Alfred A. Tomatis

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Alfred A. Tomatis (* 1. Januar 1920 in Nizza; † 25. Dezember 2001 in Carcassonne) war ein französischer Arzt, der zuerst in Paris als HNO-Arzt praktizierte, bevor er ein APP (Audio-Psycho-Phonologie)-Therapie- und Ausbildungszentrum gründete. Um einem drohenden Ausschluss wegen Betrugs zuvorzukommen trat er, nach Angaben von Stollhoff (2000) der 1970er Jahre, aus der französischen Ärztekammer aus [1]. trat er aus dieser aus. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er im spanischen Exil Carcassonne.

Er entwickelte die pseudomedizinsche, parawissenschaftliche Audio-Psycho-Phonologie (APP), häufig auch Tomatis-Methode, Tomatis-Therapie, Tomatis-Hörkur oder Horch-Therapie, manchmal auch Mozart-Therapie genannt.

Tomatis verbreitete die Ansicht, dass für die kindliche Sprachentwicklung vor allem das rechte Ohr entscheidend sei. Er phantasierte, dass eine wesentliche Ursache der Legasthenie sei ein linksdominantes Hören im Gehirn, das durch seine Methode auf das anzustrebende rechtsdominante Hören umgepolt werden müsse. Überhaupt spiele das Ohr für die kindliche Entwicklung eine herausragenden Rolle; eine besondere Bedeutung habe die Stimme der Mutter, und dies etwa ab dem 4. Schwangerschaftsmonat. Tomatis behauptete, dass Komplikationen in der Schwangerschaft oder bei der Geburt sowie eine Ablehnung des Kindes durch die Mutter dazu führe, dass das Kind unbewusst nicht zuhöre. Dadurch würden die Mittelohrmuskeln ihre Spannung verlieren und die Hörfähigkeit beeinträchtigt.[2]

Bei der Tomatis-Therapie werden dem Patienten über Kopfhörer Sprache, Geräusche und Musik angeboten, deren Klang durch simple Hoch- und Tiefpassfilter technisch verändert ist. Insbesondere werden hoch- oder tieffrequente Anteile verstärkt. Vor allem Musik von Mozart sei angeblich gut geeignet. Sie wird so gefiltert, dass nur noch hohe Töne (ab 8.000 Hz) enthalten sind. Zusätzlich wird die Stimme der Mutter dargeboten (die dazu z.B. einen Text vorlesen muss). Die Stimme wird so verändert wie sie angeblich im Mutterleib wahrgenommen würde. Sie ist dann zwar nicht zu verstehen, sei aber unverwechselbar. Die Geräusche, Klänge und die Stimme werden wechselnd lateralisiert dargeboten mit dem Ziel, eine Dominanz des rechten Ohrs zu erreichen. Durch die Therapie würden auch die Mittelohrmuskeln trainiert, was angeblich nicht nur die Hörfähigkeit verbessern soll, sondern auch die Befindlichkeit insgesamt.

In einigen Foren wird behauptet, dass die Tomatis - Therapie fester Bestandteil des pädagogischen Konzeptes ins Polen sei, jedoch finden sich weder auf polnischen Internetseiten, noch in entsprechenden Veröffentlichungen polnischer Behörden entsprechende Hinweise.

Eine Variante der Tomatis-Methode wurde von dem französischen HNO-Arzt Guy Berard entwickelt, das Auditory Integration Training (AIT), auch Berard AIT genannt. Es sei zur Behandlung von Hörstörungen und Autismus geeignet. In der Werbung für AIT heißt es, dass man damit "das Leben und Lernen von Kindern" in nur 10 Tagen verbessern könne ("Improving the Lives and Learning of Children...in only 10 Days").[3] Dem Patienten werden 10 Tage lang zweimal am Tag für jeweils 30 Minuten Musik vorgespielt, deren Klang wie bei Tomatis elektronisch verändert wurde. Dabei wird zufällig in kurzen Abständen zwischen Hoch- und Tiefpassfilterung umgeschaltet und auch die Lautstärke wird in zufälliger Weise moduliert. Die Darbietung soll so laut sein, dass sie gerade noch nicht als unangenehm empfunden wird.[4]

