Therapeutisches Reiten

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Therapeutisches Reiten

Therapeutisches Reiten umfasst pädagogische, psychologische, psychotherapeutische, rehabilitative und sozial-integrative Maßnahmen, die über das Medium Pferd umgesetzt werden. Zielgruppe sind Kinder, Jugendliche oder Erwachsene mit körperlichen, seelischen und sozialen Entwicklungsstörungen oder Behinderungen. Die Entwicklungsförderung steht dabei im Mittelpunkt; reiterliche Fähigkeiten sind dagegen eher nebensächlich. Therapeutisches Reiten umfasst die Bereiche:

Neben diesen drei bekannten Feldern des Therapeutischen Reitens, die durch das Deutsche Kuratoriums für Therapeutisches Reiten DKThR definiert wurden, hat sich weiterhin der Bereich „Therapeutische Förderung mit dem Pferd“ weiterentwickelt. Dabei steht vor allem das therapeutische Handeln im Vordergrund. Folgende Anwendungsbereiche finden sich in diesem thematischen Rahmen:[1]

  • Ergotherapeutische Förderung mit dem Pferd
  • Logopädische Förderung mit dem Pferd
  • Psychotherapeutische Förderung mit dem Pferd

Nicht dazu zählt der Behindertenreitsport, der eine Sportart und keine Therapie ist. Umgangssprachlich wird Therapeutisches Reiten oft auch als Reittherapie bezeichnet. Aus fachlicher Sicht ist Reittherapie aber ein eigenständiger Arbeitsbereich mit Parallelen zum heilpädagogischen Reiten, der sich hauptsächlich mit psychischen und psychosomatischen Krankheiten beschäftigt.[2] Sowohl für Reitpädagogen als auch für Reittherapeuten gibt es getrennte Ausbildungen.

Heilpädagogisches Reiten[Bearbeiten]

Die Arbeit mit dem Medium Pferd und das Reiten an sich sprechen den Menschen ganzheitlich und über alle Sinne an. Es fordert körperlich, emotional, geistig und sozial. Die Beziehung zum Pferd spielt im Heilpädagogischen Reiten die tragende Rolle. Der Reittherapeut fördert im Beziehungsdreieck „Klient-Pferd-Reittherapeut“ den konstruktiven Umgang miteinander. Lern-Erfahrungen können auf die Gruppe übertragen und geübt werden. Persönliche und soziale Entwicklung sind das Ziel.

Die Umsetzung erfolgt durch den direkten Kontakt und Umgang mit dem Pferd, das Pflegen des Pferdes, Übungen am und auf dem geführten Pferd, Arbeit im Stall, mit einem Menschen oder in Gruppenarbeit, für Fortgeschrittene beim Reiten und bei Projekten (Reiterspiele, Geländereiten, Wanderreiten).

Heilpädagogisches Voltigieren[Bearbeiten]

Übungen

Auf dem an der Hand oder an der Longe geführten Pferd werden gymnastische Übungen und Geschicklichkeitsspiele ausgeführt (Voltigieren). Der Bewegungsrhythmus des Pferdes hat eine lockernde, ausgleichende und angstlösende Wirkung, gleichzeitig spricht er auf vielfältige Art und Weise die Wahrnehmung des Reiters an. Durch individuelle Therapieplanung können die individuellen Problematiken gezielt auf die Anforderungen der jeweiligen Behinderung oder Störung abgestimmt werden.

Hippotherapie[Bearbeiten]

Hippotherapie setzt Pferde zur Physiotherapie und Ergotherapie ein. Dabei sitzt der Patient in der Gangart Schritt auf dem Pferderücken. Bewegungsimpulse des Pferdes werden auf Becken und Wirbelsäule des Menschen übertragen. Der gesamte Bewegungsapparat muss sich neu einpendeln. So könnten zum Beispiel halbseitig gelähmte Menschen ein Gefühl für ihre Körpermitte entwickeln. Zugleich werde die Muskelspannung positiv beeinflusst; schlaffe Muskeln spannen sich an, spastische, also zu stark gespannte Muskulatur hingegen gibt nach. Dadurch wird die gesamte Haltung vor allem des Oberkörpers geschult und das Balancegefühl verbessert.

Nicht angewendet werden soll die Hippotherapie bei Entzündungen der Wirbelsäule, medikamentös nicht gut eingestellten Anfallsleiden, aktivem Schub Multipler Sklerose, Gefahr von Thrombosen oder Embolien, Bluterkrankheit oder Pferdehaar-Allergie.

In der Hippotherapie arbeitet der Hippotherapeut mit einem Physiotherapeuten zusammen, oder wenn er selbst einer ist mit einem Longenführer.

