Kongresspolen

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Kongresspolen
Königreich Polen
Królestwo Polskie (pl.)
Царство Польское (ru.)
(Weichselland)
1815–1916
Flagge Kongresspolens 1815–1867 Wappen Kongresspolens 1815–1867
Flagge Wappen
Flag of Poland.svg Navigation Flag of Poland.svg
Verfassung Verfassung des Königreichs Polen
1815–1832
Organisches Statut
1832–1863/67
Amtssprache Polnisch, Russisch
Hauptstadt Warschau
Staatsform Königreich
Regierungsform Konstitutionelle Monarchie
Protektorat Russlands
1815–1867
Russische Provinz
1867–1916
Staatsoberhaupt Zar von Russland
1815–1830
1831–1916 (inoffiziell)
Regierungschef Russischer Statthalter
Vizekönig
1815–1867
Generalgouverneur von Warschau
1867–1916
Fläche 127.000 [1] km²
Währung Złoty (bis 1850)
Russischer Rubel (ab 1850)
Gründung 9. Juni 1815 (Wiener Kongress)
Auflösung 1867
Eingliederung ins Russische Reich
5. November 1916 (offiziell)
Schaffung des Regentschaftskönigreiches Polen
Nationalhymne Mazurek Dąbrowskiego
1815–1867
Bosche, Zarja chrani!
1867–1916
Zeitzone UTC+1 MEZ
Karte kongresspolen.png

Kongresspolen bezeichnet das konstitutionelle Königreich Polen, das 1815 auf dem Wiener Kongress (daher der Name) als Nachfolger des von Napoleon 1807 gegründeten Herzogtums Warschau geschaffen wurde.[2] Es war durch Personalunion eng mit dem Russischen Zarenreich verbunden und wurde nach Verlust der verbliebenen Rechte ab den späten 1860er Jahren auch als Weichselland bezeichnet.

Geschichte[Bearbeiten]

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Nachdem Polen-Litauen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch zahlreiche vorangegangene Kriege und innere Konflikte stark geschwächt war, erfolgten 1772, 1793 und 1795 schrittweise die Teilungen Polens unter den Nachbarmächten Russland, Preußen und Österreich, so dass für über 120 Jahre kein eigenständiger polnischer Nationalstaat mehr existierte. Das Gebiet um Warschau kam zum neu geschaffenen Südpreußen. Napoleon Bonaparte zog 1807 die Grenzen neu und errichtete aus den von Preußen und Österreich besetzten polnischen Gebieten das Herzogtum Warschau, einen Rumpf- und Satellitenstaat mit Herzog Friedrich August I. (Sachsen) auf dem Thron.

Kongresspolen[Bearbeiten]

Russische Karte der zehn polnischen Gouvernements aus dem Jahr 1910

Nach der Niederlage Napoleons stellte 1815 der Wiener Kongress die polnische Monarchie wieder her. Zar Alexander I. stellte, beeinflusst von seiner Freundschaft mit Adam Jerzy Czartoryski, den polnischen Staat wieder her und wurde in Personalunion König von Polen. Theoretisch war es ein autonomer Staat. Kongresspolen blieb jedoch unter russischer Kontrolle.

Sein Bruder Konstantin hatte als Militärgouverneur von Warschau und General der polnischen Truppen (auch wenn formell kein Vizekönig) eine starke Machtstellung. 1820 heiratete er eine polnische Gräfin. Konstantins Grobheit, Tyrannei und militärischer Drill waren jedoch nicht besonders hilfreich, um Polen für ihn und die russische Herrschaft zu gewinnen.

