Mütterpflege

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Mütterpflege, auch häusliche Wöchnerinnen- und Säuglingspflege, Wochenpflege oder Wochenbegleitung, im Niederländischen kraamzorg, bezeichnet eine professionelle Pflege von Mutter und Kind, einschließlich der Versorgung der weiteren Familienmitglieder, während der unmittelbar auf die Geburt folgenden Zeit, dem Wochenbett. Auch der Begriff Wochenbetthilfe wird für ambulante Pflege rund um die Geburt verwendet. Der Begriff Mütterpflegerin ist eine Berufsbezeichnung für eine entsprechende freiberufliche Tätigkeit in Deutschland.

Das Berufsbild der kraamverzorgster (Berufsbezeichnung der Person, welche die kraamzorg durchführt) gilt dem Ursprung nach als typisch Niederländisch. In den Niederlanden sind ambulante Geburten und Hausgeburten deutlich häufiger und die dort weithin übliche Säuglings- und Wöchnerinnenpflege geht deutlich über eine reine Haushaltshilfe hinaus. So ist es normaler Standard und gesellschaftlich anerkannt, dass eine Mütterpflegerin (kraamverzorgster) im Anschluss an eine Geburt für mehrere Tage die Pflege von Mutter, Kind und Familie (kraamhulp) übernimmt. Es ist üblich, dass die kraamverzorgster neben der Anleitung und Durchführung der Pflege der Wöchnerin und des Säuglings die weitgehende Versorgung der Familie übernimmt. Auch ist sie behilflich bei der Bewirtung der Gäste, die traditionell während der Wochenzeit (kraamtijd) zur Besuch kommen und unterstützt die Durchführung dieser Besuche und sorgt beispielsweise dabei auch für den notwendigen Schutz und Einhaltung des Ruhebdürfnisses der Wöchnerin.

Eine "kraamverzorgster" ist ein wichtige Unterstützerin der Hebammenarbeit, da aufgrund der stärkeren Präsenz und Anwesenheit der qualifizierten Mütterpflegerin die durch eine Hebamme zu addressierenden Entwicklungen bei Mutter und Neugeborenem deutlich früher erkannt und eingeschätzt werden können. Aus diesem Grund wird die Zusammenarbeit der Hebamme und der Mütterpflegerin beidseitig geschätzt und als unbedingt notwendige Ergänzung betrachtet, da gegenseitig die Aufgaben und Leistungsfähigkeit anerkannt werden und das Wohl der Wöchnerin besser gesichert werden kann.

Eine Mütterpflegerin bietet Wöchnerinnen praktische Hilfe nach der Geburt eines Babys an, damit sich Mutter und Baby kennenlernen, zuhause aneinander gewöhnen und von der Geburt erholen können. Bei besonderer Indikation (z. B. Frühgeburtsbestrebungen) können die Leistungen auch schon in der Schwangerschaft in Anspruch genommen werden.

Früher, mit vorhandenen Großfamilien und mehr Hausgeburten, hatten Frauen einen viel unmittelbareren Zugang zu Geburtserfahrungen und es waren bei und nach der eigenen Geburt kompetente Familienmitglieder zur Stelle, wenn Mutter und Kind nach einer Geburt umsorgt werden mussten. Heutzutage ist eine familiäre Unterstützung oft nicht direkt verfügbar, denn meist leben Familienangehörige nicht in derselben Stadt, Väter sind beruflich oft stark eingespannt und viele Frauen sind so oft bei der Bewältigung der schwierigen Zeit nach einer Geburt weitestgehend sich selbst überlassen. Die durch die zunehmende Urbanisierung und Mobilität der Menschen verstärkte Individualisierung der Gesellschaft verstärkt diesen Effekt. Auch die Auswirkungen der Migration von Menschen nach Deutschland und das damit einhergehende Fehlen des familiären Unterstützungsnetzwerks stellen eine gesellschaftliche Herausforderung an das Verständnis von einer die Gesellschaft stärkenden Wochenbettkultur dar. Eine professionelle und organisierte Wöchnerinnen- und Säuglingspflege bzw. Wochenbegleitung ist eine Dienstleistung, die diese Versorgungslücke schließt.

