Friedrich Heinrich Jacobi

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Friedrich Heinrich Jacobi, Gemälde von Johann Friedrich Eich, 1780, Gleimhaus Halberstadt
Friedrich Heinrich Jacobi nach einem Portrait von Johann Peter Langer (1801)

Friedrich Heinrich Jacobi, auch Fritz Jacobi, (* 25. Januar 1743 in Düsseldorf; † 10. März 1819 in München) war ein deutscher Philosoph, Jurist, Kaufmann und Schriftsteller.

Abstammung[Bearbeiten]

Seine Eltern waren der Kaufmann Johann Konrad Jacobi (1715–1788) und dessen Ehefrau Maria Fahlmer (1714–1746). Seine Großeltern väterlicherseits waren der Pfarrer von Wollmershausen Johann Andreas Jacobi und Johann Juliane Bauer, mütterlicherseits der Kaufmann Georg Fahlmer und Aleida von Sonsfeld aus Michelstadt. Nach dem Tod seiner Frau hat der Vater erneut geheiratet. Seine zweite Frau wurde Maria Catharina Lausberg (1728–1763), die Tochter des Weinhändlers Johann Heinrich Lausberg und der Catharina Bemfeld. Der Superintendent von Lüneburg Johann Friedrich Jacobi (1712–1791) war sein Onkel. Der Dichter Johann Georg Jacobi war sein älterer Bruder. Seine Halbschwestern Charlotte (1752–1832) und Helene (1753–1838) führten nach dem Tod der Frau Jacobi den Haushalt.

Leben[Bearbeiten]

Nach dem Willen seines Vaters war er – nach einer kurzen Lehre in Frankfurt und einem Aufenthalt in Genf – anfangs als Kaufmann tätig: er wurde 1764 Nachfolger seines Vaters in der Leitung einer Zuckermanufaktur. Seit 1765 war er Freimaurer und gleichzeitig Schatzmeister der Loge „La Parfaite Amitié“ in Düsseldorf. 1772 wurde er zum Mitglied der jülisch-bergischen Hofkammer ernannt und gab ein Jahr später den Handelsberuf auf, um sich ausschließlich Literatur und Philosophie zu widmen. In Genf hatte er bereits Werke im Sinne der Aufklärung von Charles Bonnet und Rousseaus Emile und die Glaubensbekenntnisse eines savoyardischen Vikars kennengelernt.

Auf seinem Landgut Pempelfort bei Düsseldorf unterhielt der Aufklärer für viele Jahre gemeinsam mit seiner Ehefrau Elisabeth Nicolai, genannt Betty, geb. von Clermont aus Vaals bei Aachen, einen Treffpunkt literarisch und politisch Interessierter. Sein älterer Bruder Johann Georg Jacobi machte ihn mit Christoph Martin Wieland bekannt, mit dem er 1773 die Zeitschrift Der Teutsche Merkur herausgab. Auch pflegte er freundschaftliche Kontakte zu Frans Hemsterhuis, Georg Forster, Johann Georg Hamann, Johann Gottfried Herder, Wilhelm von Humboldt, Gotthold Ephraim Lessing, Jean Paul und mit Johann Wolfgang von Goethe und zum Münsterschen Kreis.

Denis Diderot traf auf seiner Reise nach Russland mit Jacobi auf dessen Gut in Pempelfort zusammen.[1]Einen Umstand den Johann Wolfgang Goethe in seinen Kampagne in Frankreich (1822) erwähnte, zumal er 1774 ebenfalls auf dem Gut verweilte.[2] Der Besuch Goethes in Pempelfort (zusammen mit Johann Bernhard Basedow und Johann Caspar Lavater) führte zur Veröffentlichung der Romane Woldemar: ein Seltenheit aus der Naturgeschichte und Eduard Allwils Briefsammlung. Sowohl die Beziehung zu Wieland wie auch die zu Goethe endete in Streit bzw. Verbitterung.

1779 wurde er Geheimrat in München. Wie bereits in der jülisch-bergischen Hofkammer sollte er auch hier an einer Reform der Handels- und Steuerpolitik mitwirken; da seine liberalen Ansichten aber sehr bald auf Widerstand stießen, zog er sich als Privatmann auf sein Landgut Pempelfort zurück. 1780 besuchte er Lessing in Wolfenbüttel. 1784 wurde er Illuminat unter dem Ordensnamen „Sully“. Nach dem überraschenden Tod seiner Frau Betty im selben Jahr, zog er sich von aller öffentlichen Tätigkeit zurück.

