Tuna el-Gebel

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Tuna el-Gebel (Ägypten)
Tuna el-Gebel
Tuna el-Gebel
Memphis
Memphis
Elephantine
Elephantine
Karte von Ägypten

27.78166666666730.803888888889Koordinaten: 27° 47′ N, 30° 48′ O

Tuna el-Gebel (arabisch ‏تونا الجبل‎ Tūnā al-Ǧabal, altägyptisch Ta-henet, griechisch Θῦνις) ist ein Dorf in Mittelägypten (Ägypten) im Gouvernement al-Minya auf der Westuferseite des Nils, 15 km nordwestlich von Mallawi und 10 km westlich von el-Ashmunein. Südwestlich des Dorfes erstreckt sich am Wüstenrand über 7 km von Norden nach Süden der gleichnamige Friedhof, der vom Neuen Reich bis in die Spätantike genutzt wurde.

Hintergrund[Bearbeiten]

Tuna el-Gebel ist der Friedhof der antiken Metropole Hermopolis Magna (Hermupolis) (altägyptisch Chemenu, heute el-Aschmunein). Hermopolis Magna war die Hauptstadt des 15. oberägyptischen Gaues (Hasengau) und Kultzentrum des Gottes Thot.

3,5 km nördlich der griechisch-römischen Nekropole und der Tiergalerien liegen die Gräber des Neuen Reiches, von der zahlreiche, über viele Museen verteilte Denkmäler stammen. Die Oberbauten des Friedhofes sind heute verschwunden. In der 3. Zwischenzeit verlagerte sich der Friedhof allmählich nach Süden.

Eine in den Fels des Westgebirges gehauene Stele Echnatons (Amenophis' IV.) markierte einst die nordwestlichste Grenze seiner neu gegründeten Hauptstadt Achetaton (Tell el-Amarna).

Ab der 26. Dynastie wurden unterirdische Galerien in die Felswand des Westgebirges angelegt und Ibis- sowie Pavianmumien darin beigesetzt. Die beginnende Ptolemäerzeit leitete eine Blütezeit der Tiernekropole ein, denn um 310 und 250 v. Chr. wurden die Galerien nochmals erweitert. Die Ablage von Mumien heiliger Tiere in den Galerien wurde im 1. Jahrhundert n. Chr eingestellt.

Der Friedhof ist neben den Tiergalerien auch für seine Grabbauten aus griechisch-römischer Zeit bekannt. In der frühen Ptolemäerzeit entstanden steinerne Gräber, die die Form eines Tempels mit Pronaos nachahmen. Das bekannteste und am besten erhaltene Grab ist das des Petosiris, der zu einer Familie von Kultführern in Tuna el-Gebel gehörte. Südlich des Petosiris-Grabes entstand eine ausgedehnte Nekropole aus steinernen Gräbern sowie mehrstöckigen Lehmziegelbauten, die bis in die Spätantike genutzt wurde.

Im Norden der Nekropole entstand später das koptische Kloster Deir Nazlet Tuna.

Forschungsgeschichte[Bearbeiten]

Günter Grimm und Dieter Kessler stellen den Stand der Erforschung von Tuna el-Gebel seit 1913 dar.[1]

Erste Grabungen in Tuna el-Gebel führte André Gombert 1902/03 im Auftrag des Institut français d'archéologie orientale durch. Im Januar 1913 unternahm der Regierungsbaumeister Walter Honroth im Rahmen der Amarna-Mission der Deutschen Orient-Gesellschaft eine kurze Untersuchung der römerzeitlichen Grabbauten in der Nähe der Grenzstelen Echnatons.[2] Ende 1919 nahm der ägyptische Service des Antiquités Kenntnis von dem berühmten Grab des Petosiris, das im Jahr darauf von Gustave Lefebvre freigelegt und wenig später publiziert wurde.[3] Zwischen 1931 und 1952 legte die Universität Kairo unter der Leitung von Sami Gabra die um das Grab des Petosiris gelegenen Gräber frei. Einzelfunde der Grabung gelangten in das Ägyptische Museum Kairo, in das Museum der Faculty of Archaeology der Universität Kairo, in das Altertümermuseum in Mallawi oder wurden veräußert.

