Billmuthausen

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Gedenkstein und Kreuz neben der Gedächtniskapelle, Entwurf der Gedenkplatte von Martin Hänisch

Billmuthausen (auch Billmuthhausen) ist eine Wüstung im Heldburger Land in Thüringen. Sie liegt im äußersten Süden Thüringens im Landkreis Hildburghausen zwischen den Kleinstädten Bad Colberg in Thüringen und Gauerstadt in Bayern am Flüsschen Rodach. Der Ort ist heute eine Gedenkstätte an der ehemaligen innerdeutschen Grenze.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zum 18. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1340 wurde Billmuthausen erstmals als Billmuthehusen und 1528 als Bylmethausen erwähnt. Das Dorf war im Kern ein Rittergut. Nach dem Dreißigjährigen Krieg lag Billmuthausen, das zum Kirchsprengel Gauerstadt gehörte, wüst.[1]

Vom 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1840 standen in Billmuthausen 14 Häuser, eine Mühle und eine Kirche, um 1850 hatte das Dorf 68 Einwohner. Die Mühle hatte ein Mahl- und ein Schleifwerk, eine eigene Wasser- und Stromversorgung und ein Backhaus.[2] Das Rittergut umfasste etwa 226 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche und Wälder. Billmuthausen gehörte bis 1918 zum Amt Heldburg im Herzogtum Sachsen-Meiningen, danach zum Land Thüringen. Am 1. Oktober 1936 wurde die Gemeinde in Bad Colberg eingegliedert.

Sowjetische Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Schicksal des Dorfes nach dem Zweiten Weltkrieg wurde von seiner unmittelbaren Lage an der innerdeutschen Grenze bestimmt. Zunächst war Billmuthausen amerikanisch besetzt, dann rückte im Juli 1945 die Rote Armee gemäß Zonenprotokoll der Alliierten in das Dorf ein. Der Gutsbesitzer Hermann Ludloff wurde kurz danach (noch im Juli) von zwei deutschen Hilfspolizisten (ehemaligen Tagelöhnern des Besitzers) verhaftet, im Speziallager Nr. 2 Buchenwald inhaftiert. Bald danach – Anfang August – wurde er dort erschossen, während seine Familie nach Rügen deportiert wurde. Das Rittergut wurde im September 1945 enteignet. Das Land wurde während der Bodenreform verteilt. 1948 wurde auf Befehl der russischen Besatzungsmacht (SMAD-Befehl 209 vom 9. September 1947) das 1836 erbaute Gutshaus abgerissen.

Grenzzaun im Deutsch-deutschen Freilandmuseum bei Behrungen

DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 1952 lag das Dorf in der von den DDR-Behörden geschaffenen Sperrzone. Im gleichen Jahr flüchteten sieben Familien mit 34 Personen und aller beweglichen Habe über die Grenze nach Bayern. Beim militärischen Ausbau der Grenze hat man das Wehr für den Mühlgraben zerstört und damit der Mühle das Wasser abgegraben. 1961 wurden zwei Familien zwangsausgesiedelt (Aktion Kornblume, siehe auch Aktion Ungeziefer). 1965 ordneten die Behörden während der urlaubsbedingten Abwesenheit des Pfarrers den Abriss der baufällig gewordenen Dorfkirche an. Die Grenzanlagen wurden direkt hinter dem Dorf gebaut. Nachdem der so genannte Signalzaun errichtet worden war, der 500 Meter vor der Grenze verlief, waren die Mühle und die Bergkeller vom Dorf getrennt, sie befanden sich noch näher der Grenze. Die Bewohner der Mühle mussten jedes Mal anrufen, wenn sie von Zuhause weggingen oder zurückkehrten, damit sie durch den Signalzaun durchgelassen wurden.

1977 ließen die Behörden die Mühle abreißen und verkündeten die vollständige Räumung des Dorfes. Unter dem Druck der Politbürokratie wurde Haus für Haus geräumt und danach sofort abgerissen. 1978 hat man die letzte Familie deportiert und das Dorf vollständig geschleift. Die Räumung des Friedhofs war geplant, wurde aber wegen des Widerstands der ehemaligen Bewohner nicht vollzogen. So wurde aus dem thüringischen Dorf Billmuthausen eine politische Wüstung.

In Telefonbüchern, Atlanten und Verzeichnissen der DDR wurde der Ort Billmuthausen auch nach der Wüstlegung weitergeführt. Der Eintrag im letzten DDR-Postleitzahlenverzeichnis lautete DDR-6111 Billmuthausen Post Bad Colberg; er wurde unverändert ins erste gesamtdeutsche Postleitzahlenverzeichnis vom Juni 1990 übernommen. Selbst als 1993 für Deutschland neue fünfstellige Postleitzahlen eingeführt wurden, bekam Billmuthausen die neue Postleitzahl 98663 zugewiesen.[3]

Billmuthausen heute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geblieben sind der Friedhof und ein Transformatorenturm. Erhalten geblieben sind auch die beiden Kirchenglocken (heute im Otto-Ludwig-Museum in Eisfeld) und sakrale Gegenstände der Kirche (in kirchlicher Verwahrung). Ein 1994 gegründeter Förderverein Gedenkstätte Billmuthausen pflegt die Überreste der Dorfanlage. Er hat 1992 auf dem Friedhof einen Gedenkstein aufgestellt (Entwurf: Martin Hänisch, Steinmetz: Kurt Speer), 2004 eine Gedenkkapelle gebaut und ein Mahnkreuz errichtet. Der alte Transformatorenturm wurde rekonstruiert und der Dorfbrunnen wiedererrichtet.

