Dao

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Dieser Artikel behandelt den chinesischen Begriff Dào (), zur gleichnamigen ostasiatischen Verwaltungseinheit (chin. -dào, jap. -dō, kor. -do) siehe Gokishichidō, Präfektur (Japan), Verwaltungsgliederung Nordkoreas, Verwaltungsgliederung Südkoreas; zu weiteren Bedeutungen siehe DAO.

Dào heißt wörtlich aus dem Chinesischen übersetzt „Weg“, „Straße“, „Pfad“ und bedeutete in der klassischen Zeit Chinas „Methode“, „Prinzip“, „der rechte Weg“, was dem Wort im Konfuzianismus entspricht. Die Übersetzung nähert sich nur sehr grob an den abstrakten Gehalt des Wortes im daoistischen Kontext an, denn das Dàodéjīng des Lǎozǐ stellte das Dào zum ersten Mal als eine Art von transzendenter höchster Wirklichkeit und Wahrheit dar.

Schreibungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dào

Das chinesische Schriftzeichen für Dào setzt sich aus dem Zeichen (chin. shǒu), das für sich Kopf bedeutet, und einem so genannten Radikal oder Determinativ (< , chin. chuò gehen) zusammen.

Bedeutungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dào ist unübersetzbar[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Traditionellerweise wird Dào mit „Der Weg“ wiedergegeben. Die moderne Sinologie erachtet es aber für besser, es als eigenständigen Begriff unübersetzbar zu gebrauchen, da die Inhalte für ein Wort zu umfassend sind.

『吾不知其名。
字之曰道』

Ich kenne seinen Namen nicht,
darum nenne ich es „Dào“.

(aus Kapitel 25 des Dàodéjīng (道德經) von Lǎozǐ (老子))
Taiji, das Symbol für „individuelles“ Yin und Yang

Auch im Chinesischen – so wird von Autoren gesagt - gehe die Bedeutung des Dao über Worte hinaus. Dao werde von unterschiedlichen Schulen und Kulten unterschiedlich verwendet. Worte gehören zu den flüchtigen Erscheinungen der Sprache. Die Sprache könne keine Vorstellungen vermitteln über eine Wirklichkeit, die sich ständig verändert. Das Dao sei tief verwurzelt im chinesischen Denken und in den Lebensgewohnheiten. Konfuzianisten, Buddhisten und Daoisten sprechen alle von der gleichen Sache, auch wenn sie das Dao verschieden erläutern. [1] Dazu eine daoistische Weisheit von Meister Zhuangzi:

Worte sind da, um Gedanken zu vermitteln; wir wollen die Gedanken behalten und die Worte vergessen.[2]

Dào mit westlich-philosophischen Begriffen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dào bezeichnet in der daoistischen chinesischen Philosophie ein ewiges Wirk- oder Schöpfungsprinzip, das für den Ursprung der Einheit und Dualität und damit für die Entstehung der Welt (Die „Zehntausend Dinge“) verantwortlich ist. Aus Dào entstehen die Polaritäten Yīn und Yáng und dadurch die Gegensätze, aus deren Zusammenspiel sich Wandel, Bewegung und gegenseitige Durchdringung und dadurch die Welt ergibt. Dào ist allumfassend und meint sowohl die dualistischen Bereiche der materiellen Welt als auch die transzendenten jenseits der Dualität. Das Dào ist also sowohl ein Prinzip der Immanenz als auch der Transzendenz. Es stellt den höchsten Seinszustand dar. In seiner transzendenten Funktion, als undifferenzierte Leere ist es die Mutter des Kosmos, als immanentes Prinzip das, was alles durchdringt.

Lǎozǐ über Dào[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lǎozǐ - der Vater der dàoistischen Lehre - fand bereits eine alte Lehre vom Dào vor. Ihm gefiel an dieser alten Lehre, dass das Dào als etwas Reines aufgefasst werden konnte, die ‚Zehntausend Dinge’ (das Vorhandene) aber als mangelhaft. Er entschied sich in der Reinheit des Dào zu leben und entwickelte daraus die Idee vom Zusammenhang zwischen Sein und Nichtsein, der die große Einheit des Lebens schafft. Im Sinne dieses lebendigen Zusammenhanges von Widersprüchlichem erläuterte er das Dào oft in gegensätzlichen Ausdrücken.