Den anrückenden französischen Revolutionstruppen wich er 1794 nach Holstein aus und lebte in der Folge abwechselnd in Hamburg, Eutin (1799 bis 1805, heute Lübecker Straße 6) und Wandsbek. 1804 folgte er einem Ruf an die Bayerische Akademie der Wissenschaften in München, die er von Grund auf erneuern sollte. Hier leistete er – an der Seite von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, der 1806 als Philosoph an die Akademie berufen wurde – enorme Restruktuierungsarbeit. Von 1807 bis 1812 war er Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Nach seinem Zerwürfnis mit Schelling im Streit um die göttlichen Dinge (1811/1812) zog er sich von allen öffentlichen Aufgaben zurück. Während seiner letzten Lebensjahre war Jacobi mit der Herausgabe seiner Werke beschäftigt, die von 1812 an in Leipzig erschienen.

Werk[Bearbeiten]

Friedrich Heinrich Jacobi, Bildnis von Christian Gottlieb Geyser nach einem Gemälde von Johann Friedrich Eich.
Zweiter Band von Fritz Mauthners „Bibliothek der Philosophen“. 1912

Jacobis Schriften sind kaum systematisch, sondern Gelegenheitsarbeiten, meist in Brief-, Gesprächs-, auch Romanform verfasst. Dennoch war er ein einflussreicher kultureller und politischer Kommentator und trug während seines langen Lebens durch persönliche Gespräche und umfangreichen Briefwechsel viel zur Gestaltung der öffentlichen Meinung gebildeter Kreise bei.

Jacobi vertrat einen moralischen Sensualismus und war ein Kritiker jeder Form von Rationalismus. Er zählte auch zu den frühesten Kritikern der französischen Revolution und hielt sie für die politische Entsprechung des vermeintlichen „Nihilismus“ rationalistischer Philosophen.

Für Jacobi gab es kein ernstzunehmendes Philosophieren, wenn es nicht eine bestimmte Person anspricht. In diesem Sinne war er nicht nur Kritiker, sondern immer ein kämpferischer Diskussionspartner. Seine Streitigkeiten mit Hamann, Goethe, Johann Gottlieb Fichte oder Schelling sind berühmt.

Einer der Ausgangspunkte seiner Überlegungen waren pietistische Erfahrungen in seiner Jugend, ein anderer wurde die Bemerkung Lessings (1780, siehe oben), er sei Anhänger der Philosophie Baruch Spinozas. Als Jacobi Spinoza eingehend studierte, fühlte er sich von dessen streng rationalistischem Ansatz abgestoßen. Er kam seinerseits zu dem Ergebnis, dass die Philosophie, wenn sie mit endlichem Verstand Unendliches erfassen wolle, das Göttliche zu einem Endlichen herabsetzen müsse; in diesen Fehler verfalle alle Philosophie, sobald sie versucht, das Unendliche zu begreifen oder gar zu beweisen. Daher sei Philosophie nicht im Stande, das Dasein Gottes zu beweisen und müsse unvermeidlich zu Mechanismus, Fatalismus und Atheismus führen (wie bei Spinoza). Dies führte er im Einzelnen aus in einem ausgedehnten Briefwechsel mit Moses Mendelssohn, dem Freund Lessings. Über diese Korrespondenz, die durch Elise Reimarus vermittelt wurde, berichtete Jacobi in einer anonymen Veröffentlichung von 1785 unter dem Titel „Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn'“, wobei er zunächst nur die eigenen Briefe verwendete. Alle Welt wusste schnell, wer der Verfasser war. Von Matthias Claudius erhielt das Buch den Spitznamen „Spinoza-Büchlein“. In der zweiten, stark erweiterten Auflage von 1789 waren dann auch Mendelssohns Briefe abgedruckt. Die Schrift führte zum sogenannten Spinoza- oder Pantheismusstreit, an dem sich alle bedeutenden Geister der Zeit beteiligten: Goethe, Herder, Kant, Schelling, Schleiermacher; sie wurde damit der Anstoß für die „Spinoza-Renaissance“. Jacobi setzt Spinozas Determinismus seinen „salto mortale“ entgegen, den Sprung in das Bewusstsein freien Handelns und in den Glauben. Glauben ist für Jacobi – gegen Mendelssohn – nicht bloßes Für-wahr-Halten und nicht nur religiöser Glaube, sondern Element allen menschlichen Erkennens und Handelns.

