Volonté générale

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Prägte maßgeblich den Begriff der volonté générale: Jean-Jacques Rousseau

Die Volonté générale (frz. allgemeiner Wille) beschreibt den Gemeinwillen eines Volkes und ist der Schlüsselbegriff in der Demokratietheorie von Jean-Jacques Rousseau, der er seine heutige Bedeutung verdankt. Rousseau grenzt diesen Gemeinwillen gegenüber der Volonté de tous, der Summe der Einzelinteressen, ab.

Der Aufklärer behandelt den Begriff vor allem in seinem Hauptwerk Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes. Er spielte eine zentrale Rolle bei der ideellen Wegbereitung der Französischen Revolution auf der Grundlage des Gedankenguts der Aufklärung. Denn auch weitere französische Aufklärer, so etwa Denis Diderot setzten sich mit dem Begriff des allgemeinen Willens, volonté générale im Verhältnis zum privaten Willen des Einzelnen, dem volonté particulière auseinander.

Begriff vor Rousseau[Bearbeiten]

In der Gnadenlehre[Bearbeiten]

Volonté générale taucht erstmals bei Antoine Arnauld (1616-1698)[1] und Blaise Pascal (1623-1662)[2] auf, wo er jeweils im Kontext der katholischen Gnadenlehre steht und sich auf Gott als Subjekt bezieht. Volonté générale bezeichnet hier das Gegenkonzept zur (von Arnauld und Pascal vertretenen) jansenistisch-calvinischen Vorstellung von einem "absoluten Willen" Gottes (volonté absolue), welcher den Menschen nicht nur allgemein, sondern absolut bestimmt und ihm keine Wahlfreiheit, mithin auch nicht die Wahl zwischen Gut und Böse lässt; dagegen gibt die volonté générale dem Menschen im Sinne der gratia cooperans zwar seine Existenz als notwendige vor, lässt ihm aber die Möglichkeit und die Entscheidung offen, Gutes oder Schlechtes zu tun.

Bei Malebranche[Bearbeiten]

Einen Paradigmenwechsel erfährt der Ausdruck bei Nicolas Malebranche (1638-1715), der unter volonté générale die grundlegende, moralisch prinzipiell indifferente Bewegung des menschlichen Wollens versteht. Sie ist also ein wesentliches metaphysisches Attribut des Menschseins, das indessen durch die spezifische menschliche Freiheit eine wesentliche ethische Erweiterung erfährt, welche religiös-moralisch ausschlaggebend ist.[3] Denis Diderot übernahm diese Bedeutung der volonté générale in seiner Encyclopédie im Wesentlichen.[4]

Begriff bei Rousseau[Bearbeiten]

Nach Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), der den Terminus einem weiteren Bedeutungswandel unterzieht, ist die volonté générale heilig und absolut, sie repräsentiert das Interesse aller, das Allgemeinwohl des Volkes, das seinen Monarchen als Souverän abgesetzt hat. Demokraten wie Nationalisten hat dieser Begriff, der von Rousseau konzipiert wurde, gleichermaßen nach 1789 angesprochen. Er ist, nach Rousseau, das „wahre Interesse“ der Demokratie und des souveränen Staatsvolkes.

Die volonté générale ("allgemeiner Wille") unterscheidet sich von der "volonté de tous" ("Willen aller"): Erstere repräsentiert das Allgemeinwohl, während letztere nur die Summe der individuellen privaten Einzelinteressen ("volonté particulière") bedeutet. Die volonté générale ist im Gegensatz zur "volonté de tous" unfehlbar, denn sie bezeichnet das, was der politische Körper (die Gemeinschaft der Bürger) tun und entscheiden würde, wenn er allgemeingültige Gesetze beschließen, wählen oder abstimmen könnte, und zwar bei vollständiger Informiertheit, höchster Vernunft und uneingeschränkter, also dogmatisch oder emotional ungetrübter, Urteilskraft:

«Si, quand le peuple suffisamment informé délibère, les citoyens n'avaient aucune communication entre eux, du grand nombre de petites différences résulterait toujours la volonte generale, et la deliberation serait toujours bonne.»

„Wenn die Bürger keinerlei Verbindung untereinander hätten, würde, wenn das Volk wohlunterrichtet entscheidet, aus der großen Zahl der kleinen Unterschiede immer die Volonté générale (Gemeinwille) hervorgehen, und die Entscheidung wäre immer gut.[5]

Rousseau ist der Meinung, dass die volonté générale aus einer Volksversammlung kommen soll, in der weise Männer Ideen einbringen.

Terminologische Problematik[Bearbeiten]

Nach Bernhard H. F. Taureck (* 1943) ist volonté générale als Metapher zu verstehen, da sich ein Allgemeinwille, der die jeweiligen Einzelwillen reell determinierte, weder gegenständlich vorstellen, noch empirisch nachweisen lasse[6]. Ihr Begriff meine nicht eine verlorengegangene Identität der Einzelwillen im Naturzustand, sondern verweise vielmehr auf eine mögliche pragmatische "anthropologische Interesseneinheit der Menschen [...], die auf Dauer von ihren bisherigen politischen Deformationen zu befreien ist"[7].

Quellen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Iring Fetscher: Volonté générale; Volonté de tous, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Basel: Schwabe 1971-2007, Bd. 11, Sp. 1141 ff.
  • Patrick Riley: The general will: Rousseau's debt to the theological controversies of the preceding century, in: Archiv für Geschichte der Philosophie 69 (1987), S. 241–268.
  • ders.: The General Will before Rousseau, Princeton: Princeton University Press 1988.
  • Bernhard H. F. Taureck: Rousseau, Reinbek: Rowohlt 2009.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Première Apologie pour M. Jansénius (1644), in: Oeuvres, Bd. 16, Paris 1778 (ND Brüssel 1967), S. 185.
  2. Vgl. Ecrits sur la grâce, Oeuvres, Bd. 11, Paris 1914, S. 135 ff.
  3. Vgl. De la recherche de la vérité (1674/75), I 1, § 2, in: Oeuvres, Paris 1958–70, Bd. 1, S. 46 f.
  4. Vgl. Droit Naturel (Morale), in: Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des arts et des métiers, Bd. 5, Paris 1775 (ND 1966), S. 116 f.
  5. Vgl. Rousseau, II 3, S. 371; dt. S. 31.
  6. Vgl. Taureck, S. 107.
  7. Vgl. Taureck, S. 108.