Gemäß Lǎozǐ bringt das Dào die Einheit hervor, die Einheit bringt die Zwei hervor, diese dann die Drei und diese schließlich die manifestierte Welt der zehntausend (≅ aller) Dinge (萬物 / 万物, wànwù). Das kann darauf hindeuten, dass das Dào die Potentialität aller Formen ist, denn es ist mehr als die Einheit. Gleichzeitig steht es für die Kraft, die den ganzen Schöpfungsprozess und die Schöpfung durchzieht. Da das Dào alles umfasst, auch die Gegensätze von Leere ( / , ) und Dasein (, yǒu), ist es mit westlich-philosophischen Begriffen eigentlich nicht zu beschreiben. So haften den Erklärungen der chinesischen Philosophie immer das Paradoxe an. Es kann z. B. vom Dào nicht gesagt werden, es besitze eine Existenz, denn das hieße, seine Nicht-Existenz oder Leere auszuschließen, doch sagte man, es existierte nicht, so würde man seine Erscheinung in der Fülle der manifestierten Welt leugnen.[3]

Zhuangzi über das Dào[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zhuangzi, der Verfasser des traditionellen dàoistischen Standardwerkes Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, entschied sich für eine andere Variante der bereits vorhandenen Dào-Lehre: Er verstand das Dào vor allem als das Bewegende und als das Prinzip des Lebens. Das Dào bestimmt den Weg der Welt und bewegt alle Dinge. Die 'Zehntausend Dinge' verändern sich ständig. Das Dào ist unfassbar weit und ohne Form. Es vereint Tod und Leben, es verbindet Himmel und Erde und ist durch Erleuchtung erreichbar.

Die 'Zehntausend Dinge' verbindet das Dào auf ein Art, so dass man sich dem Einzelnen nicht mehr zuwenden möchte. Die Betonung des Dào als Bewegung schlug sich in seiner Entscheidung für Darstellungen seiner Auffassungen in Gesprächen nieder und auch in seiner Betonung der Möglichkeiten des Menschen, sich verändern zu können.[4]

Dào in der Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Begriffen der klassischen daoistischen Literatur erscheint das Dào als unergründlicher, weiter und ewiger reiner Geist, die Mutter des Kosmos. Auch ist es das alles Durchdringende, das Umfassende und das Ziel der Existenz; selbst Nichtsein, aber auch der Ursprung des Daseins. Es wirkt ohne Aktivität und Absicht, die Dinge gehen aus ihm hervor und erhalten ihre Ordnung. Das Dào verursacht jeglichen Wandel und ist doch selbst leer und ohne Aktivität. Es ordnet ohne zu herrschen und jedes Wesen und jedes Ding besitzt sein eigenes Dào, seinen eigenen Weg, weshalb es als weise angesehen wird, dem Dào zu folgen, indem man Nichthandeln, Wú Wèi (無爲 / 无为), praktiziert, denn das Dào ordnet von selbst und man sollte in diese natürliche Ordnung nicht eingreifen.

Dào ist irrational[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Dào ist am ehesten als ein allumfassendes Prinzip zu verstehen, rein rational unzugänglich. Der Mensch soll das möglichst wenig durch bewusstes Handeln und Streben stören, sondern in mystisch-intuitiver Weise mit dem Gesetz im Einklang leben. Doch nicht nur der Mensch hat Teil am Dào, sondern jedes Ding und Wesen hat sein eigenes Dào, seinen eigenen Weg. Jedes Wesen ist auf seinem Weg einmalig in seinen Wandlungen und Entwicklungen und durch den ständigen Fluss offenbart sich das Dào als Bewegung und Wandlung, die auf die Erfahrung von Existenz hindeutet und nicht auf das Verständnis starrer intellektueller Konzepte.