Eine realitätsbezogene Begründung seiner Thesen hat Tomatis nicht vorgelegt. Zwecks Gewinnmaximierung wurde eine Wirksamkeit der sogenannten "Therapie" bei Schwerhörigkeit, Gedächtnis- und Verhaltensstörungen, Lernstörungen, Legasthenie, Autismus, Depressionen, Schizophrenie und anderen Erkrankungen postuliert. Vorsichtig formuliert "fragwürdig" sind bereits die pseudowissenschaftlichen Vorstellungen, die er als Grundlage für sein Therapiekonzept anführt. So sei es ausgehend vom Urknall zu einer Eroberung des zukünftigen Raumes durch Schwingungswellen gekommen, wobei die Schwerkraft als Ausdruck einer Kohäsionskraft anzusehen sei, die sich der weiteren Ausbreitung oder Ausdehnung entgegensetze. Dem Klang komme elementare Bedeutung zu, da "Klang und Licht zwei Umsetzungen desselben Phänomens" seien und "Energie auf diese Schwingungen zurückgehe". Tomatis behauptet außerdem, dass eine "energetische Aura" des Schalls als Vorstufe der Elektrizität angesehen werden müsse und hier die Voraussetzungen für den Elektromagnetismus zu suchen seien. Diese komplementärmedizinische Anwendung beruht auf Behandlungen mit speziell aufbereiteter Musik und Stimme, wobei der Simulation des pränatalen Horcherlebens mit Hilfe der entsprechend modifizierten Mutterstimme eine zentrale Bedeutung beigemessen wird.[5] Die Tomatis-Methode soll die Fähigkeit zum Zuhören und Kommunizieren fördern und zahlreiche andere positive Auswirkungen auf verschiedene Bereiche des Gehirns aufweisen. Die Methode soll bei einer großen Zahl von Verhaltensauffälligkeiten helfen, deren Ursache nach Tomatis oft Hör- bzw. auditive Wahrnehmungsstörungen sind.

Überprüfungen der Tomatis-Methode wurden bei Legasthenikern vorgenommen, verliefen aber erfolglos. So wurde vom Werner-Otto-Institut in Hamburg ein Bericht über eine Studie vorgelegt, in dem das Tomatis-Verfahren mit einem Placebo-Training verglichen wurde. Nach zweijährigem Training war das Resultat ernüchternd, denn die Placebo-Trainierten schnitten sogar besser als die Untersuchungsgruppe ab. Auch die Académie National de Médicine in Paris sprach sich 1993 gegen die Tomatis-Methode aus. Die Theorie bediene sich nicht einmal ansatzweise der üblichen medizinischen Argumentationsweise. So behaupte Tomatis, dass 80% der Legastheniker schwerhörig seien, wohingegen nachgewiesenermaßen der Anteil Schwerhöriger bei diesen Personen nicht höher als in der Normalbevölkerung ist. Die Theorien von Tomatis seien nur in populärwissenschaftlichen Heften und Blättern erschienen und es gebe keine Veröffentlichung in einer medizinischen Fachzeitschrift. Kritisiert wurde auch Tomatis' schwammiger Umgang mit dem Begriff "Horchen", der bei Therapieanbietern, die sich auf Tomatis berufen, eine wichtige Rolle spielt und ihnen erlaube, beispielsweise auch Aufmerksamkeitsstörungen oder Leseprobleme als "Horchstörung" zu werten und mit der Tomatis-Therapie zu behandeln.

Von der wissenschaftlichen Medizin wird die Methode einhellig abgelehnt[6], da sie auf Vorstellungen beruhe, „die wissenschaftlich nicht haltbar“ seien.[7] [8]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stollhoff K: Tomatis-Therapie. Was ist dran an dieser Hörkur? Pädiatrie hautnah, Nr.10, 408-409, 2000
  2. D. Karch, V. Uttenweiler, G. Groß-Selbeck, E. Kruse, D. Rating, A. Ritz, H.G. Schlack, H. v. Wedel: "Hörtraining" nach Tomatis und Klangtherapie. Gemeinsame Stellungnahme der Gesellschaft für Neuropädiatrie, der ADANO der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie und der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. September 2000
  3. http://www.aitinstitute.org/ Aufruf am 16. August 2010
  4. The National Autistic Society: Auditory Integration Training (AIT). Last updated: 25th May 2010
  5. Monika Warner: Die Mutterstimme - Herzstück der erfolgreichen Horchtherapie nach Dr. Tomatis (2011) ISBN 978-3-00-035712-1
  6. http://www.uniklinik-duesseldorf.de/fileadmin/Datenpool/einrichtungen/phoniatrie_und_paedaudiologie_id495/dateien/Tomatis-Methode.pdf
  7. Gesellschaft für Neuropädiatrie, der ADANO in der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie und der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie, 1998 (PDF; 58 kB)
  8. Reinhard Schydlo, Karin Atzpodin und Gerd Lehmkuhl: "Wirksamkeit des Audio-Vocalen Integrativen Trainings (AVIT) bei auditiven Wahrnehmungsstörungen im Elternurteil. Ergebnistechnischse einer retrospektiven Beurteilung bei 75 behandelten Kindern". Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Heft 4, 1998, S. 48 ff., BKJPP Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland e. V. (BKJPP), Aachen. Zur hier angegebenen Quelle bis zur Mitte des Dokuments scrollen