Die Ausgewanderten

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Die Ausgewanderten ist der Titel einer Sammlung von vier Erzählungen des Autors W. G. Sebald, zuerst 1992 erschienen. In diesen Erzählungen zeichnet Sebald die fiktiven Lebensläufe von vier jüdischen Männern nach, die sich infolge ihres Fremdwerdens in der Welt selbst auslöschten.

Inhalt[Bearbeiten]

Der Ich-Erzähler rekonstruiert die teils fiktiven Biografien von vier Männern deutscher Herkunft aus Gesprächen mit deren Freunden, aus Erinnerungen, aus Tagebüchern und Fotoalben sowie aus Besuchen der Schauplätze ihrer Leben; alles mit dem Ziel, den Weg ihrer Vereinsamung freizulegen. Zu diesen vier – räumlich, psychisch und sozial – Ausgewanderten tritt der Ich-Erzähler scheinbar zufällig in persönliche Beziehung – das Grauen der Opfer beginnt oft schon hinter der Tür seiner Nachbarn:

  • Dr. Henry Selwyn, den der Autor als Vermieter kennenlernt, erschießt sich.
  • Paul Bereyter, der frühere Grundschullehrer des Autors, legt sich vor einen Zug.
  • Ambros Adelwarth, ein Onkel Sebalds, weist sich selbst wegen Depressionen in die Psychiatrie ein und lässt sich durch Elektroschocks die Erinnerung an sein Leben auslöschen.
  • Max Aurach, der alte Maler und Zeichner, den der Autor in der in den Verfall treibenden Stadt Manchester zufällig kennenlernt, radiert seine Zeichnungen bis zu 40 Mal aus dem Papier, bis die nicht-verlorenen Gravuren seines Stifts ein Bild der Verschwundenen zeigen; unfähig, sie ein weiteres Mal zu lesen, übergibt Aurach die 100 Seiten Tagebuch seiner Mutter an Sebald.

Durch die Verwendung von weiteren erzählenden Quellen neben den Ich-Erzählern treten als Erzählstimmen auch die Gesprächspartner und die Tagebuchschreiber selbst auf, die in ihrem eigenen Stil belassen erscheinen und dem Text hierdurch einen Anstrich von biografischer Forschung und Multiperspektivität geben. In allen Erzählungen vermischen sich die fiktiven Lebensgeschichten mit biografischen Fakten aus dem Leben des Autors Sebald.

Das Beispiel der 2. Erzählung: Paul Bereyter[Bearbeiten]

Das Erzähler-Ich erfährt vom Selbstmord seines Grundschullehrers, wird neugierig und dringt in das Leben der Hauptfigur ein. Die poetische Bewegung ist die des Grabens von der Oberfläche in die Tiefe, wobei unterwegs eine Menge von Indizien bzw. Hinweisen genauer untersucht werden, die im Thema des Ganzen, dem Ausgegrenztwerden des viertel-jüdischen Lehrers aus seiner Heimat, zusammenfließen. Die erzählerische Bewegung bildet den grabenden Archäologen nach.

Oft sind es lange Sätze, die durch viele Einschübe und Unterbrechungen dahin holpern, eben "ungebürstet" daher kommen und bisweilen durch Archaismen oder mundartliche Besonderheiten noch weiter aus der schnellen Umgangssprache hinausgerückt werden - ein Gestus des sich Vergewisserns, der Selbstunterbrechung und Selbstkorrektur:

Was es mit dieser Untröstlichkeit auf sich hatte, das einigermaßen zu ergründen gelang mir erst, als ich meine eigenen, bruchstückhaften Erinnerungen einordnen konnte in das, was mir erzählt wurde von Lucy Landau, die, wie sich im Verlauf meiner Nachforschungen in S. herausstellte, das Begräbnis Pauls auf dem dortigen Friedhof arrangiert hatte...

In dieser 2. Erzählung ist im Vergleich zu den anderen Erzählungen der Stil extrem aufgelöst; in den anderen vielleicht auch durch die längeren Passagen, die von anderen Erzählern geschildert werden, flüssiger als in dieser.

Das Hauptthema der Ausgrenzung der Juden wird in vielen Facetten deutlich: Natürlich in seiner Entfernung aus dem Schuldienst 1935; in der Ermordung seiner jüdischen Geliebten; im exzentrischen Ruf des Grundschullehrers nach dem Weltkrieg; in seinem Lieblingsstandort während des Unterrichts in der Klasse: zwischen Drinnen und Draußen; in seiner durch Musik plötzlich hervorgerufenen Traurigkeit; in seiner späten Lektüre anderer in den Selbstmord getriebener Schriftsteller... Sebalds literarische Archäologie integriert diese seinen Mitmenschen wohlbekannten Seiten oder Ereignisse aus dem Leben des Grundschullehrers, die durch Sebald zu einem Lebensbild der Vereinsamung werden.

Die Erzählung, mit solchen Hinweisen durchwirkt, lässt bald einen Sebaldschen „Sound“ entstehen, der dem Leser vormacht, wie leicht es sein kann, nachdenkend die richtigen Schlüsse aus den an der Oberfläche sichtbaren Spuren zu ziehen.