Sinus pilonidalis

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Klassifikation nach ICD-10
L05 Pilonidalzyste
ICD-10 online (WHO-Version 2013)
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Der Sinus pilonidalis (von lateinisch pilus ‚Haar‘ und nidus ‚Nest‘) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Gesäßfalte (Rima ani). Synonyme für die Erkrankung sind Steißbeinfistel, Pilonidalzyste oder Sacraldermoid. Nach häufiger Auffassung wird die Erkrankung durch in die Haut penetrierende Haare verursacht. Andere Meinungen gehen von einer angeborenen (kongenitalen) Missbildung aus. Auch Traumata (beispielsweise durch Stürze verursacht) werden als mögliche Ursache diskutiert.

Epidemiologie[Bearbeiten]

Der chronische Sinus pilonidalis ist eine häufige Erkrankung mit einer geschätzten jährlichen Inzidenz von 26 auf 100.000 Einwohner. Da Männer weitaus häufiger als Frauen betroffen sind und der Altersgipfel im 20. bis 30. Lebensjahr liegt, ist die Erkrankung vor allem bei Soldaten ein nicht unbeträchtliches Gesundheitsproblem. Aufgrund des gehäuften Auftretens bei US-amerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg wird die Erkrankung im englischen Sprachraum auch Jeep’s disease oder auch Jeep driver’s disease beziehungsweise Jeep rider’s disease genannt. Bei Bundeswehrsoldaten beträgt die jährliche Inzidenz etwa 150 auf 100.000.

In seltenen Fällen kann das Krankheitsbild bei Friseuren zwischen den Fingern (interdigital) auftreten und wird durch eingedrungene Schnitthaare verursacht, weshalb die Krankheit auch als „Zwischenfingerhaartaschenerkrankung“ oder eben „Friseurkrankheit“ bezeichnet wird.

Ursachen[Bearbeiten]

Es gibt zwei Thesen zur Ursache:

Angeborene Pilonidalzyste[Bearbeiten]

Laut dieser These verbleibt nach der Embryonalzeit eine Öffnung am Ende des Neuralrohres, der „Neuroporus posterior“ erhalten. Diese Öffnung stellt eine Verbindung zwischen Steißbeinspitze und Analrand dar. Echte, angeborene Zysten im Bereich der Haut über dem Steißbein sind sehr selten.

Erworbene Pilonidalzyste[Bearbeiten]

Der erworbene Sinus pilonidalis ist weitaus häufiger als angeborene Formen. Auch hier soll es zwei Untergruppen geben:

  1. Die Pilonidalfistel entsteht durch das Eindringen von Haaren durch die Epidermis. In diesem Fall findet man in dem Fistelgang bzw. der Abszesshöhle büschelweise abgebrochene Haare.
  2. Die Pilonidalfistel entsteht infolge einer Haarbildungsstörung, bei der das von der Haarwurzel gebildete Keratin nicht geordnet zu einem Haar aufgebaut wird, sondern als schollenförmig abgelagertes Keratin zunächst Ausgangspunkt eines Fremdkörpergranuloms (der Abkapselung des Materials) und in einem zweiten Schritt durch Infektion mit den normalen Bakterien der Haut zu einer eitrigen Entzündung (Abszess) wird.

Stadien[Bearbeiten]

Blande Verlaufsform[Bearbeiten]

Die blande (milde) Verlaufsform ist die schwächste Form. Sie weist keinerlei Entzündungszeichen auf. Nur wenige (1–2) Fistelöffnungen sind an der Hautoberfläche zu finden.

Akut abszedierende Verlaufsform[Bearbeiten]

Durch Reibung der Gesäßhälften aneinander kommt es gerade bei starker Behaarung zu einer Einspießung von Haaren in die Haut. Diese wirken per se bereits als Fremdkörper und bilden zudem eine Leitstruktur für Keime, die in dieser Region regelmäßig in großer Zahl vorkommen. Kommt noch starkes Schwitzen hinzu, so besteht ein für Bakterien optimales feucht-warmes Milieu. Die Folgen sind starke Entzündung und Eiterbildung. Ein enges (apfelförmiges) Gesäß sowie Übergewicht gelten als ungünstige Faktoren.

