Anlasswiderstand

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Historischer ölgekühlter Drahtanlasswiderstand der Siemens-Schuckertwerke für Schleifring­läufermotoren bis etwa 15 kW Leistung (1930er-Jahre)

Ein Anlasswiderstand ist ein elektrisches Bauelement, das dazu dient, den Anlaufstrom von Elektromotoren zu begrenzen. Als Anlasswiderstände werden hochbelastbare Leistungswiderstände mit sehr niedrigen Widerstandswerten verwendet.[1] Aufgrund der hohen Energieverluste werden Anlasswiderstände fast ausschließlich nur noch zum Anlassen großer Schleifringläufermotoren verwendet. Anlasswiderstände werden zunehmend durch thermoelektrische oder elektronische Einschaltstrombegrenzer ersetzt.

Bauarten und Bauformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Anlasswiderständen werden als Widerstandsmaterialien entweder Metalle oder Elektrolyte verwendet. Bei den Metallwiderständen unterscheidet man drei Bauarten:[2]

Drahtwiderstände[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei dieser Bauart werden als Widerstandsleiter Drähte verwendet, die entweder auf einen isolierten Tragkörper aufgewickelt oder bei dickeren Drähten freitragend zwischen Isolatoren angeschlossen werden. Freitragende Widerstandsleiter werden als Drahtwendel oder Mäanderförmig geformt eingebaut. Aufgrund der schlechten Wärmeableitung können Drahtwiderstände nur für kleinere Antriebe verwendet werden.[3]

Blechwiderstände[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blechwiderstände werden entweder aus Blechen hergestellt, die mäanderförmig ausgestanzt sind, oder aus Blechen, die mit Schlitzen versehen werden. Durch diese Bauweise wird der Weg des Stromes verlängert und es wird ein definierter Widerstandswert erreicht. Aufgrund der Vielzahl der unterschiedlichen Stanzungen oder unterschiedlichen Schlitzungen werden verschiedene Widerstandswerte erzeugt. Die unterschiedlichen Widerstände werden entsprechend den Anforderungen miteinander kombiniert. Als Material verwendet man für Blechwiderstände Stahllegierungen. Da Blechwiderstände eine gitterartige Struktur haben, werden sie auch als Stahlgitterwiderstände bezeichnet.[4]

Eine Sonderform der Blechwiderstände sind sogenannte Bandwiderstände. Bei dieser Bauart werden schmale Blechstreifen oder -bänder als Widerstandsleiter verwendet. Die Blechstreifen werden, entweder hochkant oder flach, mäanderförmig gewickelt. Die einzelnen Blechstreifen durch Schweißen, Hartlöten oder Klemmen hintereinander geschaltet und miteinander verbunden. Durch diese Bauweise werden niederohmige Widerstände mit hoher Leistung erstellt. Blechwiderstände haben den Vorteil, dass aufgrund der großen Oberfläche eine gute Wärmeabgabe erfolgt.

Gusswiderstände[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Gusswiderständen wird als Widerstandandsmaterial Gusseisen verwendet. Die einzelnen Widerstandselemente werden zu Platten mit mäanderferförmigen Stäben gegossen und in ein Gehäuse eingebaut. Die Widerstandswerte werden zum einen durch den Werkstoff, zum anderen durch die Länge und die Querschnitte der Gusseisenstäbe bestimmt. Um unterschiedliche Widerstandswerte zu erhalten, werden verschiedene Elemente mit unterschiedlichen Stablängen und Stabquerschnitten kombiniert. Da Gusseisen gute Speicherfähigkeiten besitzt, werden diese Widerstände immer dort eingesetzt, wo Motoren im Aussetz- oder Kurzzeitbetrieb verwendet werden. Gusswiderstände werden bevorzugt als Anlass- und Stellwiderstände in der Antriebstechnik verwendet.[5][6]

Induktivität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Widerständen ist die Induktivität abhängig von den Materialeigenschaften des verwendeten Widerstandsmaterials und von seiner Bauart. Anlasswiderständen sind aufgrund ihrer Bauart relativ induktionsarm. Bei Stahlgitterwiderständen und bei Gusswiderständen heben sich die magnetischen Wirkungen, bedingt durch den mäanderförmigen Verlauf des Widerstandsleiters, auf. Bei Drahtwiderständen wird der gleiche Effekt durch die Kreuzwicklung erreicht. Dazu werden zwei parallele Wicklungen gegensinnig gewickelt. Die bifilare Wicklung lässt sich bei höheren Spannungen aufgrund der unzureichenden Isolation zwischen den Leitern nicht anwenden.

Kühlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kühlung der Anlasswiderstände erfolgt entweder direkt oder indirekt. Die direkte Kühlung erfolgt mit Luft als Kühlmittel. Für die indirekte Kühlung wird ein Kühlmittel benötigt, das für den Wärmetransport gebraucht wird. Für Anlasswiderstände werden hauptsächlich isolierende Flüssigkeiten zur indirekten Kühlung verwendet.[7]

Luftkühlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Luftkühlung werden die Anlasswiderstände entweder über die natürliche Kühlung oder über eine Zwangskühlung gekühlt. Bei der natürlichen Kühlung, auch Luftselbstkühlung genannt, erfolgt der Kühllufttransport über den Wärmeauftrieb der Luft. Bei der Zwangskühlung oder forcierten Kühlung wird die Luft mittels Ventilator an den Widerständen vorbei geblasen. Dadurch erfolgt eine bessere Wärmeabfuhr als bei der Luftselbstkühlung. Da Luft ein guter Isolator ist und sich leicht zu- und abführen lässt, ist die Luftkühlung die häufigste Kühlart. Nachteilig sind die niedrige Wärmekapazität der Luft und die kleine Wärmeleitfähigkeit. Deshalb werden luftgekühlte Widerstände nur bei Motoren bis 2000 Kilowatt eingesetzt.

Ölkühlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Ölkühlung werden die Widerstandselemente in einen Behälter eingebaut, der mit Transformatorenöl befüllt wird. Transformatorenöl ist ein sehr guter Wärmeträger und Isolator. Bei ölgekühlten Widerständen erfolgt eine rund zehnmal bessere Wärmeabgabe vom Widerstand als bei luftgekühlten Widerständen. Da Transformatorenöl ein guter Isolator ist, können zwischen den einzelnen Widerstandselementen kleinere Mindestabstände eingehalten werden. Somit ist Transformatorenöl ein sehr gutes Kühlmittel. Nachteilig ist jedoch die langsame Wärmeabgabe über die Behälteroberfläche. Außerdem altert Transformatorenöl im Betrieb und die Isolationsfähigkeit wird durch Feuchtigkeitsaufnahme aus der Luft herabgesetzt. Ölgekühlte Anlasswiderstände eignen sich gut für Elektromotoren mit großen Leistungen, insbesondere dann, wenn die Motoren nicht häufig anlaufen müssen. Sie werden bei Schleifringläufermotoren mit Leistungen bis zu 12,8 Megawatt eingesetzt.[8]

Wasserkühlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Wasserkühlung wird die entstehende Verlustwärme der Anlasswiderstände über einen Zwischenträger aus Isoliermaterial an das Wasser abgegeben. Wasser besitzt eine hohe spezifische Wärmekapazität und ist somit ein nahezu idealer Wärmeträger. Der Wärmeübergang zwischen Widerstand und Kühlmedium ist bei Wasser, zwischen 10-mal (bei ruhendem Wasser) und 100-mal (bei fließendem Wasser), höher als bei Luft. Damit eine optimale Kühlung gewährleistet ist, muss das Wasser ständig zirkulieren und entweder über Rückkühleinrichtungen abgekühlt werden oder es muss stets Frischwasser zugeführt werden. Der direkte Einbau von Anlasswiderständen in das Kühlmedium ist bei Wasserkühlung nur bei kleinen Spannungen sinnvoll. Bei höheren Spannungen ist der direkte Einbau nur mit großem Aufwand möglich.

Flüssigkeitsanlasser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Flüssigkeitsanlasser besteht aus einem mit Epoxidharzlack beschichteten Stahlblechbehälter, in welchem sich die Widerstandsflüssigkeit und das Elektrodensystem befinden. Das Elektrodensystem setzt sich zusammen aus jeweils drei festen und drei beweglichen Elektroden. Die festen Elektroden sind in isolierten Phasen-Trenntöpfen eingebaut. Die beweglichen Elektroden sind mit einer Brücke aus Kupfer verbunden, dadurch arbeitet der Anlasser als Sternpunktanlasser. Flüssigkeitsanlasser werden für große Schleifringläufermotoren mit zu 20 Megawatt Leistung gebaut und eingesetzt.[9]

Als Elektrolyt wird Natriumhydrogenkarbonat, sogenanntes Anlassersoda, verwendet. Durch Eintauchen der beweglichen Elektroden in den Elektrolyten wird der Widerstandswert verringert.[10] Bei anderen Systemen wird die Widerstandsveränderung durch Umpumpen des Elektrolyten erreicht.

Beim Flüssigkeitsdampfanlassern wird als Anlasswiderstand ein Elektrolyt verwendet, welcher sich beim Anlassvorgang rasch erwärmt. Durch die Erwärmung verkleinert sich der Widerstandswert des Elektrolyten, somit wirkt der Flüssigkeitsanlasser als automatischer Anlasswiderstand.[11]

Einfache Systeme zum Anfahren von Karussells arbeiteten mit Wasser und einem die Elektroden bewegenden Pedal.

