X. Pavillon der Zitadelle Warschau

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Filiale des Warschauer Unabhängigkeitsmuseums
Das Gebäude von der Ostseite

Der X. Pavillon der Zitadelle Warschau (poln.: X Pawilon Cytadeli Warszawskiej) ist eines von mehreren historischen Gebäuden in der Warschauer Zitadelle. In dem früheren Gefängnis befindet sich heute eine Zweigstelle des Warschauer Unabhängigkeitsmuseums mit einem der bedeutendsten „Märtyrer“-Museen Polens.

Geschichte[Bearbeiten]

Das klassizistische, dreiflügelige Gebäude, das am nördlichen Ende zwischen der Trojak- und Czujna-Straße liegt, wurde bereits in den Jahren 1826 bis 1828[1] errichtet und nach Fertigstellung der umgebenden Zitadelle als Gefängnis für politische Häftlinge genutzt. Hier und in umliegenden Gebäuden waren insgesamt rund 40.000 Häftlinge untergebracht. Die Inhaftierten waren Mitglieder von geheimen Unabhängigkeitsorganisationen, Aktiven des Januaraufstandes, Mitglieder der Heilig-Kreuz-Ritter (polnisch: „Świętokrzyżcy“)[2], Aktivisten der polnischen Arbeiterbewegung, Teilnehmern an patriotischen Demonstrationen oder Streiks und solchen, die an der russischen Revolution in den Jahren 1905 bis 1907 beteiligt gewesen waren. Hunderte von Gefangenen wurden in der Zitadelle oder angrenzenden Gebieten hingerichtet und Tausende gefoltert bzw. nach Sibirien verbannt. Unter den hier eingekerkerten Gefangenen befanden sich bedeutende Polen wie Romuald Traugutt, Józef Piłsudski, Roman Dmowski, Apollo Korzeniowski, Karol Levittoux[3], Gustaw Ehrenberg[2], Piotr Ściegienny, August Robert Wolff, Leopold Otto, Honorat Koźmiński, Stefan Okrzeja, Jarosław Dąbrowski, Felix Edmundowitsch Dserschinski und der Attentäter Eligiusz Niewiadomski . Auch Rosa Luxemburg wurde hier im Jahr 1905 einige Wochen gefangen gehalten[4]. Seit 1834 war der X. Pavillon der Sitz des Untersuchungsausschusses beim Oberbefehlshaber der Armee und beim Oberkommandanten des Königreichs Polen (poln.: „Komisja Śledcza przy naczelnym Dowódcy Armii Czynnej i Naczelniku Królestwa Polskiego“), der zentralen Gerichts- und Strafverfolgungsbehörde politisch motivierter Straftaten zur Zeit Kongresspolens.

Während der Besetzung Warschaus durch deutsche Truppen in den Jahren 1915 bis 1918 wurde der X. Pavillon für militärische Verwendungen genutzt, unter anderem ebenfalls als Gefängnis. Nachdem Polen 1918 unabhängig wurde und die Zitadelle der polnischen Armee übereignet wurde, nutzte die das Gebäude zunächst als Lager. Später entstanden hier Unterkünfte für Garnisonstruppen. Im Ostflügel des Komplexes wurden Relikte aus der Gefängniszeit aufbewahrt. Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Zitadelle von der Wehrmacht besetzt und genutzt. Nach Kriegsende übernahm erneut die polnische Armee die Gesamtanlage. Der X. Pavillon wurde von den militärisch verwendeten Teilen abgetrennt und anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Ausbruches des Januaraufstandes für Besucher zur Besichtigung freigeben.

Ausstellung[Bearbeiten]

Im Gebäude werden drei Dauerausstellungen gezeigt.

