proleptisch

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Dieser Artikel erläutert den Begriff der Chronologie; zur rhetorisch-erzählerischen Methode eines Vorgriffs auf später entwickelte Themen siehe Proleptik.

Proleptisch bedeutet in der Zeitrechnung (Chronologie), dass ein Zeitsystem über seinen definierten Nullpunkt hinaus in die Vergangenheit zurückgreift. Das Adjektiv proleptisch kommt von griechisch προληπτικός und bedeutet etwa „nach vorn lassend“, „nach vorn weisend“.

Standard-Zeitmesssystem der Astronomie wie auch der Chronologie ist das julianische Datum, ein – trotz des Datums 0,0 am 1. Januar −4712 (4713 v. Chr.) 12:00 – nicht proleptisches Dezimalzeitsystem, das die Probleme der proleptischen Datierung in Form einer gleichförmig fortlaufenden Zeitskala überbrückt.

Proleptische Kalender[Bearbeiten]

Ein Kalendersystem hat ein bestimmtes Referenzdatum, die Epoche, an dem die Jahreszählung beginnt. Alle Daten vor diesem Tag, in diesem Kalendersystem angegeben, heißen dann proleptisch datiert. Sie haben negative Jahreszahlen beziehungsweise werden mit „vor der Zeitrechnung“ und ähnlichen Begriffen beschrieben.

Siehe: v. Chr. (vor Christi Geburt), ante christum natum (AC, „vor der Geburt Christi“, auch BC, engl. before Christ), v. d. Z. (vor der Zeitrechnung)

Eigentlich sind Kalender prinzipiell proleptisch. Das heißt, zum Zeitpunkt seiner Einführung werden im Allgemeinen alle geschichtlichen Daten nach den neuen Regeln neu ermittelt und ab dann im neuen Kalendersystem angegeben.

Nicht proleptische Kalender[Bearbeiten]

Der gregorianische Kalender ist ausdrücklich nicht proleptisch, mit der Folge, dass es bis heute einen „gestückelten“ Kalender gibt: julianisch bis einschließlich 4. Oktober 1582, gregorianisch seit dem 15. Oktober 1582. Die zehn Kalendertage dazwischen haben zumindest in Rom, Italien, Spanien und Portugal historisch nie existiert. In anderen Ländern – je nach Einführungsdatum – waren es 10 bis 13 andere Kalendertage, die es nie gab.

Ein weiteres klassisches Datierungsproblem ist etwa das sogenannte verworrene Jahr 708 a. u. c., in dem der römische auf den julianischen Kalender umgestellt wurde, und seine ungesicherte seinerzeitige proleptische Rückdatierung.

Weiterhin nicht proleptisch verwendet werden alle Kalendersysteme, die auf einem System von Zeitaltern (Ära) aufgebaut sind, insbesondere auch alle dynastischen Kalendersysteme. Die Jahreszählung beginnt hier bei jeder Epoche (Beginn einer Ära) neu, aber frühere Daten werden im Bezug der jeweils damals gültigen Epoche angegeben. Beispiele: ägyptischer Kalender, chinesischer Kalender, japanischer Kalender mit Nengō, Maya-Kalender.

Der Französische Revolutionskalender war ebenfalls nicht proleptisch. Er trat am 4. Frimaire II (24. November 1793) in Kraft – rückwirkend zum 1. Vendémiaire I (22. September 1792, Datum der Tagundnachtgleiche nach der Ausrufung der Ersten Französischen Republik am Vortag). Für die Zeit vor diesem Ursprungsdatum wurde weiterhin die Datierung des gregorianischen Kalenders verwendet.

Zum Problem der Datierung[Bearbeiten]

Die Umrechnung historischer Zeit- und Kalendersysteme in julianisches Datum ist eine auf einem je nach System mehr oder minder komplizierten Formelsatz aufgebaut, der anhand von historischen ermittelbaren Eckdaten aufgebaut wird: Historische Datierungen (Angaben über Datum und Tageszeit) sind, weil es bis in das späte 20. Jahrhundert keine weltweit verbindliche, momentan verfügbare Referenz über Gleichzeitigkeit gegeben hat, nur überlieferte Zuordnungen, die anhand der Quellenlage mit anderen zeitgleichen Ereignissen abgeglichen werden müssen. Typische Eckdaten sind etwa astronomische Ereignisse (wie Sonnenfinsternisse), die auf heutigen Rechenmodellen basierend hinreichend präzise datiert werden können (astronomische Chronologie) und so eine Basis der Umrechnung gregorianisch-proleptischer Daten in die heutige Zeitskala geben.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ludwig Rohner: Kalendergeschichte und Kalender. Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion, Wiesbaden 1978, ISBN 3-7997-0692-5.
  • Heinz Zemanek: Kalender und Chronologie. Bekanntes & Unbekanntes aus der Kalenderwissenschaft. 6. vollständig überarbeitete Auflage. R. Oldenbourg, München 2008, ISBN 978-3-486-22795-6.