Das Königreich Polen, so der offizielle Name, entstand aus dem früheren Herzogtum Warschau ohne das Großherzogtum Posen und die Gebiete von Lubawa, Toruń und Chełmno (Weichsel) (abgetreten an Preußen) und ohne die Freie Stadt Krakau (zuerst unabhängig, dann an Österreich). Abgesehen vom Staatsoberhaupt sollte der neue Staat laut Verträgen von 1815 eine starke Autonomie und die alte Verfassung von 1791 haben. Die Gesetze sollten von dem Sejm erlassen werden, eine eigenständige Armee, Währung, unabhängiger Staatshaushalt, Strafgesetzbuch etc. beibehalten und durch eine Zollgrenze vom eigentlichen Zarenreich getrennt bleiben (administration distincte).[3]

Faktisch konzentrierte der Zar die große Macht in seiner Hand und regierte gemäßigt autokratisch mit Hilfe des russischen Vizekönig, der zugleich den Armeeoberbefehl innehatte, und dem kaiserlichen Kommissar Nowosilzew und seinen Geheimdiensten. Die Beschlüsse des Wiener Kongresses wurden ständig missachtet. 1819 wurde die Pressefreiheit abgeschafft und die Zensur eingeführt, 1821 die Freimaurerei verboten, das Parlament tagte ab 1825 nicht mehr öffentlich, ein Verwaltungsrat hatte die Kontrolle. Die politische Lage war von Unterdrückung durch den Zar und seinen Warschauer Statthalter Nikolai N. Nowosilzew sowie von Willkür Konstantins geprägt. Dennoch war Kongresspolen der liberalste Teil des Russischen Reiches mit eigenem Parlament, Verwaltungs- und Schulsystem. Die Katholische Kirche bekam Dotationen und hatte Vorrechte, die Beamten waren Polen und sprachen polnisch.

Viele Polen, besonders die vom Geist der polnischen Romantik geprägte Jugend, waren mit dieser Amtsführung sehr unzufrieden. Die Nachricht von Revolutionen in Paris und in Belgien ließ eine Gruppe der Verschwörer zu Waffen greifen und am 28. November 1830 brach in Warschau der Novemberaufstand aus. Der Zar Nikolaus I. wurde vom Parlament als König abgesetzt. Sein Bruder Konstantin wurde in seinem Schloss überfallen, konnte jedoch als Frau verkleidet fliehen. Nach etwa zehn Monaten stellte Nikolaus mit Hilfe der Truppen von Iwan Fjodorowitsch Paskewitsch seine Macht wieder her. 1831 erhob er den Marschall zum Fürsten von Warschau und ersetzte 1832 die bisherige Verfassung durch das Verfassungsgesetz Organisches Statut. Auch die polnische Armee, der Sejm und die kommunale Selbstverwaltung wurden aufgelöst. Damit waren die Beschlüsse des Kongresses ungültig und die Restautonomie Kongresspolens abgeschafft. Was blieb, war unter anderem der Titel Vizekönig (Namestnik) für den Statthalter Paskewitsch, der mit der Russifizierung des Landes begann. 286 Emigranten wurden zum Tode verurteilt, ihre Güter enteignet und an russische Generäle verteilt. Die 1816 eröffnete Universität Warschau und die meisten Unterrichtsinstitute wurden geschlossen. Alle Vereine wurden verboten. Privatversammlungen wurden erlaubt, wenn der Überwachungsbeamte empfangen wurde. Russisch wurde Pflichtsprache für alle Beamte und es gab eine strenge Zensur der Bücher und Musik. Zar Nikolaus in einer Rede in Warschau 1835[4]: „Wenn Ihr darauf besteht, an Euren Träumen von einer besonderen Nationalität und einem unabhängigen Polen und allen diesen Chimären festzuhalten, so werdet Ihr großes Unheil über Euch heraufbeschwören. Ich habe eine Zitadelle errichten lassen und [...] bei der geringsten Unruhe werde ich die Stadt beschießen lassen.“.