Zwischen 1972 und 1974 unternahmen Günter Grimm und Dieter Johannes im Auftrag des Deutschen Archäologischen Institutes eine Dokumentation der Grabbauten der griechisch-römischen Nekropole und der Objekte im Altertümermuseum in Mallawi. Seit 1989 erforscht eine joint mission des Institutes für Ägyptologie der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Faculty of Archaeology der Universität Kairo die Tiergalerien sowie die dazugehörigen Kult- und Verwaltungsgebäude. Daneben untersucht seit 2004 eine Grabungsmission des Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim wiederum die griechisch-römische Nekropole.[4]

Die Tiergalerien[Bearbeiten]

Seit der 26. Dynastie (um 600 v. Chr.) wurden unterirdische Galerien angelegt, in denen Paviane und Ibisse in Tongefäßen, später in Sarkophagen und Särgen beigesetzt wurden (Galerie D). Die Galerien werden deshalb auch als Ibiotapheion bezeichnet. Die heiligen Tiere wurden auf einem Aufzuchtsplatz (Ibiotropheion) an einem damals existierenden See gehalten. Ab der Ptolemäerzeit hat es wohl mehrere Ibiotropheia in der nähe der Galerien gegeben. Tuna el-Gebel war vom 6. bis zum 4. Jahrhundert v. Chr. der einzige Bestattungsplatz für heilige Ibisse in Ägypten. Demotische Papyri belegen, dass deshalb Ibisse aus ganz Ägypten zur Bestattung nach Tuna el-Gebel gebracht wurden.[5] Auch wenn überwiegend Ibisse bestattet wurden, fanden sich Überreste vieler anderer Tiere in den Galerien.

Um 380 v. Chr. (Nektanebos I.) wurden in den Galerien Nischen angelegt, in denen Sarkophage mit Ibismumien platziert wurden (Galerie C-D). Pavianmumien wurden in Nischen hinter sogenannten Verschlussplatten verschlossen. Seit der Ptolemäerzeit wurden Särge und Sarkophage für die Tiermumien zusätzlich mit demotischen Inschriften versehen.[6] Unter Ptolemaios I. (um 310 v. Chr.) wurden die Galerien beträchtlich erweitert (Galerien C-C, C-A) und Kultstellen in dekorierten Kammern eingerichtet.[7] Unter Ptolemaios II. (ca. 250 v. Chr.) wurde Galerie B angelegt sowie ein steinerner Eingangsbau mit Hörneraltar im Norden. Im ersten Jahrhundert v. Chr. wurde ein weiterer Eingang im Norden angelegt (Galerie A). In den Galerien wurden bis in das erste Jahrhundert v. Chr. Tiermumien beigesetzt.

In Galerie C-D wurden ein bemalter Holzkasten für eine Pavianmumie mit der Kartusche Dareios I.[8] sowie einige aramäische Privatbriefe des späten 6. bzw. frühen 5. Jahrhunderts v. Chr. in einem Tongefäß entdeckt, die ursprünglich nach Luxor bzw. Syene adressiert waren und aus unbekanntem Grund in den Galerien deponiert wurden.[9]

Die Tempel von Tuna el-Gebel[Bearbeiten]

Westlich der griechisch-römischen Nekropole befinden sich die Überreste des Tempels des Urgottes Thot. Am Eingang zu Galerie C liegt der Tempel des Osiris-Pavian mit dazugehörigem Priesterhaus. Auf einem Felsplateau über den Tiergalerien befinden sich die Überreste eines weiteren steinernen, spätzeitlichen Tempels, der von Sami Gabra ergraben wurde, sowie römerzeitliche Lehmziegelbauten. Ein Naos Nektanebos II., der ebenfalls aus Tuna el-Gebel stammen muss, befindet sich heute im Vorgarten des Altertümermuseums in Mallawi.

Der Tempel des Urgottes Thot[Bearbeiten]

Südlich der Galerien und westlich der Südnekropole befinden sich die römerzeitlichen Überreste des auf erhöhtem Grund gebauten Thot-Tempels, der sicher älteren Ursprungs ist. Der Hof des Tempels bestand aus einem Säulenumgang, der hintere Teil aus einer Gartenanlage, in der wohl heilige Tiere gehalten wurden. Ein 35 m tiefer Brunnenschacht (es-Saqqiya) befindet sich in der Mitte der Anlage. Der Tempel des Urgottes Thot war sicher das Ziel von Prozessionen, die vom Thot-Tempel in Hermopolis Magna in die Nekropole von Tuna el-Gebel führten, um die Regeneration des Thot zu vollziehen. Da von der Dekoration des älteren Thot-Tempels nichts mehr erhalten ist, lassen sich die rituellen Vorgänge am Tempel nur indirekt erschließen.[10] Spätestens unter Nektanebos II. wurde der Tempelneubau an der Stelle errichtet, wo es wohl schon davor einen näher an der Siedlung gelegenen Tempel gegeben hat. Unter Ptolemaios I. wurde an dem ursprünglichen Tempel ein Serapeion angeschlossen. Später wurde der Tempel in ein solches Serapeion umgewandelt, von dem die heute sichtbaren Überreste zeugen.[11]

