Komplexität

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Komplexität bezeichnet allgemein die Eigenschaft eines Systems oder Modells, dessen Gesamtverhalten man selbst dann nicht eindeutig beschreiben kann, wenn man vollständige Informationen über seine Einzelkomponenten und ihre Wechselwirkungen besitzt.[1]

Der Begriff leitet sich ab von lateinisch complexum, Partizip Perfekt von complecti ‚umschlingen‘, ‚umfassen‘ oder ‚zusammenfassen‘.[2] Dabei handelt es sich um ein Kompositum aus der Präposition lateinisch cum ‚mit‘, oder ‚zusammen mit‘ und plectere ‚flechten‘ oder ‚ineinander fügen‘[3] im Sinne von ‚verflochten‘, ‚verwoben‘.

Definitionen[Bearbeiten]

Der Begriff wird je nach Autor und Wissenschaftsgebiet unterschiedlich definiert.

Der Ökonom Peter Ulrich bezeichnet die Komplexität einer Situation mit der Vielfalt der einwirkenden Faktoren und dem Ausmaß ihrer gegenseitigen Interdependenzen und charakterisiert diese als Merkmal schlecht strukturierbarer Entscheidungssituationen.[4] Komplexität ist eine mögliche Form eines Gegenteils von Einfachheit, Determinierbarkeit und der Überschaubarkeit.

Die Komplexität eines Sachverhaltes wird widergespiegelt durch die Menge der Details, die sich von allen anderen Details des Sachverhalts so unterscheiden, dass es keine vereinfachende Abstraktion gibt, die den Detaillierungsgrad verkleinert. Komplexität wird auch geschaffen durch sich widersprechende Zielsetzungen, Dilemmata und nicht determinierbares Verhalten autonomer Systemeinheiten und ist ein wesentliches Merkmal von sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Systemen.

  • In der Systemtheorie werden komplexe Systeme durch eine Reihe charakterisierender Eigenschaften beschrieben. Die Komplexität eines Systems steigt mit der Anzahl an Elementen, der Anzahl an Verknüpfungen zwischen diesen Elementen sowie der Funktionalität und Unüberschaubarkeit dieser Verknüpfungen (zum Beispiel Nicht-Linearität).[5]
  • Der Umgang mit wirtschaftlicher, organisatorischer und technischer Komplexität gehört zum Themengebiet Komplexitätsmanagement (Komplexitätsreduktion). Aber auch die Bewältigung des Alltags erfordert heute Techniken des Komplexitätsmanagements wie exakte Terminplanung, bewusste Selektion unter vielen verfügbaren Optionen - z. B. von Fernsehprogrammen mittels Programmzeitschrift - oder gar den Kauf kompletter Problemlösungen von professionellen Beratern.

Wenn Komplexitätseindruck in erster Instanz eine Wahrnehmungsschwierigkeit widerspiegelt, weil die Zahl der Verknüpfungsmöglichkeiten eines Systems nicht mehr überschaubar und die Kausalität zwischen ihnen nicht mehr erkennbar ist, kann dies zwei Ursachen haben: Mangel an Abhängigkeiten und Ordnung in der externen Welt (ontologische Komplexität) und Überforderung der menschlichen Wahrnehmungsmittel durch Vielzahl und Vielfalt von bestehender Abhängigkeiten und Ordnung (epistemologische Komplexität). [6] Nahe verwandte Gegensatzbegriffspaare der ontologischen und epistemologische Komplexität sind jeweils die von Warren Weaver vorgeschlagenen Begriffspaare der “unorganisierten Komplexität” und “organisierten Komplexität”.[7]

  • Grenzen der Definierbarkeit

Es gibt Ansichten, dass der Begriff „Komplexität“ autologisch sei,[8] das heißt, dass man ihn auf sich selbst beziehen könne: Der Begriff der Komplexität sei selbst komplex.

Untersuchungsgebiete[Bearbeiten]

Gesellschaft[Bearbeiten]

Joseh Tainter argumentiert, dass die in primitiven Gesellschaften bestehende Möglichkeit, Probleme z.B. der Ressourcenknappheit einfach durch Wanderung (durch horizontale Ausbreitung) zu lösen, in sesshaften, entwickelten und komplexen Gesellschaften nicht existiert. Hier müsse man eine „vertikale“ Lösung finden, d. h. eine höhere Form hierarchischer Kontrolle entwickeln, also etwa mehr Steuern erheben, sich in Formalismen flüchten, die Bürokratie oder das Heer vergrößern, die Eliten noch stärker begünstigen usw. So entsteht eine Spirale wachsender Komplexität und wachsender Komplexitätskosten, wobei die Investitionen in die immer komplexer werdenden Problemlösungsstrategien einen sinkenden Ertrag pro Investitionseinheit erzielen. An diesem Punkt sei ein gesellschaftlicher Kollaps sogar sinnvoll; er führe zu einem Verschlankungsprozess.[9]

Organisationen[Bearbeiten]

