Rössener Kultur

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Rössener Kultur
Zeitalter: Mittelneolithikum-Jungneolithikum
Absolut: 4300 v. Chr. bis 3500 v. Chr.
Ausdehnung
Harzvorland über Leipziger Raum bis ins Thüringer Becken, Altmark
Leitformen

hohe Schüsseln mit Standfuß, Kugelbecher, Zipfelschalen und Schiffchengefäßen

Die Rössener Kultur ist eine mitteleuropäische Kultur der mittleren Jungsteinzeit, welche zum Kulturkomplex Rössen - Großgartach - Baalberger Kultur gehört. (4500–4300 v. Chr.). Sie ist nach dem Gräberfeld von Rössen, Stadt Leuna, Saalekreis, Sachsen-Anhalt am Ostrand ihres Verbreitungsgebietes benannt. Der Begriff wurde 1900 von Alfred Götze eingeführt, nach den seit 1882 in Rössen durchgeführten Grabungen. Funde der Rössener Kultur gibt es in 11 deutschen Bundesländern (mit Ausnahme des nördlichen Bereichs der Norddeutschen Tiefebene), aber auch in der Nordschweiz und Teilen Österreichs.

Grabhügel in Rössen
Karte mit der Rössener-Kultur und ihrem geographischen Umfeld.

Keramik[Bearbeiten]

Kugelbecher der Rössener Kultur aus Hüde, Niedersachsen

Typische Gefäßformen sind hohe Schüsseln mit Standfuß, Kugelbecher, Zipfelschalen und Schiffchengefäße. Ihre Oberfläche ist meistens braun, rotbraun, dunkelbraun, oder grauschwarz und geglättet. Die charakteristische Dekoration umfasst mit weißer Paste ausgelegte (so genannte Inkrustation) Doppelstiche ("Geißfußstich"), furchenartigen Einstiche und Stempeleindrücke.

Steingeräte[Bearbeiten]

Steinaxt (Breitkeil Typ Rössen) aus Vernawahlshausen

Das Silexinventar ähnelt weitgehend dem der Bandkeramik (Klingenindustrie mit pyramidalen Kernen), ein deutlicher Wechsel zeichnet sich jedoch bei den benutzten Rohmaterialien ab: der in der Bandkeramik vorherrschende Rijckholt-Feuerstein wird durch den gebänderten Plattenhornstein (Typ Abensberg-Arnhofen) abgelöst. Bei den Felsgesteingeräten ist der durchbohrte hohe Breitkeil typisch, daneben sind auch undurchbohrte Beile und Dechsel (Querbeile) in Gebrauch.

Hausbau und Siedlungsweise[Bearbeiten]

Langhaus in Bad Homburg

Es gibt nur wenige erforschte Siedlungen. Beispiele sind: Deiringsen-Ruploh, Bad Homburg und Schöningen-Esbeck. Die trapez- und schiffsförmigen Langhäuser waren bis zu 65 m lang. Bedingt durch den Grundriss besaßen sie vermutlich eine abfallende Dachlinie. Eine mehrfache Innenaufteilung ist nachgewiesen, es wohnten also vermutlich mehrere Kleingruppen in einem Haus. Jens Lüning geht für die Rössener Kultur, im Gegensatz zur Bandkeramik, von echten Dorfanlagen aus. Manche Siedlungen waren von Erdwerken umgeben. Die Siedlungen befanden sich überwiegend in Schwarzerdegebieten, im Vergleich zu der späten Bandkeramik hatte sich das Siedlungsgebiet reduziert.

Bestattungssitten[Bearbeiten]

Hockergrab aus Rössen

Die Toten wurden vorwiegend als ostorientierte Rechtshocker bestattet. Diese Gräber wurden zwischen 40 und 160 cm tief in der Erde angelegt und teilweise mit Steinplatten bedeckt. Über ihre Form und Größe ist wenig bekannt. Noch weniger ist über Brandbestattungen bekannt, deren Zuordnung teilweise bestritten wird. Der Leichenbrand und die Scheiterhaufenasche wurden gesammelt und die unverbrannten Beigaben daneben abgelegt (sog. Brandgrubengrab). Keramische Beigaben waren Fußbecher, Kugelbecher, Ösenbecher, Schalen, Schüsseln, Ösentassen, Flaschen, Amphoren, Kannen und Wannen. Weiter Kalksteinringe, Steinbeile, Feuersteinklingen und Tierknochen.

