Biphobie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Pride-Flagge für Bisexuelle

Biphobie bezeichnet eine Aversion gegen Bisexualität und bisexuelle Menschen als eine soziale Gruppe oder Individuen. Sie kann sich zum Beispiel dadurch zeigen, dass man leugnet, dass Bisexualität eine wirklich existierende Form der sexuellen Orientierung ist. Biphobie kann auch bedeuten, dass jemand Vorurteile gegenüber Bisexuellen hat (etwa dass diese promiskuitiv und untreu seien). Menschen jeglicher sexueller Orientierung können Biphobie erfahren oder sie selber verbreiten.

Etymologie und Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Biphobie ist ein Kofferwort in Anlehnung an das Wort Homophobie. Es leitet sich vom lateinischstämmigen Präfix bi- („zwei“) und dem Wort „Phobie“ ab (altgriechisch φόβος phóbos, deutsch ‚Angst‘). Neben den Begriffen Transphobie und Homophobie gehört es zu der Familie von Begriffen, die benutzt werden, um Intoleranz und Diskriminierung der LGBT-Community zu beschreiben;[1] es handelt sich nicht um eine Phobie im klinischen Sinne. Sie ähnelt eher der Xenophobie.

Arten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verleugnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Biphobie kann zum Beispiel bedeuten, dass Menschen behaupten, Bisexualität sei keine reelle Form sexueller Orientierung. Das kann unter anderem implizieren, dass Personen, die sich als bisexuell bezeichnen, nicht wirklich bisexuell seien. Ebenfalls zur Biphobie zählen Behauptungen, dass Bisexualität viel seltener auftrete, als es den Anschein hat. Diese Auffassung kann etwa einer heterosexistischen Sichtweise entstammen, der zufolge Heterosexualität die einzige natürlich vorkommende sexuelle Orientierung sei. Damit wird alles, was von der Heterosexualität abweicht, als psychologische Störung oder als Beispiel für antisoziales Verhalten gesehen. In dieser Hinsicht ähnelt die Biphobie der Homophobie.

Eine andere Form der Leugnung hat ihre Wurzeln in einer binären Sichtweise der Sexualität: Es wird angenommen, dass Menschen monosexuell seien, also entweder rein homosexuell (lesbisch/schwul) oder rein heterosexuell. In den 1980er-Jahren nahm die Sexualforschung noch an, dass nur Homosexualität und Heterosexualität legitime Arten der sexuellen Orientierung seien; Bisexualität wurde als sekundäre Homosexualität abgetan. Unter diesem Modell wurde angenommen, dass Bisexuelle verkappte Lesben/Schwule seien, die heterosexuell zu wirken versuchten,[2] oder dass es sich um Personen aus einer der beiden Formen sexueller Orientierung handele, die lediglich außerhalb ihrer „normalen“ Form experimentierten.[3][4][5] Maximen wie „Leute sind entweder homosexuell, heterosexuell oder lügen“ zeigen diese dichotome Sichtweise der sexuellen Orientierung.

Eine andere Form der Biphobie verneint zwar nicht die Existenz von Bisexualität, fasst sie aber als gleichwertige Hingezogenheit zu Männern und Frauen auf.[6] Damit werden bisexuelle Menschen, die sich unterschiedlich stark zu Männern oder Frauen hingezogen fühlen, entweder als heterosexuell oder als homosexuell klassifiziert. Es kommt vor, dass Bisexualität für Frauen akzeptiert wird, die Existenz bisexueller Männer aber verneint wird.[7]

Eine wiederum andere Form der Biphobie hält Bisexualität nur für einen sozialen Trend und keine intrinsische Eigenschaft von Personen.[8] Dabei wird Sex mit dem gleichen Geschlecht nur als Ersatz für „normalen“ Sex gesehen oder als eine einfacher zu erreichende Form der sexuellen Befriedigung. Gelegenheitshomosexualität in nach Geschlechtern getrennten Umgebungen (Beispielsweise in Gefängnissen) wird als Beispiel für diese Form genannt.

Nicht nur heterosexuelle, sondern auch homosexuelle Menschen verbreiten Biphobie. Bei Letzteren steht das im Zusammenhang damit, dass Bisexuelle weniger Stigmatisierung erführen, da sie immer noch soziale Erwartungen wie Heirat und Familiengründung erfüllen können. Damit werden sie als „nicht genug für eine der beiden Gruppen“ oder „nicht wirklich der Lesben- und Schwulen-Community zugehörig“ gesehen.[9] Eine Studie, die in Australien von Roffee und Wailing 2016 durchgeführt wurde, ergab, dass Bisexuelle Aggressionen, Mobbing und anti-soziales Verhalten von Seiten der Lesben- und Schwulencommunity erfahren.[10]

