Robert L. Carneiro

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Robert Leonard Carneiro (* 4. Juni 1927 in New York City) ist ein US-amerikanischer Ethnologe.

Leben[Bearbeiten]

Carneiro studierte in Michigan Politikwissenschaft und Anthropologie.[1]

Ethnologische Feldforschung[Bearbeiten]

Carneiro forschte in Zentralbrasilien, Ostperu und im Süden Venezuelas.[2]

Carneiros Staatsentstehungstheorie[Bearbeiten]

Hauptartikel: Staatsentstehung

Carneiro hat in seinem Aufsatz „A theory of the Origin of the State“ ein Gegenmodell zur Eroberungs- und Unterwerfungstheorie entwickelt: Seine Theorie der natürlichen Grenzen (Circumscription Theory) beruht auf der Annahme, dass im Falle einer Eroberung die Unterlegenen im Regelfall an einen anderen Ort fliehen; als Beispiel nennt er die Amazonas-Indianer. Nur wenn es natürliche Begrenzungen (Wüste, Berge, Meer) gebe, bleibe die unterlegene Gruppe am Ort der Niederlage.

Unter diesen Bedingungen entsteht nach Carneiro der Staat auf die Weise, dass es bei wachsender Bevölkerung um Streit um das knappe Land komme und so ein Dorf das Nachbardorf zu erobern und unterwerfen versuche. Dadurch komme es zur Entstehung staatlicher Herrschaft; dies sei zum Beispiel in Ägypten der Fall gewesen.

An Carneiros Theorie wird vor allem kritisiert, dass es wissenschaftlich kein Beispiel dafür gibt, dass erobernde Bauernvölker andere Bauernvölker dauerhaft unterworfen haben; vielmehr würden Bauernvölker die Eroberten töten und das Land zur eigenen Bewirtschaftung nutzen.[3][4]

Zudem wird eingewendet, dass es zahlreiche Beispiele gebe, in denen enge geographische Grenzen nicht zur Entstehung staatlicher Herrschaft geführt hätten. Auch sei fraglich, ob sein Ausgangspunkt, wonach die Amazonas-Indianer wegen der "geographischen Grenzenlosigkeit" keinen Staat ausgebildet hätten, sich nicht auf eine spätere (Beobachtungs-)Situation stütze, in der die Bevölkerung durch Krankheiten und Kolonisation stark dezimiert gewesen sei – während für die vorher zahlreichere Bevölkerung durchaus geographische Grenzen spürbar gewesen seien, ohne dass es zur Staatsentstehung gekommen sei.[5]

Werk (Auswahl)[Bearbeiten]

  • A Theory of the Origin of the State, Science Vol. 169, 21. August 1970, S. 733–738.
  • The Muse of History and the Science of Culture. New York: Kluwer Academic/Plenum Publishers, 2000.
  • Zusammenstellung weiterer Werke auf der privaten Website Carneiros , abgerufen am 17. Dezember 2010.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kurzbiografie.
  2. Kurzbiografie.
  3. Beliaev/Bondarenko/Korotayev: ’’Origins and Evolution of Chiefdoms’’, in: Reviews in Anthropology, Vol. 30 (2001), S. 373–395 (Online-Version, abgerufen am 17. Dezember 2010).
  4. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Teil III, Kap. III, § 2.
  5. Beliaev/Bondarenko/Korotayev: ’’Origins and Evolution of Chiefdoms’’, in: Reviews in Anthropology, Vol. 30 (2001), S. 373–395 (Online-Version, abgerufen am 17. Dezember 2010).