Zeitlich und räumlich nahe Kulturen[Bearbeiten]

Die Rössener Kultur löste die Linienbandkeramik in deren westlichem Verbreitungsgebiet über die Zwischenstufen Hinkelstein, Großgartach und Planig-Friedberg ab. Diese "Ablösung" erfolgte jedoch abrupt, denn die meisten Rössener Ansiedlungen gründeten sich nicht auf ältere bandkeramische Siedlungen, sondern entstanden vermutlich unabhängig neu.[1]

Die Rössener Kultur ist teilweise zeitgleich mit der bayerischen Gruppe Oberlauterbach und der jüngeren Stichbandkeramik. Sie wird im Südwesten Deutschlands und der Nordschweiz von den sogenannten Poströssener Gruppen (Wauwil, Bischoffingen-Leiselheim/Straßburg (früher Linsenkeramik)), Bischheimer Kultur, Goldberg III, der Aichbühler Kultur abgelöst. In Teilen Mitteldeutschlands folgt (unter Umständen mit einer zeitlichen Lücke) darauf die Gaterslebener Kultur, eine lokale Ausprägung der in Tschechien, Polen, Österreich und Ungarn ansässigen jungneolithischen Lengyel-Kultur, deren bayerische Ausprägung die Münchshöfener Kultur, die dort etwa um 4400 v. Chr. beginnt. Das Ende bereitet dann die Baalberger-Kultur, die älteste Gruppe der Trichterbecherkulturen (TBK).

Literatur[Bearbeiten]

Allgemein[Bearbeiten]

  • Hans-Jürgen Beier: Der "Rössener Horizont" in Mitteleuropa. In: Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas. Band 6 Beier & Beran, Wilkau-Hasslau 1994
  • Joachim Preuß: Das Neolithikum in Mitteleuropa. Kulturen-Wirtschaft-Umwelt vom 6. bis 3. Jahrtausend v.u.Z., Übersichten zum Stand der Forschung. 3 Bde. Beier und Beran, Wilkau-Haßlau, Weißbach 1996, 1998, 1999. ISBN 3-930036-10-X.
  • Jens Ehrhardt: Rössener Kultur. In: H.-J. Beier und R. Einicke (Hrsg.): Das Neolithikum im Mittelelbe-Saale-Gebiet. Eine Übersicht und ein Abriß zum Stand der Forschung. Verlag Beier & Beran. Wilkau-Hasslau 1994, 67-83.ISBN 3-930036-05-3.

Genese[Bearbeiten]

  • W. Meier-Arendt: Zur Frage der Genese der Rössener Kultur. In: Germania. 52/1, 1974, 1-15. ISSN 0016-8874
  • Hans-Jürgen Beier (Hrsg.): Der Rössener Horizont in Mitteleuropa. Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas, Band 6. Wilkau-Haßlau, 1994. ISBN 3-930036-04-5.
  • J. Erhardt: Rössener Kultur. In: H.-J. Beier, R. Einicke (Hrsg.): Das Neolithikum im Mittelelbe-Saale-Gebiet. Wilkau-Haßlau 1996, 76-77.

Keramik und Chronologie[Bearbeiten]

  • Hermann Behrens: Die Rössener, Gaterslebener und Jordansmühler Gruppe im Mitteldeutschen Raum. Fundamenta A 3, Teil Va. Köln 1972, 270 ff.
  • Jan Lichardus: Rössen – Gatersleben – Baalberge. Ein Beitrag zur Chronologie des mitteldeutschen Neolithikums und zur Entstehung der Trichterbecherkulturen. Saarbrücker Beitr. Altkde. 17. Bonn 1976.
  • K. Mauser-Goller: Die Rössener Kultur in ihrem südwestlichen Verbreitungsgebiet. Fundamenta A 3, Teil Va. Köln 1972, 231-268.
  • F. Niquet: Die Rössener Kultur in Mitteldeutschland. Jahresschr. Mitteldt. Vorgesch. 26. 1937.
  • H. Spatz, S. Alföldy-Thomas: Die „Große Grube“ der Rössener Kultur in Heidelberg-Neuenheim. Materialhefte Vor- und Frühgesch. Baden-Württemberg 11. Stuttgart 1988.
  • Otto Thielemann: Eine Rössener Prachtvase von Burgdorf, Kreis Goslar. Die Kunde, Jg.9/10 1941.

Ernährung[Bearbeiten]

  • Jens Lüning: Steinzeitliche Bauern in Deutschland - die Landwirtschaft im Neolithikum. Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 58. Habelt, Bonn 2000. ISBN 3-7749-2953-X.
  • U. Piening: Pflanzenreste - Die Pflanzenreste aus Gruben der Linearbandkeramik und der Rössener Kultur von Ditzingen, Kr. Ludwigsburg. In: Fundber. Baden-Württemberg 22/1. 1998, 125-160.