Dabei ist es wichtig, die Wochenbettzeit wieder als einen grundlegenden Bestandteil der Schwangerschaft anzuerkennen, welche nicht "einfach" mit der erfolgten Geburt abgeschlossen ist. In dieser Zeit finden für die weiterführende Mutterschaft entscheidende anatomisch-physiologische und psychologische Prozesse statt, welche die Schwangerschaft abschließen und die Frauen in einem sanften Übergang auf die Mutterschaft vorbereiten. Auch die unmittelbare Familie kann sich auf die veränderten Lebensumständen einstellen.

Um den oft mit einer Krankheit oder Unfallfolgen in Verbindung gebrachten Begriff der Pflege zu vermeiden, wird in Deutschland auch der Begriff der "Wochenbegleitung" verwendet, welcher umfassender die unterstützende und schützende Begleitung der Wöchnerin in der Wochenbettzeit in den Vordergrund stellt. Für ein leichteres Textverständnis wird im Folgenden jedoch weiterhin ausschließlich der Begriff Mütterpflegerin verwendet, auch im Sinne der Wochenbegleiterin oder Familientlotsinn.

Aufgaben einer Mütterpflegerin[Bearbeiten]

Die Hauptaufgabe einer Mütterpflegerin liegt darin, die Mutter bei der Pflege ihres Babys zu unterstützen, in Gesundheitsfragen zu beraten und ihr bei der Organisation des Haushalts zur Seite zu stehen. Dabei

  • kümmert sie sich um eine vollwertige Ernährung der Wöchnerin und deren Familie.
  • sorgt sie für soviel Ordnung (mit Aufräumen und Putzen) und für soviel Beschäftigung der älteren Kinder wie nötig und gewünscht.
  • nimmt sie sich Zeit, Probleme des neu zu organisierenden Alltags und mögliche Lösungen durchzusprechen.
  • unterstützt und berät sie in den Bereichen Stillen, Säuglingspflege, Schwangerschaftsrückbildung, Stressbewältigung und Entspannung.
  • weiß sie, wie ein gesundes Wochenbett ablaufen sollte, gibt Hilfe zur Selbsthilfe, leistet im Notfall Erste Hilfe und informiert die zuständige Hebamme oder den Arzt über den täglichen Verlauf des Wochenbetts und besondere Entwicklungen oder Schwierigkeiten.

Anrecht auf Wöchnerinnen- und Säuglingspflege nach der Geburt[Bearbeiten]

Bis April 2007 wurde, laut § 197 RVO, aus Gründen der Gleichbehandlung von Müttern, die zu Hause entbinden, mit denjenigen, die stationäre Entbindung in Anspruch nehmen, für den Entbindungstag und zumindest für die ersten 6 Tage nach der Entbindung Haushaltshilfe nach § 199 RVO gewährt. Seit April 2007 ist jedoch diese "6-Tage-Regelung" aus § 197 RVO gestrichen. 2012 wurden mit dem Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz die Leistungen bei Schwangerschaft und Mutterschaft als § 24c-24i in das SGB V überführt.

Die Mütterpflege bzw. der Einsatz einer Mütterpflegerin ist demnach in §24c 4. häusliche Pflege / 5. Haushaltshilfe geregelt. Dabei wird in der Regel der Großteil der Kosten von der Krankenkasse übernommen. Hierbei kann man sich auf § 24c, § 24g, § 24h und § 38 SGB V beziehen (siehe auch: Haushaltshilfe bei Schwangerschaft und Entbindung). Bei medizinischer Indikation (z. B. Kaiserschnitt, Brustentzündung, Wochenbettdepression), bescheinigt durch Arzt oder Hebamme, kann die Einsatzdauer noch verlängert werden.

