Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit

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Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit ist der Titel eines Buches von Konrad Lorenz, das 1973, im selben Jahr, in dem Lorenz den Nobelpreis erhielt, veröffentlicht wurde. Der Autor untersucht darin jene Vorgänge, die seiner Meinung nach zur Dehumanisierung der Menschheit beitragen. Der Textband basiert auf einer sechsteiligen Vortragsreihe, die im November und Dezember 1970 vom Bayerischen Rundfunk und später auch von anderen Radiosendern ausgestrahlt wurde. Die Herkunft aus dem Medium Hörfunk zeigt sich in den knappen, pointierten Formulierungen, spiegelt sich aber auch im Fehlen von Belegen, Anmerkungen sowie Literaturhinweisen wider.

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die erste Fassung der Kapitel des Buches erschien als Teil einer Festschrift zu Ehren des 70. Geburtages von Eduard Baumgarten. Baumgarten hatte Anfang der 1940er-Jahre als Dekan der Philosophischen Fakultät der Albertina in Königsberg dafür gesorgt, dass Konrad Lorenz dort auf den Lehrstuhl für Humanpsychologie berufen wurde. Diese Fassung lag bereits im Frühherbst 1969 vor. Lorenz gab das Manuskript zum Gegenlesen seinem Schüler Norbert Bischof, „der sich daraufhin veranlasst sah, seinen Mentor wegen einiger Formulierungen ernsthaft zu warnen“.[1] Seine kritischen Anmerkungen bezogen sich vor allem auf jene Passagen, die sich mit Kriminalität und der Rebellion der Jugend beschäftigten und Analogien zwischen „Krankheiten der Gesellschaft“ und Erkrankungen im Sinne der Medizin herstellten. Lorenz korrigierte daraufhin einige Textstellen und übernahm Teile von Bischofs Vorschlägen, die dieser ihm in einer neun Seiten langen Stellungnahme vorgelegt hatte.

Im Herbst des folgenden Jahres wurde der Text – den Lorenz als „Predigt“ bezeichnete – als mehrteiliger Hörfunk-Essay veröffentlicht: „Meine Predigt, die über den Rundfunk verbreitet wurde, fand einen Widerhall, der mich erstaunt hat. Ich bekam unzählige Briefe von Leuten, die nach dem gedruckten Text verlangten, und schließlich wurde ich von meinen besten Freunden kategorisch aufgefordert, die Schrift einem weiten Leserkreis zugänglich zu machen.“ [2] 1972 richtete Lorenz die Hörfunk-Manuskripte daher für eine dritte Form der Veröffentlichung ein, die 1973 in erster Auflage als Taschenbuch erschien; bis Juli 2009 erlebte es 34 Auflagen.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Konrad Lorenz leitet seine „naturalistische Deutung der menschlichen Natur“ [3] aus den damals gerade ins Bewusstsein der Öffentlichkeit dringenden Teilgebieten der Biologie wie Ökologie und Genetik ab, hauptsächlich aber aus der von ihm mitbegründeten Vergleichenden Verhaltensforschung.

So schreibt Lorenz im Kapitel I („Struktureigenschaften und Funktionsstörungen lebender Systeme“), es sei „irreführend, den Menschen als ‚Instinkt-Reduktionswesen‘“ [4] zu bezeichnen, und er begründet dies so:

„Zweifellos fehlen dem Menschen lange Ketten obligatorisch aneinandergekoppelter Instinktbewegungen, aber soweit man aus den an hochentwickelten Säugetieren gewonnenen Ergebnissen extrapolieren darf, kann man vermuten, daß er nicht über weniger, sondern über mehr echt instinktive Antriebe verfügt als jedes Tier.“

Als Beispiele für solche „menschlichen Antriebe“ führt Lorenz „Haß, Liebe, Freundschaft, Zorn, Treue, Anhänglichkeit, Mißtrauen, Vertrauen usw. usf.“ an und erläutert, diese Worte der Umgangssprache „bezeichnen sämtlich Zustände, die den Bereitschaften zu ganz bestimmten Verhaltensweisen entsprechen, nicht anders als dies die von der wissenschaftlichen Verhaltensforschung geprägten Ausdrücke ebenfalls tun, wie Aggressivität, Rangordnungsstreben, Territorialität usw. (…).“

1975 fasste Walter Schurian [5] Lorenz' kulturphilosophische Axiome wie folgt zusammen:

  1. „Die Geschichte der menschlichen Gesellschaften vollzieht sich nach den gleichen biologischen Gesetzmäßigkeiten wie im Tierreich.“
  2. „Soziale und ökonomische Gegebenheiten und Bedingungen sind nur von zweitrangiger Bedeutung, denn auch sie unterliegen allein Naturgesetzlichkeiten.“
  3. „Der Einfluß von menschlichen Erkenntnisfähigkeiten, vorausschauender Planung und selbstverwirklichender Handlungsfähigkeit auf die Kulturentwicklung sind von sekundärer Bedeutung.“ [6]

Ausgehend von seinen Grundannahmen analysiert Lorenz in den folgenden Kapiteln seines Buches acht gesellschaftliche Phänomene – „Vorgänge der Dehumanisierung“ [7] –, die er als Konflikt zwischen der biologischen Natur des Menschen und den von der sozialen Umwelt erzwungenen Verhaltensweisen deutet: die Überbevölkerung der Erde; die Verwüstung des natürlichen Lebensraums; die übermäßige Beschleunigung aller gesellschaftlichen Prozesse; den Drang zu sofortiger Befriedigung aller Bedürfnisse (Hedonismus); den genetischen Verfall wegen des Wegfalls der natürlichen Auslese; den Verlust bewährter Traditionen; die zunehmende Indoktrinierbarkeit; die Kernwaffen.