Die Gefangenen des X. Pavillons in der Warschauer Zitadelle[Bearbeiten]

Diese Ausstellung zeichnet den Kampf polnischer Patrioten um die Unabhängigkeit ihres Vaterlandes in der Zeit der russischen Besatzung nach und deckt einen Zeitraum von ersten Aufstandsplanungen (Novemberaufstand) 1830/31 bis 1918 nach. Neben originalgetreu wiederhergestellten und eingerichteten Gefängniszellen wird der Lebensweg bedeutender Gefangener aufgezeigt, Organisationen und Aktivitäten (Untergrundaktivitäten, Demonstrationen, Streiks, bewaffneter Kampf) der Aufständischen werden erläutert und die die Besatzungszeit begleitenden sozialen Lebensumstände der Bevölkerung verdeutlicht. Gemälde des Malers Aleksander Sochaczewski, der selbst im X. Pavillon und in Sibirien als Häftling war, werden ausgestellt.

Auch der Außenbereich des Gebäudes ist in die Ausstellung mit einbezogen; der ehemalige Gefangenenhof, der Weg der zur Hinrichtung Geführten, die Hänge (zur Weichsel herunter), an denen Verurteilte exekutiert wurden sowie ein symbolischer Friedhof für die Hingerichteten.

Józef Piłsudski im X. Pavillon[Bearbeiten]

Dem wohl prominentesten Häftling im X. Pavillon ist diese Ausstellung gewidmet – sie beinhaltet Exponate (Dokumente, Fotos) aus der Zeit seines Aufenthalts im X. Pavillon. Piłsudski, damals 32 Jahre alt und führendes Mitglied der Partei PPS war am 18. April 1900 wegen Druckes der illegalen Partei-Zeitschrift „Robotnik“ verhaftet worden. Die Ausstellung zeichnet auch die Flucht Piłsudskis auf dem Weg zu einem Krankenhaus nach, nachdem er im Gefängnis eine Erkrankung vorgetäuscht hatte.

Sybiraks 1940–1956[Bearbeiten]

Als „Sybiraks“ werden Polen bezeichnet, die als Verbannte in Straflager nach Sibirien geschickt wurden, in diesem Falle in einem Zeitraum bereits sowjetischer Unterdrückung. Die Ausstellung zeigt und belegt die Lebens- und Todesumstände dieser Gefangenen. Die ausgestellten rund 1.400 Objekte stammen aus der „Sibirien-Sammlung“ des Unabhängigkeitsmuseums. Sie beinhalten Fotos, Gemälde, Briefe, Kleidungsstücke und patriotische oder religiöse Andenken.

Galerie[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Reinhold Vetter: Zwischen Wisła/Weichsel, Bug und Karpaty/Karpaten. in: Polen. Geschichte, Kunst und Landschaft einer alten europäischen Kulturnation. DuMont Kunst-Reiseführer, 3. Auflage, ISBN 3-7701-2023-X, DuMont Buchverlag, Köln 1991, S. 149

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. gem. Reinhold Vetter: Zwischen Wisła/Weichsel, Bug und Karpaty/Karpaten. ... (siehe LitVerz) wurde der Komplex bereits zwischen den Jahren 1822 und 1827 gebaut.
  2. a b Die „Świętokrzyżcy“ waren Mitglieder einer Geheimorganisation, die die Unabhängigkeit Polens zu erlangen versuchte. Sie wurde 1836 von Gustaw Ehrenberg gegründet. Ihr Name bezieht sich auf die konspirativen Treffen im Pfarrhaus der Św. Krzyża-Gemeinde
  3. Karol Levittoux (1820-1841) war ein polnischer Student und Unabhängigkeitskämpfer, der sich nach Folterungen in der Warschauer Zitadelle in seiner Zelle lebendig anzündete und so tötete, weil er seine Mitkämpfer nicht verraten wollte
  4. gem. Artikel November 1918: Kartoffeln – keine Revolution. im Spiegel, Ausgabe 48/1968

52.26666666666721.000833333333Koordinaten: 52° 16′ 0″ N, 21° 0′ 3″ O