Chronischer fistelnder Verlauf[Bearbeiten]

Es finden sich keine akuten Entzündungszeichen, dafür aber eine dauerhafte Absonderung (Fistelsekretion) in Form von Eiter bzw. Wundsekret oder blutiger Flüssigkeit. Es besteht kein Juckreiz, die Unterwäsche wird mit Eiter oder Blut verschmiert. Die Steißbeinfistel kann sich innerhalb weniger Tage auf Faustgröße entzünden und somit einen stechenden Schmerz hervorrufen.

Diagnosestellung[Bearbeiten]

Die Diagnosestellung ist aufgrund der Krankheitsgeschichte und Schilderung der Beschwerden relativ einfach. Eine einfache Untersuchung in der Steißbeinregion genügt. Sowohl Beschwerden im chronischen Stadium (Schmerzen, Sekretion) als auch als Komplikation auftretende Abszedierungen begründen die Therapiebedürftigkeit. Typischer und diagnoseweisender Befund sind kleine Fistelöffnungen und/oder schmerzhafte Schwellungen in der Gesäßfalte beziehungsweise am Steißbein, welche das Sitzen erschweren.

Therapie[Bearbeiten]

OP-Tisch mit ausgeschnittenem Hautareal
Wunde nach Entfernung des Sinus pilonidalis
Primärer Wundverschluss mit Drainagen

Als einzige erfolgversprechende Therapie des chronischen Sinus pilonidalis ist bisher die chirurgische Exzision anerkannt. Bei der klassischen Operation wird die Fistel meist mit Methylenblau gefärbt, um das gesamte betroffene Gewebe großflächig zu exzidieren. Um ein Rezidiv zu vermeiden, wird bis auf die Knochenhaut des Steißbeins geschnitten und anschließend abgeschabt. Die Operation verläuft in der Regel unter Narkose, bei weniger schweren Fällen (kleines, noch nicht entzündetes Fistelsystem) auch unter örtlicher Betäubung. Es kann ein Krankenhausaufenthalt von drei bis vier Tagen nötig sein. Immer öfter aber werden diese Operationen ambulant durchgeführt.

Wird nach der Exzision eine offene Wundbehandlung (sekundäre Wundheilung) durchgeführt, resultiert eine lange Krankheitsdauer der Patienten, je nach Größe des Befundes bis zu mehreren Monaten. Die Vakuumtherapie ist eine Methode um eine sekundäre Wundheilung zu beschleunigen, die Kosten werden aber für den ambulanten Bereich in der Regel von den gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen. Ein Vorteil der offenen Wundbehandlung ist die im Vergleich zum primären Wundverschluss geringere Rate von Rezidiven.

Eine schnellere Genesung wird durch den Primärverschluss (Zunähen) der Wundhöhle angestrebt. Aufgrund der infektiösen Krankheitsgenese und der anatomisch ungünstigen Lage der Wunde bei symmetrischer Exzision und Wundverschluss in der Mittellinie sind Wundheilungsstörungen häufig, sie treten bei bis zu 40 % der Patienten auf. Ein weiteres Problem stellt die hohe Rezidivrate von bis zu 20 % innerhalb von drei Jahren dar.

