Äolisches Griechisch

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Griechische Dialekte um 400 v. Chr.
Äolische Dialekte in Gelb.

Das Äolische (auch Aiolische) ist ein altgriechischer Dialekt, der vom Stamm der Aioler gesprochen wurde. Das Verbreitungsgebiet des Dialekts umfasste Böotien, Thessalien, die kleinasiatische Westküste und die Insel Lesbos. In Böotien und Thessalien war das Äolische stark von den benachbarten westgriechischen Dialekten beeinflusst. Von den altgriechischen Dialekten ist das Äolische der altertümlichste.

Literarisch bedeutsam ist das Äolische durch die Dichtungen von Sappho und Alkaios. Auch die größtenteils auf dem Ionischen beruhende Sprache Homers enthält äolische Elemente.

Charakteristika[Bearbeiten]

Die wichtigsten Unterschiede zwischen dem Äolischen und dem Attischen, der klassischen Form des Altgriechischen:

  • Ursprüngliches langes (ā) bleibt stets erhalten.
    Beispiel: äolisch μάτηρ (mātēr) gegenüber attisch μήτηρ (mētēr)
  • Erhaltung des w-Lautes (Digamma)
    Beispiel: äolisch ϝοῖκος (woíkos) gegenüber attisch οἶκος (oíkos)
  • Aspiration unterbleibt (Hauchpsilose)
    Beispiele: äolisch ἀέλιος (āélios) gegenüber attisch ἥλιος (hēlios)
  • Der proto-griechische Labiovelar /kw/ wird durchgängig zu π (p) statt τ (t)
    Beispiel: äolisch πίς (pis) gegenüber attisch τίς (tis)
  • Bei der Folge -νς (-ns) Ersatzdehnung auf οι und αι (oi und ai) statt ου und ᾱ (ou und ā)
    Beispiel: aiolisch λύοισι (lýoisi) und παῖσα (paísa) gegenüber attisch λύουσι (lýousi) und πᾶσα (pása). Entstanden aus *πάνσα (*pánsa) und *λύονσι (*lýonsi).
  • Verdopplung des Konsonanten statt Ersatzdehnung
    Beispiel: äolisch ἐμμί (emmí) gegenüber attisch εἰμί (eimí). Beides aus *ἐσμί (*esmí).
  • Vermeidung der Endbetonung
    Beispiel: äolisch πόταμος (pótamos) gegenüber attisch ποταμός (potamós)
  • Die athematische Konjugation (auf -μι) ist weiter verbreitet.
    Beispiel: äolisch φίλημι (phílēmi) gegenüber attisch φιλέω (philéō)
  • Infinitivendung auf -μεν statt -ειν
    Beispiel: äolisch ἀγέμεν (agémen) gegenüber attisch ἄγειν (ágein)

Literatur[Bearbeiten]

  • Albert Thumb & Anton Scherer: Handbuch der griechischen Dialekte II, Heidelberg 1959 (v.a. Seiten 1-109)
  • Wolfgang Blümel: Die aiolischen Dialekte - Phonologie und Morphologie der inschriftlichen Texte aus generativer Sicht, Göttingen 1982
  • José L. García-Ramòn: Les origines postmycéniennes du groupe dialectal éolien, Salamanca 1975