Dào im I Ging[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Kommentaren zum I Ging (易經, Yì Jīng) wird dieses Urprinzip Tàijí (太極 / 太极) genannt. Den Begriff Dào führte Lǎozǐ im Dàodéjīng als Synonym für Tàijí ein. Allerdings existierte er schon vor dem Dàodéjīng und auch Konfuzius (孔子, Kǒngzǐ) benutzt ihn, allerdings im Sinne von „der (rechte) Weg zu handeln“. Erst Lǎozǐ gab dem Begriff Dào die umfassende Bedeutung des absoluten Wirkprinzips.

Weitere umfassende Prinzipien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Geschichte des Daoismus gerieten auch noch andere Gestaltungen umfassender Prinzipien mit dem Dào in Verbindung. So ist es Tàixū (太虛), die große Leere, als auch Tàiyì (太易), das Wandlungsprinzip, und in einer begrenzten Form auch Tiān (天), der Himmel, die Quelle und Ausdruck der Ordnung. Das Dào als immanentes Prinzip, das alles Sein durchdringt, ist ein Prinzip der Wandlung (, ) und des Fließens ( / , ), jedoch nicht in chaotischer Form, denn das Dào bewirkt auch die natürliche Ordnung der Dinge und die Wandlungen des Dào sind zyklisch.

In der traditionellen chinesischen Kultur ist Dào ein Schlüsselprinzip für viele Bereiche der Wissenschaft und der Kunst (z. B. Kampfkunst, Medizin, Kriegskunst, Malerei, Kalligraphie, Teezeremonie).

Schlüsselprinzip chinesischer Kultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den japanischen Künsten ist die Namenssilbe DŌ (=Dào), neben ihrer wörtlichen Bedeutung „Weg“, auch ein Hinweis auf die spirituellen Dimensionen und den Einfluss des Dào auf die Praxis der einzelnen Disziplinen, z. B. Budō (武道), Bushidō (武士道), Kendō (剣道), Iaidō (居合い道), Kyūdō (弓道), Aikidō (合気道), Jūdō (柔道), Sadō (茶道), Shodō (書道) und Kadō (花道).

Durch die Auflösung der Gegensätze (z. B. durch daoistische Meditation) kann der Dào-Praktizierende (siehe Daoismus) Dào erfahren - beschreiben kann man Dào nach Lǎozǐ jedoch nicht.

『道可道。非常道。
名可名。非常名
無名天地之始。
有名萬物之母』

Das nennbare Dào – ist nicht das absolute (ewige/dauerhafte) Dào.
Der nennbare Name – ist nicht der absolute (ewige/dauerhafte) Name.
Das Namenlose ist der Ursprung des Universums (von Himmel und Erde).
Das Benannte ist die Mutter aller Dinge (der zehntausend Dinge).

(aus Kapitel 1 des Dàodéjīng (道德經) von Lǎozǐ (老子))

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jean C. Cooper: Was ist Daoismus? Der Weg des Tao – eine Einführung in die uralte Weisheitslehre Chinas. Übers. aus dem Engl. von Ulli Olvedi. Barth: Bern/München/Wien 1993. 175 S. ISBN 3-502-62112-8
  • Lukas Maria Weber: Nietzsche und Dao. Der Weg von der Wahrheit zur Weisheit. Exemplarische Reihe Literatur und Philosophie, 33. Sonnenberg, Annweiler 2013 ISBN 3-933264-72-3

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Philip Rawson u. Laszlo Legeza: Tao. Die Philosophie von Sein und Werden. München/Zürich 1974, S. 7–10.
  2. Zhuangzi, Kap. XXXI.
  3. Vgl. Richard Wilhelm: Einleitung zu Laotse: Tao Te King – Das Buch des Alten vom Sinn und Leben. Düsseldorf/Köln 1952, S. IV4-XXIII23. - Alexander Noll: Frauen im Dào . Frauenrollen im alten China-abseits der Mainstreams. München 2016., S. 32.
  4. Vgl. Richard Wilhelm: Einleitung zu Dschuang Dsï: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland. Düsseldorf/Köln 1972, S. 7–26.- Alexander Noll: Frauen im Dào . Frauenrollen im alten China-abseits der Mainstreams. München 2016., S. 32.