Boys’Day

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Der Boys’Day ist ein Aktionstag, an dem Jungen Berufe kennenlernen können, in denen überwiegend Frauen arbeiten. Der Boys’ Day kann als Ergänzung und Reaktion zum länger bestehenden Girls’Day gesehen werden. Zweck beider Aktionstage ist die Gleichbehandlung von Schülerinnen und Schülern und die Vermeidung von Benachteiligungen. Jungen und Mädchen sollen gleiche Rechte hinsichtlich der Berufsorientierung erhalten. Der Boys’ Day folgt denselben Regeln wie der Girls’Day. Jungen können einen Tag lang einen Beruf kennenlernen, in dem bisher wenige Männer arbeiten (Mädchen einen Beruf, in dem es wenig Frauen gibt). Sie sollen motiviert werden, das Rollenverhalten in der Berufswahl zu hinterfragen. Neben einem Praxistag in Einrichtungen und Unternehmen können die Jungen am Boys’ Day auch Workshops zu den Themen Berufs- und Lebensplanung, Rollenbilder und Sozialkompetenzen besuchen.

Anders als der Girls’Day ist der Boys’Day zunächst eine Bewegung „von unten“. Da, wo Verantwortliche den Mangel an berufskundlichen Angeboten für Jungen beseitigen wollten, organisierten sie kurzerhand in Eigeninitiative einen Boys’ Day. Es gab dazu bis 2007 kein gefördertes Gesamtprojekt.

Verschiedene Einrichtungen, insbesondere Kindertagesstätten, Grundschulen und Altenheime, ermöglichen Jungen am Boys’ Day einen Schnupperpraktikumstag. Auch im Sozialwesen, bei den Heil- und Pflegeberufen sowie in der Pädagogik finden sich Berufe, in denen Männer unterrepräsentiert sind. Unter den Boys’Day-Aktiven gilt als Faustregel, dass Berufe, in denen maximal 40 Prozent der Beschäftigten männlich sind, Boys'Day-Berufe sind.[1] Hierzu zählt beispielsweise der Beruf des pharmazeutisch-technischen Assistenten.

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entstanden ist der Boys’ Day, da es bereits den Girls’Day gab. Ab 2002 setzten sich vielerorts einzelne Personen oder Arbeitsgruppen kritisch damit auseinander, dass Jungen im Vergleich zu den Mädchen durch den Girls’Day ungleich behandelt wurden. Da, wo diese Ungleichbehandlung als Benachteiligung empfunden wurde, entstanden regionale Initiativen für einen Girls’Day und Boys’Day. Einige der Ersten, die sich um Mädchen und Jungen gleichermaßen kümmern wollten, waren Mitarbeiterinnen des Frauenbüros und der Wirtschaftsförderung im Landkreis Holzminden. Sie organisierten 2003 ihren ersten Girls’Day und Boys’Day als Kooperationsprojekt.[2]

Der erste eigenständig organisierte Boys’ Day fand am 8. Mai 2003 in Aachen statt.[3] Ausgangspunkt war im Frühjahr 2002 der Protest von Schülern des sechsten Jahrgangs einer Aachener Gesamtschule. Daraus entstand die Initiative Aachener Boys’ Day.[4]

2004 waren inzwischen unabhängig voneinander in verschiedenen Städten und Gemeinden weitere Aktivitäten entstanden, die für Jungen einen Berufsorientierungstag nach dem Vorbild des Girls’Day organisierten. Hierzu gehörten die Gemeinden Henstedt-Ulzburg in der Nähe von Hamburg, Bad Kissingen östlich von Frankfurt und Halle (Saale).[5]

Am 22. April 2004 wurde in Hamburg ein Boys’ Day unter dem Namen Was für Jungs! angeboten.[6]

Am 28. April 2005 startete offiziell das vom Bundesfamilienministerium initiierte und geförderte Vernetzungsprojekt Neue Wege für Jungs.[7] Für dieses Projekt hatte man sich bewusst gegen den Titel Boys’ Day entschieden, um nicht nur auf die Berufsorientierung von Jungen zu fokussieren, sondern darüber hinaus auch typisches Rollenverhalten zu hinterfragen und die Entwicklung sozialer Kompetenzen zu fördern; eine kontinuierliche Beschäftigung mit diesen Themen – statt die Konzentration von Aktivitäten auf nur einen Tag – war ebenfalls Grund für die Entscheidung des Titels. Ziel des Projektes war und ist die Vernetzung der regional aktiven Personen und Organisationen, die sich mit Jungenarbeit beschäftigen. Viele Initiativen, die sich mit dem Boys’ Day beschäftigten, schlossen sich dem Netzwerk an.