Struktureigenschaften und Funktionsstörungen lebender Systeme (S. 11–18)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Ethologe versteht Konrad Lorenz tierisches und menschliches Verhalten als Funktion eines Systems, welches sich während der Stammesgeschichte einer Art entwickelt, die sich in geologischen Zeitspannen vollzieht. Dabei bestimmt der Selektionsdruck einer Umwelt auf die Artgenossen deren Lebensfähigkeit und damit die Weiterentwicklung der Art. Dabei können sich Fehlleistungen als Störungen ganz bestimmter Verhaltensmechanismen aufbauen, analog zur Störung der systematischen Regelung von Hormonen durch die Schilddrüse (A. T. Kocher). Jedes Hormon hat eine bestimmte Auswirkung auf den Gesamtorganismus, und vor allem bei gegensätzlich aufeinanderwirkenden Hormonen stört der Ausfall eines Hormons die Harmonie der Wirkungen und Gegenwirkungen und führt zu Übererregbarkeit oder Idiotie.

Das sehr viel komplexere Gesamtsystem der menschlichen Antriebe führt Lorenz auf Instinkte (Verhaltensprogramme) zurück. Ähnlich wie bei Raubkatzen haben sich beim Menschen im Laufe der Höherentwicklung von Lernfähigkeit und Einsicht die Instinktketten in ihre einzelnen Teile aufgelöst (P. Leyhausen). Jedes dieser Teile kann zu einem eigenen Antrieb werden. Bei Menschen mit gestörtem Verhalten stellen sich deshalb die Fragen nach der ursprünglichen Funktion eines Verhaltens im Gesamtzusammenhang mit den anderen Verhaltensweisen und nach der Ursache der Störung durch die Über- oder Unterfunktion eines Teilsystems (Ronald Hargreaves). Die sehr eng miteinander wirkenden Teilsysteme kann man kaum voneinander abgrenzen, weil keines in seiner normalen Form ohne die anderen denkbar ist. Das führt zur ungenauen Definition: „Ein System ist alles, was einheitlich genug ist, um einen Namen zu verdienen.“ (Paul Weiss)

Gefühle sind einheitlich genug und stellen Bereitschaften zu ganz bestimmten Verhaltensweisen dar, die Biologen mit Aggressivität, Rangordnungsbestreben, Territorialität, Brut-, Balz- oder Flugstimmung bezeichnen. Die Feinfühligkeit unserer Sprache für psychologische Zusammenhänge und die Intuition von Biologen erschließen als Arbeitshypothese den Zusammenhang zwischen Seelenzuständen und Handlungsbereitschaften eines menschlichen Antriebssystems. Jeder Antrieb ist als Glied eines harmonischen Systems wichtig, unabhängig von seinem moralischen Gehalt als guter oder böser Antrieb.

Eine Struktureigenschaft aller höher integrierten organischen Systeme wie bspw. aller Säugetiere ist die geregelte Kreisbewegung. In ihr sind mehrere Systeme so miteinander verquickt, dass sie sich gegenseitig verstärken, bis die kleinste Beschleunigung oder die kleinste Behinderung zum Anschwellen oder zum Verebben sämtlicher Systemfunktionen führt. Man nennt diese gestörten Homöostasen Regelkreise positiver Rückkopplungen im Abwärts- oder Aufwärtstrend. Es fehlt ein Bremser- bzw. ein Beschleunigerteil, also eine negative Rückkopplung, damit sich der Regelkreis stabilisieren kann. Regelkreise positiver Rückkopplungen entstehen durch die Entwicklung eines Verhaltens zu einer übersteigerten Fehlleistung oder aber durch einen schwerwiegenderen Fehler am Reglermechanismus.

Übervölkerung (S. 19–22)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • das Leben als Ganzes entspricht einem Regelkreis mit positiver Rückkoppelung und das System ist labil (Signal wird ständig verstärkt, dies führt durch Fehlen eines negativen Feedbacks zu einer Lawine)
  • die maßlose Vermehrung des Menschen ist Ursache für die meisten Todsünden
  • die Gaben, die der Mensch durch Einsichten in Natur, Fortschritte der Technologie, die chemisch/medizinischen Wissenschaften erhält, führen so zum Verderben
  • die Fähigkeit zu sozialem Kontakt wird beim Großstadt-Menschen ständig überfordert
  • die Nächstenliebe ist in den Massen der Nächsten verdünnt
  • es erfolgt eine Konzentration der warmen Gefühle auf geringe Zahl an Freunden, denn wir sind nicht so beschaffen, dass wir alle Menschen lieben können („not to get emotionally involved“)
  • zusammengepfercht sein, führt nicht nur zur Erschöpfung und Versandung zwischenmenschlicher Beziehungen sondern wirkt unmittelbar aggressionsauslösend

Regelkreise positiver Rückkopplungen findet man nicht bei einzelnen Organismen, aber beim Leben als Ganzem, das immer mehr Energie an sich rafft, je mehr Energie es schon errafft hat. Mitleidslose Mächte des Anorganischen wie die Gesetze der Wahrscheinlichkeit halten die Vermehrung des Lebens im Tierreich normalerweise in Grenzen.

Lediglich die Menschheit droht an sich selbst zu ersticken; ihre edelsten und am differenziertesten Eigenschaften und Fähigkeiten lösen sich im Verlaufe einer Kulturerkrankung auf. Die Enge in modernen Großstädten trägt zur Abgrenzung bei, Nutzmenschen wohnen in Legebatterien und sind nicht in der Lage, alle über ihren Freundes- oder Bekanntenkreis hinausgehenden Menschen zu lieben. Deshalb hält man sich Fremde gefühlsmäßig vom Leib, und die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid bei anderen geht mit einer wachsenden Reizbarkeit und innerartlichen Aggressivität einher.

