Organismus

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Der Ausdruck Organismus ist mehrdeutig[1]

  • Er steht in der Biologie und Medizin
für ein einzelnes Lebewesen oder
für die Gesamtheit, für das konkrete System von Organen eines Lebewesens.
  • Allgemein für ein Ganzes im Sinne eines Systems, dessen Teile als „Organe“ zusammenwirken.

In der Wissenschaftssprache der Biologie dient der Ausdruck Organismus zunächst als 'sortaler Term' zur Bezeichnung von Lebewesen. In dieser Bedeutung ist ein Organismus ein individualisiertes Naturwesen, welches die Erscheinungen des Lebens, vor allem Stoffwechsel, Wachstum und Fortpflanzung, zeigt. Daneben hat Begriff Organismus theoretische Bedeutung: Er bezieht sich dann auf ein 'epistemisches Modell' zur Erklärung der Lebenserscheinungen. Im Mittelpunkt dieses Modells steht die Erklärung der Lebensfunktionen durch die (dezentrale) Organisation der Teile eines individuellen Systems.[2]

Im weitesten Sinne werden als Organismen genannt „Zellen, Organe, Organsysteme, komplexe elektronische Netze, Tiere, Personen, Familien, wirtschaftliche oder politische Systeme, Kulturen, Nationen“[3] oder auch Institutionen oder historische Entwicklungen[4].

Obwohl Einzeller keine Organe besitzen, kann man sie als hierarchisch gegliederte, zielgerichtete Organismen auffassen. Hyphen- oder Myzelpilze bilden dagegen ein einfaches Geflecht. Viren und Viroide zählen nicht zu den Organismen, da sie weder einen eigenen Metabolismus noch die Fähigkeit zur Selbstorganisation besitzen.

Nach Ludwig von Bertalanffy ist ein lebender Organismus ein Stufenbau offener Systeme, der sich auf Grund seiner Systembedingungen im Wechsel der Bestandteile selbst erhält. Die Erhaltung der Bestandteile ist dabei nur durch ihre Beziehung auf das Ganze möglich.

Die Bezeichnung Organismus wird allgemein für Systeme gebraucht, die als ganzheitlich, hierarchisch gegliedert und zielgerichtet gekennzeichnet werden sollen.

Jeder Teil eines Organismus ist immer gleichzeitig Mittel und Zweck aller anderen (Immanuel Kant). Weil ein Organismus zielgerichtet ist, also von einem Zweck (Teleologie) bestimmt wird, ist der Organismus selbst allerdings mehr als die Summe seiner Teile (Aristoteles).

In der Regel werden Organismus und Mechanismus als Gegensatzpaare betrachtet, wobei der Organismus ein labiles, der Mechanismus dagegen ein stabiles System darstellt. Ein Ziel bei der theoretischen Betrachtung von Organismen ist deshalb immer die Vereinbarung von mechanisch-kausalen und organisch-teleologischen Prozessen.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

„Ende des 17. Jahrhunderts ist es zuerst G.E. Stahl, der die Bezeichnung Organismus im biologischen Zusammenhang verwendet.“ [5] Zu dieser Zeit beginnt man ,Leben‘ naturwissenschaftlich als eigene Kategorie von Seinsweise mit eigenen Regulationsprinzipien zu konzipieren. Diese Auffassung begünstigte die Entstehung der Biologie bzw. der Lebenswissenschaften. Der Körper eines Lebewesens wird zu dieser Zeit weitestgehend im Anschluss an Descartes’ Trennung von Materie und Geist als ein reiner Mechanismus begriffen – mit dem Unterschied, dass dieser natürliche Mechanismus im Gegensatz zum künstlichen als ein bis ins kleinste Glied vollkommen funktionsfähiger Automat aufgefasst wurde, der defekte Teile selbständig ersetzt. Der Terminus ,Organismus‘ wird bei Stahl als begriffliche Ableitung und Gegenüberstellung zum ,Mechanismus‘ verstanden.[6]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weiterführendes und Einzelnachweise[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Ewers: Philosophie des Organismus in teleologischer und dialektischer Sicht. Ein ideengeschichtlicher Grundriss, Münster 1986
  • Georg Toepfer: Organismus. In: Georg Toepfer (Hg.): Historisches Wörterbuch der Biologie. Geschichte und Theorie der biologischen Grundbegriffe. Metzler, Stuttgart: Band 2, S. 777-842.
  • Wilhelm Weischedel (Hrsg.): Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft. Werkausgabe Band X, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, hier besonders § 65 Dinge, als Naturzwecke, sind organisierte Wesen (§ 65 bei Korpora.org)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. auch Bibliographisches Institut: Duden online. (2013): „Organismus“ [1]
  2. Siehe zum gesamten Absatz: Toepfer, Georg 2013: Organismus [Version 1.0]. In: Glossar naturphilosophischer Grundbegriffe. [2].
  3. So Paul Watzlawick; Janet H. Beavin; Don D. Jackson: Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Paradoxien. - 12., unveränd. Aufl.. - Huber, Bern [u.a.], 2011, S. 24
  4. Anton Hügli; Poul Lübcke (Hrsg.): Philosophielexikon. - Systhema-Verlag, München (CD-ROM) 1996: Organismus.
  5. Georg Toepfer: Organismus. In: Georg Toepfer (Hg.): Historisches Wörterbuch der Biologie. Geschichte und Theorie der biologischen Grundbegriffe. Metzler, Stuttgart: Band 2, S. 777-842, hier S. 777.
  6. Theodor Ballauff: Organismus I. (Biologie), veröffentlicht in: Joachim Ritter und Karlfried Gründer (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 6, Darmstadt 1984, Sp. 1330–1336