Die Rückkehr des verlorenen Sohnes (Rembrandt)

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Die Rückkehr des verlorenen Sohnes (Rembrandt van Rijn)
Die Rückkehr des verlorenen Sohnes
Rembrandt van Rijn, 1666–69
Öl auf Leinwand
260 × 203 cm
Eremitage (Sankt Petersburg)

Die Rückkehr des verlorenen Sohnes ist eines der bekanntesten Gemälde von Rembrandt van Rijn.[1] Das Gemälde befindet sich in der Eremitage in Sankt Petersburg[2] und wurde 1766 durch Katharina die Große erworben.[3] Das Sujet des Gemäldes ist dem Gleichnis vom verlorenen Sohn im Lukas-Evangelium entnommen.[1] Es erzählt von dem leichtsinnigen Sohn, der sein Vaterhaus verlassen und ein verschwenderisches Leben geführt hat (Lk 15,13 EU), und schließlich nach Hause zurückkehrt (Lk 15,20 EU).

Bildbeschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Sohn kniet vor dem Vater, seine Kleidung erinnert daran, dass der zurückgelegte Weg lang und schwer war, denn das einfache Schuhwerk des Sohnes trägt deutliche Spuren der Abnutzung. Der linke Fuß ruht – mit der nackten Fußsohle zum Betrachter – neben dem ausgezogenen Schuh.[4] Seine Figur, die dem Betrachter den Rücken zuwendet, lässt seinen verwirrten seelischen Zustand ahnen. Der fast blinde Alte neigt sich zu dem Sohn herab und berührt mit einer zärtlichen Bewegung seine Schulter. Das Gesicht des Vaters ist leicht nach rechts gebeugt, die Augen scheinen fast geschlossen zu sein. Das von links kommende Licht lässt seine große Stirn besonders auffällig wirken. Gerahmt ist das Gesicht von einer gebundenen Kopfbedeckung, grauem Kopfhaar und einem langen leicht in der Mitte geteilten Bart.[2] Über den Schultern trägt der Vater einen kurzen bis zu den Unterarmen reichenden roten Umhang[4] mit Quasten[2]. Gesicht und Hände des Vaters drücken Liebe, Güte[5] und Verzeihen aus. Abgesetzt durch zwei Stufen steht leicht in den Hintergrund gerückt auf der rechten Seite eine nachdenkliche große Gestalt. Sie trägt eine Kopfbedeckung, hat einen langen roten Umhang umgeworfen, trägt feste Stiefel und hält ihr bärtiges, helles Gesicht leicht nach unten geneigt. Die zusammengelegten Hände ruhen auf einem dünnen Stock. Dabei handelt es sich offensichtlich um die Gestalt des älteren Sohnes.[4]

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Ruhm gelangte Rembrandt durch seine Fähigkeit als Portraitmaler, die Persönlichkeit des Modells mit Hilfe seiner Menschenkenntnis und seiner Einsicht in Gefühlszustände zu durchdringen und sie auf der Leinwand in biblische Themen zu transponieren. Obwohl er in einer reformatorischen Umgebung lebte, wurde er aufgrund seiner Gemälde, Radierungen und Zeichnungen als der Interpret der Bibel des nördlichen Barock betrachtet, die zu beliebten Illustrationen protestantischer und später auch römisch-katholischer Bibelausgaben wurden.[6] Möglicherweise resultierten aus Rembrandts vielen persönlichen Schicksalsschlägen und seinem Verlust an künstlerischem Ansehen[7] sein Einfühlungs- und Mitleidsvermögen, worin er sogar seine größten Vorgänger überragte, vielleicht mit Ausnahme von Michelangelo. Seine Werke vermitteln tiefe Einblicke in menschliches Leid und Lebenserfahrungen und strahlen eine innere Ruhe aus, zu dem sich ein Umgang mit Licht und Schatten von unvergleichlicher Meisterhaftigkeit gesellt. Sie transportieren Empfindsamkeit und Wehmut ohne Sentimentalität, emotionale Tiefe und Integrität ohne Fachsprache und Simplizität und Spiritualität ohne Naivität.[8] Rembrandt entfernte die Heiligenscheine, den Schein unnatürlichen Lichts und andere »künstliche« Details zugunsten geistiger Authentizität, so auch bei »Die Rückkehr des verlorenen Sohnes« (ca. 1669), der außergewöhnlichsten bildlichen Umsetzung von Vergebung und väterlicher Liebe in der westlichen Kunst, ausgedrückt durch die Gestik und Mimik des Vaters und der Körpersprache des leichtfüßigen Sohnes.[9]

