vox populi vox dei

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Vox populi ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Weitere Bedeutungen sind unter Vox populi (Begriffsklärung) aufgeführt.

Die lateinische Sentenz Vox populi vox Dei (wörtlich: ‚Volkes Stimme [ist] Gottes Stimme‘) bedeutet übertragen „die öffentliche Meinung [hat großes Gewicht]“.[1]

Verwendung[Bearbeiten]

Die Vorstellung von der Macht der öffentlichen Meinung als etwas Göttlichem findet sich bei Hesiod in Werke und Tage: „Nie wird ganz ein Gerücht sich verlieren, das vielerlei Volkes häufig im Munde geführt; denn ein Gott ist auch das Gerücht selbst“,[2] und in der Odyssee: „Sag', ob ... das Volk dich etwa hasst in dem Lande, befolgend die Stimme Gottes.“[2] Seneca der Ältere formulierte in lateinischer Sprache: ... crede mihi, sacra lingua populi est „... glaube mir, die Sprache des Volkes ist heilig“.[3]

Die Sentenz erscheint in einem Brief Alkuins an Karl den Großen (um 798) mit politischen Ratschlägen als neunter Ratschlag: Nec audiendi qui solent dicere, vox populi, vox dei, quum tumultuositas vulgi semper insaniae proxima sit,[4] zu Deutsch: „Auf diejenigen muss man nicht hören, die zu sagen pflegen, ‚Volkes Stimme, Gottes Stimme‘, da die Lärmsucht des Pöbels immer dem Wahnsinn sehr nahe kommt“.[2] Die Sentenz wurde im Mittelalter häufiger zitiert, unter anderem in einem Brief (Epistel 15) des Theologen Petrus von Blois (1135–1204), in dem er die Geistlichkeit daran erinnert, wie wichtig das Urteil der Gemeinde über sie sei: Scriptum est: quia vox populi, vox dei. Zu Deutsch: ‚Geschrieben steht: Weil es Volkes Stimme ist, ist es Gottes Stimme.‘[3] Im Mittelalter war die Beteiligung des Volkes etwa bei Wahlen geistlicher und weltlicher Würdenträger meist darauf beschränkt, dem von einem Wahlgremium Gewählten zu akklamieren.

In England wurde 1719 ein Druckerlehrling gehängt, da er den Autor einer jakobitischen Flugschrift mit dem Titel Ex ore tuo te judico, vox populi vox dei „Aus deinem Mund richte ich dich, Volkes Stimme ist Gottes Stimme“ nicht preisgeben wollte.[5]

Satirische Abwandlungen der Sentenz, die die Stimme des Volkes als absolut wandelbar, ohne eigene Qualität und Wert bezeichnen, existieren im Deutschen als Vox populi, vox Rindvieh sowie im Englischen als Vox populi – vox Halfpenny.[6] Der Satz Vox populi, vox Rindvieh wurde 1918 durch den Reichstagsabgeordneten Elard von Oldenburg-Januschau bekannt gemacht.[7] Dieser behauptete allerdings 1936 in seiner Autobiographie, nicht er habe die abfällige Bemerkung geprägt, sondern Friedrich von Wrangel.[3]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vox populi vox Dei in duden.de, abgerufen am 13. November 2013
  2. a b c Georg Büchmann: Geflügelte Worte, 19. Auflage, Berlin 1898, S. 324f. Online
  3. a b c Jan C. L. König: Über die Wirkungsmacht der Rede: Strategien politischer Eloquenz in Literatur und Alltag, V&R unipress, Göttingen 2011, ISBN 978-3-89971-862-1, S. 148f. mit Anm. auf S. 149 Online
  4. Alkuin: Epist. 132, 9. In: Epistolae (in Quart) 4: Epistolae Karolini aevi (II). Herausgegeben von Ernst Dümmler u. a. Berlin 1895, S. 198–199 (Monumenta Germaniae Historica, Digitalisat)
  5. Karl Tilman Winkle: Wörterkrieg: Politische Debattenkultur in Walpoles England, Steiner Franz Verlag 1998. S. 326. Online
  6. E.S. TAYLOR: Voce Populi Halfpenny, in: American Notes and Queries 4 (1851), S. 138-139; E.F. SUTCLIFFE: Vox populi, vox dei, in: American Notes and Queries 161 (1931), S. 297; S.A. GALLACHER: Vox Populi, Vox Dei, in: Philological Quarterly 24 (1945), S. 12-19; G. BOAS: Vox Populi; Essays in the History of an Idea (Baltimore [Md.] 1969)
  7. Verhandlungen des Reichstags 1918, v. Oldenburg-Januschau