Rathaus (Breslau)

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Breslauer Rathaus

Das Breslauer Rathaus ist ein Wahrzeichen der Stadt Breslau. Es steht an der südöstlichen Ecke des Großen Rings.

Geschichte[Bearbeiten]

Entstehung des Rathauses[Bearbeiten]

Lithographie des Rathaus aus dem Jahr 1839
Das Rathaus um 1860

Das heutige Erscheinungsbild des Breslauer Rathaus entstand in einem Zeitabschnitt von ca. 250 Jahren, zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert. Es entstanden mehrere Erweiterungen und Umbauten, die den Bedürfnissen des jeweiligen Zeitraumes nachgingen. Die erste urkundliche Erwähnung des Rathaus stammt aus einer Mietrechnung für das Gebäude aus dem Jahr 1299. Dieser erste Bau wird als Consistorium (lat. Aufstellungsort) in historischen Quellen bezeichnet. Das freistehende Konsistorium bestand aus einem Erdgeschoss, einem Keller und einer Halle mit einem Dach abgedeckt mit dem Westturm nebenan. Diese Räumlichkeiten bilden somit den ältesten Abschnitt des Rathauses. Zu dieser Zeit wurde das Gebäude jedoch nicht als Verwaltungsgebäude genutzt, sondern vorwiegend vom Handel genutzt. [1]

Zwischen 1328 und 1333 wurde das Gebäude erweitert. Es erhielt ein zweites Geschoss, worin sich die Räumlichkeiten für den Stadtrat befanden. Ein Gerichtssaal wurde zwischen 1343 und 1357 im Erdgeschoss hinzu gebaut. Weiterhin wurde der Westturm aufgestockt und erweitert. Dadurch etablierte sich das Gebäude als wichtige Instanz im Gerichts- und Verwaltungswesen der Stadt.

Der größte Umbau des Gebäude entstand zwischen 1470 und 1480. Das Gebäude wurde um fast das Doppelte vergrößert und erhielt eine im spätgotischen Stil gestaltete Außenfassade. Weiterhin wurden reich verzierte Böden verlegt, neue Erker angebaut und der Nord- und Westtrakt mit neuen verzierten Giebeln ausgestattet. 1510 wurde der Große Saal im Inneren neu verputzt und mit dekorativen Malereien verziert. Des Weiteren wurde eine neue größere Schatzkammer gebaut. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden am Gebäude selbst kaum noch Veränderungen vorgenommen.

Seit dem 19. Jahrhundert[Bearbeiten]

Rückseite mit dem Rathausturm um 1900
Beschädigte Rathaus 1945
Eingang zum Schweidnitzer Keller an der Südfront des Rathauses

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entsprach das Gebäude nicht mehr den Anforderungen einer modernen Verwaltung. Das in die Jahre gekommene Gebäude wurde zu klein. Damit Platz für umfangreiche Umbauarbeiten geschaffen werden konnten, zog zunächst das Gericht in ein separates Gebäude um. Daraufhin wurde das Ratsgebäude ab 1808 aufwendig saniert und modernisiert. Es erhielt neue Verzierungen an der Außenfassade im Stil der Gotik. In den Jahren 1860 bis 1863 wurde neben dem vorhandenen Rathaus auf dem Grundstück des Leinwandhauses mit dem Neuen Rathaus eine neugotische Erweiterung nach den Entwürfen von Friedrich August Stüler gebaut. Das Neue Ratsgebäude beherbergt Repräsentationsräume des Oberbürgermeisters und Tagungsräume des Stadtrates. Nach Eröffnung des neuen Hauses wurde das historische Rathaus 1865 von Carl Johann Bogislaw Lüdecke renoviert. Er ließ de nachträglich eingebauten Teilungswände entfernen und an der Nordseite ein neues Treppenhaus hinzugefügen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Rathaus umgebaut, weil es seine Verwaltungsfunktion schrittweise verloren hatte; es diente nun als Stadtmuseum. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Rathaus leicht beschädigt, wobei das Dach erhebliche Schäden davon tragen musste. In den Jahren 1949–1953 leitete Marcin Bukowski die Restaurierung des Gebäudes. Es gilt seither als ein Wahrzeichen der Stadt Breslau. Im historischen Bauwerk befindet sich das Museum der bürgerlichen Kunst (poln. Muzeum Sztuki Mieszczańskiej). In den Kellerräumen gbit es noch immer die seit mehr als 700 Jahren (von ca. 1275) existierende Bierwirtschaft Schweidnitzer Keller.

Architektur[Bearbeiten]

Astronomische Uhr an der Ostfassade aus dem Jahr 1580
Ratsschreiber von Oskar Rassau (Modell: Gustav Dickhuth), 1892

Äußeres[Bearbeiten]

Das Breslauer Rathaus zählt heutzutage zu den prachtvollsten Gebäude im gotischen Stil in Polen und Europa.

Die reichverzierte Ostfassade mit einer astronomischen Uhr aus dem Jahr 1580 wird in zahlreichen Publikationen über die Stadt abgebildet. Ihr Maßwerk und ihre Fialen entstammen der Zeit um das Jahr 1500. Der Erker an der südöstlichen Ecke wurde in den Jahren 1476–1488 von Briccius Gauske aus Görlitz geschaffen. Die Südfassade mit mehreren Erkern entstammt der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Ihre Skulpturen stellen Szenen aus dem städtischen Leben des Mittelalters dar. Der in den westlichen Teil des Gebäudes integrierte Rathausturm im Stil der Renaissance wurde in den Jahren 1588–1595 gebaut. Er ist 66 m hoch.[2] In den Jahren 1898 bis 1892 wurden Figuren angebracht durch den Bildhauer Oskar Rassau, unter anderem an der Südfront den Ratsschreiber, zu dem Gustav Dickhuth, Ehrenbürger von Breslau, Modell stand.

