Mozart-Effekt

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Mozart-Effekt wird die Hypothese bezeichnet, dass sich das räumliche Vorstellungsvermögen durch das Hören klassischer Musik, insbesondere der Musik von Wolfgang Amadeus Mozart, verbessert.

Die Hypothese geht auf eine Forschungsarbeit der University of California, Irvine zurück, deren Ergebnisse 1993 in der renommierten Fachzeitschrift nature veröffentlicht wurden. In dem Aufsatz berichtet die Forschergruppe von verbesserten IQ-Test-Leistungen nach dem Hören von Mozart-Musik. Der Name „Mozart-Effekt" entstand in der journalistischen Berichterstattung über die Studie und wurde später von Don Campbell patentiert.

Die anfangs aufgestellte Hypothese wurde weder durch zahlreiche unabhängige Nachfolgeexperimente noch durch bei der Vielzahl von Experimenten mögliche Metastudien bestätigt.

Ausgangsstudie der Hypothese[Bearbeiten]

In ihrem Aufsatz mit dem Namen „Music and spatial task performance“ berichtet die Forschergruppe Frances Rauscher, Gordon Shaw und Katherine Ky vom Center for Neurobiology of Learning and Memory an der University of California, Irvine von einem Experiment,[1] bei dem 36 Studenten jeweils einen Teil des Stanford-Binet-Intelligenztests mit räumlichen Aufgaben machten, nachdem sie 10 Minuten Mozarts Sonate für zwei Klaviere in D-Dur (KV448) oder Anweisungen einer Entspannungs-CD oder 10 Minuten lang Stille ausgesetzt waren. Im Intelligenztest schnitten die Studenten nach dem Hören von Mozart durchschnittlich 8-9 IQ-Punkte besser ab als nach dem Hören der anderen beiden Bedingungen. Obwohl die Autoren in ihrer Studie betonten, dass die Leistungssteigerung nur 10-15 Minuten anhielt und noch zu testen wäre, ob die Leistungssteigerung auch für andere kognitive Fähigkeiten und bei anderer Musik zu beobachten wäre, fand die Studie in verkürzter Form schnell Einzug in amerikanische Zeitungen und Bildungspolitik. Während in der New York Times verkündet wurde, dass Mozart nun Beethoven den Rang abgelaufen habe, da Mozarts Musik intelligenter mache, veranlasste der Gouverneur von Georgia, dass jede Mutter eines Neugeborenen eine Klassik-CD geschenkt bekomme. Und in Florida wurde gesetzlich erlassen, dass in öffentlichen Kindergärten täglich eine Stunde Klassik gehört werden sollte. In den Regalen kam der Mozart-Effekt spätestens mit dem populärwissenschaftlichen Buch mit dem für sich sprechenden Titel „Mozart Effect: Tapping the Power of Music to Heal the Body, Strengthen the Mind and Unlock the Creative Spirit“ von Don Campbell sowie zahlreichen Mozart-Effekt-CDs an. Don Campbell meldete für den Begriff „Mozart-Effect" ein Patent an.

Folgestudien und Metaanalysen[Bearbeiten]

Wissenschaftlich betrachtet erfuhr der Mozart-Effekt keine Erfolgsgeschichte. In den späteren 1990er und in den 2000er Jahren versuchten einige Forscherteams, die Ergebnisse von Rauscher zu replizieren, verifizieren und zu systematisieren, dies gelang nicht mehr wie in der vorgegebenen Studie beschrieben.

In der Sektion „Scientific Correspondence“ von Nature erschienen 1999 drei Positionen zum Thema „Prelude or requiem for the 'Mozart effect'“. Christopher Chabris legte hier eine Metaanalyse von 16 Studien vor mit dem Ergebnis, dass der Mozart-Effekt höchstens eine kleine, temporäre Verbesserung bringe und simpel mit der Arousal-and-mood-Hypothese zu erklären sei. Arousal bezeichnet den Erregungszustand, der laut Chabris in der rechten Hirnhemisphäre eintreten würde und in Kombination mit der guten Stimmung aufgrund von angenehm empfundener Musik das Lösen räumlicher Aufgaben erleichtern würde. Eine Forschergruppe um Kenneth Steele beschrieb eine Seite weiter, dass es ihnen nicht geglückt sei, die Ergebnisse von Rauscher zu replizieren, weshalb sie vorschlagen, von einem Requiem für den Mozart-Effekt zu sprechen. Wieder eine Seite später verteidigt Frances Rauscher ihre Ergebnisse und führt ihre Ratten-Studie an, die wiederum später von Steele zurückgewiesen wird mit dem Hinweis, dass das Gehör von Ratten Töne erst ab dem zweigestrichenen C wahrnehmen könne und somit von der Musik Mozarts wenig bei den Tieren ankäme.

