Zum Inhalt springen

Anney

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Karte
Lage von Anney in Niger

Anney (auch: Aney, Aneye) ist ein Dorf in der Landgemeinde Dirkou in Niger.

Die Oase liegt im Nordosten des Landes in der Landschaft Kawar am Rand der Wüste Ténéré. Um ein altes Fort auf einem Felsenhügel[1] gruppieren sich Hütten aus Palmblättern und Gärten mit Dattelpalmen.[2] Das Dorf befindet sich rund 40 Kilometer nördlich des Hauptorts Dirkou der gleichnamigen Landgemeinde, die zum Departement Bilma in der Region Agadez gehört. Zu den Siedlungen in der näheren Umgebung von Anney zählen das Dorf Emitchouma im Südosten und der Weiler Latey im Südwesten.[3]

Anney ist Teil des Ramsar-Gebiets Oasen des Kawar, eines 339.220 Hektar großen Feuchtgebiets von internationaler Bedeutung.[4] Es herrscht das Klima der Sahara vor, mit einer durchschnittlichen jährlichen Niederschlagsmenge von unter 200 mm.[5]

Das Dorf ist ein archäologischer Fundort der altsteinzeitlichen Atérien-Kultur.[6] Es finden sich Spuren der „grünen Sahara“, von mehrere Jahrtausende zurückliegenden Feuchtperioden. Eine 1979 veröffentlichte Radiocarbondatierung von Holzkohle vom Pass von Anney ergab ein konventionelles 14C-Alter von 15.800 ± 2480 Jahren.[7]

Der Überlieferung nach war Anney eine Kanuri-Siedlung, als sich ein Angehöriger der Tubu-Gruppe Tawiya aus dem Tibesti hier wiederfand, während er auf der Suche nach verlorenem Vieh war. Der Reichtum und die scheinbare Wehrlosigkeit von Anney veranlassten ihn, nach seiner Rückkehr eine Invasion des Kawar durch Tubu aus dem Tibesti zu initiieren. Anney leistete sieben Monate lang Widerstand. Die Tubu ließen sich schließlich im Tal von Achinouma nieder, das sich langsam zu ihrem Hauptort entwickelte. Erst ein Ehevertrag zwischen einer Kanuri-Frau und einem Tubu-Mann soll die kriegerischen Handlungen beendet und die Machtverteilung zwischen beiden ethnischen Gruppen besiegelt haben, die infolgedessen weitere Ehen untereinander eingingen.[8]

Die britischen Afrikaforscher Hugh Clapperton, Dixon Denham und Walter Oudney kamen bei ihrer Sahara-Durchquerung 1823 nach Anney („Anay“ oder „Irchat“). Sie beschrieben eine aus wenige Hütten bestehende Siedlung, deren Einwohner sich mindestens einmal im Jahr bei Überfällen von Tuareg in eine felsige Zitadelle zurückzogen.[9] Der deutsche Afrikaforscher Gerhard Rohlfs erreichte Anney („Anay“) im Jahr 1866, das seiner Beschreibung nach 100 bis 150 niedrige Häuser und Hütten mit über 500 Einwohnern aufwies.[10][11] Der deutsche Afrikaforscher Gustav Nachtigal besuchte Anney („Anai“) bei seiner Sahara-Durchquerung 1869/1870. Er schätzte die damalige Einwohnerzahl auf circa 180, wobei die ungefähr 100 Wohnstätten 400 Personen beherbergen könnten.[12]

Ausschnitt einer Karte von 1903 mit Anney (Anay)

Die 312 Kilometer lange Piste zwischen den Orten Bilma und Orida, die durch Anney führte, galt in den 1920er Jahren als einer der Hauptverkehrswege in der damaligen französischen Kolonie Niger.[13] Das Dorf lag in der Totalitätszone der Sonnenfinsternis vom 29. März 2006.[14] Eine große Feuersbrunst zerstörte am 9. April 2026 Dattelpalmenhaine und Gemüsegärten sowie Wohn- und Wirtschaftsgebäude. Mehrere Nutztiere kamen in den Flammen ums Leben.[15]

Das Dorf hatte 525 Einwohner in 143 Haushalten bei der Volkszählung 1988,[16] 1058 Einwohner in 229 Haushalten bei der Volkszählung 2001[17] und 651 Einwohner in 120 Haushalten bei der Volkszählung 2012.[3]

Die Bevölkerung besteht aus Guézébida, mit Kanuri vermischten Tubu.[2]

Kultur und Sehenswürdigkeiten

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das alte Fort von Anney gehört dem im Norden des Kawar üblichen Typ Tima an. Die aus Stein erbauten Tima stehen auf Ausläufern der großen Geländestufe des Kawar und sind mit der jeweiligen Siedlung im Tal verbunden. Sie dienten in vorkolonialer Zeit als Rückzugsorte vor Angriffen. Anders als die großen Festungen des Kawar, die Gassar, verfügen die Tima über keinen eigenen Brunnen. Sie konnten deshalb langen Belagerungen nicht standhalten.[18]

Wirtschaft und Infrastruktur

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit einem Centre de Santé Intégré (CSI) ist ein Gesundheitszentrum im Dorf vorhanden.[19] Es wurde 1999 vom Schweizerischen Hilfswerk Kinder in Not errichtet.[20] Es gibt eine Schule.[21] Für den Brunnen von Anney wurde 1990 ein pH-Wert von 6,1 ermittelt.[22]