Vorgänge, die die Menschheit gefährden, sind – so Konrad Lorenz u.a.:

„Die Übervölkerung der Erde, die jeden von uns durch das Überangebot an sozialen Kontakten dazu zwingt, sich dagegen in einer grundsätzlich „un-menschlichen“ Weise abzuschirmen, und die außerdem durch die Zusammenpferchung vieler Individuen auf engem Raum unmittelbar aggressionsauslösend wirkt.“ (S. 107)

Verwüstung des natürlichen Lebensraumes (S. 23–31)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ökologie:

  • alle Lebewesen eines Lebensraumes sind aneinander angepasst (auch Raubtier/Beute als Arten)
  • selbstverständlich hat der Fresser Interesse am Überleben des Gefressenen, ein Raubtier KANN das Beutetier niemals ausrotten (letztes Raubtier-Paar ist längst verhungert bevor letztes Beutetier-Paar aufgespürt ist)
  • Ökologie-Veränderung des Menschen ist schneller als die anderer Lebewesen (Tempo durch Fortschritt der Technologie vorgegeben)

Ästhetik:

  • die allgemeine und rasch um sich greifende Entfremdung von der lebenden Natur trägt einen großen Teil der Schuld an der ästhetischen und ethischen Verrohung der Zivilisationsmenschen
  • ihnen fehlt Ehrfurcht, sie sehen nur billiges Menschenwerk
  • der Vergleich altes Zentrum/moderne Peripherie mit ins umgebende Land fressender „Kulturschande“ (Massen-Einheitsbehausungen) mit einem histologischen Bild normales Körpergewebe/bösartiger Tumor weist erstaunliche Analogien auf
  • übersetzt man ästhetisch in „zählbar“ so bedeutet ein ästhetischer Abbau v.a. Verlust von Information
  • uniforme, strukturarme Tumorzellen haben die Information für die Rolle als nützliches Glied verloren und verhalten sich wie ein einzelliges Tier, eine junge embryonale Zelle: maß- und rücksichtslos
  • die Selbstbewertung des normalen Menschen beruht mit vollem Recht auf der Behauptung seiner Individualität (im Gegensatz z. B. zur Ameise)
  • Schönheit der Natur und der menschengeschaffenen kulturellen Umgebung sind offensichtlich beide nötig, um die Menschen geistig und seelisch gesund zu erhalten
  • der Naturschönheit müssen politische und wirtschaftliche Opfer gebracht werden!

Jede Tier-, Pflanzen- oder Pilzart gehört zur Natur und ist in ihrem jeweiligen Biotop aneinander angepasst. Raub- und Beutetiere bilden als Arten, nicht als Individuen, eine Interessengemeinschaft. Wenn die Populationsdichte der Beute ein gewisses Maß unterschreitet, geht der Räuber zugrunde. Oft hat die gefressene Art von der sie fressenden ausgesprochene Vorteile, da kranke und unvorsichtige Beutetiere zu Opfern werden und das Mittelmaß überlebt. Zwei Lebensformen (z.B. Gras und Pferde) können in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen. Die Gesetzlichkeiten, die solche Wechselwirkungen in der Ökologie beherrschen, ähneln der menschlichen Ökonomie. Die Ökologie des Menschen verändert sich um ein Vielfaches schneller als die aller anderen Lebewesen. Die Hast der heutigen Zeit lässt keine Zeit zum Prüfen oder Überlegen. Der Mensch begeht einen ökologischen Ruin seiner Umwelt, die ihn später mit Hunger bedrohen wird. Außerdem nimmt er Schaden an seiner Seele, weil die ästhetische und ethische Verrohung der Zivilisation zum Verlust der Ehrfurcht führt. Mit Hilfe der Gestaltwahrnehmung und der Analogiebildung vergleicht Lorenz die Ränder von Tumoren mit Luftaufnahmen von Stadträndern.

Vorgänge, die die Menschheit gefährden, sind – so Konrad Lorenz: „Die Verwüstung des natürlichen Lebensraumes, die nicht nur die äußere Umwelt zerstört, in der wir leben, sondern auch im Menschen selbst alle Ehrfurcht vor der Schönheit und Größe einer über ihn stehenden Schöpfung.“ (S.107)

Wettlauf der Menschheit mit sich selbst (S. 32–38)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Konrad Lorenz meint, dass die natürlichen Konkurrenzeigenschaften des Menschen mit Hilfe der Technik aus ihrem natürlichen Gesamtzusammenhang herausgelöst wurden und sich so ungebremst verselbständigen können. Unter dem so verursachten unnatürlichen Konkurrenzdruck setzen sich zunehmend menschenfeindliche Werte wie Geldgier und Zeitgeiz durch, die von der Wirtschaftspolitik entsprechend gefördert werden. Hastende Angst und ängstliche Hast steigern sich gegenseitig, münden in Abstiegs-, Existenz- und Entscheidungsängste, schränken die Möglichkeiten und die Zeit für das Nachdenken über sich selbst und die Umgebung ein (Reflexion) und sind Gründe zur Übertäubung mit Alkohol, Tabletten oder Schlimmerem. Diese Luxusbildungen gewinnen als Folge der rückgekoppelten Produktions- und Bedürfnissteigerungen immer mehr Einfluss.

