Börsenbrief

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Börsenbriefe (auch: Aktienbriefe) sind regelmäßig erscheinende Publikationen, die Finanzanalysen und meist auch Kauf- und Verkaufsempfehlungen für einzelne Wertpapiere enthalten. Sie werden von speziellen Finanzverlagen, von Vermögensverwaltern oder auch von Banken herausgegeben. Manche Börsenbriefe führen ein eigenes Musterdepot, aus dem sich die Erfolge ihrer Empfehlungen ablesen lassen. Es gibt keine aktuelle fundierte Untersuchung zu Umfang und Qualität von Börsenbriefen in Deutschland. Im Vertrieb "Börsenkiosk.de" werden 40 regelmäßig erscheinende renommierte Börsenbriefe angeboten (Stand November 2017, ohne Bewertung). Im Vergleichsportal "Lettertest" werden 87 Börsenbriefe aufgeführt. Da nicht alle Börsenbriefe dort geführt werden, insbesondere nicht die meisten traditionellen Börsenbriefe, ist von deutlich mehr als 100 Börsenbriefen in Deutschland auszugehen (Stand November 2017).

Kritik und öffentliche Wahrnehmung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2004 warnte die Stiftung Warentest, dass die "heißen Tipps" der Börsenbriefe oft fragwürdig seien. Zudem würden sich die kostenpflichtigen Briefe vor allem für Kleinanleger nicht lohnen. Banken bieten ähnliche Info-Dienste gratis an.[1]

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) spricht auf ihrer Website unter der Überschrift "Was ist von Empfehlungen und Musterdepots in Börsenbriefen, Telefon-Hotlines etc. zu halten?" einige Warnungen in Bezug auf Börsenbriefe aus:[2]

  • Da Börsenbriefe die Meinung ihres Verfassers wiedergeben, sollte der Verfasser seine Einschätzung mit Fakten belegen, die der Verbraucher nachvollziehen können. Falls es an solchen Fakten fehlt und der Verfasser lediglich eine nicht weiter begründete, häufig außerordentlich positive Meinung kundtut, sollten der Verbraucher "äußerst zurückhaltend sein".
  • Der Anleger sollte sich nicht unter Zeitdruck setzen lassen.
  • Da es an den Wertpapiermärkten nichts geschenkt gibt gilt: "Wo (scheinbar) hohe und schnelle Gewinne winken, gibt es immer auch ein entsprechend hohes Risiko – bis hin zum Totalverlust Ihres eingesetzten Kapitals"

Gleichwohl fehlt es an jeder Art von Regulierung durch die BaFin oder andere Institutionen und jeder Art von Qualitätssicherung hinsichtlich vergleichbarer und objektiver Angaben zur Performance, Volatilität, Risikomanagement, Strategie, Angaben zu Vorhandensein, Umfang und Startzeitpunkt von Real- bzw. Echtgelddepots, Qualifikation und Erfahrung des Managements, dem Vorhandensein und Umfang einer eigenen Research-Abteilung, Abhängigkeit des Managements, des Verfassers und des Verlags von anderen Finanzinstitutionen, Angaben zur längsten Gewinnphase und längsten Verlustphase und zum größten prozentualen Verlust sowie Angabe zu weiteren Börsenbriefen oder anderen Publikationen des Verfassers, des Management und des Verlags, die Rückschlüsse darauf zulassen, wieviel Zeit dem Verfasser zur Recherche und Erstellung des Börsenbriefs zur Verfügung steht sowie schließlich der jährlichen Kosten des Börsenbriefs, der Kündigungsfrist und der Mindestbestelldauer.

