Spiegeltest

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Spiegeltest mit einem Hund

Als Spiegeltest bezeichnet man ein Experiment mit höheren Lebewesen, bei dem ein Spiegel ins Sichtfeld gehalten wird und die Reaktion beobachtet wird. In einer Abwandlung wird beim Videotest Videomaterial eingesetzt. Menschen bestehen durchgängig den Spiegeltest ab dem zweiten Lebensjahr und den Videotest ab dem fünften Lebensjahr. Schon ab ungefähr anderthalb Jahren zeichnet sich beim Spiegeltest ein Erkennen ab. Vor dem „Spiegelstadium“ wird das Spiegelbild ignoriert.

Eine typische Form des Tests ist das Aufmalen einer Farbmarkierung an einer Stelle, die das Testtier ohne Hilfsmittel nicht wahrnehmen kann (Markierungstest). Um Kinder zu testen, wird beispielsweise Rouge in deren Gesicht aufgebracht (Rouge-Test). Anschließend wird beobachtet, ob der Proband beim Betrachten des eigenen Spiegelbildes eine Reaktion zeigt, die darauf schließen lässt, dass der Fleck am eigenen Körper vorhanden ist. Eine solche Reaktion kann zum Beispiel sein, dass er versucht, den Fleck wegzuwischen.

Spiegeltest und Bewusstsein[Bearbeiten]

Der Spiegeltest wird dahingehend interpretiert, dass er Hinweise liefere auf die Existenz eines Bewusstseins, mehr noch: eines Selbstbewusstseins. Es wird weithin akzeptiert, dass das „Bestehen“ des Spiegeltestes ein hinreichendes Kriterium ist, um einer Spezies die kognitiven Fähigkeiten zuzuschreiben, das eigene Selbst erkennen zu können. Es ist allerdings umstritten, ob der Spiegeltest ein notwendiges Kriterium liefert.

Spiegeltest mit Tieren[Bearbeiten]

Das Nichtbestehen des Spiegeltests drückt sich bei den meisten Spezies dadurch aus, dass sie das Spiegelbild wie ein fremdes Individuum begrüßen – je nach Art können dies Drohgebärden, Warnlaute oder schlichtes Ignorieren sein.

Ein positives Ergebnis ist nicht immer zweifelsfrei zu erkennen. So kann ein farbiger Fleck auf der Haut oder eine farbige Klammer im Fell oft nicht unbemerkt angebracht werden, oder eine Abwischreaktion ist nicht möglich (etwa bei den Zahnwalen), oder eine solche Markierung würde schon durch aufmerksame Mitglieder der sozialen Gruppen entfernt (etwa bei Menschenaffen). So muss man zum einfachen Spiegeltest ohne Markierung greifen und dann beobachten, ob das Verhalten atypisch ist im Vergleich zu der Reaktion auf ein fremdes Individuum.

Eine Voraussetzung zur Selbstwahrnehmung wurde 2009 in einem Test bei jungen Schweinen beobachtet: Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase suchten sie relativ rasch und gezielt einen Futtertrog auf, dessen genaue Position sie nur anhand seines Spiegelbilds lokalisieren konnten.[1] Auch viele Hunde können einen Spiegel nutzen, um verstecktes Futter zu finden.[2] Weder Schweine noch Hunde oder Katzen bestehen jedoch den klassischen Spiegeltest mit einer Markierung. Möglicherweise liegt das bei Hunden jedoch daran, dass sie ihre Umwelt nicht in erster Linie visuell wahrnehmen. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass es Tiere gibt, die sich im Spiegel erkennen, obwohl sie den Markierungstest nicht bestehen.[3] Es ist bei Spiegeltests zu unterscheiden zwischen dem Verstehen der Funktionsweise eines Spiegels und dem Erkennen des eigenen Spiegelbilds. Nur letzteres ist als Bestehen des Spiegeltests zu deuten.[4]

Säugetiere[Bearbeiten]