Vorgänge, die die Menschheit gefährden, sind – so Konrad Lorenz – „… der Wettlauf der Menschheit mit sich selbst, der die Entwicklung der Technologie zu unserem Verderben immer rascher vorantreibt, die Menschen blind für alle wahren Werte macht und ihnen die Zeit nimmt, der wahrhaft menschlichen Tätigkeit der Reflexion zu obliegen.“ (S.107)

Wärmetod des Gefühls (S. 39–50)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Konrad Lorenz meint, dass sich bei Menschen aufgrund der Wechselfälle des Lebens ein emotionaler Gleichgewichtszustand der zähen Trägheit herausgebildet hat, aus dem heraus sie unter dem Dauerbombardement von positiven und negativen Reizen die Fähigkeit zu vorausschauendem Verhalten entwickelten und in Notzeiten ihre Risikobereitschaft steigerten. Lohn des Risikos war ein Überfluss, der die zähe Trägheit des Gleichgewichtszustandes von der Schwere der notbedingten Unlust befreite, was kontrastbildend als funkelnde Freude brillierte. Die Gewöhnung an den Überfluss machte bequem und träge und lustlos, ein ganz natürliches Verhalten zum Kraftschöpfen für schlechtere Zeiten auf dem Markt der Natur.

In reichen Gesellschaften hat sich die Marktlage der Lust-Unlust-Ökonomie in Richtung Unlustvermeidung verschoben: Das Trägheitsprinzip dominiert immer mehr, und die Gewöhnung an die selbstverständliche Lust ohne Entbehrung lässt wenig Gelegenheit zu echter Freude aufkommen. Die instinktiv eingeborenen und kulturell überlagerten Verhaltensweisen des Balzens und der Paarbildung werden zugunsten von wenig anstrengender Promiskuität verlernt, selbst die Trauer über den Tod von Nahestehenden wird als unlustvoll verdrängt, die Gefühle verflachen. Statt eines Anregungsniveaus, in dem man Lohn für Anstrengung erwirbt, sind die Höhen und Tiefen des Lebens sozial eingeebnet, und Möglichkeiten zur Entwicklung von Freude bspw. nach anstrengenden Wegen auf dem Gipfel werden aus Bequemlichkeit abgelehnt.

Verzweifelte Langeweile breitet sich zusammen mit der mangelnden Überwindungsfähigkeit aus, und der emotionale Wärmetod in der Gefühlsverflachung lässt die Freude und das Leid nicht mehr zu, die sich aus mitmenschlichen Beziehungen ergeben. Selbst die Entwicklung eines Lasters zur Luststeigerung durch eine ganz besonders ausgeklügelte Zusammenstellung von sexuellen Reizen (die Trägheit vibriert) und einen ständigen Wechsel dieser Reize vor der lustabtötenden Gewöhnung (die Erwartung sehnt) wird zu anstrengend, oder aber das schrankenlose Streben nach Lustgewinn durch das fortschreitende Schwinden der Fähigkeit zu Lusterlebnissen drängt nach immer stärkeren Reizsituationen und steigert den Überdruss bis zur Sucht- und Suizidgefahr.

Suizidüberlebende – manchmal mit Folgeschäden der Blindheit oder der Querschnittslähmung geschlagen – sind mit ihrer selbstverschuldeten Behinderung häufig zufriedener als ohne. Erlebnispädagogische Elemente sollten im Erziehungssystem präventiv auf sich einnistende Hindernisse in einem selbst eingehen und der aus dem Takt geratenen Trägheit und Gewöhnung an die selbstverständliche Lust ohne Schranken und ihr Versiegen ohne Maß in Langeweile vorbeugen, denn das ist besser als heilen.

Vorgänge, die die Menschheit gefährden, sind – so Konrad Lorenz „… der Schwund aller starken Gefühle und Affekte durch Verweichlichung. Fortschreiten von Technologie und Pharmakologie fördern eine zunehmende Intoleranz gegen alles im geringsten Unlust Erregende. Damit verschwindet die Fähigkeit der Menschen, jene Freuden zu erleben, die nur durch herbe Anstrengung beim Überwinden von Hindernissen gewonnen werden kann. Der naturgewollte Wogengang der Kontraste von Freud und Leid verebbt in unmerklichen Oszillationen namenloser Langeweile.“ (S. 107)

Genetischer Verfall (S. 51–67)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Altruistisches Verhalten in Dohlenschwärmen bedeutet – so K. Lorenz – oft eine Gefahr für den Einzelnen und birgt ein Problem für die Allgemeinheit: Einerseits haben diese Gruppen wegen des Altruismus ihrer Mitglieder bessere Überlebenschancen, andererseits haben Sozialparasiten innerhalb dieser Gruppen noch bessere Überlebenschancen, pflanzen sich wegen des geringeren Selektionsdrucks, der auf ihnen lastet, häufiger fort und gefährden so die Überlebensfähigkeit der ganzen Gruppe.

Diesen biologischen Mechanismus überträgt Lorenz mit Analogieschlüssen auf Zellkulturen mit sich ungeschlechtlich vervielfältigenden Krebszellen und auf menschliche Gesellschaften mit sich vervielfältigenden Sozialschmarotzern. Unreife Krebszellen sind schmarotzende Zellen eines früheren Entwicklungsstadiums, die sich von anderen Zellen miternähren lassen und wuchern ohne Rücksicht auf die Gesamtheit. Zellkulturen und menschliche Kulturen haben deshalb unter dem inner- und außerartlichen Selektionsdruck Immunsysteme aus Antikörpern oder aus Paragraphen entwickelt.

Grundlage aller Rechtssysteme ist das Naturrecht, ein hochdifferenziertes System von angeborenen Verhaltensweisen, das die ewige Grundmelodie spielt, die immer wieder zu Grausamkeiten gegen Außenstehende und Mobbing gegen Minderheiten innerhalb der Gesellschaften führen, hart, aber gerecht wie die Schilddrüse bei der Bewältigung des Hormonhaushaltes.

