Notfallseelsorge

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Logo der Notfallseelsorge

Notfallseelsorge oder auch Notfallbegleitung ist psycho-soziale und seelsorgliche Krisenintervention im Auftrag der christlichen Kirchen. Sie ist darauf ausgerichtet Opfer, Angehörige, Beteiligte und Helfer von Notfällen (Unfall, Großschadenslagen usw.) in der akuten Krisensituation zu beraten und zu stützen. Aber auch Hilfe nach häuslichen traumatischen Ereignissen, wie nach erfolgloser Reanimation, plötzlichem Kindstod und Suizid, sowie Begleitung der Polizei bei der Überbringung von Todesnachrichten gehört zum Einsatzspektrum der Notfallseelsorge. Anders als etwa die Telefonseelsorge gehen die Notfallseelsorger direkt zum Ort des Geschehens. Die Alarmierung der Notfallseelsorger erfolgt zumeist über Rettungsdienste, Polizei oder Feuerwehr.

Organisation der Dienstleistung[Bearbeiten]

Notfallseelsorger auf einer großen Veranstaltung.

Grundlage der Notfallseelsorge ist das christliche Welt- und Menschenbild. Dabei steht der Dienst der Notfallseelsorge allen Menschen ungeachtet ihrer Weltanschauung zur Verfügung.

Der Dienst wird von Seelsorgern mit einer Zusatzausbildung in Notfallseelsorge geleistet. Verschiedene Dienste und Einzelpersonen der Notfallseelsorge organisieren über die ökumenische Arbeitsgemeinschaft Seelsorge in Feuerwehr und Rettungsdienst (AGS) als lockerem Zusammenschluss den Erfahrungsaustausch.

Einrichtungen der Notfallseelsorge existieren in praktisch allen evangelischen und katholischen Kirchen in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Sie wird meist ehrenamtlich neben dem eigentlichen Dienstauftrag von hauptamtlichen Seelsorger/innen durchgeführt, aber es gibt zunehmend auch ehrenamtliche Seelsorger/innen, die hier mit anderen beruflichen Hintergründen mitarbeiten. Es gibt in Deutschland rund 250 Notfallseelsorgegruppen.[1] In den allermeisten katholischen Bistümern gibt es den Diözesanreferenten oder Bischöflichen Beauftragten für Notfallseelsorge. Die Deutsche Bischofskonferenz lädt zur Jahrestagung und zur Fortbildungsveranstaltungen ein. Auch in den evangelischen Landeskirchen gibt es besondere Beauftragte für Notfallseelsorge auf den verschiedenen Ebenen und Fortbildungsangebote. Sie sind seit 1997 in der Konferenz Evangelischer Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger in der EKD zusammengeschlossen.[2]

Schwerpunkte der Notfallseelsorge sind Ansprache und Beistand, einfaches Da-Sein und die Aufmerksamkeit für die Angehörigen bzw. mitbetroffenen Personen aber auch der Einsatzkräfte, sowie die Aktivierung des sozialen Umfeldes/Netzes und das Angebot religiöser Betreuung. Dazu gehört auch die Gestaltung von Ritualen wie zum Beispiel Aussegnungen. Sie arbeitet grundsätzlich ökumenisch. Unterstützt wird die Arbeit der Notfallseelsorge durch Kriseninterventionsteams der Johanniter-Unfall-Hilfe e. V.[3] und durch den Dienst Psychosoziale Unterstützung des Malteser Hilfsdienstes e. V., der zwei Unterstützungssysteme für Betroffene und Angehörige anbietet: Krisenintervention (KIT) und Notfallseelsorge (NFS), wobei NFS auf einem rein christlichen Selbstverständnis basiert und KIT auf medizinisch psychologischen Gesichtspunkten.[4]

Fahrzeug der Notfallseelsorge

Häufig betreiben Initiativen der Notfallseelsorge auch die Seelsorge für Einsatzkräfte. Diese richtet sich an die bei einem Notfall beteiligten Einsatzkräfte, hierzu gehört auch die langfristig ausgelegte und kontinuierliche Betreuung von Helfern im Sinne der Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen (SbE) oder Critical Incident Stress Management (CISM).[5]

Beide Aufgabenbereiche haben ein gemeinsames Ziel: Die Vermeidung einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS; engl. PTSD für: posttraumatic stress disorder). Allerdings machen die beiden unterschiedlichen Zielgruppen durch ihre unterschiedliche Verarbeitung des Notfall-Einsatz-Geschehens eine unterschiedliche Herangehensweise nötig.

Das Konzept der Notfallseelsorge in der Schweiz hat in erster Priorität die Betreuung der Betroffenen zum Ziel, ist „Hilfe für die Seele“ in den ersten Stunden. Seelsorgerliches Handeln (oder weitere psychologische Betreuung) folgt später und ist nicht primär die Aufgabe der Notfallseelsorger am Ort des Geschehens.