Innenräume[Bearbeiten]

Bürgerhalle[Bearbeiten]

Die Bürgerhalle bildet den größten Raum im Erdgeschoss des Rathauses. Dieser wurde ursprünglich als Versammlungsort für die Bürgerschaft genutzt. Nachdem das Rathaus im 14. Jahrhundert erweitert wurde, erhielt diese einen neuen Raum. Die Bürgerhalle wurde nunmehr als Geschäfts- und Festraum genutzt. Der zweischiffige Raum ist mit Arkadenbögen auf Pfeilern gesäumt. Das Kreuz- und Ringgewölbe stammt aus dem Jahr 1616.

Fürstensaal[Bearbeiten]

Der Fürstensaal entstand zwischen 1343 und 1347. Zwischen 1450 und 1460 wurde das Kreuzgewölbe an der Decke angebracht. Der Raum wurde ursprünglich von den schlesischen Ständen genutzt, daher der Name Fürstensaal. Am 7. November 1741 huldigten die schlesischen Stände hier dem preußischen König Friedrich dem Großen.

Gerichtssaal[Bearbeiten]

Der Gerichtssaal schließt direkt an die Bürgerhalle an. Er entstand bei der Erweiterung des Rathauses im 14. Jahrhundert. 1456 wurde die noch heute bestehende Balkendecke, getragen von einem Pfeiler mit Sterngewölbe errichtet.

Ratsstube[Bearbeiten]

Die Ratsstube bildet das alte Zentrum der Macht in Breslau. Hier trafen sich in sechs Jahrhunderten die obersten Würdenträger der Stadt. Die Ratsstube wurde zwischen 1328 und 1333 errichtet und erhielt in der Mitte des 14. Jahrhunderts sein gotisches Aussehen, darunter ein Kreuzgewölbe an der Decke. Die einstige reiche Inneneinrichtung, darunter ein großer Eichentisch sowie Gemälde von Michael Willmann, wurden während des Zweiten Weltkriegs ausgelagert und gelten heute als verschollen.

Über eine Treppe im Raum ist die Kapelle erreichbar, in der die Ratsherrn die Messe besuchten. An der Treppe sind noch heute Spuren des Aufstandes von 1418 zu sehen. Wütende Bürger erstürmten aus Zorn vor zu hohen Steuern den Ratssaal über die Kapelle und richteten sieben Ratsherrn hin.

Ratsältestenstube[Bearbeiten]

Die Ratsältestenstube liegt neben dem Remter und entstand um 1471. Der Raum ist dekoriert mit einem Sterngewölbe und 17 Gemälden von Ratsmitgliedern aus dem Jahr 1485. Ursprünglich wurde der Raum vom Stadtkämmerer genutzt, ab der Mitte des 19. Jahrhunderts dann vom Breslauer Oberbürgermeister.

Remter[Bearbeiten]

Der Remter, auch Ritter- oder Festsaal, ist der größte Saal des Rathauses. Dieser 650 Quadratmeter große Raum, zählt zu den schönsten und bedeutendsten Räumen im Stil der Gotik in Europa. Jedes Jahr huldigte hier die Bürgerschaft dem neugewählten Rat. Weiterhin wurde der Raum oft als Veranstaltungsort, wie Theater oder Feste genutzt. Im 18. Jahrhundert wurde der Raum von preußischen Soldaten als Exerzierraum genutzt. Später wurde der Raum noch mehrmals umgestaltet und erhielt sein heutiges Aussehen in den 1930er Jahren.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rathaus (Breslau) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten]

  • Stefan Arczyński, Jan J. Trzynadlowski: Ratusz wrocławki. Muzeum Historyczne, Wrocław 1998, ISBN 83-905227-3-0
  • Izabella Gawin, Dieter Schulze, Reinhold Vetter: Schlesien – Deutsche und polnische Kulturtraditionen in einer europäischen Grenzregion. DuMont-Kunst-Reiseführer. DuMont, Köln 1999, ISBN 3-7701-4418-X, S. 94–97
  • Rudolf Stein: Der Schweidnitzer Keller im Rathaus zu Breslau. Ein ehrwürdiger Spiegel von Alt-Breslauer Geschichte und heiterer Kunst, von behaglichem Genuss und gemütvollem Leben. Wilhelm Gottlieb Korn, Breslau 1941
  • Mieczyslaw Zlat: Das Rathaus zu Wroclaw. Zaklad Narodowy Imienia Ossolińskich Wydawnictwo, Wrocław u. a. 1977
  • * Klaus Klöppel: Breslau – Niederschlesien und seine tausendjährige Hauptstadt. Trescher Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-89794-256-1, S. 51 - 58

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Museum der Stadt Breslau
  2. A. Schultz: Das Rathaus zu Breslau, In: Zeitschrift für Bauwesen, 1869, Verlag Ernst & Sohn, Berlin; S. 49/50ff.

51.10961111111117.031816666667Koordinaten: 51° 6′ 35″ N, 17° 1′ 55″ O