Glücklicherweise sind diese Antriebe kulturell überlagert und bilden als genau untereinander abgestimmte Untersysteme das aktuelle Rechtssystem im Spannungsverhältnis von Lynch- und Kuscheljustiz. Diese zwei Extreme der Meinungsbildung (Rübe ab oder Streicheln) stellen die Funktion eines regulativen Rechtssystems dar, welches zu Schwingungen neigt. Die Öffentlichkeit ist träge und liebt vereinfachte Übertreibungen, und die Opposition begibt sich zum Ausgleich der herrschenden Meinung in extreme Positionen. Bricht die herrschende Meinung zusammen, schwingt das Pendel zur ebenso übertriebenen Seite der Opposition aus. Weil auf beiden Seiten echte individuelle oder gemeinschaftliche Werte stehen, können sich ungedämpfte Schwingungen bis zur Reglerkatastrophe aufschaukeln. Orientierungslosigkeit geht mit mangelnder Selektion auf schlichte Güte und Anständigkeit einher und führt zu genetischen Instinktausfällen.

Zuchttierrassen verlieren in der Regel die entwicklungsgeschichtlich jüngsten und differenziertesten Instinkte zugunsten entwicklungsgeschichtlich primitiver Fress- und Fortpflanzunginstinkte und neigen zur Neotenie. Auch die Menschheit züchtet sich selbst (und weiß dabei nicht, was sie tut), unterliegt einer stetigen Fötalisierung und bildet dabei Eigenschaften wie Weltoffenheit und Verspieltheit aus, was bei Nichtbeachtung von Werten zu weiteren Ausfällen von sozialen Verhaltensweisen führt. Nicht die Menschen, die unter ihren Ausfallerscheinungen leiden, sind böse, der Ausfall ist DAS BÖSE schlechthin, und da er in aktiver Feindschaft gegen alles steht, was die Gesellschaft als gut oder anständig empfindet, meinen religiöse Fundamentalisten ganz zu Recht, der Teufel sei los.

Vorgänge, die die Menschheit gefährden, sind – so Konrad Lorenz: „Der genetische Verfall. Innerhalb der modernen Zivilisation gibt es – außer den natürlichen Rechtsgefühlen und manchen überlieferten Rechtstraditionen – keine Faktoren, die einen Selektionsdruck auf die Entwicklung und Aufrechterhaltung sozialer Verhaltensnormen ausüben, wiewohl diese mit dem Anwachsen der Sozietät immer nötiger werden. Es ist nicht auszuschließen, dass viele Infantilismen, die große Anteile der heutigen „rebellierenden“ Jugend zu sozialen Parasiten machen, möglicherweise genetisch bedingt sind.“ (S.108)

Abreißen der Tradition (S. 68–83)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Konrad Lorenz macht einen Vergleich zwischen der Entwicklung der Kulturen und der biologischen Evolution des Homo sapiens. Seiner Meinung nach entwickeln sich die Kulturen um Zehnerpotenzen schneller als die Art des Homo sapiens. Beide Entwicklungen stehen unter einem Selektionsdruck, der alles Neue gründlich erprobt, bis sich das Bewährte in die Wissens- bzw. Artentwicklung integriert. Da immer mehr natürliche Selektionskriterien von der Menschheit selbst aufgehoben werden, entstehen als Kreisbewegungen positiver Rückkopplungen übersteigerte Luxusbildungen.

Die kulturelle Selektion entscheidet ähnlich wie ein ökonomischer Markt, was als Norm einer Sitte oder Gewohnheit in die Kultur eingeht. Dabei nimmt sie einen unhinterfragbaren Charakter an, so dass ihren geschichtlichen Wurzeln entfremdete Menschen nicht mehr unterscheiden können, welche Normen wichtig oder unwichtig zum Erhalt des Systems sind. Systeme sind sozusagen Skelette für einen symbolischen Organismus, und ohne Einsicht in die Rückwirkungen ist es gefährlich, wenn das Fleisch beispielsweise die Kniescheiben abschafft. Noch überheblicher wäre, so warnt Lorenz, eigentlich nur noch ein Eingriff in das menschliche Genom.

Die Unterschätzung des Nicht-Rationalen und die Überschätzung des Rationalen erzeugte, so sieht es Lorenz, im Generationenkonflikt zwischen den Achtundsechzigern und ihren Eltern einen ähnlich starken Hass wie jenen, der sich zwischen ethnischen Gruppen aufschaukeln kann. Ethnische Gruppen entwickeln sich wie Scheinarten (Erik H. Erikson) und benutzen symbolisch Kleidung, Verhalten oder Accessoires, um sich von der Vielfalt der anderen Gruppen abzugrenzen. Achtundsechziger beachteten die Symbole der Erwachsenen genau und verkehrten sie in pseudo-rationalisierte Provokationen gegen die Gefühllosigkeit ihrer Elterngeneration, die sie für Hungersnöte, den Vietnamkrieg, Bürokratie usw. verantwortlich machten – für Lorenz eine reine Funktionsstörung des Entwicklungsvorganges in der Pubertät: Junge Menschen müssen sich von den Traditionen ihres Elternhauses lösen und diese durch zeitgemäßere austauschen. Der Wunsch, für eine gute Sache zu kämpfen, hat einen Arterhaltungswert, er wäre sonst nicht von der Natur in die Menschheit genetisch integriert worden. Nach dieser Phase des „Sturm und Drangs“ zur Auflockerung kultureller Normen lebt die Liebe zum Althergebrachten wieder auf. Zwischen Ab- und Neuaufbau liegt ein Zeitfenster der Halt- und Schutzlosigkeit – sich häutende Krebse und pubertierende Jugendliche seien sich in diesem Sinne gleich, so zieht Lorenz seinen Analogieschluss. Je nach dem Zeitpunkt des Auftretens dieser Schutzlosigkeit kann man in einem Stadium der festen Elternbeziehungen stecken bleiben oder zu ewiger Spätpubertät verdammt sein.

