu lân.
  • tuon hat im Präteritum besondere Formen:
    Präteritum Indikativ: tët(e), tæte, tët(e), tâten, tâtet, tâten
    Präteritum Konjunktiv: tæte, tætest usw.

Weitere Merkmale[Bearbeiten]

  • Keine Großschreibung von Substantiven (im Mittelhochdeutschen wurden nur Namen großgeschrieben).
  • Auslautverhärtung wird grafisch gekennzeichnet (mittelhochdeutsch tac – tage entspricht neuhochdeutsch Tag – Tage).
  • Palatalisierung: Das Mittelhochdeutsche unterschied zwei verschiedene s-Laute: Einerseits das in der zweiten hochdeutschen Lautverschiebung entstandene [s], das auf germanisches t zurückging und mit z/zz geschrieben wurde, beispielsweise in ezzen, daz, grôz. Dieser Laut wurde gleich ausgesprochen wie neuhochdeutsches [s] und entspricht auch einem neuhochdeutschen [s]. Andererseits der auf germanisches s zurückgehende stimmlose alveolo-palatalen Frikativ [ɕ], beispielsweise in sunne, stein, kuss, kirse, slîchen. Dieser Laut entspricht teils einem neuhochdeutschen [s] oder [z], teils einem neuhochdeutschen [ʃ].

Textprobe[Bearbeiten]

Beginn des Nibelungenlieds* Übersetzung

Uns ist in alten mæren   wunders vil geseit
von helden lobebæren,   von grôzer arebeit,
von fröuden, hôchgezîten,   von weinen und von klagen,
von küener recken strîten   muget ír nu wunder hœren sagen.

Ez wuohs in Burgonden   ein vil edel magedîn,
daz in allen landen   niht schœners mohte sîn,
Kriemhilt geheizen:   si wart ein scœne wîp.
dar umbe muosen degene   vil verliesen den lîp.

Uns wurde in alten Erzählungen viel Wundersames gesagt
von ruhmreichen Helden, von großem Leid,
von Freuden, Festen, von Weinen und von Klagen,
vom Kampf kühner Recken sollt ihr nun Wunder hören sagen.

Es wuchs in Burgund ein sehr feines Mädchen heran,
dass in allen Ländern kein schöneres sein konnte,
Kriemhild geheißen: Sie wurde eine schöne Frau.
Deswegen mussten viele Kämpfer ihr Leben verlieren.

*in standardisiertem Mittelhochdeutsch[4]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Wörterbücher

Neuere Wörterbücher (teils noch in Bearbeitung):

Einige ältere Wörterbücher des Mittelhochdeutschen sind online zugänglich:

Einführung
  • Thomas Bein: Germanistische Mediävistik. 2., bearbeitete und erweiterte Auflage, Erich Schmidt-Verlag GmbH & Co., Berlin 2005, ISBN 3-503-07960-2
  • Rolf Bergmann, Peter Pauly, Claudine Moulin: Alt- und Mittelhochdeutsch. Arbeitsbuch zur Grammatik der älteren deutschen Sprachstufen und zur deutschen Sprachgeschichte. Bearbeitet v. Claudine Moulin. 6. Auflage. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2004, ISBN 3-525-20836-7
  • Michael Graf: Mittelhochdeutsche Studiengrammatik. Eine Pilgerreise. Niemeyer, Tübingen 2003
  • Thordis Hennings: Einführung in das Mittelhochdeutsche. 2. Auflage. de Gruyter, Berlin 2003, ISBN 3-11-017818-4
  • Hermann Reichert: Nibelungenlied-Lehrwerk. Sprachlicher Kommentar, mittelhochdeutsche Grammatik, Wörterbuch. Passend zum Text der St. Galler Fassung („B“). Wien: Praesens-Verlag 2007. ISBN 978-3-7069-0445-2. Einführung ins Mittelhochdeutsche auf Basis des Nibelungenlieds.
  • Hilkert Weddige: Mittelhochdeutsch. Eine Einführung. 6. Auflage. Beck, München 2004, ISBN 3-406-45744-4
  • Wilhelm Schmidt: Geschichte der deutschen Sprache – Ein Lehrbuch für das germanistische Studium, 10. Auflage, Hirzel, Stuttgart 2007, ISBN 3777614327
Grammatik
Metrik
  • Herbert Bögl: Abriss der mittelhochdeutschen Metrik – Mit einem Übungsteil. 1. Auflage. Olms, Hildesheim 2006, ISBN 3-487-13142-0

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Mittelhochdeutsch – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: mittelhochdeutsch – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikiversity: Mittelhochdeutsch (Kursangebot) – Kursmaterialien, Forschungsprojekte und wissenschaftlicher Austausch
 Wikibooks: Mittelhochdeutsch – Lern- und Lehrmaterialien
 Wikisource: Mittelhochdeutsch – Quellen und Volltexte

Wörterbücher und sprachwissenschaftliche Projekte[Bearbeiten]

Sonstiges[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stefan Sonderegger: Deutsch im Historischen Lexikon der Schweiz (Kap. 2.3: Frühneuhochdeutsch und älteres Neuhochdeutsch in der Schweiz)
  2. König, Werner: dtv-Atlas zur deutschen Sprache, Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1978, S. 77 ff.
  3.  Hermann Paul: Mittelhochdeutsche Grammatik. Max Niemeyer, Halle 1894, S. 7. (eingeschränkte Online-Version in der Google-Buchsuche)
  4. zitiert nach: Helmut de Boor (Hrsg.): Das Nibelungenlied – zweisprachig. Reprint/Lizenzausgabe, Parkland Verlag, Köln, 5. Aufl. 2003, ISBN 3-88059-985-8, S. 26