Der Große Tempel wurde von Sami Gabra ausgraben, worüber es einen Vorbericht des Grabungsarchitekten Alexander Badawy gibt.[12]

Der Tempel des Osiris-Pavian[Bearbeiten]

Der Tempel des Osiris-Pavian wurde um 310 v. Chr. unter dem Satrapen Ptolemaios I. im Namen Alexanders IV. vor einem neuen Eingang in die Tiergalerien (Galerie C) aus Kalkstein errichtet. In dem Tempel fanden an Festtagen Osiris-Riten statt, mit denen die Nekropolengötter Osiris-Pavian und Osiris-Ibis verbunden waren. Dort wurden wohl auch Orakelanfragen gestellt, die durch demotische Papyri bezeugt sind.[13] Heute sind nur noch Reste des Tempels sichtbar, der von Sami Gabra erstmals freigelegt wurde. Zwischen 1989 und 1992 wurde der Tempel wiederum freigelegt.[14]

Südlich des Tempels befindet sich ein heute stark zerfallenes, längliches Haus aus Lehmziegeln. Es wurde um 170 v. Chr. errichtet und diente dem diensthabenden Priester als Wohn- und Arbeitsstätte (Pastophorion). Das Haus besteht aus einem Raum zur Aufbewahrung des Kultbildes des Osiris-Pavian, einem Versammlungs- und Schreibraum, einem Küchentrakt sowie einem Archiv. Außerhalb des Priesterhauses wurde 1938/39 der berühmte Codex Hermopolis gefunden, ein demotischer Papyrus, der neben mathematischen Berechnungen die bisher älteste bekannte Sammlung von Rechtsfällen aus Ägypten enthält.[15] Das Priesterhaus wurde in den Jahren 1993/94 erneut freigelegt.[16]

Vom Tempel des Osiris-Pavian führt eine Prozessionsstraße zur antiken Siedlung, an der sich zahlreiche Gräber aus Kalkstein und Lehmziegeln reihten. Östlich des Tempels verläuft zwischen dem Großen Tempel und dem Eingang von Galerie A von Nord nach Süd ein breiter, ca. 261 m langer Mauerzug, der bereits 1913 einmal freigelegt worden sein muss.

Die griechisch-römische Nekropole[Bearbeiten]

Südlich des Grabes des Petosiris erstreckt sich eine Nekropole aus Kalkstein- und Lehmziegelgebäuden.

Literatur[Bearbeiten]