Erstmals am 2. Juni 2005 wurde in Aachen der Boys’ Day auch an einem eigenen Termin angeboten, um eine eigenständige öffentliche Aufmerksamkeit jenseits des Girls’Day zu erlangen. Zwei Hauptschulen beteiligten sich an dem „Akzeptanztest“. Seitdem gibt es in Aachen zwei Termine für den Boys’Day. Der eine orientiert sich am Girls’Day (in der Regel der vierte Donnerstag im April), der andere (für den eigenständigen Boys’Day) liegt seit 2007 auf dem letzten Donnerstag vor den Osterferien. Eine Aachener Schule hat sich konsequent für die zweite Lösung entschieden.

Der Berliner Bezirk Reinickendorf veranstaltete 2009 und 2010 Boys′Days - drei Tage in der Woche vor den Sommerferien. Spätestens seit 2008 ist ein deutlicher Trend zu erkennen, Jungen zum Boys’Day innerschulisch und außerschulisch Alternativen zu einem Schnupperpraktikumstag anzubieten. Hierzu gehören beispielsweise das Erlangen eines Haushaltspasses oder das Absolvieren eines Babysitterkurses.

Es ist zu beobachten, dass die regionalen Arbeitsgruppen öffentlicher Träger, die sich bisher nur um den Girls’Day gekümmert haben, im Zuge von Gender Mainstreaming die Organisation des Boys’Day parallel mit übernehmen müssen.

Am 14. April 2011 fand der erste bundesweite Boys’Day statt.

Name[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Boys’Day wurde in der ersten Zeit überwiegend belächelt. Trotz mehrfacher Versuche, ohne diesen Begriff auszukommen, hat er sich als logisches und sprachlich leicht verständliches Pendant zum Begriff Girls’Day durchgesetzt. Eine Gruppe von Jungen, die zum Thema Schnupperpraktikum für Jungs am Girls’Day eine Internetseite gestalten wollte, entschied sich ebenfalls für den Begriff „Boys’Day“, da er die Suche im Internet erleichtern würde.[8]

In der Schweiz wurde der Tochtertag, nachdem vermehrt auch Knaben an ihm teilgenommen hatten, 2010 in Nationaler Zukunftstag umbenannt.

Kritik am Boys’ Day[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Berlin, Rose-Marie Seggelke, begrüßte die Vorstöße zur Gleichberechtigung am Arbeitsplatz. Allerdings ist sie der Meinung, dass damit noch nicht alles getan sei. Es müsse auch andere Ansätze geben, wie beispielsweise eine Erhöhung der Gehälter in sozialen Berufen, um diese (auch für männliche Bewerber) interessanter zu machen.[9] Kritiker bemängeln, dass erst die genaue Benennung von „Frauen-“ und „Männerberufen“ einen Girls’Day und einen Boys’Day notwendig mache. Außerdem sei beispielsweise das Freiwillige Soziale Jahr, bzw. der Bundesfreiwilligendienst, viel besser geeignet, um Jungen einen tiefen Einblick in soziale Berufe zu geben als ein eintägiger, oberflächlicher Ausflug.[10] Die zentrale Frauenbeauftragte der Freien Universität Berlin bemängelt, dass das System des Girls’Day nicht einfach auf Jungen umgelegt werden kann:

„Das ärgert mich sehr. In den Medien kursiert die merkwürdige Vorstellung, dass Lehrerinnen und Erzieherinnen schuld daran seien, dass die schulischen Leistungen von Jungen im Schnitt schlechter sind. Das soll jetzt durch einen Boy’s Day korrigiert werden. Das scheint mir sehr abwegig. Wir haben das Problem für die Mädchen noch nicht gelöst. Jungs haben schlechtere Noten und bekommen weniger Lehrstellen. Das Problem will ich nicht wegreden. Aber wir haben keine soliden Analysen dazu. Als der Girls’Day konzipiert wurde, wussten wir sehr viel über Entscheidungsprozesse von Mädchen. Jetzt wissen wir gar nicht viel, machen aber einen Boy’s Day.[11]

Mechthild Koreuber - Zentrale Frauenbeauftragte der Freien Universität Berlin

Immer noch befindet sich der Boys’ Day aber im Spannungsfeld gesellschaftlicher Veränderungen und löst damit auf unterschiedlichen Ebenen viele Diskussionen aus. Während die einen befürchten, dass der Boys’ Day eine unerwünschte Konkurrenz zum Girls’Day sein könnte, sprechen andere von einer notwendigen Ergänzung, um die Geschlechterdiskussion überhaupt kompetent führen zu können.

