Tischsitten

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Formelles Abendessen (St. John’s College)

Unter den Tischsitten versteht man die Umgangsformen bei Tisch, genauer beim Einnehmen von Speisen und Getränken in Gesellschaft.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Ernährungssoziologie befasst sich wissenschaftlich mit Tischsitten, Esskultur und Trinkkultur. Nach Norbert Elias entwickelten sich die europäischen Tischsitten im Prozess der Zivilisation, in dem zunehmend Fremdzwänge zu Selbstzwängen wurden. Pierre Bourdieu sieht in den Tischsitten inkorporiertes kulturelles Kapital, mit dem privilegierte Klassen sich mittels feiner Unterschiede von anderen distinguieren.

Nach Ulrich Tolksdorf entwickelten sich Tischsitten in drei Phasen: [1]

  1. Das Mittelalter, in dem weitgehend ohne Regeln und mit bloßen Händen gegessen wurde,
  2. eine zweite Phase zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert, in der sich ein umfassender Verhaltenskodex ausformte,
  3. eine dritte Phase im 19. und 20. Jahrhundert, in der der erreichte Standard nur unwesentlich verändert wurde.

Im sogenannten Benimmunterricht werden neben Tischsitten auch Höflichkeit und Umgangsformen vermittelt. Weniger als oft vermutet befasste sich jedoch Adolph Freiherr Knigge mit den Tischsitten.

Gründe für Tischsitten[Bearbeiten]

Tischsitten stellen einen Verhaltenskodex dar, der dazu dient, den gemeinsamen Genuss von Speisen allen Anwesenden so angenehm wie möglich zu gestalten, indem störende Geräusche und Anblicke vermieden werden. Durch die Einhaltung von Tischsitten wird Rücksichtnahme und Wertschätzung demonstriert.

Beispiele für Tischsitten in Westeuropa[Bearbeiten]

Allgemein[Bearbeiten]

Die Aufnahme großer Portionen in den Mund und das Sprechen mit vollem Mund sollten vermieden werden. Laute Essgeräusche, Rülpsen und Klirren mit Besteck und Essgeschirr ist verpönt. Abgesehen von Brot werden Speisen nur dann mit den Fingern berührt, wenn dies vom Gastgeber ausdrücklich vorgegeben wird. Üblicherweise werden dann Fingerschalen mit Wasser und Zitrone zum Säubern der Finger bereitgestellt. Durch eine aufrechte und gerade Körperhaltung wird den Tischpartnern Interesse und Respekt angezeigt. Diese Körperhaltung wird auch während des Essens aufrechterhalten, so dass die Speise zum Mund geführt wird und nicht der Mund zum Teller. Das Auflegen der Ellenbogen auf den Tisch sollte vermieden werden. Sowohl der Beginn als auch das Ende einer Mahlzeit und das Entfernen vom Tisch wird jeweils von der Gastgeberin oder vom Gastgeber eingeleitet.

Umgang mit dem Besteck[Bearbeiten]

Stäbchen, Porzellanlöffel, Teelöffel, Esslöffel, Gabel, Messer, Fischmesser

Messer, Gabel und Löffel sollten nicht mit der Faust umschlossen, sondern ähnlich dem Umgang mit Schreibwerkzeug behandelt werden. Messer und Gabel werden an den Spitzen gekreuzt auf den Teller gelegt, wenn eine Pause während der Mahlzeit eingelegt wird. Werden Messer und Gabel parallel zueinander auf den Teller gelegt, signalisiert das die Beendigung der Mahlzeit. Benutztes Besteck darf nicht auf dem Tisch abgelegt werden. Gestikulieren mit dem Besteck in der Hand gehört ebenfalls nicht zu guten Tischsitten. Dabei ist es nicht wichtig, in welcher Hand die Gabel und in welcher das Messer ist, meistens hält man das Messer als Rechtshänder in der rechten Hand.

Umgang mit der Serviette[Bearbeiten]

Unabhängig davon, ob Stoff- oder Papierservietten ausliegen, gilt, dass diese ausschließlich für die Lippen bestimmt sind. Diese sollten abgetupft werden, bevor das Glas benutzt wird, um so Ränder von Fett, Lippenstift oder Speisen am Glas zu vermeiden. Servietten werden auf den Schoß gelegt und dienen nicht als Lätzchenersatz. Nach Beendigung der Mahlzeit soll die Serviette links neben den Teller abgelegt werden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tolksdorf 1994, S. 240

Literatur[Bearbeiten]

  • Norbert Elias: Über den Prozeß der Zivilisation, Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2 Bände, 32. Auflage, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2013 (Erstausgabe 1932), ISBN 3-518-27758-8 (Band 1: Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes); ISBN 3-518-27759-6 (Band 2: Wandlungen der Gesellschaft, Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation).
  • Thomas Schürmann: Tisch- und Grußsitten im Zivilisationsprozeß. 1994 (Volltext als PDF)

Weblinks[Bearbeiten]