Historisches[Bearbeiten]

Leopold Fleckles, Doktor der Heilkunde und Mitglied der medizinischen Fakultät in Wien, wies bereits im Jahre 1835 auf therapeutisches Reiten zur Heilung von Lungenkrankheiten hin; er schrieb: "Das Reiten wird von den erfahrensten Aerzten älterer und neuerer Zeit zur Beherzigung und Befolgung Lungenschwachen anempfohlen." Und ohne Quellenangabe zitiert er den berühmten englischen Arzt Thomas Sydenham (1624–1689), der erklärt habe: "Ich kenne kein bewährteres Mittel zur Tilgung der Lungensucht, als das Reiten." [3]

Therapiepferd[Bearbeiten]

Beim therapeutischen Reiten werden speziell ausgebildete Pferde eingesetzt. Sie zeichnen sich durch einen ruhigen, geduldigen, kontaktfreudigen, sensiblen Charakter aus. Meist werden Kleinpferde (Haflinger, Freiberger) und Ponys Isländer mit einem Stockmaß von ungefähr 150 cm eingesetzt. Siehe auch Voltigierpferd.

Mechanischer Trainer[Bearbeiten]

Ein gerade für gehandicapte Menschen manchmal praktischer und auch kostengünstiger zu handhabendes Gerät ist ebenfalls erhältlich. Mit der Physiologie des Pferdes möglichst nachempfundenen Bewegungen trainiert es verschiedene Muskelgruppen des darauf Sitzenden.

Ausbildung[Bearbeiten]

Der Beruf Reittherapeut ist kein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf, weshalb Einrichtungen, die zum Reittherapeuten ausbilden, unterschiedliche Qualifikationen fordern. Eine pädagogisch-therapeutische Grundausbildung (Pädagoge, Sozialpädagoge, Erzieher, Heilpädagoge) und ein Nachweis über die Qualifikation als Reiter sind oft Voraussetzung.

Kostenträger[Bearbeiten]

In der Schweiz zahlt die Krankenkasse Hippotherapie. Für Deutschland hat das Bundesministerium für Gesundheit am 20. Juni 2006 mitgeteilt, dass ein therapeutischer Nutzen der Hippotherapie nicht nachgewiesen sei und die Therapie daher als nicht verordnungsfähiges Heilmittel zu führen ist (vgl. BAnz. v. 26. September 2006, S. 6499).

Heilpädagogisches Reiten und -Voltigieren gehört bei vielen Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe zum methodischen Angebot und wird von den einweisenden Stellen (z.B. bei Heimerziehung) über den Pflegesatz übernommen oder kann auch Teil ambulanter Hilfen sein (vgl. Böwer 2003). Oft sind jedoch die Kosten privat zu tragen (vgl. näher: www.dkthr.de; Fachhochschule Hildesheim 2006).

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Theres Germann-Tillmann, Lily Merklin und Andrea Stamm Näf: Tiergestützte Interventionen: der multiprofessionelle Ansatz. Hans Huber Verlag, Bern 2014, 352 S., ISBN 978-3-456-85416-8.
  • Andrea Förster: Tiere als Therapie - Mythos oder Wahrheit? Zur Phänomenologie einer heilenden Beziehung mit dem Schwerpunkt Mensch und Pferd. Ibidem, ISBN 3-898-21421-4
  • HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit: Heilpädagogik und soziale Arbeit, der Einsatz des Pferdes in der Behinderten- und Jugendhilfe (PDF 783KB) Online-Publikation, Hildesheim 2006 (mit umfangreicher Literaturliste)
  • Bettina Güntert: Heilpädagogische Aspekte und Wirkung der Hippotherapie bei Kindern. Innsbruck 2003 (Diplomarbeit Pädagogische Akademie)
  • Ingrid Strauß: Hippotherapie: neurophysiologische Behandlung mit und auf dem Pferd. dritte, überarbeitete und erweiterte Auflage Hippokrates, Stuttgart 2000, ISBN 3-7773-1368-8 (mit einem Beitrag zur Kinder-Hippotherapie von Emmy Tauffkirchen)
  • Armgard Schörle: PferdeTräume, ganzheitliche Ansätze im Reitunterricht mit Kindern. 3., verb. Aufl., ISBN 978-3926341181
  • Meike Riedel: Mensch & Pferd international Zeitschrift für Förderung und Therapie mit dem Pferd Heft 4, 3. Jahrgang 2011, Reinhardt Verlag S. 187-189

Weblinks[Bearbeiten]

Vereine

Gerichtsurteile

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Riedel, Meike: Mensch & Pferd Heft 4, 3. Jahrgang 2011, S. 187-189
  2. [1]
  3. Leopold Fleckles: Prüfende Blicke auf die vorzüglichsten Krankheitsanlagen zu langwierigen Leiden, in prophylaktischer und diätetischer Beziehung, mit besonderer Rücksicht auf Brunnen- und Molkekuren und die Heilung der Schwindsucht, J. Scheible's Buchhandlung, Stuttgart 1835, S. 20 f.