Kritisiert wird auch, dass „Neue Wege für Jungs“ bzw. der 2011 erstmals bundesweit veranstaltete Boys’ Day kein Bildungsprojekt ist. Die Aspekte, die im Vordergrund stehen, lauten „Berufsorientierung“, „Rollenbilder“ und „soziale Kompetenz“. Sinnvoll seien Angebote, bei denen Jungen Berufe kennenlernen, die einen geringen Männeranteil aufweisen und die von den meisten Jungen normalerweise nicht gewählt würden.[12] So wird auf der offiziellen Webseite ein Haushaltsparcours vorgestellt.[13] Die Jungen sollen „mit anderen Jungen entdecken, dass ‚Bügeln und Kochen‘ auch Spaß machen kann“.

„Bei Neue Wege für Jungs scheint zudem immer wieder der Versuch auf, Jungen dorthin zu schubsen, wo sie den Mädchen nicht im Weg stehen. Vergessen wird bei der ganzen Sache, dass es den Boys Day schon seit langer Zeit gibt, aber er ist wohl eher ein Boys’ Year. Ich spreche vom Zivildienst.“

Arne Hoffmann- Medienwissenschaftler, Journalist und Autor

Das Land Brandenburg bietet seit 2002 anstatt eines getrennten Zukunftages für Jungen und Mädchen den gemeinsamen „Zukunftstag für Mädchen und Jungen“ an. An diesem Projekttag können alle Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen sechs bis neun chancenreiche Berufe kennenlernen, die sie sich bisher für sich selbst vielleicht noch nicht vorstellen konnten. Ziel ist es im Besonderen, „jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, einen Beruf zu wählen, der nicht von ihrem Geschlecht, sondern von ihren Fähigkeiten und Interessen bestimmt wird.“[14] Schüler dürfen allgemein am Boy´s Day nur solange wie ihr Schultag lang ist arbeiten.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. siehe http://www.boys-day.de/Ueber_den_Boys_Day/Boys_Day-Berufe, angelehnt an die BIBB-Datenreports: "Überwiegend weibliche besetzte Berufe (60–80% weibliche Auszubildende)" und "Weiblich dominierte Berufe (80–100% weibliche Auszubildende)" in http://datenreport.bibb.de/
  2. Girls’ & Boys’ Day - Holzminden (PDF; 1,0 MB).
  3. Klieser: In Aachen übten sich Jungs in Frauenberufen: Stefan war Kindergärtner. In: Workshop, 19. Januar 2004, S. 7, erschienen in den Aachener Nachrichten am 9. Juni 2004. (PDF; 2,7 MB)
  4. Aachener Boys’ Day
  5. Ippich, Köhl: Zur Entwicklung des Boys’ Day in Deutschland – Zahlen, Fakten, Initiativen. In: Workshop 16./17. September 2004 „Jungen machen mit“, S. 3 ff. (PDF; 1,5 MB)
  6. Was für Jungs! – Hamburg
  7. Start des Vernetzungsprojektes „Neue Wege für Jungs“
  8. Boys Day – Berufe und Arbeitsplätze
  9. http://www.tagesspiegel.de/berlin/stadtleben/ganz-klar-maennersache/1175482.html/
  10. http://blog.politik.de/gender-themen/erster-boys-day-anvisiert/4459/
  11. http://www.vorwaerts.de/artikel/wir-haben-das-problem-fuer-die-maedchen-noch-nicht-geloest
  12. http://www.neue-wege-fuer-jungs.de/Neue-Wege-fuer-Jungs/Jungenangebote-So-geht-s/Neue-Berufe-kennen-lernen
  13. http://www.neue-wege-fuer-jungs.de/Neue-Wege-fuer-Jungs/Jungenangebote-nicht-nur-am-Boys-Day/Neue-Berufe-kennen-lernen/Praktische-Tipps-Erfolgreiche-Schnuppertage-Praktika-und-Betriebsbesichtigungen
  14. Zukunftstag 2011 für Mädchen und Jungen in Brandenburg