Ausgehend von pathophysiologischen Überlegungen und in Anbetracht der besonderen anatomischen Bedingungen wurde von G. Karydakis seit Ende der 1960er Jahre ein alternatives Operationsverfahren entwickelt und angewendet, dessen Kernelement in der asymmetrischen Exzision des Sinus liegt, sodass die resultierende Wunde außerhalb der Mittellinie zu liegen kommt. Damit erreichte er eine Rezidivrate von nur 1 %[1][2] Mehrere Varianten dieser Operationsmethode bis hin zu aufwändigen Lappenplastiken (Limberg-Flap) wurden entwickelt, das wesentliche Ziel all dieser Methoden ist die Verlagerung der Wunde bzw. Narbe aus der Mittellinie, um Wundheilungsstörungen und Rezidive zu verhindern. Dadurch lässt sich eine schnellere Wundheilung erreichen. Aktuelle Studien belegen eine leichte Überlegenheit der Karydakis-Flap gegenüber der Limberg-Flap Methode bezüglich der Heilung und der Patientenzufriedenheit bei vergleichbaren Rezidivraten.[3][4]

Auch bei der von John Bascom, Eugene (Oregon), beschriebenen Operationstechnik („pit-picking“[5]) ist ein Grundprinzip die Vermeidung größerer Inzisionen in der Mittellinie. Hier werden in der Mittellinie nur reiskorngroß die Ausgangspunkte der abszedierenden Entzündung, die eingewachsenen Haarfollikel („pits“) ausgeschnitten, die Fistel unter Schonung des umgebenden Gewebes bis in die Tiefe freipräpariert und die Abszesshöhle von einer seitlichen Inzision ausgeräumt. Eine radikale Ausschneidung lässt sich so meist vermeiden, der Gewebsdefekt minimieren und die Heilungszeit erheblich verkürzen.

Prophylaxe[Bearbeiten]

Es hat sich bewährt, die Behaarung der Anogenitalregion mittels Laser-Epilation zu beseitigen. Normale Enthaarung reicht nicht aus, da das Haar nicht vollständig entfernt wird. Postoperativ sollte die Stelle haarfrei gehalten und konsequent rasiert werden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • J.U. Bascom: Procedures for pilonidal disease. In: Rob & Smiths Operative Surgery. Surgery of the Colon, Rectum and Anus. 5th edition. Chapman & Hall, London / Glasgow / New York / Melbourne 1994
  • J. Bascom: Long-term Results of Follicle Removal. In: Dis Colon Rectum, 1983, 26, 12, S. 800–807
  • AM Downs, J Palmer: Laser hair removal for recurrent pilonidal sinus disease. In: J Cosmet Laser Ther, 2002, 4, S. 91
  • A Hegele et al.: Reconstructive surgical therapy of infected pilonidal sinus. In: Chirurg, 2003, 74, S. 749–752
  • RU Hodges: Pilonidal sinus. In: Boston Med Surg J, 1880, 103, S. 485
  • S Matsushita et al.: A case of squamous cell carcinoma arising in a pilonidal sinus. In: J Dermatol, 2002, 29, S. 757–758
  • IJ McCallum et al.: Healing by primary closure versus open healing after surgery for pilonidal sinus: systematic review and meta-analysis. In: BMJ, 2008, 336, S. 868–871
  • K Sondenaa et al.: Influence of failure of primary wound healing on subsequent recurrence of pilonidal sinus. Combined prospective study and randomised controlled trial. In: Eur J Surg, 2002, 168, S. 614–618
  • M Testini et al.: Treatment of chronic pilonidal sinus with local anaesthesia: a randomized trial of closed compared with open technique. In: Colorectal Dis, 2001, 3, S. 427–430

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Sinus pilonidalis – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Karydakis-OP auf steissbeinfistel.info; abgerufen 1. November 2013.
  2. Pilonidal Sinus – The modified Karydakis Operation. (PDF; 67 kB) abgerufen 1. November 2013
  3. Short and long-term results of the Karydakis flap versus the Limberg flap for treating pilonidal sinus disease: a prospective randomized study. In: Am J Surg., 2011 Nov, 202(5), S. 568–573, PMID 21788003.
  4. Comparison of short-term results between the modified Karydakis flap and the modified Limberg flap in the management of pilonidal sinus disease: a randomized controlled study. In: Dis Colon Rectum., 2013 Apr, 56(4), S. 491–498, PMID 23478617.
  5. Pit-Picking-OP von J. Bascom auf steissbeinfistel.info; abgerufen 1. November 2013
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