Flüssigkeitsanlasser sind sehr wartungsintensiv, da sich die Elektrolytkonzentration durch Verdampfen und Aufspaltung des Wassers ständig ändert.[12]

Einsatz und Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anlasswiderstände werden bei großen Gleichstrommotoren und bei Drehstrommotoren eingesetzt. Bei Drehstrommotoren können Anlasswiderstände entweder in den Läuferkreis (bei Schleifringläufermotoren) oder bei Kurzschlussläufermotoren in den Ständerkreis geschaltet werden. Bei Kurzschlussläufermotoren gibt es zwei Schaltungsvarianten:

  • Einphasiger Anlasswiderstand
  • Dreiphasiger Anlasswiderstand

Die Schaltungsvariante mit nur einem Anlasswiderstand wird als Kusa-Schaltung bezeichnet.

Bei der Schaltungsvariante mit dreiphasigem Anlasswiderstand wird in jede Phase des Motors ein Widerstand geschaltet, der den Anlaufstrom begrenzt. Sind die Spulen des Motors im Stern geschaltet, verwendet man die Anlasswiderstände als Sternpunktanlasser.[13]

Bei Schleifringläufermotoren kleinerer Leistung werden anstatt der schaltbaren Einzelwiderstände häufig auch Walzenbahnanlasser mit Ölkühlung eingesetzt.[14]

Dimensionierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anlasswiderstände werden nicht im Dauerbetrieb, sondern im Kurzzeitbetrieb belastet. Damit die Widerstände auch entsprechend dimensioniert werden können, müssen mehrere Faktoren bekannt sein bzw. ermittelt werden.

Mit der Anlasshäufigkeit bezeichnet man die Anzahl der zulässigen stündlichen Anläufe bei betriebswarmem Anlasswiderstand.

Die Einschaltdauer ist der Quotient aus Einschaltzeit () und Spieldauer.

Aus der prozentualen Einschaltdauer lässt sich tabellarisch (Herstellerangaben) der Überlastfaktor ÜF ermitteln.

Die Leistung für den Kurzzeitbetrieb ist das Produkt aus rechnerisch ermittelter Dauerleistung und dem Überlastfaktor.[15]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gregor D. Häberle, Heinz O. Häberle: Transformatoren und Elektrische Maschinen in Anlagen der Energietechnik. 2. Auflage, Verlag Europa-Lehrmittel, Haan-Gruiten, 1990, ISBN 3-8085-5002-3

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wilhelm Lehmann:Die Elektrotechnik und die elektromotorischen Antriebe. Vierte Auflage, Springer Verlag Berlin Heidelberg GmbH, Berlin 1948, S. 237–239.
  2. Dieter Brockers:Lexikon Widerstände. Gino GmbH Elektrotechnische Fabrik, 1998, 2006. Online (zuletzt abgerufen am 3. Juli 2015).
  3. F. Niethammer (Hrsg.):Generatoren, Motoren und Steuerapparate für elektrisch betriebene Hebe- und Transportmaschinen. Springer Verlag Berlin, Berlin 1900, S. 153–176.
  4. FRIZLEN:Technische Erläuterung Stahlgitterwiderstände Online (Memento vom 11. März 2006 im Internet Archive) (abgerufen per Archive Org. am 3. Juli 2015).
  5. Datenblatt Gusswiderstände, Widap AG. Online (PDF; 485 kB) (abgerufen am 1. August 2016)
  6. Prospekt Gusswiderstände, GINO GmbH Bonn. Online (PDF; 828 kB) (abgerufen am 1. August 2016).
  7. W. Schuisky:Elektromotoren. Ihre Eigenschaften und ihre Verwendung für Antriebe, Springer Verlag Wien GmbH, Wien 1951, S. 141–145.
  8. Gino Else (Hrsg.):Ölgekühlte Widerstandsanlasser 3PA3 für Drehstrommotoren.
  9. MKS-Flüssigkeitsanlasser Liquid-Starters. Online (abgerufen am 3. Juli 2015).
  10. MKS Flüssigkeitsanlasser. Online (abgerufen am 1. August 2016).
  11. A. Senner: Fachkunde Elektrotechnik. 4. Auflage. Verlag Europa-Lehrmittel, S. 196 + 197, 1965.
  12. Carl Grawinkel, Karl Strecker:Hilfsbuch für die Elektrotechnik. Achte Auflage, Springer Verlag Berlin Heidelbertg GmbH, Berlin 1912, S. 410–412.
  13. Metzenauer & Jung GmbH: FANAL Schaltungspraxis.
  14. Wilhelm Lehmann:Die Elektrotechnik und die elektromotorischen Antriebe. Dritte verbesserte Auflage, Springer Verlag Berlin, Berlin 1945, S. 237–252.
  15. Stahlgitterwiderstände. Dauerleistung / Kurzzeitleistung / Spieldauer / Einschaltdauer / Überlastfaktor (Memento vom 24. März 2012 im Internet Archive) (abgerufen per Archive Org. am 3. Juli 2015).