Blutegelbehandlung

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Am Fingergrundgelenk angesetzter Blutegel
Bisswunde eines (mittelgroßen) Medizinischen Blutegels an einem menschlichen Finger – mehrere Stunden nach dem Biss

Bei der Blutegelbehandlung werden Blutegel (meist Hirudo officinalis oder Hirudo medicinalis) an geeigneter Stelle angelegt, so dass sie einen kleinen Aderlass von ca. acht bis zehn Milliliter Blut herbeiführen. Durch die im Speichel (Saliva) der Egel u. a. enthaltenen gerinnungshemmenden Substanzen (Hirudin u. a.) kommt es zu Nachblutungen, die in seltenen Fällen bis zu 24 Stunden anhalten können.

In der evidenzbasierten Medizin wird die Blutegeltherapie heute fast ausschließlich auf dem Gebiet der Plastischen Chirurgie angewandt. Vor allem bei Transplantationen von Ohren, Fingern, Zehen oder bei Hautverpflanzungen werden Blutegel eingesetzt, um mit Hilfe der Wirkstoffe im Egelspeichel die Wundheilung zu verbessern. Durch die gerinnungshemmende und gefäßerweiternde beziehungsweise entkrampfende Wirkung des Hirudins kann der venöse Abfluss angestauten Blutes angeregt beziehungsweise überhaupt erst ermöglicht werden, so dass die Reimplantate nicht abgestoßen werden oder absterben.

Geschichtlicher Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Blutegeltherapie gehört zu den ältesten Heilmethoden in der überlieferten Medizingeschichte. Erste Überlieferungen der Blutegeltherapie stammen aus Mesopotamien (3.300 v. Chr.).[1] Erste eindeutige Schilderungen der Blutegeltherapie stammen jedoch aus der indischen Medizin. Die mythische Gestalt Dhavantari, der Arzt, der der Welt die traditionelle indische Medizin offenbarte, trug in der einen Hand Nektar, in der anderen hält er einen Blutegel. Die umfangreichste Darstellung dieser Therapie findet sich bei Sushruta (100–600 v. Chr.). Auch die traditionelle chinesische Medizin (TCM) verwendet die Blutegeltherapie, doch spielte sie dort immer eher eine untergeordnete Rolle. In Europa war die Blutegeltherapie seit der Antike (Nicandros von Kolophon 200–130 v. Chr; Galen 129–199 n Chr.) bis ins 19. Jh. hinein ein unverzichtbarer Bestandteil der ärztlichen Therapie, aber auch immer Bestandteil der Volksmedizin.[2][3]

Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Auffassung der Naturheilkunde beruht die Wirkung der Blutegelbehandlung auf mehreren Faktoren: dem Bissreiz, den im Speichel der Egel enthaltenen Substanzen, die durch den Biss abgegeben werden, der Bakterienflora der Egel und dem stattfindenden Aderlass.

Wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit liegen bislang kaum vor. Auf den Seiten der Karl und Veronica Carstens-Stiftung findet sich eine Studie über die Wirksamkeit der Blutegelbehandlung bei Kniegelenksarthrose. Diese lässt den Schluß zu, dass die Blutegeltherapie eine Wirkung bei Gelenkarthrose hat. Allerdings weisen die Autoren auf die fehlende Aussagekraft dieser Studie hin, unter anderem wegen des Fehlens einer Kontrollgruppe, einer begleitende Behandlung während der Studie und der kurzen Studiendauer von sieben Tagen.[4] In einer weiteren kleinen Studie im Rahmen einer Doktorarbeit (2009) „erscheint die Blutgeltherapie damit als mögliche erweiterte Option für die symptomatische Therapie der fortgeschrittenen Rhizarthrose“. Allerdings wird auch hier in der Diskussion auf die fehlende Aussagekraft der Studie hingewiesen. Unter anderem mit Hinweisen auf Placeboeffekt, die Wahl der Kontrolltherapie und fehlende Evaluation eines Langzeiteffektes.[5]

Nebenwirkungen und Risiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rund um die Bissstelle kann es zu Blutergüssen kommen, die nach einigen Tagen abklingen. In der Regel kommt es zu einer leichten Schwellung der Stellen, verbunden mit oft starkem Juckreiz. Durch Kratzen kann eine Wundinfektion ausgelöst werden. Nach der Behandlung kann es zum Absinken des Blutdrucks und zu einer Kreislaufschwäche kommen. Die Bissstellen verheilen im Normalfall innerhalb einiger Wochen, in seltenen Fällen bleiben jedoch kleine Narben zurück.

Da das von den Egeln aufgenommene Blut lange im Körper des Tieres flüssig bleibt und nur langsam durch Peptidasen abgebaut wird, kann der Blutegel viele Erreger beherbergen. Es wurden Protozoen (Toxoplasmose, Trypanosomen, Plasmodien) sowie Bakterien (Streptokokken, Clostridien, Aeromonas) nachgewiesen. Experimentell konnte auch eine Übertragung von HIV nachgewiesen werden. In der Praxis ist jedoch noch immer strittig, inwieweit tatsächlich eine Übertragung stattfinden kann. Um das Risiko einer Übertragung von Patient auf Patient zu vermeiden, sollen die Blutegel unter kontrollierten Bedingungen gezüchtet und jeder Blutegel nur einmal zur Behandlung eingesetzt werden.[6] Nach dem medizinischen Einsatz werden die Egel entweder getötet oder in sogenannten Rentnerteichen untergebracht.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dieter Melchart u. a.: Naturheilverfahren. Schattauer, 2002, ISBN 3-7945-2615-5.
  2. Andreas Michalsen, Manfred Roth: Blutegeltherapie. 3. Auflage. Karl F. Haug Verlag, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-8304-7527-9.
  3. Paul van Dijk: Volksgeneeskunst in Nederland en Vlaanderen (De volksgeneeskundige recepten zijn mede bewerkt door Hanneke Winterwerp). (1981) 2. Aufl. Deventer 1982, S. 55.
  4. Blutegeltherapie. auf der Webseite der Carstens-Stiftung
  5. Özgür Cesur: Randomisierte kontrollierte Studie zur Wirksamkeit der Blutegeltherapie bei symptomatischer Rhizarthrose. Universität Duisburg-Essen, 2009. (PDF-Datei; 560 kB)
  6. Nichtmedikamentöse und alternative Therapien: Blutegel. auf: aok.de
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