Indikationen für den Einsatz der Notfallseelsorge[Bearbeiten]

Notfallseelsorger im Einsatz auf einer Übung

Indikationen für den Einsatz der Notfallseelsorge sind unter anderem:

Geschichte[Bearbeiten]

Zum Selbstverständnis der christlichen Kirchen gehörte von Beginn der Kirchengeschichte an, die aktive Hilfe für leidende Menschen als genuine Aufgabe anzusehen (Caritas). Entsprechend war die humanitäre Tätigkeit der großen Hospitalorden des Mittelalters, etwa der Johanniter, gleichermaßen auf seelsorglich-psychische wie auf fachpraktisch-medizinische Betreuung ausgerichtet. Eine spezielle seelsorgliche Betreuung der Rettungsdienste gab es jedoch bis Ende des 20. Jahrhunderts nicht in organisierter Form; die Gründung der Arbeitsgemeinschaft Seelsorge in Feuerwehr und Rettungsdienst 1990 ging auf Initiative einzelner Pfarrer zurück, die gleichzeitig in Rettungsdiensten tätig waren.[6]

Auf den Bedarf psycho-sozialer Betreuung in Notfällen wurde kurz darauf auch von manchen Rettungsdiensten selbst reagiert und es entstanden ähnliche Einrichtungen der Rettungsdienste ohne den seelsorglichen Ansatz, zuerst 1994 beim Arbeiter-Samariter-Bund in München (siehe dazu Krisenintervention im Rettungsdienst).

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde die Arbeit der Notfallseelsorge durch das ICE-Unglück von Eschede 1998 bekannt. Hier waren zahlreiche Notfallseelsorger im Einsatz, um Überlebende, Angehörige und Rettungskräfte zu betreuen, worüber auch in den Medien berichtet wurde.

Zunehmend wird auch die Einbeziehung von Muslimen in der Notfallseelsorge angestrebt. So führt beispielsweise die Christlich-Islamische Gesellschaft in Verbindung mit der Evangelischen Kirche im Rheinland seit Anfang Dezember 2009 zwei erste Ausbildungskurse für muslimische Notfallseelsorger durch.[7] Die Ausschreibung für diese Ausbildung hat eine große Zahl von Interessenten gefunden.

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Der rote Kreis im Logo der Notfallseelsorge steht für die Welt mit ihren Nöten, seine Farbe symbolisiert das Blut der Opfer. Vor dem Kreis steht das Sternenkreuz als Symbol aller Christen und Zeichen der Hoffnung. Das Sternenkreuz reicht über den Kreis hinaus, wie auch die Seelsorge über diese Welt hinausreicht. Das Logo ist rechtlich geschützt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Müller-Lange, Joachim: Handbuch Notfallseelsorge, 2. Auflage, Strumpf & Kossendey Verlag, Edewecht 2006 ISBN 978-3-938179-16-1
  • Zippert, Thomas: Notfallseelsorge. Grundlegungen, Orientierungen, Erfahrungen, Heidelberg 2006, ISBN 3-8253-5130-0.
  • Evang.-kath. Aktionsgemeinschaft für Verkehrssicherheit und Die Akademie-Bruderhilfe (Hrg.): Notfallseelsorge. – Eine Handreichung. Grundlegendes – Modelle – Fortbildung – Erfahrungen, Akademie-Bruderhilfe, Kassel.
  • Jatzko, Hartmut, Jatzko, Sybille, Seidlitz, Heiner: Das durchstoßene Herz (Ramstein 1988 – Beispiel einer Katastrophen-Nachsorge), Strumpf & Kossendey Verlag, Edewecht 1995, ISBN 3-9231-2465-1
  • Tarnow, Barbara, Gladisch, Katharina: Seele in Not(Notfall-Seelsorge als Hilfe in Grenzsituationen), Gütersloher Verlagshaus, 2007, ISBN 3579055984

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vgl. S. 10 in: Notfallseelsorge. Texte + Materialien für Gottesdienst und Gemeindearbeit zum Thema Straßenverkehr, 33. Jahrgang, Heft 33 (2006), Evangelisch-Katholische Aktionsgemeinschaft für Verkehrssicherheit gemeinsam mit der Akademie Bruderhilfe-Familienfürsorge, Kassel.
  2. vgl. S. 11 in: Notfallseelsorge. Texte + Materialien für Gottesdienst und Gemeindearbeit zum Thema Straßenverkehr, 33. Jahrgang, Heft 33 (2006), Evangelisch-Katholische Aktionsgemeinschaft für Verkehrssicherheit gemeinsam mit der Akademie Bruderhilfe-Familienfürsorge, Kassel.
  3. vgl. S. 24 in: Notfallseelsorge. Texte + Materialien für Gottesdienst und Gemeindearbeit zum Thema Straßenverkehr, 33. Jahrgang, Heft 33 (2006), Evangelisch-Katholische Aktionsgemeinschaft für Verkehrssicherheit gemeinsam mit der Akademie Bruderhilfe-Familienfürsorge, Kassel.
  4. vgl. S. 25 in: Notfallseelsorge. Texte + Materialien für Gottesdienst und Gemeindearbeit zum Thema Straßenverkehr, 33. Jahrgang, Heft 33 (2006), Evangelisch-Katholische Aktionsgemeinschaft für Verkehrssicherheit gemeinsam mit der Akademie Bruderhilfe-Familienfürsorge, Kassel.
  5. vgl. S. 25 in: Notfallseelsorge. Texte + Materialien für Gottesdienst und Gemeindearbeit zum Thema Straßenverkehr, 33. Jahrgang, Heft 33 (2006), Evangelisch-Katholische Aktionsgemeinschaft für Verkehrssicherheit gemeinsam mit der Akademie Bruderhilfe-Familienfürsorge, Kassel.
  6. http://www.notfallseelsorge.de/Infos/nfs-geschichte.htm
  7. http://islam.de/13449.php Meldung auf der Website des Zentralrats der Muslime