Pantheismusstreit

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Zweiter Band von Fritz Mauthners "Bibliothek der Philosophen", 1912

Der Pantheismusstreit ist eine für die deutsche Philosophie und Literatur der Aufklärung grundsätzliche Auseinandersetzung um die von Friedrich Heinrich Jacobi vertretene These: Der Spinozismus sei der konsequenteste Ausdruck des Pantheismus; jener aber konsequenter Rationalismus und damit Atheismus.[1]

Jacobi strebte diese These nachzuweisen gegenüber Gotthold Ephraim Lessing, Moses Mendelssohn, Goethe, Herder und anderen, welche den Pantheismus für eine vertretbare religiöse Auffassung hielten und den Spinozismus, richtig verstanden und gegebenenfalls in abgeänderter Form, damit durchaus vereinbar. Jacobi vertrat hierbei eine philosophische Position der Romantik, die gegenüber dem Rationalismus die Irrationalität betonte, und in der Theologie den Personalismus. Jacobis nicht beabsichtigtes historisches Verdienst liegt darin, dass er gerade durch seine entschiedene Bekämpfung der Philosophie Spinozas dieser ein scharfes Profil verliehen und so seinen Zeitgenossen zu Bewusstsein gebracht hat.[2]

Der Streit wurde eröffnet durch Jacobi mit seinem 1785 anonym veröffentlichten Buch Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn, in dem er zunächst nur die eigenen Briefe verwendete. Alle Welt wusste schnell, wer der Verfasser war. Von Matthias Claudius erhielt das Buch den Spitznamen "Spinoza-Büchlein". In der zweiten, stark erweiterten Auflage von 1789 waren dann auch Mendelssohns Briefe abgedruckt. Im Fortgang verschob sich der Schwerpunkt des Streits von Lessings wirklichem oder vermeintlichem Spinozismus hin zur Begründbarkeit von Rationalismus überhaupt. Es handelte sich hauptsächlich um folgende Fragen:

  1. die Frage nach dem Verhältnis des Pantheismus zum Spinozismus;
  2. die Frage nach dem geistigen Inhalt, d. h. den Voraussetzungen und Konsequenzen des Spinozismus;
  3. die Frage nach der Widerlegbarkeit des spinozistischen Pantheismus;
  4. die Frage nach Lessings Pantheismus.

Der Streit fand seinerzeit große Aufmerksamkeit. Immanuel Kant verteidigte hier die Position des Rationalismus, indem er zwischen demonstrierbaren Vernunfteinsichten und Vernunftglaube unterschied[3] und die Grenzen von Wissen und Glauben betonte[4]. Während Kant sich gegen die Gleichsetzung seiner Kritik mit Spinozismus verwahrte[5], fand in der unmittelbaren Folgezeit der Streit seinen Widerhall bei den Philosophen des deutschen Idealismus, indem nämlich Schelling unter Rückgriff auf Johann Gottlieb Fichte auch philosophische Motive Spinozas wiederbelebte.[6] Ludwig Feuerbach zog daraus folgende Quintessenz:[7]

"Spinoza ist der Urheber der spekulativen Philosophie. Schelling ihr Wiederhersteller, Hegel ihr Vollender. Der Pantheismus ist die notwendige Konsequenz der Theologie (oder des Theismus) – die konsequente Theologie; der Atheismus die notwendige Konsequenz des 'Pantheismus', der konsequente 'Pantheismus'."

Er verbesserte sich aber sogleich in einer Fußnote: Die theologischen Bezeichnungen gebrauche er hier nur im Sinne trivialer Spitznamen. An sich sind sie falsch. So wenig Spinozas und Hegels Philosophie Pantheismus sei – letzterer sei vielmehr ein Orientalismus - so wenig sei die neuere Philosophie Atheismus. Über den notwendigen Übergang der halben Theologie zur ganzen, d. h. zum Pantheismus, sei § 112 seiner Geschichte der Philosophie von Baco bis Spinoza zu vergleichen.

Quellen[Bearbeiten]

  1. Heinrich Scholz: A. Einleitung. In: Die Hauptschriften zum Pantheismusstreit zwischen Jacobi und Mendelssohn. Berlin, Verlag von Reuther & Reichard, 1916. S. XV.
  2. Heinrich Scholz: A. Einleitung. In: Die Hauptschriften zum Pantheismusstreit zwischen Jacobi und Mendelssohn. Reuther & Reichard : Berlin 1916. S. XVI f.
  3. Immanuel Kant: Was heißt: sich im Denken orientieren? In: Schriften zur Metaphysik und Logik 1. Werkausgabe hgg. von Wilhelm Weischedel. stw 188. 1. Aufl. Frankfurt/Main 1977. ISBN 3-518-27788-X. S. 267 ff.
  4. Immanuel Kant: Einige Bemerkungen von Herrn Professor Kant (aus Ludwig Heinrich Jakobs Prüfung der mendelssohnschen Morgenstunden oder aller spekulativen Beweise für das Dasein Gottes). In: Schriften zur Metaphysik und Logik 1. Werkausgabe hgg. von Wilhelm Weischedel. stw 188. 1. Aufl. Frankfurt/Main 1977. ISBN 3-518-27788-X. S. 287 ff.
  5. Dieter Henrich: Hegel im Kontext. es 510. Suhrkamp : Frankfurt am Main 1. Aufl. 1971. S. 69
  6. Dieter Henrich: Hegel im Kontext. es 510. Suhrkamp : Frankfurt am Main 1. Aufl. 1971. S. 62.
  7. Ludwig Feuerbach: Vorläufige Thesen zur Reformation der Philosophie. In: Entwürfe zu einer Neuen Philosophie. (Hg. Walter Jaeschke, Werner Schuffenhauer): Felix Meiner : Hamburg 1996. ISBN 3-7873-1077-0. S. 3.

Literatur[Bearbeiten]

  • Die Hauptschriften zum Pantheismusstreit zwischen Jacobi und Mendelssohn. Herausgegeben und mit einer historisch-kritischen Einleitung versehen von Heinrich Scholz. Verlag von Reuther & Reichard : Berlin 1916 (Digitalisat; Neuausgabe: Spenner, 2004. ISBN 3-89991-019-2.)
  • Friedrich Heinrich Jacobi: Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn. Breslau 1785 (2., erweiterte Auflage 1789, 3., abermals erweiterte Auflage 1819)
  • Jacobs Spinoza-Büchlein nebst Replik und Duplik. Hrsg. von Fritz Mauthner. Bibliothek der Philosophen Band 2. Georg Müller Verlag, München 1912. (Die Replik ist von Mendelsohn, die Duplik von Jacobi. Außerdem bringt das Buch "Aus Mendelsohns 'Morgenstunde" und "Aus Herders 'Gott'‘‘")
  • Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn. Meiner, Hamburg 2000, ISBN 978-3-7873-1434-8