Die Komplexität von Organisationen steigt nach Auffassung der Organisationstheorie[10] mit dem Ausmaß ihrer funktionalen Differenzierung und der damit verbundenen Arbeitsteilung, Wachstum, Spezialisierung, Professionalisierung und Dezentralisierung. Damit wächst auch die Vielfalt der in der Organisation vorhandenen Informationen und Handlungsprogramme zur Handhabung von Ereignissen der äußeren (z.B. Märkte, Politik) und innerorganisatorischen Umwelt (Subjektivität der Mitarbeiter). Unkontrollierte Komplexität in einer Organisation führt zu Effizienzmängeln, hemmt Innovationen, bindet Ressourcen in unproduktiven bürokratischen Prozessen und steigert die Kosten. Zu geringe Komplexität einer Organisation im Verhältnis zur Komplexität ihrer Umwelt führt ebenfalls zu Funktionsdefiziten.

Systemdifferenzierung durch Bildung von Untersystemen stellt zwar einen Versuch dar, die von ihnen jeweils bearbeitete Komplexität zu reduzieren; gleichzeitig erhöht sie jedoch die Gesamtkomplexität der Organisation.[11]

Großtechnische Systeme[Bearbeiten]

Charles Perrow analysiert aus soziologischer Perspektive die Versuche, komplexe und riskante (Groß-)Technologien sicherer zu machen, anhand einiger prägnanter Beispiele (z.B. Radar, Kernkraftwerke) und zeigt, dass die Maßnahmen, die darauf zielen, Risiken durch Einbau oder Nachrüstung von Sicherheitstechnik zu beherrschen, oft nur zu einer weiteren Steigerung der Komplexität und zu unkontrollierbaren Interaktionen von Elementen auf engem Raum („Engkopplung“) führen. So löste z. B. die Einführung des Radars in seiner Anfangszeit immer mehr Ausweichreaktionen im Schiffsverkehr aus, was die wechselseitige Unvorhersehbarkeit der Schiffsbewegungen weiter steigerte.[12]

Informatik[Bearbeiten]

Hauptartikel: Komplexität (Informatik)

In der theoretischen Informatik beschreibt die Komplexitätstheorie ein Konzept zur Abschätzung des Ressourcenaufwandes zur algorithmischen Behandlung bestimmter Probleme. Die Komplexität ist dann groß, wenn einerseits sehr viele und andererseits in der Summe sehr komplizierte Details zu behandeln sind. Siehe hierzu auch: Komplexität (Informatik), Kolmogorow-Komplexität, Algorithmische Tiefe.

Produkte[Bearbeiten]

Aufgrund des technischen Fortschritts hat die Komplexität von technischen Produkten stark zugenommen, insbesondere durch die Integration von elektronischen Steuergeräten. So sind in einem Fahrzeug heute bis zu 50 Steuergeräte eingebaut, die untereinander vernetzt sind und miteinander kommunizieren. Dies erhöht zugleich auch die Komplexität der technischen Dokumentation und hat eine erhöhte Komplexität der Produktionsplanung und -steuerung zur Folge.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. H. Härtl: Implizite Informationen: Sprachliche Ökonomie und interpretative Komplexität bei Verben (= studia grammatica 68). Berlin: Akademie-Verlag, 2008, ISBN 3-05-004502-7
  2. Komplex. Duden online, abgerufen am 28. September 2013.
  3.  Duden-Redaktion: Duden, Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 4. Auflage. Band 7, Bibliographisches Institut (Dudenverlag), Mannheim 2006, ISBN 3-411-04074-2.
  4. P. Ulrich, E. Fluri: Management. Haupt, 1992, ISBN 3-258-04370-1
  5. P. Milling: Systemtheoretische Grundlagen zur Planung der Unternehmenspolitik. Berlin: Duncker & Humblot, 1981, ISBN 3-428-04931-4
  6. Vittorio Ferretti: Back to Ptolemaism – To Protect the Human Individual from Abuses of Social Constructs. Amazon/Kindle, 2012.
  7. Warren Weaver: Science and Complexity. In: American Scientist. 36, Nr. 4, 1948, S. 536–44. PMID 18882675. Abgerufen am 21. November 2007.
  8. Luhmann 2005: 255. zitiert nach Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatDijana Tavra: Vertrauen als Mechanismus der Reduktion von Komplexität - Resümee. Uni Bern, hervorragende Essays, Herbstsemester 2009, abgerufen am 28. September 2013 (PDF; 79 kB, vermutlich der Link zum vorhergehenden, nicht mehr abrufbaren Link Luhmann 2005).
  9. Joseph Tainter: The Collapse of Complex Societies. Cambridge University Press 1990, S. 128ff.
  10. Zusammenfassend: Charles Perrow: Complex Organizations: A Critical Essay. Echo Point Books & Media, Neuauflage 2014, ISBN 978-1626549029.
  11. Niklas Luhmann: Soziale Systeme: Grundriss einer allgemeinen Theorie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, S. 38
  12. Charles Perrow: Normal Accidents: Living with High Risk Technologies. Princeton University Press, Neuauflage 1999, ISBN 978-0691004129.