Stil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innerhalb der reichen niederländischen Produktion auf graphischem Gebiet nimmt Rembrandt eine ganz eigene Stellung ein; man ist berührt von der Konzentration und Geschlossenheit der Darstellung, die im Kleinen groß wirkt. Im Spätstil der 60er Jahre fehlt jede äußerlich-dramatische Zuspitzung; in Geste und Ausdruck unendlich vereinfacht, lässt das Bild des Menschen beim Bild der Rückkehr des verlorenen Sohnes von 1668/69 hauptsächlich seelische Regungen verspüren. Die geniale Intensivierung des Seelischen und überaus persönliche Behandlung des Helldunkel (eben darin ganz barock) konnte später von Schülern nur äußerlich übernommen werden.[10]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Henri Nouwen: Nimm sein Bild in dein Herz: Geistliche Deutung eines Gemäldes von Rembrandt. 17. Auflage. Herder, Freiburg 1991, ISBN 978-3-451-22404-1, Klappentext: „Rembrandts Meisterwerk „Die Rückkehr des Verlorenen Sohnes“ wird für Henri Nouwen zu einem Inbegriff des Lebens.“
  2. a b c Bernhard Frei: Rembrandt – Rückkehr des Verlorenen Sohnes. In: KUNST nach Ländern - Niederlande -Rembrandt. Kapuziner Meran, abgerufen am 20. Dezember 2019.
  3. Henri Nouwen: Nimm sein Bild in dein Herz: Geistliche Deutung eines Gemäldes von Rembrandt. 17. Auflage. Herder, Freiburg 1991, ISBN 978-3-451-22404-1, Prolog - Begegnung mit einem Gemälde, S. 18.
  4. a b c Rembrandt Harmenszoon van Rijn: Die Heimkehr des verlorenen Sohnes. In: Religionspädagogisches Institut Loccum. Internetangebot des Religionspädagogischen Instituts Loccum der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, abgerufen am 20. Dezember 2019.
  5. Laura Madeleine Völker: Vom verlorenen Sohn - wie freudig Gott zurückkehrende Sünder annimmt. In: Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex). Deutsche Bibelgesellschaft, 9. Juli 2015, abgerufen am 20. Dezember 2019: „Durch die Freude über die Heimkehr seines Sohnes wird er jedoch gütig und verschwenderisch (vgl. Grundmann, 1971, 315)“
  6. Diane Apostolos-Cappadona: Rembrandt. In: Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG). 4. Auflage. Band 7, Mohr-Siebeck, Tübingen 2004, Sp. 426–427.
  7. Henri Nouwen: Nimm sein Bild in dein Herz: Geistliche Deutung eines Gemäldes von Rembrandt. 17. Auflage. Herder, Freiburg 1991, ISBN 978-3-451-22404-1, Erstes Kapitel: Rembrandt und der jüngere Sohn, S. 46+47: „Nachdem er 1635 seinen Sohn Rumbartus, 1638 seine erste Tochter Cornelia und 1640 seine zweite Tochter gleichen Namens verloren hatte, starb 1642 seine Frau Saskia, die er sehr liebte und bewunderte. Rembrandt blieb mit seinem neun Monate alten Sohn Titus zurück. Auch nach dem Tod Saskias war das Leben Rembrandts von zahllosen Sorgen und Problemen gezeichnet. Nach einer sehr unglücklichen Beziehung zur Amme von Titus, Geertje Dirckx, die mit Prozessen und der Einweisung Geertjes in eine Irrenanstalt endete, folgte eine festere Verbindung mit Hendrickje Stoffels. Sie gebar ihm einen Sohn, der 1652 starb, und eine Tochter, Cornelia, die ihn als einziges seiner Kinder überleben sollte. Während dieser Jahre ging Rembrandts Popularität als Maler stark zurück, auch wenn einige Sammler und Kritiker ihn weiterhin als einen der größten Maler seiner Zeit schätzten. Seine finanziellen Probleme wurden so erdrückend, daß Rembrandt 1656 für zahlungsunfähig erklärt wurde und um das Recht ersuchte, seinen ganzen Besitz und alle Einnahmen zugunsten seiner Gläubiger zu überschreiben, um den Konkurs zu vermeiden. Sein ganzes Hab und Gut, seine eigenen Bilder und die anderer Maler in seinem Besitz, seine große Sammlung von Kunstgegenständen, sein Haus in Amsterdam und seine Möbel wurden auf drei Versteigerungen 1657 und 1658 veräußert. [...] Im Jahre 1663 starb Hendrickje, und fünf Jahre später erlebte Rembrandt nicht nur die Heirat, sondern auch den Tod seines geliebten Sohnes Titus.“
  8. Diane Apostolos-Cappadona: Rembrandt. In: Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG). 4. Auflage. Band 7, Mohr-Siebeck, Tübingen 2004, Sp. 427.
  9. Diane Apostolos-Cappadona: Rembrandt. In: Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG). 4. Auflage. Band 7, Mohr-Siebeck, Tübingen 2004, Sp. 429.
  10. H. Tintelnot (J. S. Kunstreic): Malerei und Plastik. In: Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG). 3. Auflage. Band 4, Mohr-Siebeck, Tübingen 1960, Sp. 680.