Psychochirurgie

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Unter Psychochirurgie versteht man operative Eingriffe am Gehirn zur Behandlung schwerer psychischer Störungen (z. B. Schizophrenie, schwere Zwangsstörung). Aber auch bei schweren Verläufen anderer ernster neurologischer Erkrankungen wie z. B. Parkinson-Krankheit, Tourette-Syndrom oder Epilepsie kommen sie zum Einsatz.

Irreversible Verfahren[Bearbeiten]

Zu den nicht mehr rückgängig zu machenden Eingriffen zählen stereotaktischen Operationen[1] sowie Zingulotomie, anteriore Kapsulotomie, subkaudale Traktotomie und limbische Leukotomie.[2][3][4]

Eines der ältesten und bekanntesten Verfahren ist die Lobotomie, ein radikaler doppelseitiger Schnitt im Frontalmark, der die Verbindungen zwischen Stirnhirn und Thalamus trennt. Erstmals durchgeführt wurde der Eingriff von dem portugiesischen Arzt António Caetano de Abreu Freire Egas Moniz im Jahre 1935; 1949 erhielt er dafür den Nobelpreis. Der Eingriff sollte auf schizophrene, schwer depressive und aggressive Patienten beruhigende Wirkung haben, was heute allerdings umstritten ist. Gleichzeitig gingen oftmals schwere Nebenwirkungen mit dem Eingriff einher, wie der Verlust von Trauer- oder Freudeempfindungen und eine starke emotionale Verflachung.[5]

Dass die Lobotomie trotzdem zum Einsatz kam, ist mit dem seinerzeitigen Erkenntnisstand über psychische Störungen, dem früher vorherrschenden Bild von psychisch Kranken in der Gesellschaft und dem Fehlen alternativer Behandlungsmethoden wie Neuroleptika einher. So wurden in den 50er und 60er Jahren in den USA tausende Menschen einer Lobotomie unterzogen, selbst wenn diese nur verhaltensauffällig waren. Zudem wurden Operationen am Hirn bisweilen auch dazu missbraucht, abweichendes gesellschaftliches Verhalten durch Eingriffe ins Hirn zu unterbinden. Ein bekannter Fall ist z. B. jener Rosemary Kennedys.[6] Die weitreichenden Nebenwirkungen sowie die genannten Fälle des Missbrauchs dieser Therapiemethode führten dazu, dass sie spätestens seit der Entwicklung der modernen Psychopharmaka kaum noch eine Rolle spielte und "psychochirurgische" Verfahren bis heute unter einem ambivalenten Ruf leiden.

Zu den irreversiblen Verfahren zählen auch psychochirurgische Operationen am Mandelkern, bei denen das Hirngewebe durch eine eingeführte Sonde mittels Kälte, Hitze oder chemischer Substanzen zerstört wird.[7] Nach Amygdala-Operationen wurden vor allem gravierende Nebenwirkungen beklagt: Die operierten Patienten werden passiver, motorisch eingeschränkt, büßen die Kontrolle über ihre Reaktionen ein, Spontaneität und Kreativität würden eingeschränkt.[8]

Reversible Verfahren[Bearbeiten]

Eine reversible, also wieder rückgängig zu machende und noch recht junge Operationsmethode ist die Tiefe Hirnstimulation, welche derzeit vor allem bei Patienten mit schweren organischen oder neuropsychiatrischen Erkrankungen wie Parkinson-Krankheit, Tourette, Zwangsstörung, Epilepsie u.a. vereinzelt zum Einsatz kommt.[9][10][11] Dieses Verfahren wird auch „Hirnschrittmacher“ genannt, da es sich bei der tiefen Hirnstimulation um das Einsetzen zweier Elektroden in das Gehirn handelt, über die sodann von in der Brust des Patienten implantierten Impulsgebern (Schrittmacher) Strom in die betroffenen Hirnareale geleitet wird.[12]

Inzwischen sind auch für dieses Verfahren mögliche psychische Nebenwirkungen berichtet worden, wobei das Spektrum vor allem leichtere kognitive Verschlechterungen, Depression und (Hypo-)Manie umfassen soll. Aber auch Persönlichkeitsveränderungen sind dokumentiert worden.[9]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. G. A. Mashour, E. E. Walker, R. L. Martuza: Psychosurgery: past, present and future. Brain Research Review, 48 (3), 2005, S. 409–18, doi:10.1016/j.brainresrev.2004.09.002, PMID 15914249.
  2. Clinical resource and audit group: Neurosurgery for mental disorder. Edinburgh: Scottish Office, 1996.
  3. B. H. Price, I. Baral, G. R. Cosgrove, S. L. Rauch, A. A. Nierenberg, M. A. Jenike, E. H. Cassem: Improvement in severe self-mutilation following limbic leucotomy: a series of five consecutive cases. Journal of Clinical Psychiatry 62 (12), 2001, S. 925–32, doi:10.4088/JCP.v62n1202, PMID 11780871
  4. K. N. Fountas, J. R. Smith, G. P. Lee: Bilateral stereotactic amygdalotomy for self-mutilation disorder: a case report and review of the literature. Stereotactic and Functional Neurosurgery 85 (2-3), 2007, S. 121–8, doi:10.1159/000098527, PMID 17228178.
  5. E. S. Valenstein: The psychosurgery debate. Freeman & Co., San Francisco, 1980.
  6. Burton Feldman: The Nobel prize: a history of genius, controversy, and prestige. Arcade Publishing, 2001, S. 271.
  7. J. W. Renfrew: Aggression and its causes. A Biopsychosocial Approach. New York , Oxford University Press 1991. S. 74.
  8. Alan W. Scheflin and Edward M. Opton, Jr.: The Mind Manipulators. New York , Paddington Press 1978. S. 277.
  9. a b Sabine Müller, Markus Christen: Mögliche Persönlichkeitsveränderungen durch Tiefe Hirnstimulation bei Parkinson-Patienten. Nervenheilkunde 29(11), 2010, S. 779-783, (freier Download)
  10. T. E. Schläpfer, B. H. Bewernick: Deep Brain Stimulation for Psychiatric Disorders--State of the Art. Advances and technical standards in neurosurgery 34, PMID 19368080
  11. M. Synofzyk, T. E. Schlaepfer: Stimulating personality: Ethical criteria for deep brain stimulation in psychiatric patients and for enhancement purposes. J. Biotechnol. 3 (12), 2008, S. 1511-1520, PMID 19072907
  12. Hirnschrittmacher: Ruhe auf Knopfdruck. - Focus online, 19. Februar 2008 (abgerufen am 27. Mai 2012)
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