  • Affen: die Großen Menschenaffen bestehen den Spiegeltest regelmäßig. Eine häufigere Beobachtung, die vielfach als Eigen-Erkennung bei Affen und Menschen gewertet wird, ist das enge Herantreten an den Spiegel mit atypischem Betrachten der Zähne, das für den Beobachter wie heftiges Schneiden von Grimassen erscheint.
    • Schimpansen – Sowohl viele Gemeine Schimpansen als auch viele Bonobos bestehen den Spiegeltest. Nach kurzer Phase mit Warnlauten (wie zu einem Individuum einer fremden Gruppe) wird das gleichartige Verhalten erkannt, auch durch spielerische Tests mit Herumwerfen der Arme, danach Herantreten an den Spiegel und Untersuchen der Zähne.[5] Dies alles gilt nur für Affen, die mit sozialem Kontakt aufwuchsen; isoliert aufgewachsene Affen erkennen sich nicht.[6]
    • Orang-Utans – bestehen durchgängig den Spiegeltest. Sie können danach auch mit einem Handspiegel gut umgehen und ihn frei nutzen.
    • Gorillas – bestehen den Spiegeltest im Allgemeinen nicht – mit Ausnahme des Individuums Koko, die nach Training auch tausend Symbole der menschlichen Gebärdensprache beherrscht. Man vermutet, dass bei typischem Gorillaverhalten der Augenkontakt vermieden wird und daher ein Spiegelbild nicht untersucht wird, wodurch eine Entscheidung zum Inhalt nicht erfolgen kann.
    • Kapuzineraffen – zeigen ein Mischverhalten zwischen Begrüßung eines Fremdindividuums und Inspektion des eigenen Selbst. Sie können sich nicht bleibend entscheiden und wechseln ständig die Reaktionsmuster.
  • Eine Reihe von Arten der Zahnwale, insbesondere Delfine[7], besteht den Spiegeltest.
  • Asiatischer Elefant – Drei Elefanten wurden im New Yorker Bronx-Zoo mit ihrem Spiegelbild konfrontiert. Nach vergeblicher Kontaktaufnahme mit dem Spiegelbild wurde bei einem der Tiere schließlich beobachtet, wie es seinen Rüssel zu einer zuvor unbemerkt auf seinem Kopf angebrachten Markierung führte.[8]

Vögel[Bearbeiten]

  • Elstern – Experimente der Ruhr-Universität Bochum aus den Jahren 2000 und 2008 berichten von bestandenen Spiegeltests bei Elstern, die unbemerkt mit einem Farbfleck markiert worden waren: „Das Ergebnis war überzeugend, das Interesse der Vögel richtete sich nur dann eindeutig auf den eigenen roten Kehlfleck, wenn sie sich vis-à-vis zu ihrem Spiegelbild befanden. […] Wie viele derjenigen Komponenten, die menschliches Selbsterkennen ermöglichen, im hochentwickelten Gehirn der Elster realisiert sind, wissen wir noch nicht. Es bleibt aber festzustellen, dass Elstern vor dem Spiegel ähnlich reagierten wie Schimpansen und Orang Utans in vergleichbaren Tests, die bei diesen Menschenaffen als Hinweis auf Selbsterkennen interpretiert wurden.“[9]
  • Tauben – Tests von Epstein, Lanza und Skinner[10], publiziert 1981, behaupten ein Bestehen des Spiegeltests, die Experimente werden jedoch angezweifelt.
  • Keas – In einer 2014 publizierten Dissertation wird berichtet, dass Keas sich selbst im Spiegel erkennen. Ihr Verhalten ihrem Spiegelbild gegenüber war anders als es einem anderen Tier gegenüber wäre und sie reagierten auf an ihrem Körper angebrachte Farbmarkierungen.[11]

Videotest[Bearbeiten]

Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst. Näheres ist eventuell auf der Diskussionsseite oder in der Versionsgeschichte angegeben. Bitte entferne zuletzt diese Warnmarkierung.

Eine Abwandlung des Spiegeltests ist der Videotest, der zur weiteren Erforschung des Ich-Bewusstseins herangezogen wird. Wenn es sich um eine Live-Übertragung handelt (hier bei zwei- bis fünfjährigen Kindern), so wurde der Fleck sofort entfernt. Wurde das Video jedoch einige Minuten zeitversetzt bei Dreijährigen eingespielt, so erfolgte dies nicht. Auf Nachfrage vom Betreuer „Wer ist das?“ kam jedoch deutlich ein „Ich“ als Antwort.