Das Auftreten von Bisexualität wurde im Laufe der Geschichte und von Gelehrten häufig unter den Teppich gekehrt, umerklärt oder anderweitig relativiert. Bisweilen wurde die Existenz von Bisexualität sogar komplett geleugnet.[11][12] Dieses Phänomen wird als bisexual erasure (englisch; „bisexuelle Verdrängung“, wörtlich „bisexuelle Löschung“ oder „Bisexuellenlöschung“) bezeichnet.[13][14]

Homophobie-Vorwürfe gegen bisexuelle Männer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einige bisexuelle Männer meinen, dass sie ihre Bisexualität gegenüber schwulen Männern verheimlichen müssten, um von ihnen als Partner oder Mitglied der Community akzeptiert zu werden. Einige sehen dieser Zustand als noch schwieriger an als den Umgang mit Heteronormativität. Ähnliche Probleme haben auch schwule Männer, die keinen Analsex mögen, was von manchen schwulen Männern als homophob angesehen wird.[15][16]

Vorurteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Menschen, die Bisexualität nicht als legitime Orientierung annehmen, sehen Bisexuelle als „verwirrt, unentschlossen, unsicher, experimentierend oder in einer Übergangsphase befindlich“.[17] Sie verbinden Bisexualität oft mit Promiskuität und nehmen Bisexuelle als sozial oder psychisch instabile Personen wahr, für die eine monogame Beziehung einfach nicht genug ist.[18] Dadurch werden Bisexuelle sozial stigmatisiert und ihnen vorgeworfen, dass sie ihre Partner betrügen wollen, ein Doppelleben führen und durch ihre Promiskuität sexuell übertragbare Krankheiten verbreiten. Ihr Verhalten wird als „schlampig“ und „nymphomanisch“ beschrieben. Sie werden häufig mit Polyamorie, Swingern und Polygamie assoziiert.[19] Diese Vorurteile sind unangebracht, da Bisexuelle genauso zu monogamen Beziehungen fähig sind wie Homo- oder Heterosexuelle.[20]

Auswirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Auswirkungen von Biphobie auf bisexuelle Menschen können psychische und gesundheitliche Folgen sein. Studien zeigten, dass Bisexuelle sich oft zwischen Heterosexualität und Homosexualität zerrissen fühlen und infolgedessen ihre Sexualität verleugnen. Eine Auswirkung dessen sind geringes Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein. Das Gefühl, von keiner der beiden Seiten voll akzeptiert zu werden, führt häufiger zu Depressionen.[21]

Eine Studie zu Gefährdungsgruppen für die Übertragung von HIV zeigt, dass bisexuelle Frauen häufiger riskante Verhaltensweisen zeigen, die zur Übertragung führen können. Dies wird damit erklärt, dass sie wegen der Stigmatisierung Angst haben, mit Gesundheitsexperten über ihre Sexualität zu sprechen.[22][23]

Bisexuelle Personen erfahren andere Formen von Diskriminierung als Schwule oder Lesben, zum Beispiel:

  • Bisexuelle haben seltener Erfolg bei der Beantragung eines Flüchtlingsstatus in Kanada oder Australien;[24]
  • Sie sind stärker von häuslicher Gewalt betroffen;[25]
  • bisexuelle Jugendliche zeigen riskanteres Verhalten;[26]
  • Bisexuelle, die berichten, dass sie mit beiden Geschlechtern in aktiven Beziehungen sind, weisen eine höhere Wahrscheinlichkeit auf, an Angst- oder Gemütsstörungen zu leiden;[27]
  • die Armutsraten unter Bisexuellen sind höher als unter Hetero- oder Homosexuellen;[28]
  • sie neigen dazu, sich eher nicht zu outen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. M. J. Eliason: The prevalence and nature of biphobia in heterosexual undergraduate students. In: Archives of Sexual Behavior. 26, Nr. 3, 1997, S. 317–26. doi:10.1023/A:1024527032040. PMID 9146816.
  2. Michael Musto, April 7, 2009. Ever Meet a Real Bisexual? (Memento des Originals vom 13. April 2010 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/blogs.villagevoice.com In: The Village Voice
  3. Kenji Yoshino: The Epistemic Contract of Bisexual Erasure. In: Stanford Law School (Hrsg.): Stanford Law Review. 52, Nr. 2, January 2000, S. 353–461. doi:10.2307/1229482.
  4. Why Do Lesbians Hate Bisexuals? In: lesbilicious.co.uk. 11. April 2008, abgerufen am 26. März 2011.
  5. Jessica Geen: Bisexual workers 'excluded by lesbian and gay colleagues'. 28. Oktober 2009, abgerufen am 26. März 2011.
  6. Dworkin, SH: Treating the bisexual client. In: Journal of Clinical Psychology. 57, Nr. 5, 2001, S. 671–680. doi:10.1002/jclp.1036. PMID 11304706.
  7. Do Bisexual Men Really Exist? (en). Abgerufen am 12. Februar 2017. (englisch) Abgerufen am 12. Februar 2017.
  8. Lani Ka'ahumanu, Rob Yaeger: Biphobia. In: UC San Diego. Abgerufen am 22. September 2016.
  9. Breanne Fahs: Compulsory Bisexuality?: The Challenges of Modern Sexual Fluidity. In: Journal of Bisexuality. 9, Nr. 3–4, 13. November 2009, ISSN 1529-9716, S. 431–449. doi:10.1080/15299710903316661.
  10. James A. Roffee, Andrea Waling: Rethinking microaggressions and anti-social behaviour against LGBTIQ+ youth. In: Safer Communities. 15, Nr. 4, 10. Oktober 2016, S. 190–201. doi:10.1108/SC-02-2016-0004.
  11. Loraine Hutchins: Sexual Prejudice: The erasure of bisexuals in academia and the media Archiviert vom Original am 16. Dezember 2007. In: National Sexuality Resource Center (Hrsg.): American Sexuality magazine. 3, Nr. 4, 2005.
  12. Loraine Hutchins: Sexual Prejudice – The erasure of bisexuals in academia and the media. In: American Sexuality Magazine. National Sexuality Resource Center, San Francisco State University. Archiviert vom Original am 16. Dezember 2007. Abgerufen am 19. Juli 2007.
  13. Word Of The Gay: BisexualErasure. In: Queers United, 16. Mai 2008
  14. Ron Suresha: The B Word. Options RI November 2004
  15. Ron Jackson Suresha, Pete Chvany: Bi Men: Coming Out Every Which Way, 2013
  16. Gerald P. Mallon: Social Work Practice with Lesbian, Gay, Bisexual, and Transgender People. 2017
  17. "It’s Just A Phase" Is Just A Phrase. In: The Bisexual Index
  18. "Bisexuals and the Slut Myth". (PDF) 9. International Conference on Bisexuality
  19. GLAAD: Cultural Interest Media
  20. Are Bisexuals Really Less Monogamous Than Everyone Else? Abgerufen am 12. Februar 2017 (englisch). Abgerufen am 12. Februar 2017.
  21. Brian Dodge, Phillip W. Schnarrs, Michael Reece, Omar Martinez, Gabriel Goncalves, David Malebranche, Barbara Van Der Pol, Ryan Nix, J. Dennis Fortenberry: Individual and Social Factors Related to Mental Health Concerns Among Bisexual Men in the Midwestern United States. In: Journal of Bisexuality. Band 12, Nr. 2, April 2012, ISSN 1529-9716, S. 223–245, doi:10.1080/15299716.2012.674862, PMID 22745591, PMC 3383005 (freier Volltext).
  22. V. Gonzales, K. M. Washienko, M. R. Krone, L. I. Chapman, E. M. Arredondo: Sexual and drug-use risk factors for HIV and STDs: a comparison of women with and without bisexual experiences. In: American Journal of Public Health. Band 89, Nr. 12, 1. Dezember 1999, ISSN 0090-0036, S. 1841–1846, doi:10.2105/ajph.89.12.1841, PMID 10589313, PMC 1509027 (freier Volltext) – (ajph.aphapublications.org [PDF]).
  23. Harvey J Makadon MD, Kevin L Ard MD, MPH: Improving the Health Care of Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender People: Understanding and Eliminating Health Disparities. (PDF) In: U.S. Department of Health and Human Services (Hrsg.): Fenway Institute. 9. Juli 2012.
  24. Sean Rehaag: Bisexuals need not apply: a comparative appraisal of refugee law and policy in Canada, the United States, and Australia In: The International Journal of Human Rights, 13, 2010, S. 2–3, 415–436, doi:10.1080/13642980902758226
  25. Mikel L. Walters, Jieru Chen, Matthew J. Breiding: The National Intimate Partner and Sexual Violence Survey: 2010 Findings on Victimization by Sexual Orientation. (PDF) National Center for Injury Prevention and Control, Centers for Disease Control and Prevention, Atlanta GA Januar 2013.
  26. Laura Kann et al.: Sexual Identity, Sex of Sexual Contacts, and Health-Risk Behaviors among Students in Grades 9-12: Youth Risk Behavior Surveillance, Selected Sites, United States, 2001. (PDF) 2011. 2009. (PDF) Morbidity and Mortality Weekly Report Early Release 60, S. 1–133.
  27. Wendy B. Bostwick et al.: Dimensions of Sexual Orientation and the Prevalence of Mood and Anxiety Disorders in the United States. In: American Journal of Public Health. 100, Nr. 3, 2010, S. 468–475, doi:10.2105/AJPH.2008.152942, PMC 2820045 (freier Volltext).
  28. A Survey of LGBT Americans: The LGBT Population and Its Sub-Groups. (PDF) Pew Research Center, 13. Juni 2013.