Samenbombe

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Samenbombe

Samenbombe auch Samenkugel (englisch Seed Bomb oder Seed Ball, jap. nendo dango, 粘土 団子) bezeichnet eine aus Erde geformte handliche Kugel (s. Abb.), welche Pflanzensamen enthält. Samenbomben werden in der Guerillagärtnerei-Bewegung als Methode der Aussaat vorwiegend im urbanen Raum verwendet.

Aufbau und Herstellung[Bearbeiten]

Produktion von Samenbomben

Eine Samenbombe besteht meistens aus Kompost, der mit Ton vermischt ist. Meist werden die Kugeln bei niedriger Temperatur im Backofen angetrocknet. Eine gängige Mischung besteht aus fünf Teilen roter Tonerde, drei Teilen Erde oder Kompost und einem Teil Samen. Mit einem Teil Wasser werden sie zu kleinen Kügelchen geformt und ein bis zwei Tage getrocknet.[1]

Im Inneren der Kugel befinden sich häufig Samen einjähriger Pflanzen (Sommerblumen) und in Deutschland traditioneller Arten, wie Kornblume, Ringelblume, Tagetes, Sonnenhut, Malve und andere Arten. Damit das Saatgut nicht zu früh treibt, müssen die Kugeln trocken gelagert werden.

Anwendung[Bearbeiten]

Aus einer Samenbombe wachsende Sämlinge

Die Samenbomben werden auf einen beliebigen Platz mit Erde geworfen. Die trockene Tonkugel schützt den Samen vor Vögeln und Nagern. Regnet es, saugt sich die Kugel mit Wasser voll und quillt. Die Samen beginnen zu keimen und durchbrechen die Kugelwände nach kurzer Zeit. Die Auswahl der Standorte entscheidet darüber, welche der gesäten Pflanzenarten gedeihen.[2]

Geschichte[Bearbeiten]

Die Samenbomben gehen mit einiger Wahrscheinlichkeit auf den japanischen Reisbauern Masanobu Fukuoka zurück. Dieser hatte seine Methode der nendo dango (Samenkugel) nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs insbesondere für die Direktaussaat von Reis und Gerste auf seinen dauerhaft ohne Pflügen bestellten Feldern entwickelt (Permakultur) und so auch Gemüse wie Daikon-Rettich auf Wiesen und an Wegesrändern ausgesät. Eine Gruppe junger Leute, die seit den 1970er Jahren auf seinem Hof lebte und seine Techniken und die Philosophie der Nichts-Tun-Landwirtschaft studierte, sowie das durch einen dieser Aktivisten naturnaher Landwirtschaft ins Amerikanische übersetzte Buch Fukuokas „One Straw Revolution“ (Titel der deutschen Ausgabe: „Der große Weg hat kein Tor“[3]) erschien 1978 in den USA und sorgte zusätzlich für die Bekanntheit von Fukuokas Techniken in der englischsprachigen Permakultur-Szene. Fukuoka selbst verbreitete seine Erfahrungen auf Reisen in Länder wie Somalia oder Indien. An Fukuoka wird heute in der Guerillagärtnerei-Bewegung erinnert.[4]

Samenbombe für Schmetterlinge, Verkaufsraum des Chelsea Physics Garden, London 2013

Diskutiert wird auch eine weitere unabhängige Entwicklung der Samenbomben, da schon bei Pflanzaktionen durch die New Yorker Guerillagärtnereigruppe Green Guerillas um die Künstlerin Liz Christy 1973 über den Einsatz von „seed bombs“ berichtet wird.

Die Saatmethode selbst scheint bereits bei einigen Stämmen der Nordamerikanischen Ureinwohner zur Anwendung gekommen zu sein.[5]

Mittlerweile werden Samenbomben gewerblich hergestellt und verkauft.[6]

Naturschutz-Kritik[Bearbeiten]

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) beurteilt viele Samenbomben als bedenklich, da zu ihrer Herstellung meist Samen gezüchteter Zierpflanzen verwendet werden.[7] Zugleich betont der BUND, dass die städtische Naturausstattung sich durch einen hohen Anteil an Kulturformen und Neophyten auszeichne.[8]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Samenbomben – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Auf „seed391.wordpress.com“ (PDF-Datei; 208 kB)
  2. Künstler ohne Namen
  3. vgl. auch Einleitung des Übersetzers Larry Korn in: Masanobu Fukuoka: Der große Weg hat kein Tor. Nahrung – Anbau – Leben. 2. Auflage, Pala-Verlag, Darmstadt 1994, ISBN 3-923176-71-6, S. 13-21. Zu Fukuokas Beschreibung seiner Technik, Samen in Lehmklümpchen (Pellets) einzuhüllen, vgl. S. 48f.
  4. Seedballs: from Fukuoka to Green Guerillas. Abgerufen am 10. Juli 2011.
  5. Andrea Bellemy: A brief history of the seed ball. Abgerufen am 10. Juli 2011.
  6. Weser Kurier: Samenbomben aus Norddeutschland
  7. Andreas Faensen-Thiebes: Stadtnaturschutz – BUNDstandpunkt 4. (PDF-Datei; 1,51 MB) Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Hrsg.), Berlin, Juni 2012, S. 17 (Abschnitt 4.3.6 Guerilla Gardening).
  8. Andreas Faensen-Thiebes: Stadtnaturschutz – BUNDstandpunkt 4. (PDF-Datei; 1,51 MB) Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Hrsg.), Berlin, Juni 2012, S. 19 (Abschnitt 5.3 Umgang mit gebietsfremden Arten).