O Captain! My Captain!

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Whitman legte großen Wert auf die wortgetreue Verbreitung seines Gedichts. Das vorliegende Bild zeigt eigenhändige Korrekturen Whitmans auf einer unzutreffenden Wiedergabe, die er dem Verleger zur künftig richtigen Veröffentlichung zurücksandte.[1]

O Captain! My Captain! ist ein Gedicht des US-amerikanischen Dichters Walt Whitman (1819–1892), welches dem ermordeten Präsidenten Abraham Lincoln gewidmet ist. Es ist das einzige Gedicht Whitmans, das zu seinen Lebzeiten in einer Anthologie veröffentlicht wurde.[2]

Text und Übersetzung[Bearbeiten]

Original

O Captain my Captain! our fearful trip is done;
The ship has weather’d every rack, the prize we sought is won;
The port is near, the bells I hear, the people all exulting,
While follow eyes the steady keel, the vessel grim and daring:

But O heart! heart! heart!
O the bleeding drops of red,
Where on the deck my Captain lies,
Fallen cold and dead.

O Captain! my Captain! rise up and hear the bells;
Rise up—for you the flag is flung—for you the bugle trills;
For you bouquets and ribbon’d wreaths—for you the shores a-crowding;
For you they call, the swaying mass, their eager faces turning;

Here Captain! dear father!
This arm beneath your head;
It is some dream that on the deck,
You’ve fallen cold and dead.

My Captain does not answer, his lips are pale and still;
My father does not feel my arm, he has no pulse nor will;
The ship is anchor’d safe and sound, its voyage closed and done;
From fearful trip, the victor ship, comes in with object won;

Exult, O shores, and ring, O bells!
But I, with mournful tread,
Walk the deck my Captain lies,
Fallen cold and dead.
Deutsche Übersetzung

O Käpt’n, mein Käpt’n, zu End’ ist unsre Reis’
wir haben jedes Riff umschifft, der Sieg war unser Preis.
Am Kai entlang der Glockenklang, der Menge Lustgespinster;
das Auge folgt dem festen Kiel, der Barke, wild und finster.

O Herz, o mein Herze!
O Tropfen feucht und rot,
wo auf dem Deck mein Käpt’n liegt,
gefallen, kalt und tot.

Erhebe dich, mein Käpt’n und hör den Glockenton!
Steh auf – dir ist die Flagg’ gehisst, dich grüßt das Jagdhorn schon.
Mit Bändern, Blumen tausendfach der Hafen ist geschmückt
für dich allein. Es ruft nach dir die Menge hoch beglückt.

O Käpt’n, mein Vater!
Mein Arm, dem Haupt zum Halt.
Im Traum nur liegst du auf dem Deck,
gefallen, tot und kalt.

Mein Käpt’n gibt nicht Antwort, sein Mund ist bleich und still.
Mein Vater spürt nicht meinen Arm, hat weder Puls noch Will.
Das Schiff, es geht vor Anker. Zu End’ ist seine Reis’,
zurück gekehrt nach wilder Fahrt – der Sieg, das war der Preis.

Ihr Ufer, jauchzt! Ihr Glocken, klingt!
Ich aber geh in Not
dahin, wo nun mein Käpt’n liegt,
gefallen, kalt und tot.

Historischer Hintergrund und Deutung[Bearbeiten]

Die Ermordung Abraham Lincolns am 15. April 1865 inspirierte den diesen verehrenden Walt Whitman zu dem im November 1865 erstmals veröffentlichten dreistrophigen Gedicht. Das siegreiche Ende des amerikanischen Bürgerkrieges war zum Todeszeitpunkt Lincolns absehbar; der Sieg der Nordstaaten mit großer Zerstörung und einer Vielzahl von Opfern erkauft; die amerikanische Nation war zerrissen und lag am Boden. In dieser Situation wirkte der Tod des Präsidenten wie ein Schock.

Der Handlungsrahmen des Gedichts beschreibt die Rückkehr eines Schiffs nach siegreicher Schlacht. Auf den Planken des Oberdecks liegt der im Kampf gefallene Kapitän. Die geschilderte Situation ist zwiespältig; einerseits ist der Krieg gewonnen; an den Ufern stehen die Menschen dicht gedrängt, das siegreiche Schiff - und seinen Kapitän - zu begrüßen. Andererseits kontrastiert die verheißungsvolle Ausgangslage mit: "But O heart! heart! heart!....." mit welchem die Erzählperspektive in der zweiten Hälfte der ersten Strophe von der Siegesfeier zur Totenklage wechselt. Im weiteren Text tritt der alle und alles verbindende Sieg gegenüber Leid und Schmerz des Verlustes fast vollkommen zurück. Der gewonnene Krieg -"...our fearful trip is done" - stellt auf den Sieg der Union über die Konföderierten ab; das Schiff steht für die Nordstaaten und im weiteren Sinne für die US-amerikanische Nation, die mit dem Tod des Captains, des Präsidenten Abraham Lincoln, ihren prophetischen Führer verloren hat. Schon zu Lebzeiten Lincolns wurde dieser - insbesondere von der afroamerikanischen Bevölkerung - als "Mose" bzw. als "Father Abraham" bezeichnet. [3] Mit der Metapher des heimkehrenden, seinen toten Kapitän tragenden Schiffes knüpft Whitman an das biblische Thema des Buches Exodus an, in welchem Moses das bedrängte Volk Israel aus der ägyptischen Gefangenschaft in das gelobte Land führt. Wie in der biblischen Vorlage setzt sich der Führer für die Zielerreichung mit Geduld, Geschick, Nachdruck und Willenskraft ein; er opfert sich selbst. Ihm ist bestimmt, das gelobte Land, in Whitmans Gedicht die geeinte und friedliche Nation, sich nähernd, zu sehen; jedoch schlussendlich nicht zu erreichen. Zugleich greift Whitman mit diesem Bild einen Passus der Gettysburg Address des Präsidenten vom 19. November 1863, - "We have come to dedicate a portion of that field, as a final resting place for those who here gave their lives that that nation might live." - auf. Neben Leid und Trauer des(r) Mitkämpfer - "But I, with mournful tread,..." - um den toten Kapitän verbleibt mit "Exult, O shores, and ring, O bells!" die Vision eines friedlichen demokratischen Gemeinwesens.

Marginalie[Bearbeiten]

In dem Spielfilm Der Club der toten Dichter von Peter Weir aus dem Jahr 1989 wird mehrfach auf das Gedicht verwiesen, hier ist es die ehrerbietige Anrede der Schüler des Clubs für den beliebten Literatur-Lehrer John Keating Robin Williams. Auch in Words and Pictures von Fred Schepisi (2013) wird diese Anrede für den unkonventionellen Englisch-Lehrer Jack Marcus Clive Owen verwendet.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. O Captain! My Captain!, Historical Period: Civil War and Reconstruction, 1861-1877Library of Congress, http://www.loc.gov/teachers/lyrical/poems/my_captain.html
  2. Justin Kaplan: Walt Whitman: A Life. Simon and Schuster, New York 1979, ISBN 0-671-22542-1, S. 309.
  3. Alexander Göbel, "Oh Captain, my Captain", Von der Blockhütte ins Weiße Haus, Infoseite der Deutschen Welle zu Abrahma Lincoln, [1]

Weblinks[Bearbeiten]

"Oh Captain My Captain!" by Walt Whitman, performed by Seth Perkins

 Wikisource: O Captain! My Captain! – Quellen und Volltexte (englisch)