Allgemeiner Faktor der Intelligenz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Allgemeine Faktor der Intelligenz wird auch als Generalfaktor der Intelligenz oder g-Faktor der Intelligenz bezeichnet. Der Begriff beinhaltet, dass in vielen verschiedenen Intelligenzleistungen mehr oder weniger stark ein allgemeiner Intelligenzfaktor mitwirkt. Dies rechtfertigt es, vereinfachend von "der" Intelligenz zu sprechen. Der g-Faktor kann allerdings nur ein grober Orientierungswert über das Intelligenzniveau einer Person oder Personengruppe sein. Bei differenzierterer Betrachtung, wie es z. B. die Berufsberatung oder Neuropsychologie erfordern, ist es oft sinnvoll, die Ausprägungen spezifischer Intelligenzfaktoren zu unterscheiden.

Die Vorstellung von einer allgemeinen geistigen Fähigkeit, die sich in einem einzigen Intelligenzwert ausdrücken lässt, war von Beginn an (Spearman) sehr umstritten und bleibt es bis zum heutigen Tag.[1]

Allgemeiner Faktor der Intelligenz nach Spearman[Bearbeiten]

Der britische Psychologe Charles Spearman begründete 1923 die erste Faktor-Theorie der Intelligenz in der Psychologie überhaupt. Er fand durch den Vergleich verschiedener Intelligenztests, durchgeführt an einer Gruppe Probanden heraus, dass fast alle Testmodule innerhalb eines solchen Tests positiv miteinander korrelieren. Die Korrelationen waren nicht hoch, ließen jedoch den Rückschluss zu, es müsse einen allgemeingültigen Faktor geben, der etwas über die Intelligenz eines Menschen aussagt und für dessen Ausprägung die Vererbung eine umstrittene Rolle spielt. Es besteht nach Spearmans Theorie also ein Zusammenhang zwischen den verschiedenen Fähigkeitsbereichen eines Menschen, und es muss dementsprechend einen allgemeinen „Intelligenzfaktor“ geben: den General Factor of Intelligence „g“. Neben dem General Factor of Intelligence beinhaltet jeder Intelligenztest laut Spearmans Zwei-Faktoren-Theorie der Intelligenz zudem spezifische Einflussgrößen.

Thurstones Untersuchung[Bearbeiten]

Weiterführende Untersuchungen gab es von Louis Leon Thurstone (1938): Er extrahierte und verglich den allgemeinen Faktor der Intelligenz aus 6 voneinander unabhängigen Testbatterien. Die Korrelation des g-Faktors jeweils zweier Testbatterien lag zwischen +.52 und +.94. Der Zusammenhang war nicht optimal, dennoch war er positiv. Generelle Faktoren aus den Tests sind sich folglich ähnlich, jedoch nicht identisch. Diese Erkenntnis bildete die Grundlage für weitere Faktor-Theorien.

Carrolls Untersuchung[Bearbeiten]

Gegenüber der Zwei-Faktoren-Theorie der Intelligenz entstanden verschiedene hierarchische Faktorenmodelle. In ihnen wurden mehrere Ebenen bzw. Schichten von zunehmendem Allgemeinheitsgrad unterschieden, beispielsweise „spezifische Faktoren“, darüber und somit allgemeiner „Gruppenfaktoren“ und an der Spitze der g-Faktor.

Die umfangreichste Analyse hatte John B. Carroll (1993) durchgeführt. Sie basierte auf den Daten von weit über 100.000 Personen. Auch sie bestätigte eine hierarchische Faktorenstruktur mit einem g-Faktor an der Spitze. Eine Ebene darunter erhielt er u. a. Faktoren der fluiden und kristallinen Intelligenz (nach Raymond Bernard Cattell). Diese Cattellsche Unterscheidung wird wichtig, wenn Bezüge zu informationspsychologischen oder neurobiologischen Größen hergestellt werden. So erniedrigt sich bei Minderungen der Hirnfunktionen durch Glukose- oder Sauerstoffmangel unmittelbar die fluide Intelligenz, während die kristalline Intelligenz weniger störungsabhängig ist.

Kurzspeicherkapazität[Bearbeiten]

Ein neuerer Ansatz zur Ermittlung eines Generalfaktors der Intelligenz ist die Kurzspeicherkapazität der Erlanger Schule der Informationspsychologie. Danach ist die Intelligenz abhängig von der Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit und der Gedächtnisspanne.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. David G. Myers, S. Hoppe-Graff, B. Keller: Psychologie. Springer Berlin Heidelberg; Auflage: 2. erw. u. aktualisierte Aufl. (14. Juli 2008). ISBN 3540790322, Seite 469

Literatur[Bearbeiten]

  • John B. Carroll: Human cognitive abilities: A survey of factor-analytic studies. Cambridge University Press, Cambridge, UK 1993.
  • Raymond B. Cattell: Theory of Fluid and Crystallized Intelligence: A Critical Experiment. In: Educational Psychology. Band 54, 1963, S. 1–22.
  •  Gottfredson, Linda S. (1998): The General Intelligence Factor. In: Scientific American. Exploring Intelligence. 9, Nr. 4 (Online).
  • Arthur R. Jensen: The g factor: The science of mental ability. Praeger, Westport, CT 1998.
  • Heiner Rindermann: Was messen internationale Schulleistungsstudien? Schulleistungen, Schülerfähigkeiten, kognitive Fähigkeiten, Wissen oder allgemeine Intelligenz? In: Psychologische Rundschau. Band 57, 2006, S. 69-86. (PDF; 165 kB)
  • Charles Spearman: General intelligence, objectively determined and measured. In: American Journal of Psychology. Band 15, 1904, S. 201-293. Classics in the History of Psychology -- Spearman (1904) Index
  • Charles Spearman: The abilities of man. Macmillan, London 1927.

Weblinks[Bearbeiten]