Im Idealfall ist die Redaktion eines Börsenbriefs unabhängig, das heißt, es bestehen keine Interessensverquickungen mit Investmentbanken, Investmentfonds oder sonstigen Institutionen oder Personen, die auf eigene oder fremde Rechnung mit Wertpapieren handeln. Dies soll die Objektivität der veröffentlichten Informationen sicherstellen. Ob und bei wie vielen Börsenbriefen dieser Idealfall tatsächlich vorliegt, ist immer wieder Gegenstand von Mutmaßungen und Spekulationen. Dennoch haben Börsenbriefe neben ihrer Unabhängigkeit einige weitere Vorteile gegenüber großen Kapitalanlagegesellschaften und Fondsmanagern: Letztere bewegen sehr große Volumina und sind damit auch an die hauseigenen und gesetzlichen Anlagegrenzen gebunden. Weiterhin müssen sich Fondsmanager an der vorgegebenen Benchmark orientieren. Börsenbrief-Redaktionen können jedes beliebige Wertpapier ins Portfolio aufnehmen und auch antizyklisch handeln.[3]

Ein gewisses Qualitätsmerkmal eines Börsenbriefes ist die Dauer des Erscheinens. Wie alle Produkte, welche die selbst gegebenen Versprechen nicht einhalten können, werden Börsenbriefe bei mangelndem Kundeninteresse eingestellt. Am deutschen Markt werden einige, wenige Börsenbriefe bereits seit Jahrzehnten publiziert, beispielsweise der Platow Brief seit 1945 oder die "Finanzwoche" seit 1974.

Börsenbriefe werden häufig mit dem Vorwurf des Front Running und Scalping konfrontiert. Außerdem besteht die Gefahr, dass die Autoren von Börsenbriefen mit gekauften Artikeln Marktmanipulation betreiben. Von besonderem öffentlichen Interesse sind die Verfahren gegen einen Anlegerschützer[4][5] und die Verfahren im Zusammenhang mit der Kursmanipulation des Unternehmens De Beira Goldfields.[6]

Am 6. September 2017 veröffentlichte Focus online bzw. Focus Money online unter dem Titel "Geheimtipps von Anlageprofis – Besser als der Bankberater: So helfen Börsenbriefe bei der erfolgreichen Geldanlage" Werbung für einen Börsenbrief, der offensichtlich aus dem eigenen Hause stammt. Aufgrund einer Beschwerde beim Deutschen Presserat wegen unzureichender Trennung zwischen redaktionellen Inhalten und Werbung wurde der Artikel gelöscht[7].

Qualität und Performance von Börsenbriefen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Auch wenn die Empfehlungen von einigen Börsenbriefen ebenso wie die Einschätzungen von Banken und Research-Häusern von unabhängigen Dienstleistern statistisch ausgewertet werden, liegt aktuell (Stand 2017) keine öffentlich verfügbare Auswertung vor. Bei einer nicht repräsentativen Auswertung im Auftrag von zwei Verlagen von 22 von ihnen herausgegebenen Börsenbriefen im Jahr 2004 fand die WSH Deutsche Vermögenstreuhand heraus, dass Börsenbriefe oft eine bessere Performance haben als mancher bekannte Vermögensverwalter; Börsenbriefe beziehen ihre Informationen häufig nur aus zweiter Hand und haben nur gelegentlich eigene kleine Analyseabteilungen.[8] Die Herausgeber der Börsenbriefe messen sich öffentlich an der angeblichen Wertentwicklung ihrer Empfehlungen. Ein beliebtes Instrument hierfür sind Börsenspiele und Musterdepots, die öffentlich geführt werden. Jährlich finden diverse Börsenspiele statt, die Ergebnisse solcher Börsenspiele sind jedoch von den jeweiligen Rahmenbedingungen abhängig und bieten kaum einen Anhaltspunkt über die Qualität der Tippgeber. Einige Börsenbriefe werben auch mit sog. Real-Depots (z. B. Der Aktionär) bzw. Echtgeld-Depots (z. B. TradingBrothers). Es gibt auch kostenlose Börsenbriefe, die oft von Banken herausgegeben werden (z. B. der Consorsbank) oder auch von Verlagen (z. B. Börse am Sonntag).