Abgrenzung[Bearbeiten]

Eine Mütterpflegerin bietet den Schutzschirm und tätige Unterstützung für die Wöchnerin, damit diese sich angemessen und selbstbestimmt auf die veränderten Lebensumstände einstellen kann. Dabei übernimmt sie einzelner Teilaufgaben verschiedener Berufsgruppen und ergänzt umfassend deren Leistungen zum Wohle der Wöchnerin in den wichtigen ersten Tagen nach der Geburt, immer unter Berücksichtigung der eigenen Qualifikation und Erfahrungen und den entscheidenden individuellen Bedürfnisse und Besonderheiten der Wöchnerin.

Unterschied zu einer Doula[Bearbeiten]

Die Tätigkeit einer Doula ist stärker auf den Zeitpunkt vor, während und unmittelbar nach der Geburt konzentriert und mehr mit emotionalen Geschehnissen rund um die Geburt befasst. Wochen- oder Mütterpflege bzw. Wochenbegleitung umfasst eher die praktische Unterstützung der Mutter und des Neugeborenen. Sie kümmert sich intensiver um die Wöchnerin, das neugeborene Kind und um die Betreuung von Haushalt und ggf. Geschwisterkindern.

Unterschied zu einer Haushaltshilfe[Bearbeiten]

Eine Haushaltshilfe kümmert sich nur um Belange der Organisation des Haushalt, ist aber nicht spezialisiert auf Fragen der Wochenbett- und Säuglingspflege. Wochenpflege ist laut Hebammengesetz eine der Hebamme vorbehaltene Tätigkeit. Wer Wochenpflege ausübt, muss von einer Lehrerin für Hebammenwesen ausgebildet sein. Eine Mütterpflegerin ist eine Stütze bei allen gesundheitlichen und seelischen Problemen, die nach der Geburt eines Kindes noch zusätzlich zu den Alltagsproblemen auftauchen können.

Unterschied zu einer Hebamme[Bearbeiten]

Eine Hebamme kommt nach der Geburt auch ins Haus, um das Wohlbefinden von Mutter und Kind zu kontrollieren. Sie hat in der Regel für den Besuch nur begrenzt Zeit und kann sich nicht noch zusätzlich um alle möglichen praktischen Dinge wie Hausarbeit, Ernährung und ältere Kinder kümmern. Insbesondere die fundierte medizinische Beurteilung des Wochenbettverlaufs und der Entwicklung des Neugeborenen stehen bei den Hebammenbesuchen im Vordergrund. Diese Einschätzungen, Beurteilungen und Handlungsempfehlungen können durch die Einbeziehung der Beobachtungen der Mütterpflegerin schneller und, auf die individuellen Umstände der Wöchnerin bezogen, zutreffender getroffen werden.

Ausbildung[Bearbeiten]

In Deutschland findet insbesondere eine Ausbildung zur „hebammengeschulten Mütterpflegerin“ in Deutschlands erster und bisher einzigen privaten Mütterpflegerinnen-Schule in Gießen-Rödgen in Hessen statt. Die Schule wurde 1996 durch die Gründerin des ersten modernen deutschen Geburtshauses, Dorothea Heidorn, ins Leben gerufen und seitdem geleitet. Ihre Arbeit wird seit 1998 durch den an die Schule angeschlossenen Verein für Mütter- und Familienpflege e.V. unterstützt, der deutschlandweit Mütterpflegerinnen vermittelt.

In der EUREGIO (Grafschaft Bentheim) wurde von 2008 bis 2010 im Rahmen der Gemeinschaftsinitiative INTERREG ein Pilotprojekt durchgeführt, um zu versuchen, die Randbedingungen für die grenzübergreifende Ausübung eines am niederländischen Vorbild der kraamverzorgster angelehnten Berufes zu verbessern.[1]

Ausblick[Bearbeiten]

Die Gründung eines ausbildungsübergreifenden Berufsverband, die Professionalisierung der Organisation der Dienstleistung und die abgestimmte Formulierung von Richtlinien zur objektiven und stringenten Qualitätssicherung der Ausbildung und Berufsausübung sind derzeit in Arbeit und greifen die dringende Notwendigkeit für eine Änderung und Stärkung der Wochenbettkultur in Deutschland auf.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kraamzorg II (INTERREG). Abgerufen am 4. Dezember 2014 (niederländisch).