Hausbau[Bearbeiten]

  • M. Dohrn: Neolithische Siedlungen der Rössener Kultur in der Niederrheinischen Bucht. München 1983.
  • A. Jürgens: Die Rössener Siedlung von Aldenhoven, Kr. Düren. In: Rhein. Ausgrab. 19. 1979, 385-505.
  • R. Kuper: Der Rössener Siedlungsplatz Inden I. Dissertations-Druck, Köln 1979.
  • J. Lüning: Siedlung und Siedlungslandschaft in bandkeramischer und Rössener Zeit. In: Offa. 39. 1982, 9-33.
  • H. Luley: Die Rekonstruktion eines Hauses der Rössener Kultur im archäologischen Freilichtmuseum Oerlinghausen. In: Arch. Mitt. Nordwestdeutschl. Beiheft 4. Oldenburg 1990, 31-44.
  • H. Luley: Urgeschichtlicher Hausbau in Mitteleuropa. Grundlagenforschung, Umweltbedingungen und bautechnische Rekonstruktion. Universitätsforsch. prähist. Arch. 7. Bonn 1992.
  • K. Günther: Die jungsteinzeitliche Siedlung Deiringsen/Ruploh in der Soester Börde. Münster 1976.

Gräberfelder[Bearbeiten]

Zum Gräberfeld von Rössen:

  • Alexander Nagel: Katalog zur Sammlung prähistorischer Altertümer von A. Nagel in Passau. Passau 1881.
  • Alexander Nagel: In: Zeitschrift für Ethnologie. 1882, S. 143.
  • Alexander Nagel: In: Korrespondenzblatt f. Anthropologie. XVIII, 1887, S. 19-20.
  • Oberst von Borries: Bericht über die am 21., 30. und 31. Juli 1883 erfolgte Ausgrabung vorgeschichtlicher Gräber bei Rössen an der Saale, Kreis Merseburg. In: Vorgeschichtliche Altertümer der Provinz Sachsen. Heft III, 1886, S. 1-6.
  • A. Götze: Das neolithische Gräberfeld von Rössen und eine neue keramische Gruppe. In: Zeitschrift für Ethnologie. 1900, 237-259.
  • N. Niklasson: In: Mannus. XI-XII, 1919-1920, S. 309-337.
  • F. Niquet: Das Gräberfeld von Rössen, Kreis Merseburg. Veröff. Landesanstalt Volkheitskde. 9. Halle/S. 1938.

Andere:

  • R. Dehn: Ein Gräberfeld der Rössener Kultur von Jechtingen, Gde. Sasbach, Kr. Emmendingen. In: Archäologische Nachr. Baden 34. 1985, 3-6.
  • J. Lichardus: Rössen-Gatersleben-Baalberge. Saarbrücker Beitr. Altkde 17. Bonn 1976.

Poströssener Gruppen[Bearbeiten]

  • Die Kugelbechergruppen in der südlichen Oberrheinebene. Sonderheft. Cahiers Assoc. Promotion Rech. Arch. Alsace 6, 1990.
  • Jens Lüning: Die Entwicklung der Keramik beim Übergang vom Mittel- zum Jungneolithikum im Süddeutschen Raum. Bericht der RGK 50. 1969, 3-95.
  • M. Zápotocká: Zum Stand der Forschung über die relative Chronologie des frühen Äneolithikums in Böhmen. In: J. Biel, H. Schlichtherle, M. Strobel, A. Zeeb (Hrsg.): Die Michelsberger Kultur und ihre Randgebiete - Probleme der Entstehung, Chronologie und des Siedlungswesens. Kolloquium Hemmenhofen, 21.–23. Februar 1997. Materialh. Ur- u. Frühgesch. Baden-Württemberg 43. Stuttgart 1998, 291-302.
  • A. Zeeb: Poströssen – Epirössen – Kugelbechergruppen. Zur Begriffsverwirrung im frühen Jungneolithikum (Die Schulterbandgruppen – Versuch einer Neubenennung). In: H.-J. Beier (Hrsg.): Der Rössener Horizont in Mitteleuropa. Wilkau-Haßlau 1994, 7-10.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rössener Kultur – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Almut Bick: Die Steinzeit. Theiss WissenKompakt, Stuttgart 2006. ISBN 3-8062-1996-6