Vom Glauben geht alles Wissen – des Sinnlichen wie des Übersinnlichen – als von der höchsten Instanz aus. Er beruht auf der unmittelbaren Einwirkung der Dinge auf unseren Geist. Soweit sich diese Einwirkung auf Übersinnliches bezieht, nannte Jacobi sie „Vernunft“ (von „Vernehmen“) – im Gegensatz zum diskursiv begreifenden „Verstand“. Wie es eine sinnliche Anschauung gibt, so gibt es für ihn auch eine rationale Anschauung (Idee) durch die Vernunft, gegen die Beweisführung ebenso wenig gilt wie gegen die Sinnesanschauung. Jacobi sah sich keineswegs als Irrationalist, sondern hielt sein Konzept von Glaubensgewissheit für streng rational. Auf Angriffe Mendelssohns und anderer Denker der Spätaufklärung antwortete er 1787 mit der Schrift David Hume über den Glauben, oder Idealismus und Realismus, die einen Anhang mit scharfer Kritik an Kants Kritik der reinen Vernunft enthielt.

Büste von Emil Jungbluth am Malkasten-Haus, 1943

Seine Philosophie ist – in der Nachfolge von David Hume, Francis Hutcheson und Frans Hemsterhuis – geprägt von empirischem bzw. moralisch-ästhetischem Sensualismus (dessen Kernpunkt ist die „schöne Seele“), er lehnte die Apriorität von Raum und Zeit ab. „Wir haben nichts, worauf unser Urteil sich stützen kann als die Sache selbst … Können wir uns mit einem schicklicheren Worte als dem Worte Offenbarung hierüber ausdrücken?“ Ein Dasein, das offenbar ist, setzt etwas voraus, was offenbar macht – Gott also. Mit unserer Erkenntnis können wir nicht „die Sache selbst“ erfassen, sondern nur unsere Vorstellung von ihr.

Jacobi war der Erste, der auf den berühmten Widerspruch bei Kants Beweisführung hinwies, der aus der Anwendung der Kategorie der Kausalität auf das Ding an sich folgt (ohne die Voraussetzung erkennbarer Dinge kann man in das kantische System nicht hineinkommen, „mit dieser Voraussetzung darin zu bleiben, ist platterdings unmöglich.“). 1799 wiederholte er in einem Schreiben an Fichte seine Vorbehalte gegenüber der idealistischen Philosophie; 1802 griff er mit der Schrift Über das Unternehmen des Kritizismus, die Vernunft zu Verstand zu bringen Kant direkt an.

Jacobis Berufung auf die „schöne Seele“ machte ihm alle diejenigen zu Freunden, welche in Kants Ablehnung der Beweise für das Dasein Gottes einen Angriff auf Gott selbst sahen und die durch die „Unmündigkeitserklärung der Vernunft“ die edelsten Güter des Herzens gefährdet glaubten. Mit Schelling geriet er 1811 in München durch seine Schrift „Von den göttlichen Dingen und ihrer Offenbarung“ in einen – von beiden Seiten – erbittert geführten Streit.

Sein Denkansatz von der Bedingtheit menschlichen Denkens wurde später von William Hamilton weiter ausgeführt. Zu seinen Schülern, die seine Philosophie in ein System zu bringen versuchten, gehören Jakob Salat, Friedrich Ancillon, Friedrich Ludewig Bouterweck, Friedrich van Calker und andere.

Als Literat kritisierte er die Bewegung des Sturm und Drang und behandelte in zwei Werken das Problem, den Freiheitsdrang des Individuums mit sozialer Verpflichtung in Einklang zu bringen.

Jacobi war darüber hinaus ein bedeutender wirtschaftstheoretischer Denker. Er gilt als der erste deutsche Wirtschaftsliberale, da er als erster die liberale Lehre von Adam Smith in seiner 2. politischen Rhapsodie („Noch eine politische Rhapsodie“, München 1779) vertrat. In dieser Schrift zitierte Jacobi über 20 Seiten aus dessen wohl bedeutendstem Werk zur Nationalökonomie, dem Wealth of Nations.