  • Günter Grimm: Tuna el-Gebel 1913-1973. Eine Grabung des deutschen Architekten W. Honroth und neuere Untersuchungen in Hermopolis-West (Tanis Superior). In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Institutes, Abteiling Kairo. (MDAIK) 31, von Zabern, Mainz 1975, S. 221-236.
  • Dieter Kessler: Historische Topographie der Region zwischen Mallawi und Samalut (= Tübinger Atlas des Vorderen Orients. 30). Wiesbaden 1981, S. 83-109.
  • Dieter Kessler: Tuna el-Gebel. In: Wolfgang Helck, Wolfhart Westendorf (Hg.): Lexikon der Ägyptologie. (LÄ) Bd. 6: Stele – Zypresse. Harrassowitz, Wiesbaden 1986, Sp. 798-804.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Tuna el-Gebel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikivoyage: Tuna el-Gebel – Reiseführer
  • Tuna el-Gebel Grabung des Institutes für Ägyptologie der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Faculty of Archaeology der Universität Kairo (mit umfangreicher Bibliografie)
  • Tuna el Gebel von Su Bayfield (englisch)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Günter Grimm: Tuna el-Gebel 1913-1973. Eine Grabung des deutschen Architekten Walter Honroth und neuere Untersuchungen in Hermopolis-West (Tanis Superior). In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo. 31, von Zabern, Mainz 1975, S. 221-236; Dieter Kessler: Die Galerie C von Tuna. Forschungsstand bis 1983. In: Joachim Boessneck: Tuna el-Gebel I. Die Tiergalerien. In: HÄB 24, Hildesheim: Gerstenberg, 1987, 1-36.
  2. Ludwig Borchardt: Ausgrabungen in Tell el Amarna 1912/13. In: Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft. 52, 1913, S. 51-54.
  3. Gustave Lefebvre: Le tombeau de Petosiris. In: Annales du Service des .ntiquités de l'Égypte. 20, 1920, S. 41-121.
  4. Katja Lembke, Jana Helmbold-Doyé, Christine Wilkening, Alexandra Druzynski von Boetticher, Claudia Schindler: Vorbericht über den Survey in der Petosiris-Nekropole von Hermupolis/Tuna el-Gebel (Mittelägypten) 2004-2006. In: Archäologischer Anzeiger. Nr. 2, 2007, S. 71-127.
  5. El-Hussein Omar M. Zaghloul:Frühdemotische Urkunden aus Hermupolis. In: Bulletin of the Center of Papyrological Studies. Nr. 2, Ain Shams University, 1985.
  6. Heinz Josef Thissen: Demotische Inschriften aus den Ibisgalerien in Tuna el-Gebel. Ein Vorbericht. In: Enchoria. Nr. 18, 1991, S. 107-112, Taf. 14-21; Mahmoud Ebeid: Demotic Inscriptions from the Galleries of Tuna el-Gebel. In: Bulletin de l'Institut français d'archéologie orientale. Nr. 106, 2006, S. 57-73.
  7. Dieter Kessler: Die Galerie C von Tuna el-Gebel. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo. 39, von Zabern, Mainz 1983, S. 107-124; Dieter Kessler: Tuna el-Gebel II. Die Paviankultkammer G-C-C-2. In: Hildesheimer Ägyptologische Beiträge. 43, Hildesheim: Gerstenberg, 1998; Katrin Maurer: Der Tierfriedhof von Tuna el-Gebel in frühptolemäischer Zeit. Zwischenergebnisse der Untersuchungen zur Ausgestaltung des Ibiotapheions. In: Joannis Mylonopoulos, Hubert Roeder (Hrsg.): Archäologie und Ritual. Auf der Suche nach der rituellen Handlung in den antiken Kulturen Ägyptens und Griechenlands. Phoibos, Wien 2006, S. 105-122.
  8. Karol Mysliwiec: Un naos de Darius - roi d'Egypte. In: Near Eastern Studies (Fs Takahito Mikasa), Bulletin of the Eastern Culture Center in Japan. 1971, S. 221-246.
  9. Edda Bresciani, Murad Kamil: Le lettere aramaiche di Hermopoli. In: Academia Nazionale dei Lincei (Hrsg.): Memorie della classe di science morali, storiche e filologiche. série VIII, vol. XII, 1966, S. 356-428.
  10. Dieter Kessler: Hermopolitanische Götterformen im Hibis-Tempel. In: Nicole Kloth, Karl Martin, Eva Pardey (Hrsg.): Es werde niedergelegt als Schriftstück. Festschrift für Hartwig Altenmüller zum 65. Geburtstag (= Studien zur Altägyptischen Kultur Beihefte. 9). Buske, Hamburg 2003, S. 211-223.
  11. Dieter Kessler: Der Serapeumsbezirk und das Serapeum von Tuna el-Gebel. In: Lingua Restituta Orientalis. Festgabe für Julius Assfalg (= Ägypten und Altes Testament. 20). Harrassowitz, Wiesbaden 1990, S. 183–189.
  12. Alexander Badawy: Le grand temple gréco-romain à Hermoupolis Ouest (= Chronique d’Egypte. 31). 1956, S. 257-266.
  13. Ursula Kaplony-Heckel: Neue demotische Orakelfragen. In: Forschungen und Berichte. Staatliche Museen zu Berlin. 14, 1972, S. 79-90.
  14. Dieter Kessler: Die Tempel von Tuna el-Gebel. In: Ben Haring, Andrea Klug (Hrsg.): 6. Ägyptologische Tempeltagung. Funktion und Gebrauch altägyptischer Tempelräume (= Königtum, Staat und Gesellschaft früher Hochkulturen. (KSG) 3.1). Harrassowitz, Wiesbaden 2007, S. 131-152.
  15. Girgis Mattha: The Demotic Legal Code of Hermopolis West (= Bibliothèque d’étude. Bd. 45). Institut français d’archéologie orientale, Kairo 1975.
  16. Nur Ed-Din, Abd el-Halim, Dieter Kessler: Das Priesterhaus am Ibiotapheion von Tuna el-Gebel. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo. 52, von Zabern, Mainz 1996, S. 263-293.