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. Gerhard Göttler: Sahara. DuMont, Köln 2002, S. 370.
  2. 1 2 Dominique Auzias, Jean-Paul Labourdette: Niger. Petit Futé, Paris 2009, ISBN 978-2-7469-1640-1, S. 193.
  3. 1 2 Répertoire National des Localités (ReNaLoc). (RAR) Institut National de la Statistique, République du Niger, Juli 2014, S. 7, archiviert vom Original am 24. September 2015; abgerufen am 2. April 2023 (französisch).
  4. Oasis du Kawar. In: Ramsar Sites Information Service. Abgerufen am 5. Dezember 2021 (englisch).
  5. Damien Hauswirth, Hassane Yayé, Abdoulaye Sambo Soumaila, Badamassi Djariri, Issaka Lona, Malam Boukar Abba: Appui à la formulation concertée de la SPN2A pour la République du Niger. Identification et évaluation des options d’agriculture intelligente face au climat prioritaires pour l’adaptation face aux changements climatiques au Niger. Volume 2 : Annexes. Ministère de l’Environnement, de la Salubrité Urbaine et du Développement Durable / Ministère de l’Agriculture et de l’Elevage / Conseil National de l’Environnement pour un Développement Durable / Haut-Commissariat à l’Initiative 3N / AFD / Facilité Adapt’Action / Baastel – BRL – ONFI, Niamey / Brüssel 2020, S. 7 (spn2a.org [PDF; abgerufen am 11. April 2026]).
  6. Boubé Gado, Abdoulaye Maga, Oumarou Amadou Idé: Rappel sur les faits préhistoriques et historiques de la zone Nord du Niger. In: Mamadou Moustapha Niang, Boubé Nagando, Seyni Seidou, Elizabeth Wangari (Hrsg.): Les pillages des sites culturels et naturels au Niger. UNESCO, Paris 2001, S. 106.
  7. Roland Baumhauer: Radiocarbon- und Grundwasserdaten aus NE-Niger. In: Würzburger Geographische Arbeiten. Nr. 84, Januar 1992, S. 242 (researchgate.net [PDF; abgerufen am 11. April 2026]).
  8. Chégou Abdourahamane, Sani Maman Lawan: Canton de Dirkou. Des pratiques et rituels traditionnels en disparition. In: Nigerama. Spécial Les Oasis du Kawar (N° hors série), Januar 2022, S. 19 (niger.iom.int [PDF; abgerufen am 4. Januar 2023]).
  9. Dixon Denham, Hugh Clapperton, Walter Oudney: Narrative of Travels and Discoveries in Northern and Central Africa. In the Years 1822, 1823, and 1824. 3. Auflage. Vol. 1. John Murray, London 1828, S. 138.
  10. Gerhard Rohlfs: Quer durch Afrika: Kauar und die Tebu im Projekt Gutenberg-DE
  11. Gerhard Rohlfs: Quer durch Afrika. K. Thienemanns Verlag, Stuttgart/Wien 1984, ISBN 3-522-60580-2, Kap. 9.
  12. Gustav Nachtigal: Sahara und Sudan. Ergebnisse sechsjähriger Reisen in Afrika. Erster Teil. 1879, S. 542.
  13. Maurice Abadié: La Colonie du Niger. Mit einem Vorwort von Maurice Delafosse. Société d’Editions Géographiques, Maritimes et Coloniales, Paris 1927, S. 430.
  14. F. Espenak, J. Anderson: NASA 2006 Eclipse Bulletin. Total Solar Eclipse of 2006 March 29. Figure 10 – Niger. (GIF) NASA Goddard Space Flight Center, abgerufen am 11. April 2026 (englisch).
  15. Agadez : le village d’Anèye ravagé par un violent incendie. In: ActuNiger. 10. April 2026, abgerufen am 11. April 2026 (französisch).
  16. Recensement Général de la Population 1988: Répertoire National des Villages du Niger. Bureau Central de Recensement, Ministère du Plan, République du Niger, Niamey März 1991, S. 37 (web.archive.org [PDF; abgerufen am 2. April 2023]).
  17. Répertoire National des Communes (RENACOM). (RAR) Institut National de la Statistique, République du Niger, archiviert vom Original am 2. Februar 2012; abgerufen am 2. April 2023 (französisch).
  18. Sani Maman Lawan, Chégou Abdourahamane: Le Fort ou ‘’Gassar’’ et les Tiyima, l’ingéniosité contre les envahisseurs. In: Nigerama. Spécial Les Oasis du Kawar (N° hors série), Januar 2022, S. 24 (niger.iom.int [PDF; abgerufen am 4. Januar 2023]).
  19. Niger DSS. In: Systeme Nationale d’Information Sanitaire (SNIS). Ministère de la Santé Publique, République du Niger, archiviert vom Original am 8. Januar 2023; abgerufen am 15. Januar 2025 (französisch).
  20. Alain Luchsinger: Die Geschichte von Kinder in Not. Schweizerisches Hilfswerk Kinder in Not, März 2021, abgerufen am 11. April 2026.
  21. Répertoire National des Centres d’Enrôlement et de Vote (CEV). (PDF) Commission Electorale Nationale Indépendante (CENI), République du Niger, 13. September 2020, S. 19, archiviert vom Original am 3. September 2022; abgerufen am 5. Februar 2025 (französisch).
  22. Roland Baumhauer: Zur Grundwassersituation im Becken von Bilma, zentrale Sahara. In: Würzburger Geographische Arbeiten. Nr. 92, Januar 1997, S. 139 (researchgate.net [PDF; abgerufen am 25. Dezember 2025]).

Koordinaten: 19° 22′ N, 12° 54′ O