Übersicht der Börsenbriefe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Traditionelle Börsenbriefe (seit den 1990er Jahren oder länger bestehend)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Angegeben sind die Renditen gemäß einer Auswertung der Zeitschrift Capital als Durchschnitt der Renditen der Jahre 1992/93, 1993/94, 1994/95 und 1995/96:[9]

  • Börsensignale 18,30 %
  • Finanzwoche 17,25 %
  • Platow-Brief 14,68 %
  • Frankfurter Börsenbriefe 14,10 %
  • Fuchsbriefe 13,47 %
  • Briefe an Kapitalanleger 13,15 %
  • Die Actien-Börse/Bernecker Börsenbriefe 12,35 %
  • Zürcher Finanzbrief 11,98 %
  • Börse Online 11,55 %
  • Hanseatischer Börsendienst 9,12 % (seit 1961 am deutschen Aktienmarkt)
  • Effecten-Spiegel 8,08 %
  • Aktientrend 7,33 %
  • Geldbrief 3,58 %

Zur Einordnung: Die Rendite des DAX lag bei ähnlicher Berechnungsweise für diesen Zeitraum zwischen 11 % und 12 %.

Neuere Börsenbriefe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Übersicht der im Vergleichsportal Lettertest als "beste" gelisteten Börsenbriefe mit Angabe des Verlags und Jahr des erstmaligen Erscheinens[10]:

  • Cleverselect Investments M.G. Börsen-Service – seit August 2008
  • Der Goldreport Der Goldreport Ltd – seit Januar 2003
  • DaxWaver Charttechnische Analysen DaxWaver – seit Oktober 2009
  • Boersenmillionaer.de Premium-Börsenbrief Boris Schulze – seit Januar 2008
  • dasHebeldepot Boris Schulze – seit August 2015
  • Boerse-Daily.de FSG Financial Services Group – seit November 2011
  • DaxVestor ATLAS Research – seit Januar 2004
  • boersianer.info – Hankes Börsenbrief Ulrich W. Hanke – seit November 2014
  • Böhms DAX-Strategie ATLAS Research – seit Januar 2012
  • INLINE REPORT smart fintech solutions GmbH – seit Dezember 2016
  • Heibel-Ticker Stephan Heibel – seit März 2000
  • TradingBrothers – seit November 2012
  • Bullenbrief Jürgen Schwenk – seit März 2001
  • Die Rendite-Spezialisten ATLAS Research – seit Januar 2015
  • BÖRSE am Sonntag Weimer Media Group GmbH – seit Januar 2000

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stiftung Warentest warnt: Börsenbriefe. In: test, Heft 08/2004. Abgerufen am 2. Januar 2013.
  2. BaFin: Was ist von Empfehlungen und Musterdepots in Börsenbriefen, Telefon-Hotlines etc. zu halten? Abgerufen am 4. November 2017.
  3. Lettertest (Memento des Originals vom 1. September 2011 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.lettertest.de Lettertest.
  4. Geldanlage: Anlegervertreter wegen Marktmanipulation verurteilt. In: zeit.de. 20. März 2012, abgerufen am 15. Dezember 2014.
  5. Früherer Oppenheim-Manager in SdK-Affäre verwickelt. In: Der Spiegel (Vorabversion aus Ausgabe 40/2010). 2. Oktober 2010, abgerufen am 15. Dezember 2014.
  6. www.wiwo.de
  7. Unzureichende Trennung zwischen redaktionellen Inhalten und Werbung für Börsenbrief bei Focus online In: Focus Money online. Abgerufen am 4. November 2017.
  8. Gertrud Hussla: Börsenbriefe überraschen mit guten Treffern. In: Handelsblatt.com. 27. April 2004, abgerufen am 2. November 2017.
  9. Auswertung von Capital der Renditen 1993 bis 1996, abgerufen am 31. Oktober 2017.
  10. "Beste" Börsenbriefe im kommerziellen Vergleichsportal Lettertest, abgerufen am 31. Oktober 2017.