Ein nahebei auf dem Finkenberg erhalten gebliebener Grenzwachturm ist dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) überlassen worden, der ihn als Fledermausquartier unter dem Namen Artenschutz-, Forschungs- und Fledermauszentrum Billmuthausen einrichtete. Zur Erinnerung an die Billmuthäuser Mühle ließ der Förderverein der Gedenkstätte im September 2005 einen drei Tonnen schweren Mühlstein aufstellen. Außerdem ist die Gedenkstätte durch drei neue Informationstafeln erweitert worden.

Die Inschrift auf dem Gedenkstein lautet:

„Hier stand von 1340 bis 1978 das Dorf Billmuthausen. 1978 zerstört, die Einwohner vertrieben.“

Im Jahr 2013 ist es zu Vandalismus-Anschlägen auf die Gedenkstätte gekommen.[4]

Der Förderverein Billmuthausen (Vorsitzender: Rüdiger Stengel, Coburg) ließ die Glocken reparieren. Sie sollen bei bestimmten Anlässen wieder in Billmuthausen läuten. Die Glockenweihe war am 31. Mai 2014 geplant.[5]

Glockenweihe 2014[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 31. Mai 2014 erklangen die für 50 Jahre verstummten beiden Glocken der Billmuthäuser Kirche wieder. Während eines feierlichen ökumenischen Open-Air-Gottesdienstes mit über 150 Teilnehmern in der Gedenkstätte Billmuthausen fand die Glockenweihe statt.[6] Die beiden Bronze-Glocken Glaube und Hoffnung werden ständig im Otto-Ludwig-Museum Eisfeld aufbewahrt, zu derartigen Anlässen nach Billmuthausen gebracht und auf transportablen Glockenstühlen geläutet.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Irmhild Tschischka: In der Chronik der Bad Rodacher Stadtteile geblättert; Ein Stück Bad Rodacher Stadtgeschichte. Schriften des Rückertkreis Bad Rodach e. V., Heft 29, Bad Rodach 2005, ISBN 978-3-943009-29-3, S. 1067
  2. Bettina Iduna Kieke: Billmuthausen – Wie ein Dorf verschwand; in NITRO, Berliner Journalisten, Heft 2/2011, S. 20–33
  3. Artikel über die Einführung der neuen Postleitzahlen von Maren Hellwege auf kalenderblatt.de
  4. Randale in der Gedenkstätte Billmuthausen, Freies Wort vom 13. Juli 2013
  5. Glocken von Billmuthausen sollen wieder läuten, Freies Wort vom 13. November 2013
  6. Glaube und Hoffnung brechen ihr Schweigen, Freies Wort vom 2. Juni 2014

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Anna Kaminsky (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, erarbeitet von Ruth Gleinig; im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, dritte, überarbeitete und erweiterte Auflage, Berlin : Ch. Links Verlag 2016, ISBN 978-3-86153-862-2
  • Norbert Klaus Fuchs: Das Heldburger Land – ein historischer Reiseführer, Verlag Rockstuhl, Bad Langensalza 2013, ISBN 978-3-86777-349-2.
  • Norbert Klaus Fuchs: Billmuthausen – Das verurteilte Dorf. Greifenverlag zu Rudolstadt & Berlin, 2009, ISBN 978-3-86939-004-8.
  • Daniel Zuber (Hrsg. Förderverein Billmuthausen e. V.): Billmuthausen, Leitenhausen, Erlebach – die geschleiften Dörfer im Heldburger Unterland, 2009, OCLC 862829040.
  • Thüringer Institut für Lehrerfortbildung (Hrsg.): Der totgeschwiegene Terror. Zwangsaussiedlung in der DDR, Bad Berka. DNB 96998054X, ISBN 978-3-934761-50-6, ISBN 3-934761-50-X.
  • Elmar Weidenhaun; Dieter Ludloff: Gedenkstätte Billmuthausen – ein geschleiftes Dorf, hrsg. vom Förderverein Gedenkstätte Billmuthausen e. V., Verlag Frankenschwelle, Hildburghausen 2002, ISBN 3-86180-137-X.
  • Heinz Voigt: Untaten bis zu letzt verschleiert – 1978 fiel das letzte Haus in Billmuthausen. In: „Gerbergasse 18, Thüringer Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte und Politik“, Hrsg.: Geschichtswerkstatt Jena e. V. in Zusammenarbeit mit dem Landesbeauftragten Thüringen für die Stasi-Unterlagen : Forum für Geschichte und Kultur, Heft 25 – Ausgabe II, Jena 2002, ISSN 1431-1607, DNB 018375545, OCLC 643902458, OCLC 313714127
  • Heinz Voigt: Ein Thüringer Dorf, zum Tode verurteilt – 1978 mussten die letzten Bewohner Billmuthausen verlassen. In: „Gerbergasse 18, Thüringer Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte und Politik“, Hrsg.: Geschichtswerkstatt Jena e. V. in Zusammenarbeit mit dem Landesbeauftragten Thüringen für die Stasi-Unterlagen : Forum für Geschichte und Kultur, Heft 5 – Ausgabe II, Jena 1997, ISSN 1431-1607, DNB 018375545, OCLC 643902458, OCLC 313714127
  • Max-Rainer Uhrig: Das Heldburger Land. In: „Frankenland, Zeitschrift für fränkische Landeskunde und Kulturpflege“, Heft 6, Würzburg, Juni 1990. Online erreichbar auf der Website der Universitätsbibliothek Würzburg unter:[1]
  • P. Lehfeld: Bau- und Kunstdenkmäler Thüringens, Heft XXXI, Herzogthum Sachsen-Meiningen, Amtsgerichtsbezirke Heldburg und Römhild, 1904, Reprint, Verlag Rockstuhl, Bad Langensalza, ISBN 978-3-86777-378-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Billmuthausen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 50° 17′ N, 10° 48′ O