Familie[Bearbeiten]

Er heiratete 1764 in Aachen Elisabeth (Betty) von Clermont (1743–1784), die Tochter des Tuchhändlers Esaias von Clermont (1698–1751) und Helene Magarethe von Huyssen (1705–1776). Das Paar hatte acht Kinder, darunter:

  • Johann Friedrich Jacobi (1765–1831), Politiker, Munizipalpräsident Aachen, Praefecturrat und Abgeordneter des Ruhr-Departements.[3]
  • Georg Arnold Jacobi (1768–1845)[4], Sohn von Friedrich Heinrich Jacobi, Jurist, 1793 Amtmann in Wickrath bei Aachen; sachsen-weimarischer Regierungsrat und später Geheimer Regierungsrat in Pempelfort
  • Maximilian Jacobi (1775–1858), deutscher Psychiater

Werke[Bearbeiten]

  • Woldemar: ein Seltenheit aus der Naturgeschichte. Flensburg 1779, 2 Bände (Ausgabe letzter Hand, Leipz. 1826)
  • Noch eine politische Rhapsodie, München 1779
  • Eduard Alwills Briefsammlung. Breslau 1781 (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv) (Ausgabe letzter Hand 1826)
  • Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn. Breslau 1785 (2., erweiterte Auflage 1789, 3., abermals erweiterte Auflage 1819)
  • David Hume über den Glauben, oder Idealismus und Realismus. Breslau 1787
  • Sendschreiben an Fichte. Hamburg 1799
  • Über das Unternehmen des Kritizismus, die Vernunft zu Verstand zu bringen. Breslau 1801
  • Über gelehrte Gesellschaften, ihren Geist und Zweck. München 1807
  • Von den göttlichen Dingen und ihrer Offenbarung. Leipzig 1811 (2. Auflage 1822)

Jacobis Werke erschienen gesammelt Leipzig 1812–27, 6 Bände, Reprint 1968, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.

Die 6 Bände sind herausgeben worden unter dem Titel „Friedrich Heinrich Jacobi’s Werke“, Leipzig, bei Gerhard Fleischer. 1812–1825

Neuausgaben

  • Werke. Gesamtausgabe. Hg. v. Klaus Hammacher und Walter Jaeschke. Hamburg: Meiner, Stuttgart: Frommann-Holzboog 1998 ff., ISBN 3-7728-1366-6 (Frommann-Holzboog)
  • Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn. Meiner, Hamburg 2000, ISBN 978-3-7873-1434-8
  • „Ich träume lieber Fritz den Augenblick“. Der Briefwechsel zwischen Goethe und Friedrich Heinrich Jacobi. Erstmals 1846 von Maximilian Jacobi veröffentlicht; neu herausgegeben von Andreas Remmel und Paul Remmel, mit einem Nachwort von Dr. Gabriel Busch OSB; Bernstein-Verlag, Gebr. Remmel, Bonn 2005, ISBN 978-3-9808198-1-7
  • Jacobi an Fichte, Text 1799/1816 im Vergleich, Istituto Italiano per gli Studi Filosofici, Neapel 2011 (deutscher Text, Einleitung von Marco Ivaldo, Noten, Kommentar und italienische Uebersetzung von Ariberto Acerbi, mit Register und Bibliographie), ISBN 978-88-905957-5-2.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Friedrich Heinrich Jacobi – Quellen und Volltexte
 Commons: Friedrich Heinrich Jacobi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Friedrich Heinrich Jacobi: Friedrich Heinrich Jacobi’s auserlesener Briefwechsel. Band 1, Gerhard Fleischer, 1825, S. 145
  2. Nicole Schumacher: Friedrich Heinrich Jacobi und Blaise Pascal: Einfluss, Wirkung, Weiterführung. Band 458 von Epistemata / Reihe Literaturwissenschaft: Reihe Literaturwissenschaft, Königshausen & Neumann, Würzburg 2003, ISBN 3-8260-2531-8, S. 32
  3. fr:Johann Friedrich Jacobi
  4. „Im Allgemeinen und denkwürdig in historischer Beziehung“. Georg Arnold Jacobis Lebenszeugnisse, fortgesetzt und um eigene Erinnerungen ergänzt von Victor Friedrich Leopold Jacobi / Bearbeitet von Cornelia Ilbrig. Düsseldorf: Droste, 2010 (Veröffentlichungen des Heinrich-Heine-Instituts). Essay vom 1. April 2010 im Literatur-Archiv-NRW (online) zur Edition seiner Autobiografie.