Eine weitere Ursache des Achtundsechzigerkonfliktes sei die beschleunigte kulturelle Entwicklung: In antiken und feudalen Gesellschaftsstadien waren die Veränderungen der Verhaltensnormen so gering, dass man die eigene Person nicht von der des Vaters unterscheiden konnte und der absoluten Identifikation verfiel (Thomas Mann: Josef und seine Brüder). Seit dem II. Weltkrieg gingen leichte Hospitalisierungssymptome bei Kleinkindern mit der Verunsicherung und Zerrissenheit ihrer Eltern einher, diagnostiziert Lorenz. Eine eingeschränkte Kontaktfähigkeit, die sich im Erwachsenenalter als Gleichgültigkeit äußert, und eine Umwelt, in der Kinder den gesellschaftlichen Erfahrungsvorsprung der Eltern nicht als natürliche Überlegenheit erfahren können, erschwerten die Verinnerlichung einer Rangordnungsstruktur – so Lorenz – ohne die es keine familiäre Liebe gäbe, zumal nach modernem Verständnis Rangordnungen unkreative Liebeskiller sind. Laissez-faire-Erziehung mache Kinder zu unglücklichen Neurotikern, weil sie sich genetisch in die Rolle von Gruppenführern gedrängt und schutzlos einer kulturell feindlich eingestellten Welt ausgesetzt fühlen, in der sie niemand mag. Statt verständnisvoller und manchmal ruppiger Zurechtweisungen stoßen sie nur auf die Gummiwand ruhiger, pseudo-rationalisierender Phrasen.

Zu diesen gesellschaftlichen Problemen kämen, nach Lorenz, die oben genannten ethischen Begründungen hinzu. Aus Verständnis und Solidarität distanziere man sich nicht von hasserfüllten Genossen, und da vernünftige Erwägungen schwächere Antriebe als instinktmäßige Urgewalten sind, unterstütze der Glaube, man könne eine neue Kultur nur schöpferisch auf den Trümmern der alten errichten, die Zerstörungswut gegen alles.

Normalerweise ist also Protest zur Systemerhaltung sinnvoll. Jugendliche identifizieren sich oft mit jungen Gruppen einer alten Kultur und wollen gemeinsam Reformen an den traditionellen Verhaltensnormen vornehmen. Wenn das unmöglich sei, befriedigten sie ihren Drang nach Identifizierung und Gruppenzugehörigkeit in Außenseitergruppen, meint Lorenz.

Vorgänge, die die Menschheit gefährden, sind – so Konrad Lorenz: „Das Abreißen der Tradition. Es wird dadurch bewirkt, dass ein kritischer Punkt erreicht ist, an dem es der jüngeren Generation nicht mehr gelingt, sich mit der älteren kulturell zu verständigen, geschweige denn zu identifizieren. Sie behandeln diese daher wie eine fremde ethnische Gruppe und begegnen ihr mit nationalem Hass. Die Gründe für diese Identifikationsstörung liegen vor allem im mangelnden Kontakt zwischen Eltern und Kindern, was schon im Säuglingsalter pathologische Folgen zeitigt.“ (S. 108)

Indoktrinierbarkeit (S. 84–105)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Konrad Lorenz meint, dass die Menschheit mit Hilfe der Wissenschaft indoktriniert wird und die Wissenschaft mit Hilfe der Menschheit im Sinne dieser Aufgabe gestaltet wird. Jede Hypothese vergrößert ihren Geltungsanspruch mit Hilfe der Verifikation, dem Zusammensuchen von Beweisen, und verkleinert ihn mit Hilfe der Falsifikation, dem Zusammensuchen von Widersprechendem. Sie bildet so einen archimedischen Punkt im Sumpf der Ungewissheit und nähert sich von diesem ausgehend mit Hilfe weiterer Hypothesen an die außersubjektive Wirklichkeit an.

Hypothesen können von umfangreicheren Hypothesen widerlegt oder ergänzt werden wie bspw. die Theorien der klassischen Physik und der Quantenphysik, die von der Quantenphysik in ihrem Geltungsbereich zwar eingeschränkt, aber nicht widerlegt wird. So geht man von einem Universum mit einem einzigen Satz von Naturgesetzen aus, obwohl man dadurch Nicht-Erklärliches eventuell aus dem Wahrnehmungshorizont verliert oder fehlinterpretiert, weil es nur sehr selten auftritt oder in seinem Geltungsbereich so klein ist, dass man es nicht wahrnimmt. Wenn man weder Argumente für noch gegen eine Hypothese oder Theorie findet, dann kann man sie nicht gebrauchen.