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2000 von Lois Hetland findet einen geringen Effekt auf die Leistungen in räumlichen Aufgaben.[2]

In Zweifel gezogen werden die positiven Befunde zum Mozart-Effekt von drei Studien, die in einem Artikel von George S. Howard und Kollegen im Jahr 2009[3] dargestellt werden. In diesem Artikel über die Frage nach der Korrektheit wissenschaftlicher Publikationen und Metaanalysen in der Psychologie berichten sie, drei neue Studien zu dem Thema durchgeführt zu haben, die sich an der Methodologie der bisherigen Studien orientieren, von denen keine einen positiven Effekt von Mozart auf die räumliche Leistungsfähigkeit zeigen konnte. Daher schließen sie, dass die bisherigen Metaanalysen möglicherweise einem Publikationsbias unterlegen haben könnten und raten daher zu weiteren Studienreihen bei denen ein Publikationbias auszuschließen ist.[4]

Lediglich Frances Rauscher selbst veröffentlicht bis heute zum Thema und verteidigt die Entdeckung mit verschiedenen Folgestudien. Sie liefert auch solche Studien bei denen ein Effekt nur mit Musik von Mozart und nicht bei Philip Glass gemessen werden konnte. Sie erstellte auch eine Folgestudie bei der die mit Mozarts Musik beschallten Ratten eine bessere Leistungsfähigkeit zeigten.

Fazit[Bearbeiten]

Zusammenfassend ist die Evidenz nicht ausreichend erwiesen, um einen Zusammenhang zwischen dem Hören von (ausschließlich) Mozarts Musik und der Verbesserung einer Leistung festzustellen. Ausgeschlossen wird nicht, dass in einer angenehmen Umgebung sich die Leistung verbessern lässt.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Frances H. Rauscher, Gordon L. Shaw, Katherine N. KY: Music and spatial task performance. In: Nature Vol. 365, 14. Oktober 1993, S. 611.
  2. L. Hetland: Listening tomusic enhances spatial-temporal reasoning: evidence for the Mozart effect. Journal of Aestethic Education, 34, 105-148.
  3. George S. Howard, Michael Y. Lau, Scott E. Maxwell, André Venter, Rae Lundy, Ryan M. Sweeny: Do research literatures give correct answers?. In: Review of General Psychology. 2009, 13(2), 116-121.
  4. J. Pietschnig, M. Voracek, A.K.Formann: Mozart Effect - Shmozart Effekt: A meta-analysis. Intelligence, 38, 2010, 314-323.

Literatur[Bearbeiten]

  • Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.): Macht Mozart schlau? Die Förderung kognitiver Kompetenzen durch Musik. Bildungsforschung Band 18, Bonn und Berlin 2006. PDF
  • Tanja Gabriele Baudson; Macht klassische Musik schlau? - Warum Mozart hören allein nicht reicht. In: MinD-Magazin, 97, Dezember 2013.
  • Lois Hetland: Listening to music enhances spatial-temporal reasoning: evidence for the „Mozart Effect“. In: Journal of Aesthetic Education 34. 2000, 3/4, S. 105-148.
  • Vesna J. Ivanov und John G. Geake: The Mozart effect and primary school children. In: Psychology of Music 31. 2003, 4. S. 405-413.
  • Catherine S. Jackson, Michael Tlauka: Route-learning and the Mozart effect. In: Psychology of Music 32. 2004,2. S. 213-220.
  • Peter Markl: Doch noch kein Requiem für den "Mozart-Effekt?" In: Österreichische Musikzeitschrift 61. 2006,1/2. S. 38-47.
  • Frances H. Rauscher: Prelude or requiem for the Mozart effect?. In: Nature Vol. 400, 26. August 1999, S. 827–828.
  • E.G. Schellenberg: Long-term positive associations between music lessons and IQ. In: Journal of Educational Psychology, 98 (2006) 457-468.
  • Lynn Waterhouse: Multiple Intelligences, the Mozart Effect, and Emotional Intelligence: A critical review. In: Educational Psychologist, 41 (2006) 207-225.

Weblinks[Bearbeiten]