Marie de France

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Marie de France präsentiert ihr Werk Heinrich II von England

Marie de France (* um 1135 in der Region Île-de-France; † um 1200 vermutlich in England) war eine französischsprachige Dichterin.

Leben[Bearbeiten]

Marie ist die erste bekannte Autorin der französischen Literatur, doch hat man keinerlei Informationen über ihre Person außer ihrer eigenen Angabe "Marie ai nun, si suis de France" (Maria heiße ich und bin aus Frankreich), wonach sie aus dem Pariser Raum gebürtig sein müsste. Ihrer profunden Bildung nach zu urteilen, stammte sie sicher aus höchsten Kreisen. Möglicherweise ist sie identisch mit einer unehelichen Tochter Gottfrieds V. von Anjou, d. h. einer Halbschwester des englischen Königs Heinrich II., die als Äbtissin von Shaftesbury bezeugt ist. Das Zielpublikum Maries war jedenfalls der noch überwiegend französischsprachige englische Hof der Zeit, in dessen Umfeld sie offenbar lebte und für den sie entsprechend im anglonormannischen Dialekt schrieb.

Werke[Bearbeiten]

Buchtitel der englischen Ausgabe von 1911

Maries bekanntestes und originellstes Werk sind die Lais, eine Sammlung von zwölf Versnovellen, die jeweils zwischen ca. 100 und ca. 1000 paarweise reimende Achtsilbler umfassen und offenbar über einen längeren Zeitraum hinweg um 1170 entstanden sind. Sie verarbeiten vor allem Märchenmotive, z. B. Feen- und Verwandlungsgeschichten, sowie Sagenstoffe. Letztere sind meist „britannischer“, das heißt keltischer Herkunft, darunter der Tristan und Isolde-Stoff, der hier zum ersten Mal greifbar wird, wenn auch nur in einer einzigen seiner zahlreichen Episoden.

Die Themen der schlicht aber feinsinnig erzählten und auch heute noch ansprechenden Novellen sind sehr unterschiedlich, vor allem aber geht es um die Schwierigkeiten Liebender, zueinander zu kommen und/oder beieinander zu bleiben. In der Mehrzahl der Lais ergeben sich diese Schwierigkeiten nicht zuletzt daraus, dass die geliebte Frau verheiratet ist.

Marie hat darüber hinaus noch eine Sammlung von 102 Fabeln hinterlassen, den Esope oder Ysopet (1170-80). Als Quelle diente ihr, wie sie am Schluss angibt, eine altenglischen Vorlage von „König Alfred“, der seinerseits einer lateinischen Übersetzung der griechischen Fabelsammlung Aesops (6. Jh. v. Chr.?) gefolgt sei (aber sichtlich auch noch andere Quellen benutzt hat).

Ihr letztes Werk ist das um 1190 entstandene L'Espurgatoire seint Patriz, eine Übertragung in französische Verse des lateinischen Prosatexts Tractatus de Purgatorio Sancti Patricii.[1]

Die Lais[Bearbeiten]

Im Einzelnen handelt es sich um die folgenden zwölf Texte:

  • Guigemar oder Guingamor
  • Equitan
  • Le Fresne ('Die Esche')
  • Bisclavret: Die Geschichte von einem Werwolf, der sich nicht mehr zurück in einen Menschen verwandeln kann, weil seine Frau, um ihn loszuwerden, seine Kleidung versteckt hat. Der Betrogene kann sich am Ende jedoch aus seiner misslichen Lage befreien. Die Novelle zeigt, dass die Figuren mittelalterlicher Dichtung keineswegs eindimensional sind; denn der vordergründig böse Werwolf entpuppt sich am Ende als der eigentlich Gute.
  • Lanval
  • Les deus amanz ('Die beiden Liebenden')
  • Yonec
  • Laüstic
  • Milun
  • Chaitivel
  • Chievrefeuil (=Geißblatt): Eine Episode des Tristan-Isolde-Stoffes. Das sich an einem Haselzweig entlangrankende Geißblatt steht für die Zusammengehörigkeit der beiden Liebenden.
  • Eliduc
    • Deutsche Ausgabe: Marie de France. Poetische Erzählungen nach alt-bretonischen Liebes-Sagen. Übers. Wilhelm Hertz, Hg. und Nachwort Günther Schweikle. Phaidon, Essen 1986 ISBN 3888511151 (enthält zehn Texte als Übers., zwei als Inhaltsangaben im Anh.)
  • Marie de France, Die Lais. Übersetzt, mit einer Einleitung, einer Bibliographie sowie Anmerkungen versehen von Dietmar Rieger. Wilhelm Fink Verlag, München 1980 (Zweisprachige Ausgabe).
  • The Lais of Marie de France. Penguin, London 1986, ISBN 0-14-044476-9 (übersetzt von Glyn S. Burgess und Keith Busby).
  • Saint Patrick's Purgatory. A Poem (Medieval and Renaissance Texts & Studies; Bd. 94). Verlag, MRTS, Binghamton, NY 1993, ISBN 0-86698-108-X (übersetzt von Michael Curley).
  • Jean Rychner (Hrsg.): Les Lais de Marie de France (Les classiques français du moyen âges; Bd. 93). Honoré Champion, Paris 1983, ISBN 2-85203-028-4.

Literatur[Bearbeiten]

  • Herman Brät, Marie de France et l'obscurité des anciens. In: Neuphilologische Mitteilungen, Bd. 79 (1978), S. 180–184, ISSN 0028-3754.
  • Ebba Kristine Brightenback: Remarks on the 'Prologue' to Marie de France's Lais. In: Romance Philology, Bd. 30 (1976), S. 168–177, ISSN 0035-8002.
  • Glyn S. Burgess: The Lais of Marie de France: Text and Context. University of Georgia Press, Athens 1987, ISBN 0-8203-0948-6.
  • J. C. Delcos: Encore sur le prologue des Lais de Marie de France. In: Le Moyen Âge/4. Série, Jg. 90 (1984), S. 223–232, ISSN 0027-2841.
  • Bruno W. Häuptli: Marie de France. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 22, Bautz, Nordhausen 2003, ISBN 3-88309-133-2, Sp. 805–808.
  • Ernest Hoepffner: The Breton Lais. In: Roger S. Loomis (Hrsg.): Arthurian Literature in the Middle Ages. A collaborative history. Clarendon Press, Oxford 1979, ISBN 0-19-811588-1 (Nachdr. d. Ausg. Oxford 1959).
  • June Hall McCash: La Vie seinte Audree. A Fourth Text by Marie de France? In: Speculum. A journal of medieval studies, Jg. 77 (2002), S. 744–777, ISSN 0038-7134.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Marie de France – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Aufgrund eines Datierungsfehlers des Tractatus wurde ihr das Werk zeitweise nicht zugeschrieben. Wie jedoch Yolande de Pontfarcy in ihrer kritischen Textausgabe zum L'Espurgatoire ausführt, besteht kein Zweifel, dass die Lais, die Fabeln und diese Dichtung vom gleichen Autor stammen. Vgl. Yolande de Pontfarcy: L'Espurgatoire seint Patriz. Peeters, Löwen 1995, ISBN 2-87723-176-3, S. 38.