Wenn Hypothesen durch Versuche immer wieder bestätigt werden, schaukeln sie sich wechselseitig mit den archimedischen Punkten zu Theorien auf. Wenn solche Theorien ihre Professoren zu Gurus, ihre Schüler zu Jünger und sich selbst mit Hilfe der Massenmedien zur Doktrin der öffentlichen Meinung machen, wehren sie jede grundsätzliche Kritik aus Angst vor Prestigeverlust oder Widerlegung mechanisch mit Hilfe von Verleugnungen, Ignorierungen oder Verdrängungen ab. So erhält manche schöne Hypothese ohne konkrete Aussage und Gebrauchswert trotzdem ihren Tauschwert.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bezog sich Wilhelm Wundt bei der Verwissenschaftlichung der Psychologie trotz Darwin nicht auf die Biologie, sondern auf das Atommodell. Verhalten schien aus Elementen zusammengesetzt zu sein und von Reflexen ausgelöst zu werden, deren Auftreten bei der gleichzeitigen Betrachtung von Physiologischem und Psychologischem als entscheidende Elemente aller Nervenvorgänge bewertet wurden. Verhalten ließ sich gut mit Pawlows Ergebnissen von der Entstehung bedingter Reflex kombinieren und stützte den Behaviorismus in seinem Anspruch, auf der Basis des Reflexes und der bedingten Reaktion alles Verhalten erklären und konditionieren zu können. Der archimedische Punkt eines demokratischen Tabula-rasa-Prinzips und der feste Glaube an die unbegrenzte Veredelungs- und Angleichungsfähigkeit des Menschen an einen gesellschaftlichen Idealzustand gebar einen behavioristischen Machbarkeitswahn. Aus dem Gebrauchswert einer Theorie ohne bejahende oder widersprechende Argumente für die Frage, wie sich das menschliche Verhalten so und nicht anders steuert, wurde ein Tauschwert im Dienste utilitaristischer Zielsetzungen.

Ähnlich wie in totalitären Regimes werden Menschen heute – so K. Lorenz – durch ein ausgeklügeltes System von Manipulationen an ihrer individuellen Entfaltung gehindert, weil sie als Teile entfremdeter Menschenmassen massenmedial einer Werbetechnik ausgeliefert sind, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aufgebaut ist und Ursache einer Kreisbewegung positiver Rückkopplungen wird, die sich zu einer Wegwerfgesellschaft entfaltet, in der Großunternehmen nur noch eintönige Einheitswaren bieten. Die Kulturgeschichte der Mode von ihren Ursprüngen als ethnische Tracht über die standesgemäße Kleidung der frühen Neuzeit bis zu den heutigen modischen Statussymbolen belegt diese Fehlentwicklung, die auch Wissenschaften befallen hat, die ihr Aufgabengebiet an der Nachfrage von Menschen ausrichten, die vor allem als Einzelne möglichst modern ganz vorne in der Masse auf dem einfachsten Wege erfolgreich brillieren wollen.

Naturwissenschaft heißt Vereinfachung, Einordnung, Erkenntnis, Experiment. Im Gebäude des Wissenschaftssystems bildet die Physik als ausgereifteste Naturwissenschaft das grobschlächtige Erdgeschoss, die eindeutigste und simpelste Basis, auf die sich die jeweils gesteigerte und feiner verästelte Analyse der Chemie, Biologie, Soziologie, Psychologie usw. beziehen. Dabei werden nicht die Eigengesetzlichkeiten der spezielleren Naturwissenschaften aufgelöst, sondern ihre Grenzen, an deren Nahtstelle neue Wissenschaften wie bspw. die Biochemie entstehen. Der Bezug auf die simplen und eindeutigen, aber eben technisch-physikalischen Erkenntnisse zur Erklärung menschlichen Verhaltens wertet die Biologie zu einem Seitenarm der Physik ab und unterwirft auch die Verhaltensforschung diesem Trend, obwohl sich alle Gesetzmäßigkeiten aus der Funktion von biologischen Strukturen ergeben (Umweltgegebenheit und daran angepasstes Verhalten). Ohne ihre Beschreibung kann man nicht zur Einordnung und Erkenntnis der Ursachen gelangen, von denen das Verhalten wirklich bestimmt wird. Der Bezug auf die simplere Chemie und Physik bei weitgehender Missachtung der sehr viel komplexeren biologischen Zusammenhänge löst das Verhalten aus seinem biologischen Gesamtzusammenhang heraus und untersucht es atomistisch ohne Berücksichtigung der Art und Weise, wie es in den Gesamtzusammenhang eingefügt ist – so K. Lorenz.

Die Reduktion in Richtung Physik bemerkt nicht einmal die besondere biologische Struktur, in der sich die Untersysteme zusammenfügen, und aus der die Systemeigenschaften des ganzen Systems erst verständlich werden – diese Zusammenhänge bleiben im blinden Fleck (Nicolai Hartmann/Paul Weiss). Und es steht zu befürchten, dass immer weiter wissenschaftliche Bereiche wie Soziologie, Psychologie und in neuester Zeit Hirnforschung und Genetik diesem naturwissenschaftlich-technischem Trend unterworfen werden.

Auch in der Biologie schafft sich die physikalische Mode exakte Fetische, filtert strukturgebundene Systemeigenschaften weg und erzeugt den Schein einer Einfachheit, der einerseits das Empfinden, welches das Verhalten begleitet, als etwas Unanständiges abwehrt, andererseits aber seine objektiven Ergebnisse nicht als Ergebnisse seines subjektiven Unanständigkeitsempfindens erkennt, diese Erkenntnis bleibt beim Forscher, ganz befangen in den fetischistischen Statussymbolen der Exaktheit, im blinden Fleck (Donald Griffin). Stattdessen erstarrt er vor Verachtung, wenn andere Forscher durch mitfühlende Beobachtung und Beschreibung wesentliche Einblicke in die Natur von Verhalten gewinnen wollen.

Manche machen die Wissenschaft für die aufgezählten Todsünden verantwortlich. K. Lorenz glaubt im Gegenteil, dass Wissenschaftler als unmündige Kinder ihrer Zeit von den Entmenschlichungserscheinungen der Zivilisation befallen sind und der Menschheit lediglich Hilfestellung bei der Entfaltung in ihre eigene Sackgasse leisten. K. Lorenz befürchtet Allerschlimmstes, doch es geschieht ihnen recht, wer nicht hören will, muss eben fühlen.