Offensichtlich ist der Zeitzusammenhang in Bezug auf das Ich noch nicht genügend ausgeprägt. Der Videotest bei Fünfjährigen führt dagegen sofort zur Reaktion des Wegwischens. Hier stellt sich die Frage der Definition des Selbstbewusstseins, die in anderem Kontext als die eigene Wesensschau in einem sozialen Kontext verstanden wird. Dies erfordert jedoch auch Erinnerung und Planung von Situationen.

Obwohl die Großen Menschenaffen keine Reaktion auf den Videotest zeigen, gibt es andere Beobachtungen, wonach die Affen ein soziales Bewusstsein haben und damit auch planend umgehen – bis hin zu Täuschungsmanövern und Konspiration. Die Bedeutung des Videotests für die Definition von Selbstbewusstsein ist daher umstritten; er wird jedoch gern als Gegenbeleg genommen für die These, dass der Spiegeltest schon hinreichend wäre.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Gordon G. Gallup, Jr.: Chimpanzees: Self-Recognition. In: Science. Band 167, Nr. 3914, 1970, S. 86 f., doi:10.1126/science.167.3914.86.
  • M. Beckoff, C. Allen, G. M. Burghardt (Hrsg.): The Cognitive Animal – Empirical and Theoretical Perspectives on Animal Cognition. The MIT Press, 2002, ISBN 0-262-02514-0.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Donald Broom et al.: Pigs learn what a mirror image represents and use it to obtain information. In: Animal Behaviour. Band 78, Nr. 5, 2009, S. 1037–1041, doi:10.1016/j.anbehav.2009.07.027. Vgl. Schweine können sich im Spiegel erkennen. In: welt.de, 10. November 2009. In der Originalarbeit ist jedoch nicht vom „Selbsterkennen“ die Rede, sondern von assessment awareness (sinngemäß: „Bewertung der Wahrnehmung“).
  2. Tiffani J. Howell, Samia Toukhsati u. a.: Do dogs use a mirror to find hidden food?. In: Journal of Veterinary Behavior: Clinical Applications and Research. 8, 2013, S. 425–430, doi:10.1016/j.jveb.2013.07.002.
  3. Alexandra Binder: Auch wer sich im Spiegel nicht erkennt, kann Ich-bewusst sein. In: Vet-Journal. 02/2014, S. 46–49. (Online)
  4. Tobias Rahde: Stufen der mentalen Repräsentation bei Keas (Nestor notabilis). (Dissertation) 2014. S. 53. (Online)
  5. Gordon G. Gallup, Jr.: Chimpanzees: Self-Recognition. In: Science. Band 167, Nr. 3914, 1970, S. 86f., doi:10.1126/science.167.3914.86.
  6. G. G. Gallup: Self-recognition in primates: A comparative approach to the bidirectional properties of consciousness. In: American Psychologist. Band 32, 1977, S. 329–337.
  7. Diana Reiss, Lori Marino: Mirror self-recognition in the bottlenose dolphin: A case of cognitive convergence. In: PNAS. Band 98, 2001, S. 5937–5942, doi:10.1073/pnas.101086398.
  8. Joshua M. Plotnik, Frans de Waal, Diana Reiss: Self-recognition in an Asian elephant. In: PNAS, Band 103, Nr. 45, 2006, S. 17053–17057, doi:10.1073/pnas.0608062103. Vgl. Self-awareness in elephants, Plotnik et al., Video, 44 Sek.
  9.  H. Prior, B. Pollok, O. Güntürkün: Sich selbst vis-à-vis: Was Elstern wahrnehmen. In: Rubin. Nr. 2, 2000, S. 26–30 (dazu ein Artikel der Ruhr-Universität Bochum). Vgl.  H. Prior, A. Schwarz, O. Güntürkün: Mirror-Induced Behavior in the Magpie (Pica pica): Evidence of Self-Recognition. In: PLoS Biology. 6, Nr. 8, 2008, S. e202, doi:10.1371/journal.pbio.0060202.
  10.  Robert Epstein, Robert P. Lanza, B. F. Skinner: “Self-Awareness” in the Pigeon. In: Science. 212, Nr. 4495, 8. April 1981, S. 695f., doi:10.1126/science.212.4495.695.
  11. Tobias Rahde: Stufen der mentalen Repräsentation bei Keas (Nestor notabilis). (Dissertation) 2014. S. 100–128. (Online)