Erst die russische Niederlage im Krimkrieg 1855 und der Amtsantritt des neuen Zaren Alexander II. führten wieder zu einer polnisch-russischen Zusammenarbeit: Unter der Führung des gemäßigten Aleksander Wielopolski wurde 1862 eine nur aus polnischen Politikern bestehende Zivilregierung ernannt. Die Einigungsbestrebungen Italiens inspirierten jedoch das demokratische Lager dazu, im Januar 1863 einen bewaffneten Kampf aufzunehmen (Januaraufstand). Militärisches Missverhältnis gegenüber den russischen Truppen und vergebliche Versuche, große Bauernmassen zu mobilisieren, sowie Uneinigkeit der politischen Emigration und mangelnde Unterstützung europäischer Staaten brachten den Aufstand zum Scheitern. Die drastischen russischen Vergeltungsmaßnahmen, Enteignungen und Deportationen nach Sibirien führten schließlich zur Schwächung des Adels innerhalb der polnischen Gesellschaft.

Übergang zum Weichselland[Bearbeiten]

Im Jahre 1867 wurde das Amt des Vizekönigs und das Wappen von Kongresspolen abgeschafft. Das nun in zehn Gouvernements aufgeteilte Gebiet wurde direkt ins Zarenreich integriert. Der bisherige Name wurde zwar nie offiziell geändert[5][6], jedoch tauchte seit den 1880er Jahren auch in verschiedenen Verwaltungsakten immer häufiger die Bezeichnung Weichselland (russisch Привислинский Край, Priwislinskij Kraj; polnisch Kraj Nadwiślański) auf, und das Wort „Polen“ wurde sogar als geographischer Begriff von russischer Seite gemieden.

Könige von Kongresspolen[Bearbeiten]

  • 1815–1825 Alexander I.
  • 1825–1830 Nikolaus I. († 1855) - 1830 als König abgesetzt, seit 1831 wieder an der Macht ohne Wiedereinsetzung als König

Vizekönige[Bearbeiten]

Der Titel Vizekönig wird durch Generalgouverneur von Warschau ersetzt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Manfred Alexander: Kleine Geschichte Polens. Reclam, Stuttgart 2003, ISBN 3-15-010522-6 (Quelle).
  • Roman Dmowski: Deutschland, Rußland und die polnische Frage (Auszüge). In: Andrzej Chwalba (Hrsg.): Polen und der Osten. Texte zu einem spannungsreichen Verhältnis (= Denken und Wissen. Eine Polnische Bibliothek. Bd. 7). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-518-41731-2.
  • Jürgen Hensel (Hrsg.): Polen, Deutsche und Juden in Lodz 1820–1939. Eine schwierige Nachbarschaft (= Einzelveröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Warschau. Bd. 1). fibre Verlag, Osnabrück 1999, ISBN 3-929759-41-1.
  • Harold Nicolson: The Congress of Vienna. A Study in Allied Unity, 1812–1822. Grove Press, New York NY 2001, ISBN 0-802-13744-X

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Congress Poland – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Norman Davies: God's Playground. Band 2: 1795 to the present. Oxford University Press, 2005, ISBN 0-19-925340-4, S. 225. Vorschau bei Google Books
  2. Królestwo Polskie. Encyklopedia PWN. Abgerufen am 10. Dezember 2011.
  3. A. N. Makarow (1888–1973): Die russisch-polnischen Rechtsbeziehungen seit 1815 unter spezieller Berücksichtigung der Staatsangehörigkeitsfragen, ZaöRV 1929, S. 330 ff. (PDF); Wojciech Witkowski: Themis polska. Die erste polnische Rechtszeitschrift (1828–1830), in: Michael Stolleis/Thomas Simon (Hrsg.): Juristische Zeitschriften in Europa, S. 141..
  4. Charles Seignobos: Politische Geschichte des modernen Europa, Leipzig 1910, S. 532 ff.
  5. Juliusza Bardacha, Moniki Senkowskiej-Gluck (Red.): Historia pánstwa i prawa Polski. Band 3: Wojciech M. Bartel: Od rozbiorów do uwłaszczenia. Państwowe Wydawnictwo Naukowe, Warszawa 1981, ISBN 83-01-02658-8, S. 67.
  6. Marek Czapliński: Słownik encyklopedyczny. Historia. 5. Auflage. Wydawnictwo Europa, Wrocław 2007, ISBN 978-83-7407-155-0, S. 199.