Vorgänge, die die Menschheit gefährden, sind – so Konrad Lorenz: „Die Zunahme der Indoktrinierbarkeit der Menschheit. Die Vermehrung der Zahl der in einer einzigen Kulturgruppe vereinigten Menschen führt im Verein mit der Vervollkommnung technischer Mittel zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung zu einer Uniformierung der Anschauungen, wie es zu keinem Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte bestanden hat. Dazu kommt, dass die suggestive Wirkung einer fest geglaubten Doktrin mit der Anzahl ihrer Anhänger wächst, vielleicht sogar in geometrischer Proportion. Schon heute wird mancherorts ein Individuum, das sich der Wirkung der Massenmedien z.B. des Fernsehers, bewusst entzieht, als pathologisch betrachtet. Die entindividualisierenden Effekte sind allen jenen willkommen, die große Menschenmassen manipulieren wollen. Meinungsbildung, Werbetechnik und geschickt gesteuerte Mode helfen den Großproduzenten diesseits und den Funktionären jenseits des Eisernen Vorhanges zu gleichartiger Macht über die Massen.“ (S. 108–109)

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als „Mischungen aus Moral und Wissenschaft“ wurde das Buch bereits im April 1973 – kurz nach dem Erscheinen – vom Spiegel besprochen. Es wurde darauf hingewiesen, dass diese von Lorenz vorgelegte „Kombination von Wissenschaft, Politik und Moral“ damals „laut Auskunft des Verlages seit Erscheinen pro Tag 1000 Stück verkauft“ hatte.[8] Lorenz verstehe sich selbst „als Nachfolger des wortgewaltigen Augustiner-Barfüßers und Bußpredigers Abraham a Santa Clara“. Als widersprüchlich wird u. a. bemängelt, dass Lorenz die „verblendende Geldgier“ des modernen Menschen beklage und den „Wettbewerb“ beschuldige, dass er aus „wertblinden, kommerziellen Erwägungen“ – „mit kalter Teufelsfaust“ – „so ziemlich alle Werte“ zerstöre und „in blinder und vandalischer Weise“ den „ökologischen Ruin“ des Erdballs heraufbeschwöre. Andererseits werde die Wiederherstellung des Verständnisses für Leistung und Recht und das Lernen aus „biologisch und historisch gewachsenen Organisationsformen“ verlangt. Lorenz falle es erkennbar leichter, zu definieren, was für ihn als „böse“ gelte, als das, was „gut“ sei. Zusammenfassend heißt es im Spiegel: „Offenkundig ersetzt die moralisierende Wissenschaft Positionen, die von den traditionellen Moralwächtern geräumt worden sind.“

Eingehender befasste sich 1990 Franz Wuketits in seiner Lorenz-Biografie mit dem Buch: „Dieser schmale Band, der schon bei seinem Erscheinen Kontroversen auslöste und von dem innerhalb der ersten fünf Jahre bereits über 300.000 Exemplare verkauft wurden, rechnet dem Menschen seine Sünden gegen die Natur und gegen sich selbst vor und versteht sich als ein Beitrag zur Zivilisationskritik. In gewisser Weise ist es ein apokalyptisches Buch, zugleich aber – so typisch für Lorenz – von Optimismus getragen.“ [9] Lorenz habe „die Welt, die Menschen bzw. unsere Kultur mit den Augen des Arztes betrachtet und auf diese Weise nicht nur die 'Krankheiten' unserer Zivilisation zu diagnostizieren versucht, sondern auch Therapien zur Heilung entwickelt.“ Nach seinem Buch Das sogenannte Böse habe Lorenz zum zweiten Mal eine Arbeit vorgelegt, „die auf ebenso heftige Zustimmung wie Ablehnung gestoßen ist. Eher selten waren ausgewogene Reaktionen.“ [10] Wuketits begründet diese extremen Reaktionen insbesondere damit, dass einige von Lorenz' verwendeten Analogien zwischen Natur und Gesellschaft das Buch „in die Nähe der Sprache des Dritten Reiches“ rückten, beispielsweise „wenn da Lorenz Kriminelle mit Krebsgeschwüren vergleicht, von Parasiten spricht und derlei mehr.“

Quelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Konrad Lorenz: Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit. Serie Piper, Bd. 50, 1. Auflage, München 1973; 34. Auflage, München 2009, ISBN 3-492-20050-8 (im Verlag Auditorium-Netzwerk auch als Hörbuch erschienen)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Franz M. Wuketits : Konrad Lorenz. Leben und Werk eines großen Naturforschers. München und Zürich: Piper Verlag, 1990, S. 202. Die Darstellung folgt hier den Angaben in diesem Buch.
  2. zitiert aus dem Vorwort, Lorenz 1973, S. 7
  3. Sebastian Linke: Darwins Erben in den Medien. Bielefeld: transcript Verlag, 2007, S. 199
  4. Lorenz, 1973, S. 14 f.
  5. Walter Schurian war seit 1973 Professor am Institut für Allgemeine und Angewandte Psychologie der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.
  6. Walter Schurian, Antje Holländer: Konrad Lorenz und die Jugend. Psychologie heute, Mai 1975 (= Heft 5/75), S. 61
  7. so die Bezeichnung im Einführungstext der Piper-Verlags (1973, S. 2)
  8. Vater fehlt. In: Der Spiegel. Nr. 15, 1973, S. 164 (online).
  9. Franz M. Wuketits: Konrad Lorenz. Leben und Werk eines großen Naturforschers, S. 191 f.
  10. Franz M. Wuketits, S. 201